Der Feiertag fand bei 12 Grad drinnen und draußen statt, denn die Heizung in diesem Haus hatte beschlossen, nicht mehr mitzuspielen. Die dunkle und kalte Jahreszeit war lang genug, es reichte ihr jetzt vermutlich. Immer nur beste Leistungen bringen, Tag für Tag, Monat um Monat. Wer hält das auf Dauer aus, so eine Heizung ist am Ende auch nur ein Mensch. Und braucht Urlaub.
Das Licht im Fahrstuhl gab zeitgleich ebenfalls auf. Vielleicht gab es einen Zusammenhang, eine geheime Absprache der technischen Anlagen in diesem Haus. Vielleicht gab es keinen, man weiß es nicht. Was aber jedenfalls zur spannenden Frage führte, ob man da nun mutig dennoch einsteigen sollte. In so eine pechschwarze, nachtfinstere Metallkiste, die an Seilen und etwas älterer Mechanik hängt. Und die sich auch noch seltsam ruckelnd bewegte. Wie man deutlich hören konnte, als der Fahrstuhl in Bewegung war.
Denn er fuhr noch, er stellte eine Art metallene Grabkammer im vertikalen Pendeldienst dar. Ob man nun ernsthaft darauf vertrauen konnte, dass der Rest der Elektrik schon irgendwie laufen würde, dass man tatsächlich heil oben ankommen würde … Nicht nur ich dachte vor dem Einsteigen vermutlich etwas länger nach.
Und traute mich dann doch. Denn mit Krücken auf den Treppen, das wäre auch nur ein weiteres Abenteuer gewesen, eine weitere Gelegenheit für die Reihe „Zwischenfälle aller Art“, und die slapstickhaften Sturzszenen sah ich schon vor mir.
Ich machte also die Taschenlampe am Smartphone an, um mir die Sache da drinnen wenigstens etwas zu beleuchten. Die dann allerdings überraschend wenig Licht gab, sie funzelte mehr. Wie ein flackerndes Kerzchen in einer alten Schauergeschichte vielleicht, mit der die bange Heldin in mondloser Nacht über die Schlossflure hastet, den seltsam kettenklirrenden Geräuschen nach. Kaum leuchtete diese Smartphonelampe die kleine Kammer des Fahrstuhls vollständig aus, und dunkel, stockdunkel blieben die Ecken.
Es sah alles betont nach Horrorfilm aus, mindestens aber nach Thriller. Es passierte dann zwar nichts, der Fahrstuhl tat lediglich, was ein Fahrstuhl eben tun muss, nur eben ohne Beleuchtung – aber wenn man genug Thriller gesehen hat, dann kennt man das selbstverständlich schon. Und dann weiß man recht gut, dass es einen erst bei der dritten oder vierten Fahrt, nachdem die ersten Versuche nur retardierende Elemente waren und man daher fast vollkommen sorglos dort einsteigt, doch noch erwischen wird. Und wie es einen dann erwischen wird! Das kennt man alles, das weiß man.
Weswegen ich danach auch den Rest des Tages lieber klug abwartend in der Wohnung verbrachte und von weiteren Fahrten in der kleinen Kammer des Schreckens absah.
Ich soll mich ohnehin um „maximale Schonung“ für den Fuß bemühen. Was den kleinen Nachteil hat, dass man mit dem Rest des Körpers dummerweise auch nicht mehr viel anfangen kann, wenn da eine Extremität auf einmal dergestalt aus der Reihe tanzt und eine derart aufwändige Sonderbehandlung verlangt. Da hängt man dann komplett mit drin und auch dran, ob man will oder nicht. Ich z. B. wollte eindeutig nicht, stellte dann aber fest, dass es mir nichts nützte.
Frierend und fluchend saß ich also in der kalten, klammen Wohnung, zog mir schließlich notgedrungen mehrere Schichten an und war bald eingepackter, als ich es im ganzen Winter je gewesen bin. Ich humpelte zwischendurch zum Küchenfenster, öffnete es und sagte laut, wenn auch zu einer mir ungewiss verbleibenden Empfangsinstanz, um meine Beschwerde wenigstens irgendwo anzubringen: „Diesen Mai habe ich mir so nicht vorgestellt!“
Und weil ich den Band mit den Mai-Gedichten aufgeschlagen auf der Arbeitsplatte neben mir liegen sah, blätterte ich kurz etwas darin herum und trug auch noch die passenden Zeilen von Ludwig Uhland dem nur gedachten Publikum da draußen vor:
„Wenig hab‘ ich noch empfunden
Von der werten Frühlingszeit
All die Lust und Lieblichkeit
Hat zu mir nicht Bahn gefunden.“
Der geschätzte Ludwig Uhland (1787–1862) konnte es selbstverständlich nicht wissen, aber uns Heutigen ist längst klar, dass es fast immer um starke Verspätungen geht, wenn in Texten das Wort „Bahn“ vorkommt.
Und es ist keine bezahlte Werbung, nein, aber die Reclam-Reihe mit den Monatsgedichten empfehle ich nach wie vor für die gepflegte lyrische Hausapotheke.

Die Elstern im Holunder unten antworteten mir keckernd irgendetwas aus ihrem Nest heraus. Vielleicht saßen sie da auch gerade motzend und auf bessere Zeiten wartend. Ich habe sie leider nicht genau verstanden, die dauerempörten Tauben gurrten auch wie immer unzufrieden mit allem dazwischen.
Der verlinkte Text passte gut zum Anblick, den mir die paar frierenden Eltern auf dem Spielplatz ansonsten boten. Pflichtgemäß und leicht bibbernd standen sie neben ihren Kleinen, die in buntglänzender Regenmontur sinnlos durch den Sand krabbelten und vielleicht auch nicht recht wussten, ob und warum das bei diesem Wetter nun wirklich sein musste.
Ich las dann doch lieber Bücher. Ich sah Filme, ich schrieb Texte. Und am Ende war es auch gut so.
Man muss sich nur erst hineinfinden. Aber so ist es ja bei allen Zwangsmaßnahmen.
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