Kreuzungen, Krücken und Madeleines

Erfreulicherweise hatte ein anderes Familienmitglied am Montagmorgen einen Orthopädentermin, den ich einfach kapern konnte, direkt zugreifend wie Störtebeker bei einem Handelsschiff. Das sind Zufälle, die man ab und zu dringend braucht, denn die Vorstellung, als unangemeldeter Notfallpatient irgendwo zwei bis drei Stunden warten zu müssen, sie kam mir so gar nicht gelegen. Schon gar nicht zum Start der Woche, bei dem man vielleicht noch mehr Stunden des Wartens addieren muss. So aber ging es unerwartet gut, ich humpelte zum Bahnhof und fuhr zur Hoheluftbrücke. Der Arzt war dort in der Nähe.

Lange bin ich nicht mehr dort gewesen, jahrelang schon bin ich dort nicht mehr aus dem Bus oder der Bahn gestiegen. Es ist aber ein Stück Stadt, mit dem ich durch vielfältige Erinnerungen und Erlebnisse intensiv und auch über etliche Jahre hinweg verbunden bin. Es ist so ein Stück Stadt, in dem ich ein wenig herumstehen könnte, einfach so, den Blick vollkommen wahllos auf die Straßen, Häuser, Geschäfte, Plätze und Brücken richtend, und es würden nach und nach Geschichten und Vorfälle sonder Zahl aufsteigen. Personen und Szenen würden nach und nach wiederbelebt werden. Gespräche würden noch einmal anklingen, längst verglühte Gefühle, Dramen und Komödien noch einmal aufgewärmt und wieder fühlbar werden. Sogar Namen würden mir vermutlich doch wieder einfallen, nach all der Zeit. Ein Stück Stadtbild als Aufknuspertaste der eigenen Vergangenheit, eine Bus- und Bahn-Station wie bei anderen eine Madeleine.

Es kommt dann allerdings stark auf die Stimmung des Moments an, ob einem das gerade gelegen kommt oder nicht. Und ob man damit gut umgehen kann oder nicht, von etlichen Erinnerungen in diversen Ausprägungen überschwemmt zu werden. Es ist immer auch alter Kummer dabei, und bei dem ist es nicht wie beim Rotspon aus meiner Heimatstadt, dass er nämlich gut abgelagert immer besser wird.

Wobei die Auswahlmöglichkeit der Orte, an denen es derart intensiv zugeht, dass die Erinnerungen gleich serienstaffelfüllend daherkommen, in meinem Fall eher klein ausfällt. Würde ich alles das auf einem Hamburger Stadtplan markieren, wozu ich durch stattgehabtes Erleben intensiven Bezug entwickelt habe, es wären erstaunlich überschaubare Markierungen. Als hätte ich mich in all den Jahren kaum durch die Straßen bewegt.

Viel der Fläche dieser Stadt ist von meiner Existenz unberührt. Und ebenso ich von diesen Gegenden, die ich teils nur dem Namen nach kenne. Von denen ich eine bestenfalls vage Ahnung habe und in denen ich mich auch nicht richtig hamburgisch fühle, wenn ich versehentlich doch einmal dort bin. Aus irgendwelchen eher abseitigen Gründen, denn manchmal hat man ja seltsame Termine bei entlegenen Fachärztinnen, Steuerberaterinnen oder dergleichen. Und dann fragt man sich auf einmal, wo zum Kuckuck eigentlich Heimfeld sein mag. Man hat es schon einmal gehört, dass es das gibt, doch, doch, aber wo nun genau …

Ich weiß von einigen anderen, dass es ihnen auch so geht. Dass auch ihr Stadtausschnitt bescheiden ausfällt. Und auch andere kamen schon darauf, dass es etwas merkwürdig ist, wie viele der eigenen Geschichten sich an verdächtig wenigen Punkten häufen. Dass es da also tatsächlich Kreuzungen in der Stadt gibt, die wie Kreuzungen im Lebenslauf wirken.

Hoheluftbrücke jedenfalls. Mit frühlingsgrünem Blick über den Isebekkanal, ich habe Ihnen ein Bild gemacht.

Blick über den Isebekkanal mit grünen Bäumen am Ufer

Und anschließend dann etwas besinnliche Zeit für besinnliche Interieurstudien im schönen Resopalien, im Wartezimmerreich. Natürlich ohne Empfang auf dem Smartphone, und als ausliegendes Lesematerial gab es lediglich Pro-Olympia-Broschüren. Die so wichtige Zeit zum Runterkommen also, Rawdogging auf harten Stühlen.

Wartezimmerausschnitt mit Plastikstuhl und Resopalwand

Auf dem Rückweg holte ich mir die verschriebenen Krücken, nein, pardon, die Unterarmgehhilfen aus einem Sanitätshaus ab und stellte kurz darauf fest, dass es auch nicht eben die einfachste Übung ist, damit zu laufen, wenn man es noch nie gemacht hat. Wobei es selbstverständlich noch ein Glück ist, wenn man es noch nie gemacht hat, schon klar.

Ich probierte etwas herum, stellte mich dabei vermutlich sensationell dämlich an und hatte vermutlich den Körperklausmoment des Jahres. Nach einigen Bemühungen wusste ich auf einmal nicht mehr, wie man geht, und ich hatte außerdem das unangenehme Gefühl, dass mir mehr und mehr Menschen interessiert beim Scheitern zusahen. Guck mal, der kommt gar nicht vorwärts, man kennt es vielleicht aus beliebten Albträumen.

Nach einer Weile klemmte ich mir die Krücken daher doch lieber unter den Arm und humpelte vor mich hin. So kam ich entschieden besser vorwärts und ich wollte dringend nach Hause, das Bein hochlegen und den Knöchel kühlen.

Drei Mädchen im Teenager-Alter, die auf einer Bank vor einem Kaufhaus saßen, sahen genau diesen Moment, wie ich mir die Krücken gerade unter den Arm klemmte und doch lieber ohne ging, und sie riefen begeistert: „Er ist geheilt! Halleluja, er ist geheilt, er wandelt!“ Und sie kriegten sich überhaupt nicht mehr ein vor Lachen. Hysterisch kicherndes Kreischen in bester Vormittagslaune und offensichtlich bei Tagesfreizeit, wie regulär auch immer die sein mochte.

Ich winkte freundlich mit den Krücken. Es ist eine gute Jugend mit einem guten Humor, dachte ich mir, und wann stellt man das schon einmal fest. Dann aber wandelte ich wie der „Gichtbrüchige“ in Matthäus 9, 9, nach Hause und setzte mich dort an den Schreibtisch.

Denn mit kaputtem Fuß kann man immer noch Home-Office machen. Vorsicht bei der Wahl der zu beschädigenden Körperteile! Das war wieder nicht bis zum Ende durchdacht, mit welchen Folgen ich da verunfallt bin.

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Ein Kommentar

  1. Man muss auch einmal das Gute sehen. Beispielsweise bekommt man als Krückenläufer immer einen Sitzplatz in der Bahn angeboten, selbst wenn man ihn überhaupt nicht will, weil es schwer ist, sich von dort wieder aufzurichten.

    Das Stadtteilphänomen ist mir vorwiegend aus Berlin bekannt, später dann aus München. Denn Berlinbewohnende verharren störrisch in ihren Stadtteilen, in denen sie wohnen. Keine grenzüberschreitenden Umzüge, sonst wäre man ja inmitten einer völlig neuen Gesellschaftsschicht. Auch der Münchner an sich kommt selten über sein geliebtes Viertel hinaus. Eine Schwabingerin wird man in Neuperlach kaum antreffen. Identifikationsstiftende Überzeugungen, so wichtig (s. Olympias).

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