Beim Spaziergang gestern kam mir eine Demo entgegen, welche sich als erstaunlich groß erwies: Etwa 15.000 Menschen protestierten da gegen die Energiepolitik der Regierung und die zuständige Ministerin: „Reiche weiche!“ Da passte ich gut hinein, fand ich, da ging ich dann also einfach mit. Und sah nebenbei auf dem Smartphone, dass in anderen Städten gerade ebenfalls demonstriert wurde, dass es noch weitere Termine zum Thema geben wird.
Ich freute mich erheblich, dass so viele zusammenkamen. Ich hätte es diesmal viel pessimistischer eingeschätzt und lag also auf die gute Art falsch. Das soll einem ab und zu schon recht sein, man kann sich angenehm irren. Es ist also doch mehr möglich, als ich denke. Gerne kann es sich noch etwas fortschreiben und auf einige andere Themen übergreifen, for the times, they are a-changin‘.
***
Apropos Demo, schon lange wollte ich Ihnen einmal ein Bild mitgeben, das Sie vielleicht dann nicht kennen, wenn Sie eher beschaulich wohnen, kreisstädtisch dörflich, abgelegen, auf Inseln oder Bergen etc. Und zwar ist es das merkwürdige Bild der großstädtischen Kreisdemo. Es ist ein Bild, ich erläutere es gleich, das mir hier oft begegnet. Wobei mir als Bewohner der Mitte einer Millionenstadt Demos in allen Formaten, Größen und Ausprägungen dauernd begegnen. Manchmal so oft, dass ich fast zum Schluss „täglich“ kommen könnte. Aber das geschieht dann doch nur phasenweise.

Oft, aus der Perspektive eines dorfbewohnenden Menschen sicher absurd oft, höre ich bis in die Wohnung, bis zum Schreibtisch, vom Bahnhofsvorplatz her die laut und brüllend gerufenen Parolen derjenigen, die Demonstrationen anleiten, anführen und in Stimmung bringen wollen. Es klingt manchmal so wie in der Ferne vorgetragene Reden, als sei da irgendwo ein staatlicher Festakt in der Nähe, etwa hinter den nächsten zwei Blöcken. Manchmal klingt es auch wie das wilde Geschrei mehrerer und wohl verfeindeter Parteien. Und manchmal klingt es fast bürgerkriegsähnlich, durchbrochen vom Geheul der Polizeisirenen und scharfen Megafondurchsagen.
Worte oder gar Sätze sind so gut wie nie zu verstehen, am Rhythmus der Sprache, an der Betonung und Aufgeregtheit sowie oft auch an der Begleitmusik kann ich aber hin und wieder erkennen, um welches Land oder Thema es gerade gehen wird. Oder ich meine zumindest, es erkennen zu können.
In aller Regel ist es nicht so schlimm, wie es klingt. Der Übertragungsweg Wind täuscht doch erheblich, man kennt es auch aus der Literatur, aus Märchen etc.
Das herangewehte Demonstrationsgeschehen entspricht also nicht unbedingt der Wirklichkeit, manchmal nicht einmal ansatzweise. Auch die Optik kann täuschen, denn das Polizeiaufgebot steht manchmal in keinem logischen Verhältnis zur Demo. Da man oft vorher nicht genau weiß, was wirklich passieren wird, stehen vielleicht bedeutende Polizeikräfte mit Truppen in Armeestärke, inklusive aufgebrezelter Riot Gear und allem, fast niedlich kleinen Protestzügen gegenüber – und umgekehrt.
Zu den eingangs erwähnten und meist eher traurig bis verzweifelt wirkenden Kreisdemos kommt es, wenn in einem kleinen Land, das hier nicht durch zehntausend Geflüchtete oder Expats vertreten ist, etwas Großes passiert. Sagen wir, ich nehme ein vollkommen willkürliches Beispiel ohne aktuellen Wirklichkeitsbezug: In einem Staat wie Panama geschieht etwas. Etwas, das hier in den Nachrichten zwar auch vorkommt, aber eher am Rande, deutlich unter den großen Überschriften. Denn es ist zwar unerfreulich, was da vor sich geht, es ist wirklich schlimm, aber Panama ist klein und weit weg und überhaupt, was weiß man schon zu Panama. Da weist die Allgemeinbildung nur ein „Oh, wie schön!“ aus, und viel ist das wirklich nicht.
Für die Menschen aus Panama aber, die bei uns wohnen, für die ist es nun eine schlimme Lage. Das kann man sich auch leicht vorstellen. Spontan wollen sie daher etwas unternehmen, denn sie können doch nicht tatenlos herumsitzen, während da drüben in der Heimat … Wir müssen etwas machen! Der Gedanke ist vollkommen logisch.
Sie rufen dann eine Demo ins Leben. Weil man das dann so macht. Sie malen also Plakate, sie besorgen sich auch Fahnen oder malen ihre Nationalfarben auf Bettlaken etc. Sie denken sich dazu Sprüche aus, die anschließend auf Transparente gepinselt werden, nicht unbedingt in deutscher Sprache. Dann treffen sie sich am Hauptbahnhof und stellen fest, sie sind leider nur 26 Personen.

Panama ist hier gar nicht so stark vertreten. 26 Personen sind nun nicht viele, wie stark auch immer sie oder ihr Land gerade von etwas betroffen sind. Verbissen halten sie aber durch, versteht sich, und auch das ist nachvollziehbar. Sie laufen in dieser Stärke allerdings nicht durch die Stadt, denn es ist kein Demonstrationszug anständiger Größe. Es ist nur ein kleines Häuflein aufgebrachter Menschen.
Und da bilden sie dann einen Kreis. In diesem Kreis sagen sie sich gegenseitig ihre aufgeregten Botschaften auf, in diesem Kreis verstehen sie sich, unterstützen sich. Es ist eine nach innen gewandte Demonstration. Im Vorbeigehen sieht man bunte Fahnen und Rücken und hört Spanisch. Erst aber einer gewissen Mindestgröße bei der Teilnehmerinnenzahl und auch bei der Schlagzeilengröße öffnen sich die Kreise, richten sich die Demos schließlich nach außen und wollen uns und der Stadt etwas mitteilen, laden schließlich auch zum Mitmachen ein.
Das wiederholt sich so zuverlässig, dass man es in einer großangelegten Soziologie der Demonstrationen mit einem eigenen Kapitel würdigen müsste, unter besonderer Berücksichtigung dieses Momentes der Öffnung, aus dem Kreis der Betroffenen zur Mehrheitsbevölkerung hin. Mit etwas Feldforschung könnte man auf die dafür notwendige Teilnehmerinnenzahl kommen und diese sicher auch weltweit vergleichen.
***
Eine Feststellung für die Chronik noch. Ein Umstand, der bisher kaum gewürdigt wurde, jedenfalls nicht, so weit ich es mitbekommen habe. Aus meiner Perspektive betrachtet ist es nämlich so, dass die vielgeschmähte Ampelregierung durchgehend einige Aspekte der Politik bedient hat, bei denen in meinem Umfeld etliche die angedachten oder sogar umgesetzten Maßnahmen zumindest halbwegs richtig fanden. Und das auch sagten oder schrieben.
Während niemand – es ist kein polemisches, es ist ein faktisches niemand – die Regierung in ihrer Gesamtheit schätzte und sie insofern zweifelsfrei eine Tragödie war, lag sie doch hier und da zumindest in ihrem Streben richtig.
Die aktuelle Regierung schätzt ebenfalls niemand, es findet aber auch niemand mehr irgendetwas gut. Ich habe viele Kontakte, die erheblich weiter rechts als ich zu verorten sind, aber auch unter denen sieht, hört oder liest man kein Gejubel. Nein, man findet das nicht gut, was bei denen herauskommt oder gewollt wird, sofern man das denn überhaupt erkennt. Man hält eher nichts von dieser Regierung, man traut ihr auch so gut wie nichts zu, und man hält vor allem nichts vom Kanzler. Ein Negativrekord ist in der Geschichte der demokratischen Politik in diesem Land ist es also.
Meine Wahrnehmung wird, ich las es in der letzten Woche, durch aktuelle Umfragen bestätigt. Diese Regierung ist also im Theaterstück der deutschen Politik der Tragödie zweiter Teil, korrekt zu bewerben vielleicht durch den griffigen Slogan: „Neu! Die Tragödie jetzt noch tragischer!“
Aber wie auch immer. Irgendwer muss sie gewählt haben.
***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.