Ich glaube, es war jetzt schon das vierte oder fünfte Mal in diesem Jahr, dass ich in ein Café gehen wollte und dann scheiterte. Ich wollte dorthin, weil ich irgendwo, und sei es nur auf Insta, gesehen hatte, dass es dort besonders großartig sein soll, eine Location im Trend. Oder weil jemand den Laden für eine Verabredung mit mir vorgeschlagen hatte, der oder die wiederum irgendwo gesehen hatte … Und dann war dieses Café aber geschlossen. Zur besten Kaffeezeit, wohlgemerkt.

Wobei – ist das Wort „Kaffeezeit“ überhaupt noch ein Begriff? Früher war es in meiner Umgebung einer, in meiner Generation ist es wohl immer noch einer. Kaffeezeit, etwa zwischen 15 und 17 Uhr, mit einem deutlichen Peak um 16 Uhr. Man fühlt diese Zeit, ganz deutlich fühlt man sie. Man fühlt auch den die Uhrzeit begleitenden Kuchenhunger, besonders am Wochenende. Es ist ein Gefühl mit einem ausgeprägten Wochentagsbezug, eine Sonn- und Feiertagsemotion. Wir wurden so erzogen. Wir können nichts dafür, es wurde uns so mitgegeben.
Ein Café, das um 16 Uhr schließt, macht in meiner Gedankenwelt daher gar keinen Sinn. Das ist so unvernünftig wie ein Restaurant, in dem es ab 12 Uhr mittags keinen Mittagstisch mehr gibt. Oder wie eine Bar, die den Tag um 18 Uhr für beendet erklärt und die Stühle hochstellt. Eine seltsame Verschiebung des Lebenstaktes ist das, wenn nicht schon ein vollkommen anderer Lebensstil.
Natürlich, sie werden dort kein Personal haben, um die Öffnungszeiten noch anders bespielen zu können. Wie immer wird es alles erklären. Man kann es schon nicht mehr hören, aber es wird schon stimmen.

Wenn es allerdings so weitergeht, wird es am Ende auch eine klaffende Marktlücke sein. Und ich werde sie gewiss nicht schließen, greifen Sie gerne zu. Bieten Sie für meinesgleichen, und es gibt immerhin sehr, sehr viele von uns, Kaffee und Kuchen ausdrücklich ab 16 Uhr an, keine Minute vorher. Womöglich noch in einem Café, das quer zum Trend ausdrücklich gemütlich eingerichtet wurde. Mit Sofas zum Versinken, aus denen man nach drei Stück Torte nicht mehr hochkommt, und mit Sesseln zum Chillen, um die moderne Grundhaltung nicht komplett außen vor zu lassen.
Wobei ich mir vorstellen kann, dass eine besondere Form der historisch korrekten Inszenierung auch erfolgreich sein könnte. Wenn man nämlich Kaffee und Kuchen so anbieten würde, also in Ambiente, Ausstattung und Angebot etwa so, wie es unsere Großmütter Anfang der Siebziger getan haben. Schon beim Schreiben der Zeilen spüre ich verblüffend deutlich dieses buttrige Frankfurter-Kranz-Gefühl im Mund, sogar zu unpassender Uhrzeit.

Sie wissen sicher, was ich meine, wenn Sie etwa in meinem Alter sind.

Nur beim Kaffee müsste man vielleicht doch lieber in der Gegenwart und bei dem mittlerweile Erreichten bleiben, bei dem über viele Jahre so schwer Errungenen in Bezug auf Espressoqualität usw. Denn zurück zur Dosenmilch, ich bin mir nicht sicher, das geht womöglich doch zu weit?
Obwohl – wer weiß. Vielleicht als Special auf der Karte? Als Highlight gar? Die Krönung aus der Filtermaschine, mit Dosenmilch und Würfelzucker. Für vollkommen absurde Preise, das versteht sich gewiss von selbst.
Denn was von ganz hinten aus der Geschichte der Moden von jungen Menschen liebevoll wieder nach vorne geholt wird, was also auf einmal hip wird, das muss entschieden mehr kosten als damals. Sonst wirkt es nicht, alte Regel.
Ich zumindest wäre in Versuchung, wenn ich so ein Café sehen würde. Vor allem dann, wenn ich es am Nachmittag sehen würde. Und ich würde vielleicht sogar das Special auf der Karte bestellen. Ja, mit Dosenmilch und Würfelzucker. In Erwartung eines Madeleine-Moments, mindestens in Drogentripqualität.

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Hier gibt es einige Cafés, die nur bis 16Uhr geöffnet haben. Insbesondere in der Nähe der Hochschule.
Argmentiert wird unter anderem damit, dass bei einer längeren Öffnungszeit auch alkoholische Getränke auf der Karte erwartet werden würden.
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Vor einiger Zeit hab ich aus Spaß viele Rezepte aus den 70er Jahren (Heidis Kochklub Rezeptkarten) gelesen und war erstaunt, wie oft dort als Zutat „Kondensmilch“ auftaucht. Rückblickend geradezu absurd.
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Neulich las ich, dass diese Miniportiönchen von Kaffeemilch, Mayonnaise und Ketchup in Europa in der Gastronomie sukzessive verschwinden sollen. Es ist nicht alles schlecht.