Wandertag

Weihnachtsfeier mit meiner Abteilung in der Brotberufsfirma gehabt. An dieser lapidaren Feststellung Ende August erkennt man immerhin schön, dass „Man kommt ja zu nichts“ keineswegs nur mich betrifft. Dass es vielmehr ein breiteres und auch gründliches Phänomen ist, das sich auf die Kalender und Vorhaben diverser Leute verheerend auswirkt.

Es wurde dann eher so etwas wie ein Wandertag. Bei einem Wetter, das dafür dermaßen gut geeignet war, dass es allen Beteiligten dermaßen rechtmachte, dass es, siehe Text von gestern, schon fast wieder etwas unheimlich war und man insgeheim nach Unwettern Ausschau hielt. Die aber diesmal ausblieben, die also fest für das nächste Mal eingeplant werden.

Nicht alle Teilnehmenden waren aus Hamburg. Ich habe daher noch einmal erlebt, dass der Alte Elbtunnel, wenn man dergleichen noch nie gesehen hat, ebenso überraschend wirkt wie auch hervorragend vorführbar ist. Dass da so gut wie alle staunend im gewaltigen Treppenhaus und vor den alten Fahrstühlen stehen. Zum einen wegen des Bauwerks an sich. Dann aber auch wegen eines Umstandes, bei dem man es kaum schaffen kann, nicht mit der Gegenwart zu vergleichen. Die dabei aber nicht allzu gut abschneidet, nämlich wegen des Umstandes, dass dieses Bauwerk schön ist, dass es durchdacht gestaltet wurde, dass es als Kunstwerk gelten muss – und dabei ist es doch bloß ein Tunnel. Was in unserer Gegenwart routinemäßig schlicht als schmucklose Betonröhre dargestellt wird, liebos und kostensparend ausgeführt. Ungefähr so attraktiv wie ein Parkhaus von innen sind die Tunnel unserer Zeit und Kunstfertigkeit.

Die Fußgängerröhre des Alten Elbtunnels

Mit der Hafenfähre weiter durch die durchgehend bildbandtaugliche Elbszenerie bis nach Teufelsbrück und dann hoch in den Jenischpark. Wobei es einem auch als Hamburger erneut auffällt, wie außerordentlich vorzeigbar das alles ist und wie logisch also der Tourismus ist. Ob er einem nun passt oder nicht. Natürlich möchte man das alles sehen, erleben, fotografieren etc. Daran gibt es gar nichts zu diskutieren und man kann den Leuten ihre Reisen nicht übelnehmen. Ich will es ja auch sehen, und sogar immer wieder.

Dann stellte ich etwas überrascht fest, dass neben dem Jenischpark noch ein weiterer Park liegt. Der Westerpark, in dem ich noch nie war. Was aber nur ein weiterer Beweis von Hunderten dieser Art ist, welche man über die Jahre sammelt. Dafür nämlich, dass man auch als Einwohner einer Stadt diese keineswegs jemals gut genug kennen kann. Dass man mit großen Städten nicht fertig wird.

Das Jenischhaus im Weitwinkel

Ausgezeichnetes Essen gab es im Restaurant Quellental. Man saß im Freien, im Halbschatten unter alten Bäumen. Man hätte jemanden wie den Herrn Liebermann bestellen mögen, diese attraktive Sommerszene eben zu skizzieren, denn es sah alles ganz so aus, als sei es das durchaus wert. Und als nach dem Essen die Augen etwas schmaler wurden und der fehlende Mittagsschlaf sich bemerkbar machte, sah es gleich noch viel deutlicher so aus.

Salatteller im Restaurant Quellental

Vom Restaurant aus waren es, und ich stand einen Moment staunend vor dem Schild, nur 800 Meter zur S-Bahn Klein Flottbek. Staunend stand ich deswegen, weil ich an dieser Station sicher mehr als tausendmal umgestiegen bin. Vom Bus in die Bahn, jahrelang und immer wieder. Nie auch nur ahnend, dass direkt hinter der Station dieser Park, dieses Restaurant …

Und es ist natürlich eine Binsenweisheit, aber doch tatsächlich gut, sich wieder klarzumachen, dass man eine weitere interessante Auffaltung der Wirklichkeit stets hinter jeder Ecke vermuten muss. Was ausdrücklich auch die Ecken umfasst, die man zu kennen meint.

Blick über die Lombardsbrücke Richtung Rathaus

Man könnte hier schon wieder an Kafkas Landarzt erinnern, der plötzlich Pferde im Stall sah, von denen er nicht einmal wusste, dass er sie besaß, dass es sie überhaupt gab: „Man weiß nicht, was für Dinge man im eigenen Hause vorrätig hat.“

Also nicht immer nur „Mind the gap“, sondern öfter auch „Mind the corners“ beachten.

Das vielleicht einmal unauffällig unter die gerade geltenden Lebensregeln mischen? Ich merke mir das vor.


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