Zwei Ergänzungen noch zum Thema Kaffee wie damals, für die ich im ersten Text dazu keine Zeit mehr hatte. Zwei Momente, die ich bemerkenswert fand und die ich deswegen noch weiß, artverwandt mit den bereits erwähnten Madeleine-Momenten.
Zum einen war ich vor vielen Jahren, die Söhne waren noch klein und handlich, mit der Familie in einem Museum. Dort wurde etwas mehr Wert als in vergleichbaren Häusern auf die Inszenierung einer vergangenen Zeit gelegt. Sie wurde auch gespielt, nicht nur gezeigt. Es lief Musik von damals, es liefen Radiosendungen von damals, in Räumen, die so eingerichtet waren wie damals. Es ging um die Sechziger des letzten Jahrhunderts, es ging um das Jahrzehnt, aus dem ich komme.
Auch schauspielende Menschen liefen dort herum. Sie waren angezogen wie damals, und sie sprachen die Besucherinnen an, als sei jene Zeit noch präsent. Ein Wohnzimmer gab es, selbstverständlich exakt so, wie es in jenen Jahren üblich war. Und das war das Wohnzimmer meiner Großmutter. Also, natürlich war es das nicht im wörtlichen Sinne. Es hatte nur genug symbolstarke und enorm assoziationsbehaftete Stücke in sich und an den Wänden, die meinem Erinnerungsvermögen vollkommen ausgereicht haben. Ich setzte mich in einen Sessel und war nicht mehr in diesem Museum. Alice im Wunderland nichts dagegen, auf dem Sessel stand gewissermaßen „Setz dich“, und dann passierte Erstaunliches.
Ich war dort, wo ich herkomme. Es fühlte sich überzeugend an. Es war eine Erinnerungswelle wie selten zuvor in meinem Leben und vermutlich überhaupt der erste Flashback dieser Art, den ich erlebt habe. Wohl mein erster Fall von „The past is not even past.“ Bis dahin kannte ich es nur theoretisch.
Was aber in diesem Moment nicht nur mich betraf. Denn neben mir saßen andere, etwa in meinem Alter, denen es ähnlich ging, und wir sprachen dann auch darüber. Während wir sinnend den Aschenbecher auf dem Tisch anfassten, die Kaffeekanne, und während wir vorsichtig tastend über den Stoff der Sessel strichen.
Da war ich also auf einmal in einem anderen Sinne als jemals zuvor im Museum und wusste, meine Kindheit war allmählich wirklich lange her.
Zum anderen weiß ich noch, dass ich bei einem der ersten Besuche in Nordostwestfalen, als ich dort noch nicht alles kannte, zum Kaffee bei der Mutter meines Schwiegervaters war. Es war eine größere und feierliche Gesellschaft, ein Geburtstag vermutlich. Die meisten Gäste waren im hohen Alter. Es gab Kaffee, es gab Kuchen dazu. Auch den Kuchen, den ich aus meiner Kindheit kannte und der mittlerweile fast ausgestorben ist, also etwa den stets erwähnten Frankfurter Kranz, Bienenstich etc.
Den Kuchen hatte ich in dieser selbstgemachten Form seit Ewigkeiten nicht mehr gegessen, und schon das fand ich bemerkenswert. So bemerkenswert, dass ich es kaum ausdrücken konnte und vor lauter Gefühl zunächst gar nicht wusste, wie mir war. So bemerkenswert, dass ich nur selig vor mich hinfutterte. Und zwar von allem etwas, und wenig war das nicht. Das kam in dieser Runde gut an, und es wäre auch damals in meiner Familie gut angekommen: „Nimm mal noch!“
Das Erstaunlichste aber, das geradezu Gespenstische, war noch etwas anderes, waren nämlich die alten Menschen um mich herum. Denn diese Tischgesellschaft sah aus, als sei ich durch ein Zeitportal gegangen, in dem Moment, als ich dieses Wohnzimmer betreten hatte.
Es waren diese Frisuren, welche die älteren Frauen auch in meiner Kindheit hatten, die Perlenketten, die sie auch damals trugen, die Strickjäckchen, die Handtäschchen neben ihnen. Die Gäste waren in so vielen Aspekten meiner damaligen Familie ähnlich. Auch die Männer trugen die gleichen Krawatten und die gleichen schwarzen Anzüge wie damals. Es waren sogar ähnliche Typen, nur waren es doch andere Menschen mit anderen Gesichtern als auf meinen Familienbildern.
Es fühlte sich ungefähr so an, als sei ich als Kind zu einer Familienfeier gegangen und würde dort nun keinen erkennen. Oder als seien nur ausgerechnet jene Verwandten erschienen, von denen man nie genau gewusst hat, auf welche Art die eigentlich dazu gehörten: „Von der Kusine der Mann, dessen Bruder ist das!“, was man sich aber ohnehin nie merken konnte. Alle Gesichter hat man auch damals als Kind nicht parat gehabt. Aber klar war ja in jedem Fall, wer hier an der Tafel sitzt, er wird schon irgendwie dazugehören.
Es fühlte sich also an, als würde ich zwar seltsamerweise keinen erkennen, aber dennoch dieses überzeugende Vertrautheitsgefühl haben, welches einen bei manchen Aspekten von Kindheit und Heimat unweigerlich stark anweht.
Und dieses freundliche „Nimm mal noch“, das ich gerade zum ich weiß nicht wievielten Male hörte, es kam zwar von einer anderen, mir bis dahin nicht einmal bekannten Großmutter. Aber es war doch, da konnte es kaum Zweifel geben, die Wiederholung einer anderen, merkwürdig ähnlich klingenden „Nimm mal noch“-Aufforderung, die meine eigene Großmutter nämlich gerade eben geäußert hatte.
Gerade eben, vor etwa zwanzig Jahren.

***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.