Ein Anblick grässlich und gemein

Meist bemühe ich mich, kein Rechtschreibreaktionär zu sein. Aus lediglich rationalen Gründen, weil viele Argumente dagegensprechen. Etwa die Rechtschreibfehler hier im Blog, an die ich bei solchen Gedanken selbstverständlich sofort denken muss. Weil mich ohnehin irgendjemand hohnlachend darauf hinweisen würde, täte ich es nicht selbst in halbwegs weiser Prophylaxe. Also ja, ich schreibe gewiss auch nicht alles richtig. Ich weiß.

Emotional und insgeheim allerdings, sozusagen im Privaten, bin ich durch und durch Rechtschreibreaktionär. Wie so viele Menschen aus meiner Generation, die noch mit der aus heutiger Sicht merkwürdig anmutenden Gewissheit großgeworden sind, dass Rechtschreibung etwas mit Bildung oder gar Intellekt zu tun hat, dass sie diese sogar direkt spiegelt. Das ist längst diskutabel geworden, die allgemeinen Rechtschreibkenntnisse nehmen stetig weiter ab. Wie wir alle wissen, ist das so, und erhebliche Schwächen in der Rechtschreibung wurden auch neulich bei der Abi-Feier nicht zufällig und wohl nur vermeintlich scherzhaft in den Reden der Lehrerinnen erwähnt.

Ein kleines Segelboote mit sehr buntleuchtendem Segel auf einem Steg an der Außenalster

Andere Kenntnisse wurden dafür aber vermutlich erworben. Wie auch immer man das genau gegeneinander aufwiegen möchte. Es wird am Ende fortgeschritten kompliziert sein, offiziell halte ich mich daher mit einer Meinung zurück.

Ich gebe aber zu, dass ich vor einigen Jahren doch einmal Schulhefte verglichen habe, solche aus der Gegenwart gegen die aus meiner Vergangenheit. Weil ich etwas genauer wissen wollte, ob ich nicht vielleicht alles verkläre oder einfach nur falsch und aus viel zu überheblicher Haltung heraus erinnere. Aber es gab dann keinen Zweifel, unsere Rechtschreibkompetenz war damals tatsächlich erheblich besser. Das Wort „drastisch“ würde auch passen.

Noch einmal, das heißt nun keineswegs, dass ich oder wir aus meiner Generation schlauer waren oder sind als die SuS der Gegenwart. Keineswegs heißt es das. Das wäre als Ableitung nennenswert zu einfach. Es sind nicht umsonst ganze Sachbücher über dieses Thema verfasst worden. Aus konservativer, verbissen rechtschreibregeltreuer Position und auch aus progressiver, betont fehlertoleranter, liberal anmutender Perspektive. Es gibt dabei mehr Argumente, Umstände und Entwicklungsszenarien, als hierher passen würden.

Ich fühle meine Aversion gegen Schreibfehler also normalerweise nur still vor mich hin. Ich sage aber lieber nichts, und ich schreibe fast nie etwas darüber. Das Thema ist ohnehin totgetrampelt und ausdiskutiert, an allen Stammtischen in diesem Land wurde es bereits ausführlich zerredet, in zahllosen Kolumnen gründlich zerlegt.

Selbst wenn ich eine offizielle Meinung hätte, sie wäre daher weitgehend nutzlos und egal.

Blick über die Außenalster von der Sankt-Georg-Seite in Richtung Fernsehturm/CCH

Es geht mir auch gerade um etwas anderes, nämlich um einen dieser Gefühlsaspekte. Weil ich es manchmal ebenso erheiternd wie bemerkenswert finde, dass Menschen wie ich durch einige Fehler stark getriggert werden, durch andere aber nicht.

So muss ich mich etwa mittlerweile und nach jahrelanger, durchaus schwieriger Gewöhnung durch penetrant wiederholte Fehler wegen dem Genitiv (sic!), den kein Mensch mehr richtig benutzt, sei es in der Schrift oder im gesprochenen Dialog, nicht mehr aufregen. Das nehme ich einfach so hin. Gelassen wie ein buddhistischer Mönch höre und sehe ich das, denn das sind dem Mönch seine Fähigkeiten (okay, doch leichte Schmerzen).

Auch den immer weiter Fahrt aufnehmenden Wegfall von Präpositionen finde ich eher amüsant, nicht mehr wirklich schlimm.

„Wo gehst du hin?“

„Ich gehe Kino.“

Es ist ein Satz, der mir kaum noch wehtut. Ich habe oft junge Menschen um mich herum, das hilft bei der Gewöhnung.

„Was machst du mit der Idee?“

„Die Idee mache ich Blog.“

Man kann damit herumspielen.

Was mich aber wahnsinnig und tendenziell aggressiv macht, und es ergibt gar keinen tieferen Sinn, das sind unterlassene Bindestriche. Ich denke, wenn ich die im Morgensternschen Sinne grässlichen und gemeinen Lücken zwischen unverbundenen Begriffen sehe, den altgedienten Imperativ „Im Deutschen wird durchgekoppelt!“ stets in Fraktur und in einem verdächtig historischen Tonfall. Was auch immer da genau in mir vorgehen mag.

Man sollte auch erkennen, denke ich, an welche Stellen man im Alltag zum etwas befremdlichen, irrationalen Durchbrennen neigt. Ich glaube, dies ist sogar wichtig. Denn nur dann kann man sich halbwegs gezielt und ausreichend oft mäßigen.

Wie auch immer. Ich komme nur darauf, weil ich seit Tagen über einen Zettel im Schaufenster eines Ladens in der Nähe lache. Wobei es sein kann und vielleicht sogar wahrscheinlich ist, dass es außer mir niemand oder fast niemand witzig finden wird.

Aber ich lese im Vorbeigehen also mehrmals diesen Zettel, auf dem nur vier Worte und eben kein Bindestrich stehen, harmonisch in zwei Zeilen geteilt. Die mir durch diese Schreibweise in geradezu haiku-hafter Verkürzung eine seltsam tragische Geschichte zu erzählen scheinen. Lyrisch streng verdichtet wird da vom Niedergang eines Geschäfts berichtet, von ausbleibenden Käuferinnen und Käufern. Dabei hat man dort doch gerade erst in die sanitären Anlagen investiert … Also ich sehe es direkt vor mir, das betrübte Gesicht des Inhabers oder der Inhaberin. Ich sehe es vor mir, wie sie die Lage überdenken und dann etwas auf einem kleinen Zettel notieren, eine knappe poetische Eingebung ist es nur. Die sie dann auch prompt ins Schaufenster kleben, wo nunmehr steht:

„Keine Kunden

Toiletten vorhanden“

Tragisch ist das, nicht wahr. Es greift einem doch ans Herz.

Ein Steg mit Aiußengastro auf der Außenalster, bedeckter Himmel

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

3 Kommentare

  1. Mich triggern, ähm, Grammatikvarianzen eher als Unrechtschreibungen, wobei ich über die „Das-macht-Sinn-Empörung“ weit hinaus bin. Doch als ich gerade im Deutschlandfunk „… gedachten den 6 Opfern in Stade“ hörte, bedauerte ich einmal mehr den Niedergang des Genitivs. Und gestern hatten wir die Grammatik auf Mastodon bereits am Wickel. Mich macht der Gebrauch von „insofern – als“ fertig. JEDESMAL, selbst wenn Journalisten oder Buchmenschen befragt werden, zucke ich zusammen, wenn wieder „insofern – als daß / weil etc. kommt. Eine Desensibilisierung war in meinem Fall (haha, Fall) noch nicht erfolgreich. Ich bin insofern ein harter Brocken als ich bestimmt noch bei progredienter Demenz auf diesen Trigger reagieren werde.

  2. Der Haiku erzählt mir was. Er regt meine Fantasie an.
    Und ohne behaupten zu wollen, auch nur annähernd so wie Sie, in Wort und Schrift meisterlich hantieren zu können, spüre ich spontanen Schmerz bei manchen offensichtlichen Vergehen gegen die Sprache.
    Stünden aber irgendwo Zahlen, mit oder ohne Bedeutung, ginge das total an mir vorbei. Ich glaube, ich habe eine gewisse Art von Zahlenblödheit, leide aber nicht darunter, weil das immer ausgeglichen werden konnte.
    Und so habe ich auch bei anderen Menschen zu meiner Freude festgestellt, dass trotz ausgeprägter Schwächen tolle Begabungen vorhanden sind. Die Welt ist soo schön bunt.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert