Goethe schrieb an Charlotte von Stein 1800 Briefe, oder nein, sagen wir lieber, so viele sind erhalten. Am Ende waren es noch nennenswert mehr, wer weiß. Ihre Post dagegen ist nicht überliefert, sie hatte sich wohl die Vernichtung jeweils ausbedungen. Und wer weiß, wie begründet und also clever das war.
Denken wir uns knappe 20 Minuten pro Goethe-Brief, was sicher zu wenig sein wird, dann sind wir schon bei fast vier Wochen durchgehender Schreibzeit, also wenn wir spaßeshalber unterstellen, man würde diese Briefe hintereinander wegschreiben, wie Fließbandarbeit. Eine beeindruckende Leistung, nicht wahr?
Und ich kann mir nicht helfen, es klingt für mich nach einer mindestens interessanteren, auf jeden Fall aber kultivierteren Leistung, 1800 Briefe an die Seelenfreundin zu schreiben, als mit ihr beispielsweise 18000 Chat-Nachrichten auszutauschen. Ich habe da deutliche Schwierigkeiten, mir einen ähnlich anspruchsvollen, um sprachliche Schönheit bemühten, wohlgestalteten Inhalt in Kurznachrichten vorzustellen.
Brainrot hin oder her, ich glaube aber noch nicht, dass der Mensch bereits nennenswert dümmer geworden ist. Nur sprachlich signifikant anspruchsloser, das schon. Und es mag eine romantisierende Haltung sein, das zu bemängeln, ich weiß es. Aber ich neige dennoch dazu. Ohne mich allerdings beim Thema Briefe selbst einem Reenactment hinzugeben, soweit reicht der romantische Impuls dann doch nicht.
Oder noch nicht, das kann auch sein.

Wenn man Briefe erklären müsste, etwa sehr jungen Menschen: Die sind wie Chatnachrichten, allerdings haben sie immer eine Anrede am Anfang und am Ende eine Grußformel. Und schon in der Ausgestaltung dieser beiden nur scheinbar weitgehend genormten Phrasen liegt ein ungeheures Ausdruckspotential. Dann besteht der eigentliche Textkörper in der Regel aus der fleißigen Bearbeitung eines Bezuges, der sich aus dem vorhergehenden, oft eben erst eingetroffenen Brief des anderen Menschen ergibt. Dieser Bezug wird dann im weiteren Text noch ergänzt, ausgeweitet, variiert oder frei assoziierend in vollkommen andere Themen überführt. Jedenfalls verfasst man zur Aussage des oder der anderen eine Anreicherung irgendeiner Art. Dann Gruß und Kuss, et voilà, ein Brief.
Wobei man sich vorstellen kann, dass auch oder gerade vielschreibende Menschen wie Goethe Chats sicher begeistert genutzt hätten. Endlich direkt und schnell und jederzeit! Es war eben auch eine Traumerfüllung, diese Technik, gar keine Frage. Sie hatte nicht umsonst so durchschlagenden Erfolg. Und die Annahme, dass auch Goethe liebend gerne drauf gepfiffen hätte, mühselig Briefbögen mit Feder und Tinte zu füllen, hätte er stattdessen der Frau von Stein ein simples Herzchen-Emoji senden können – ich denke, sie ist statthaft, diese Annahme.

Ich werde meinen letzten handschriftlichen Brief etwa im Jahr 2007, 2008 geschrieben haben. An meine leider längst verstorbene Freundin J., die kein Internet hatte und auch keines wollte. Die für sich selbst ganz und gar gegen Technik und Digitales war, ohne aber bei anderen den Gebrauch zu bemängeln. Eine Exzentrikerin alter Schule, so umfassend damit beschäftigt, seltsam zu sein, dass gar keine Zeit für die Kritik an anderen blieb. Einer der nettesten, gutherzigsten Menschen, die mir je begegnet sind. Wir hatten kaum etwas gemeinsam, wir lebten auf verschiedenen Planeten. Aber als wir uns kennenlernten, wussten wir schon nach zehn Minuten, dass wir dringend dicke Freunde werden mussten. Und so kam es dann auch.

Oft kam umfangreiche Post von ihr. Etliche Seiten umfassend, mit expressiver, großer Künstlerinnenschrift beschrieben, in farbiger Tinte. Ausgeschnittene Bilder dabei, dadaistisch anmutende Collagen. Oft auf und mit bemerkenswertem Papier gestaltet. Ausgerissene Ausstellungskatalogseiten waren dabei, durchgerissene Bleistiftskizzen, Entwürfe aller Art. Auch ihr Mann war Künstler, und sie lebten in einem Haushalt, in dem Papiere aller Art geschätzt, genutzt und mehrfach wiederverwendet wurden. Auf vielfältige Weise.
Von diesen Briefen habe ich irgendwann einen beantwortet. Ohne dabei zu ahnen, dass es die Empfängerin bald nicht mehr geben würde, weil sie in mir etwas übertrieben vorkommender Exzentrik auch nicht zu Ärzten ging, also tatsächlich nie, sondern lieber einfach starb. Ich schrieb diesen Brief, ohne zu ahnen, dass es nach dem Gang zum Briefkasten Post dieser Art in meinem Leben nicht mehr oder fast gar nicht mehr geben würde.
Ohne jede Feierlichkeit also werde ich diesen letzten Brief irgendwann geschrieben haben, ich habe auch nicht mehr die geringste Erinnerung an den Inhalt. Nur dass ich auch ausgedruckte Blogseiten beigelegt hatte, das weiß ich noch. Denn sie las meine Texte nur auf diese Weise, die Freundin, und sie gab die Seiten manchmal noch an andere weiter.

Also habe ich schon fast zwanzig Jahre ohne Briefschreiberei verbracht. Aber ich war damals immerhin noch dabei, in dem auslaufenden Briefzeitalter. Ich weiß es daher noch, wie es mit den Briefen zuging. Ich weiß es noch, wie die Abläufe beim Verfertigen, Warten und Erhalten waren. Und ich kann es vermutlich auch noch. Ich wäre wohl noch in der Lage, anständige Briefe zu schreiben, stelle ich mir vor.
Denn es wird doch wie mit dem Fahrradfahren sein, nicht wahr? Oder wie mit dem Reiten vielleicht. Also wie mit so vielen Handlungen von damals, längst ist es eine lange Liste geworden. Was weiß ich, ich könnte ja auch in einem Auto noch die Scheibe herunterkurbeln. Wozu ich plötzlich eine merkwürdig große Lust habe. Doch, das würde ich tatsächlich gerne einmal wieder fühlen, diese Fensterkurbel in der Hand.
Aber so ist es eben, wenn man über die Vergangenheit schreibt. Irgendeine nostalgische Anwandlung erwischt einen immer.
Es verbleibt mit herzlichen Grüßen, in Treue und Ergebenheit usw. …
… der Autor, der jetzt noch kurz überlegt, wie lange er für diesen Text wohl mit dem Füller gebraucht hätte. Und wie schlimm das dann aussehen würde.
Bei Leonard Cohen gibt es noch einen abschließenden Hinweis, was man mit Briefen, nicht aber mit Chatnachrichten tun kann. Das Küssen von Papier, das müsste man Jüngeren allerdings auch erst eimal erklären, nehme ich an:
„You never liked to get
The letters that I sent
But now you’ve got the gist
Of what my letters meant
You’re reading them again
The ones you didn’t burn
You press them to your lips
My pages of concern“
***
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„Meine Existenz erfordert Papier mehr als jemals.“ – Goethe –
Früher habe ich meine Briefe an meine Brieffreundschaften tatsächlich erstmal vorgeschrieben, um sie dann, sauber verfasst, zu verschicken.
Ach, ich würd ja gerne aber find mal jemanden, der noch Lust am Briefe schreiben hat.
Moderne Zeiten halt – da machste nix
Ich habe für mich einen Kompromiss gefunden. Das Datum, die Anrede, die Abschlussbemerkung und natürlich die Unterschrift werden mit der Hand geschrieben.
Den eigentliche Brief schreibe ich am PC. Da kann man gut ändern, neu formulieren und solange feilen, bis es passt. Dann wird er mit Platz oben und unten für die handschriftlichen Teile ausgedruckt, ergänzt und abgeschickt.
Vielleicht eine Alternative
Ein jeder wie er kann. Früher gern per Hand, mit noch lesbarer Schrift. Heute mit Arthrose in den Händen auf dem PC, ausdrucken und wie beim Vorredner Datum, Anrede, Abschiedsgruß per Hand.
Das aber auch nur noch zu Fest- und Feiertagen, sonstige Korrespondenz via Medien.
Haben Sie mal davon gehört, wie Hans Fallada wahrend der Nazihaft schrieb? Seine Schergen waren nicht in der Lage, das zu entziffern, denn zunächst schrieb er die Zeilen ganz klein, dann drehte er das Papier um und schrieb weiter in den Leerzeilen. Daraus wurde sogar ein Buch.
Am wichtigsten ist doch, überhaupt etwas mitzuteilen zu haben.
Hier ähnliche Situation, allerdings bekommt die Freundin Postkarten, keine Briefe. Und dann kenne ich noch jemanden, der regelmäßig Handgeschriebenes empfängt.