Einerseits ist es selbstverständlich ebenso albern wie erwartbar, wegen eines erwartbaren Kälteeinbruchs verärgert und beleidigt zu sein. Ganz so, als habe es das Wetter auf einen persönlich abgesehen und würde all das da draußen veranstalten, um ausgerechnet meine Pläne zu durchkreuzen. Andererseits wird es aber in Ordnung sein, wenn man gerade als Norddeutscher den üblichen Ablauf des Sommerwetters zumindest etwas anstrengend findet: Eisheilige, Schafskälte, Siebenschläfer – und dann wird es auch fast schon wieder Herbst. Ja, vielen Dank auch.
Ich sitze am Schreibtisch, ich denke, ich könnte mal rausgehen. Ich müsste einmal vor die Tür, denn ich fühle mich ungelüftet, und wie schlimm ist das. Es fängt noch im Moment dieses Gedankens an zu regnen. Ich warte den Schauer ab, der allerdings ein SCHAUER ist. So einer, der einmal versuchen möchte, wie nah er an Starkregen drankommen kann.
Der Himmel reißt danach kurz auf. Ich denke, dass ich jetzt schnell rausgehen möchte, mitten in diese Lücke hinein: Es fängt erneut an zu regnen.

Dieses Schema des Regenmachens per Gedankenkraft wiederhole ich so oft, bis ich mich im magischen Realismus gut aufgehoben fühle. Vielleicht sollte ich die Autobiografie von Garcia Márquez dazu lesen, die neulich erst im öffentlichen Bücherschrank für mich bereitstand. Sie hat auch einen so schön blogkompatiblen Titel: „Leben, um davon zu erzählen“ (Verlagslink).
„Nicht, was wir gelebt haben, ist das Leben, sondern das, was wir erinnern und wie wir es erinnern, um davon zu erzählen.“
Insofern ist dieses Blog also meine Wirklichkeit. Und das ist sehr gut so, denn da werden erfreulich viele Aspekte ausgeblendet, so dass es alles viel angenehmer wirkt. Ich werde in meinen letzten Minuten auf dieser Erde nicht mein Leben, sondern lieber die Texte dieses Blogs an mir vorbeiziehen lassen, das ist eine wesentlich heiterere Vorstellung.
Schließlich fahre ich fortgeschritten genervt mit der U-Bahn zum neuen Rieseneinkaufsdings am Hafen. Dabei und darin bleibt man immerhin trocken. Voll ist es dort, die Idee kam wohl einigen anderen auch. Zum ersten Mal drehe ich meine Runden gründlich und durch alle Stockwerke. Danach bin ich recht sicher, alle Geschäfte gesehen zu haben.
Ich mache dabei „Bereicherndes Gegenteil-Shopping“. Das ist eine mir stets angenehme und fruchtbare Freizeitbeschäftigung. Bei der ich mir alles ansehe und dabei aber permanent feststelle, dass ich das ganze Zeug nicht brauche. Überhaupt nichts davon! Ernsthaft nicht. Dass ich dafür also gewiss kein Geld ausgeben muss, dass ich sogar mehrere Runden durch dieses architektonische Urbankonzentrat gehen kann, ohne auch nur einen Euro auszugeben.

In einem der Romane von Charles Dickens gibt es dieses Denkmuster bei der einen Hauptfigur, sich in solchen Momenten derart intensiv über die gesparte Summe zu freuen, dass sie im Anschluss sofort und affektbetont ausgegeben wird. Ich aber halte mich und mein Geld erfolgreich zurück, denn ich habe diesen Roman, Bleak House war es wohl, schließlich gelesen. Und bilde mir auch ein, etwas dabei verstanden zu haben.
Eine kleine Anmerkung kann ich noch an meinen Text über Schlangen anlegen (hier war das). Denn auch in diesem Einkaufszentrum sehe ich eine lange Schlange vor einem der hippen Keksläden. Da stehen sie in Reih und Glied, die jungen Leute, um ernsthaft Kekse für 6 Euro das Stück zu erwerben. Und einige machen dann nicht einmal Fotos für die sozialen Medien vom Backwerk, sondern beißen vor der Ladentür einfach hinein. Da hört mein ohnehin begrenztes Verständnis dann endgültig auf. Lernen sie denn gar nichts mehr von den Älteren?
Aber egal. Sie sind immerhin weg von der Straße, diese jungen Menschen. Denke ich mir, während ich kurz meine längst verstorbene Großmutter channele.

***
Für mehr Farbe an einem ausgeprägt dunkelgrauen 12-Grad-Tag mit mindestens Windstärke 7 oder 8 in Böen aus Nordwest, an einem Tag also, der auch in jedem Wintermonat so hätte stattfinden können, und an einem dieser Tage, an denen es etwas weiter hinten, im Alten Land, für 14 Millionen Euro Äpfel zerhagelt, was ich hier nur einfüge, um kurz zu demonstrieren, dass ich keineswegs übertreibe, für mehr Farbe an einem solchen Tag jedenfalls widme ich mich noch etwas dem Gedenken an den gerade verstorbenen David Hockney.
Zu dem es etwa auf arte eine Doku gibt:
Und man findet natürlich noch viel mehr.
Sympathisch wirkt er auf mich in den Interviews, dieser Künstler. Und sein „Die Welt ist schön“ ist exakt das, was mir an diesem Tag gerade gefehlt hat.
Der Freundeskreis Herrenmode möchte vielleicht noch den nächsten Link beachten, er führt zur britischen Vogue: „40 Images That Prove He Was Always a Tastemaker“ (evtl. Paywall).
Ich sehe mir all diese Bilder an. Die Bilder von ihm und auch die, welche er gemalt hat. Ich sehe mir dann wieder einen Moment lang den Regen auf dem Dachfenster an, den deprimierend novembrigen Himmel darüber. Ich denke einen Moment nach.
Dann beschließe ich, dass ich zwar einerseits weiterhin nichts brauche, dass diesem Land aber andererseits etwas Konsum guttun wird, etwas Antrieb in der Wirtschaft, und ich gehe tatsächlich noch einmal los. Mitten durch den Regen gehe ich, wie so ein Mensch direkt nach einem Resilienzseminar, und ich kaufe mir einen blauen Strohhut für freundlichere Tage.
Es ist ein Strohhut in einem hanseatisch gedeckten Blau, versteht sich, wir wollen mit den Farben nicht übertreiben. Denn wir sind hier nicht in Kalifornien und Hockney hin oder her. Aber wenn es in diesem Jahr noch einen schönen Tag geben sollte – ich bin vorbereitet.
Stets auch für das Positive preppen, nicht wahr.

***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.