Reinlesen, Behalten und Weggeben (6)

Vorweg herzlichen Dank für die freundliche Zusendung von Safranskis Hoffmann-Biografie vom Wunschzettel! Sehr schön und gerade auch sehr passend. Hier noch der Verlagslink dazu.

Die E. T. A. Hoffmann-Biographie von Safranski

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Nach den letzten drei herausfordernden und betont anspruchsvollen Büchern ohne Absätze brauchte ich dringend etwas Erleichterung und eine Art geistige Hängematte. Ich verschlang daher aufatmend und fast schon gierig, wie man an einem Sommerabend ein Kaltgetränk kippt, einen Band Kurzgeschichten von Ian McEwan: „Zwischen den Laken“. Bei Diogenes erschienen, und zwar vor längerer Zeit schon, es sind ältere Geschichten (1978). Deutsch von Michael Walter und Bernhard Robben. Wieder war es ein Buch aus dem so überaus nützlichen öffentlichen Bücherschrank.

Das Buch "Zwischen den Laken"

Ein anständiger Kurzgeschichtenband ist es, gut und gekonnt geschrieben, wie bei McEwan auch nicht anders zu erwarten. Auch wenn es sich um ein Frühwerk handelt. Es war erst sein zweites Buch, er hat seither ein paar mehr veröffentlicht. Kein Grund für Enthusiasmus, aber gepflegte Unterhaltung doch allemal. Gut geeignet als Urlaubslektüre, wenn einem gerade nach Geschichten ist. Oder auch nur nach Texten mit Absätzen.

Denn Absätze sind, das kann ich sicher im Namen eines großen Teils des Lesepublikums schreiben und gerade nach den Erfahrungen mit den letzten Büchern, doch eine feine Sache. Ich sehe nach wie vor nicht recht ein, dass es irgendeinen Vorteil haben soll, und nein, auch keinen intellektuellen, keine Absätze in den Text einzubauen.

Ich finde das eher, nun ja, etwas affektiert. Günter de Bruyn, Thomas Bernhard und José Saramago mögen es mir bitte verzeihen.

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Dann las ich die Erinnerungen von Hilde Spiel, „Die hellen und die finsteren Zeiten – Erinnerungen 1911 bis 1946“. Viel hochkultiviertes Name-Dropping aus der Intellektuellen-Szene in jener Zeit liest man da, wie es auch nicht anders zu erwarten war. Für Interessierte an deutschsprachiger Literaturgeschichte ist es ein Fest, ihre Erfahrungen in dieser etwas gedrängten Form aufgezählt zu bekommen, und auch ich konnte in meiner Vorstellung des komplizierten Beziehungsgeflechts der deutschsprachigen Autorinnen und Autoren aus jener Zeit noch einmal einige Aspekte geraderücken.

Hilde Spiel: Die hellen und die finsteren Zeiten

In die im Buch erinnerte Zeit fiel bekanntlich das Erstarken der rechtsextremen Kräfte in Deutschland und Österreich, selbstverständlich nimmt es auch im Buch viel Raum ein. Ich las den Text aber leider, während auf allen Kanälen, und ob ich es nun mitbekommen wollte oder nicht, immer wieder erwähnt wurde, welchen außerordentlichen und rekordmäßigen Zuwachs die extremen Rechten in der Gegenwart in Deutschland gerade haben. Grafiken mit Umfrageergebnissen, die ich durchaus nicht sehen wollte, die ich dann aber sehen musste.

Man nimmt diese Nachrichtenlage noch nennenswert fassungsloser als sonst zur Kenntnis, wenn man dabei von so einem Buch hochsieht. Ich stellte es bei dieser Gelegenheit wieder fest.

Und während alle gerade nach der Freigabe der entsprechenden Listen nachsehen, ob die Großeltern, Urgroßeltern oder andere geschätzte Vorfahren in der Partei der originalen Nazis waren, sollte man vielleicht auch überlegen, was die noch lebenden Angehörigen der Sippe politisch so treiben. Es könnte im Moment wichtiger sein.

Das Buch von Hilde Spiel behalte ich jedenfalls noch, da muss der Bücherschrank etwas warten. Und ich werde weitere Bücher von ihr lesen.

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