Ich sehe gerade etliche Urlaubsberichte und Strandfotos in den Blogs und auch meinen privaten Nachrichten, es ist der Beginn der Reisesaison. Durchweg aus südlicheren Gegenden kommt das alles, in fast allen Fällen mit einem postkartentauglichen Meer im Hintergrund. Und es ist außerordentlich hilfreich für mich, denn daran erkenne ich schon einmal, dass mir das gerade nicht fehlt. Keine Spur von Fernweh habe ich, keinen Funken davon kann ich spüren.
Es fehlt mir nicht, am Meer zu sein, ich schrieb irgendwann schon einmal darüber, glaube ich. Ab und zu denke ich es nach wie vor. Ich weiß aber auch nicht, was ich stattdessen will. Vielleicht will ich beim Thema Reisen einfach gar nichts, das ist immerhin möglich. Auch wenn es eine eher unübliche Einstellung ist. Vielleicht komme ich nur nicht darauf, was ich will. Das mag auch sein.

Es gibt allerdings zusätzlich zur Urlaubsfrage gerade fast unangenehm viele Themen, bei denen ich ebenso wenig weiß, was ich eigentlich will. Und bei denen ich noch hoffe, dass es vielleicht auch okay ist, wenn man eine Weile lang eher betont ergebnisoffen, um es freundlicher als „ratlos“ auszudrücken, auf ihnen herumdenkt. Was auch immer dann aber die richtige Definition von dieser „Weile“ sein könnte. Da hat man nämlich gleich die nächste Frage am Hals, die es intensiv zu durchgrübeln gilt.
Aber so ist es ja immer, die Themen falten sich vor einem auf, noch während man sie ansieht. Und zwar sämtliche Themen, der Freundeksreis Overthinking und philosophische Grundbegriffe kennt das Problem gut.
Wenn ich jedenfalls bei einem dieser Themen verbindlich feststellen kann, was ich ausdrücklich nicht will, dann bin ich doch wieder einen Schritt weiter, möchte ich mir gerne einbilden. Erfolgsorientiert und strebsam, wie ich nun einmal bin. Das geht selbstverständlich bei vielen Problemen, etwa auch bei der Wahl von neuen Partnerinnen oder Partnern. Man stellt sich einfach in die Fußgängerzone, sieht sich eine Weile um und stellt dann fest: „Also die schon einmal nicht!“
Schon ist man wieder etwas weiter, ohne sich seelisch allzu sehr verausgabt zu haben.

Hätte ich jedenfalls ab morgen drei Wochen Sonderurlaub – was weiß ich, als angemessenen Ausgleich für besondere Verdienste und außerordentlichen Einsatz oder so, in einer idealen Welt wäre dies immerhin möglich und auch passend –, ich hätte spontan nach wie vor nicht parat, was ich da für das Beste halten würde, um diese drei sogenannten besten Wochen des Jahres für mich optimal zu füllen.
Vermutlich ist dergleichen nun so etwas wie die Definition von Peak Luxusproblem, das ist mir bewusst. Mind your privileges und so, schon klar. Und genau deswegen sollte man Probleme dieser Art auch nach Kräften genießen. Man sollte darauf intensiv herumdenken, auf einer Edelherausforderung dieser Art, keine Frage. Man sollte dabei nur unbedingt, wie auf einer Hintergrundspur, immer den folgenden Gedanken im Endlos-Loop laufen lassen:
„Wie großartig ist das denn bitte, dass man über solche Fragen ernsthaft und lange nachdenken kann.“
Wenn man das so hinbekommt, stelle ich mir vor, dann macht man es halbwegs richtig. Dann kann man sich bei seinen offenen Themen, bei seinen diversen Baustellen und Problemzonen langsam weiter vorarbeiten. Gedanke um Gedanke. Vielleicht auch erst einmal nur vorsichtig und zögerlich bis zum nächsten Erkenntnisabschnittstrich auf dem imaginären Zollstock, mit dem wir unsere Geistesgröße messen.
Dann komme ich im aktuellen Beispiel bei den sicher bald nachfolgenden Urlaubsberichten aus dem Rest der Welt vielleicht zu so etwas wie: „Okay, in den Norden möchte ich auch nicht.“
Damit werde ich dann schon wieder etwas geschafft haben; damit wird sich auch dieses Jahr Tag für Tag erfolgreich fülllen. So dass ich irgendwann sagen kann, auf diese Zeit zurückblickend:
„2026? Ja, das war damals ein gutes Jahr. Was ich da alles nicht gewollt habe!“
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Mir ging es wohl so, dass durch Arbeit und Kinder vieles wie auf Schienen gelaufen ist. Und als ich dann plötzlich frei wählen konnte, fühlte es sich gar nicht nach Freiheit und Möglichkeiten an, sondern nur so, als wären die Züge ohne mich weitergefahren und ich stand wie eine alte Diesellok neben den Gleisen. Wer wollte ich mal werden, damals, lange her? Und wie kann ich da wieder anschliessen? An guten Tagen fällt mir dazu was ein.