Dann wirkte der Film „Vaterland“ etwas unerwartet in mir nach. Dergestalt, dass die letzte Szene, in der, ohne dass der Spoiler tragisch wäre, Orgelmusik von Bach eine wichtige Rolle spielt, mich nun saisonal vorgehen lässt.
Denn normalerweise ist es seit Jahren so, dass ich etwa ab Oktober, wenn der Herbst deutlich fortgeschritten und fest etabliert ist, auf einmal eine deutliche Neigung zu klassischer Musik verspüre. Die mir sonst eher fremd ist. Nun aber bin ich schon in der ersten Hälfte des Septembers in dieser Gefühlslage angekommen.
Wobei ich weiterhin bei klassischer Musik keine vorzeigbaren Kenntnisse habe. Im Zuhören bin ich Dilettant und beachte wie ein Kind im Spielzeugladen mit lediglich affektgesteuertem Interesse das, was mir gerade toll und begeisterungswürdig vorkommt. Einige Vorlieben bleiben dabei über Jahre, einige wandeln sich. Die kirchliche Orgelmusik etwa, die bleibt und ist weiterhin neben der Architektur der einzige Grund, warum ich Kirchen betrete. Aber das sind andererseits immerhin zwei Gründe, wenn schon der Glaube nicht dabei ist. Und wie wir alle von dem weisen Herrn Meat Loaf noch wissen: „Two out of three ain’t bad.“
Daher besuchte ich fast umgehend ein Orgelkonzert. Und erinnere hier noch einmal daran, dass es in der Hamburger Innenstadt kostenlose Konzertreihen in Kirchen gibt, und wie erfreulich ist das denn. Etwa in Sankt Jacobi, jeden Donnerstag um 16:30, wobei man sogar einer Arp-Schnittger-Orgel zuhören kann (Wikipedia). Oder in Sankt Petri an jedem Mittwoch um 17:15 mit etwas bunterem Programm oder auch in Sankt Katharinen, ebenfalls an jedem Mittwoch, jeweils um 12:30.
Kurze Konzerte in erlebbarer Länge sind das, was der Qualität aber überhaupt nicht schadet.
Vermutlich war ich nun zum ersten Mal noch bei Tageslicht in Sankt Jacobi. Mit Sonnenschein vor den bunten Fenstern, es war ein merkwürdiger Anblick für mich.
Eine Frau mir gegenüber setzte sich und schlief umgehend mit wegkippendem Kopf ein – oder sah zumindest überzeugend danach aus. Vielleicht ist es eine besonders beseligende Form des Mittagsschlafs, das mag sein. Aber auch sonst wurde auffällig oft gegähnt im Publikum. An der Darbietung wird es kaum gelegen haben, die Stücke waren eher belebt. Wir sind, so könnte man auch deuten, eine ziemlich müde Gesellschaft. Anzeichen von Erschöpfung, wohin man sieht, denn es kommt mir auch vor, als würde seit einiger Zeit die Anzahl derer ebenfalls deutlich wachsen, die in U- und S-Bahnen wegdämmern, und zwar zu jeder Tageszeit.


In deutlichem Gegensatz zu der schlafenden Frau aber ein kleiner Junge, etwa sieben Jahre alt. Der in heller Begeisterung mit direktem Blick auf die alte und riesige Orgel saß. Der sie mit so leuchtenden Augen ansah, dass jedem klar sein musste, wie ungeheuer schön er sie fand. Der bei den ersten Tönen so aus dem Häuschen geriet, dass es geradezu mitreißend wirkte. Er freute sich leise, sehr diszipliniert, aber er freute sich so sehr, wie man sich leise nur freuen kann. Das kann von Fall zu Fall auch viel sein, wie zu erkennen war, und von diesem Jungen konnte man gewissermaßen auch etwas lernen. Nämlich etwas, das als „schwelgerisches Zuhören“ vermutlich korrekt beschrieben wird.

Ich lernte neue Komponistennamen, etwa Franz Tunder und Jan Pieterszoon Sweelinck, und ich freute mich, dass auch der olle Buxtehude vorkam. Der an meiner Lieblingskirche in Lübeck gearbeitet hat, an Sankt Marien. Wo ihn Bach dann besucht hat, eine bekannte und höchst eigenartige Geschichte, die erstaunlicherweise meines Wissens immer noch nicht verfilmt worden ist.

Und wieder habe ich gedacht, dass die Orgelmusik, besonders wenn man sie live erlebt, etwas deutlich Drogenhaftes hat. Dass sie im Hirn etwas bewirkt, verschiebt oder aufklart, dass sie einige Gedanken auf besondere Art freistellt. Es ist eine eher schwer zu beschreibende Empfindung und hat sicher am Ende etwas mit dem zu tun, was man „solenn“ nennt.
Später am Tag sah ich einen arte-Film, es war wieder einer dieser „Zufälle“, in dem auf die drogenmäßige Wirkung von Musik prompt eingegangen wurde, am Beispiel des Gesanges.
In diesem Sinne betrachte ich mich also wieder einmal als angefixt, was die klassische Musik betrifft.
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