Dann war ich im Kino, wo ich auch schon wieder zu lange nicht war. Und nicht nur mir ging es so, um mich herum stellten das gleich mehrere Personen fest. Nicht nur einmal verbunden mit dem laut geäußerten Vorsatz, nun aber wieder öfter …
Ja, mach nur einen Plan. Aber eine gute Absicht ist es doch, denke ich. Und selbstverständlich ist es auch eine Form der Kulturunterstützung und damit ein Akt des leichten und fast nebenbei ausgeführten Widerstandes. Wichtig, in diesen Zeiten.
Es war ein besonderes Kinoerlebnis. Das lag zum einen an dem ungeplanten Spezialeffekt, dass in der Werbung vor dem Hauptfilm ein Trailer lief, der dem nachfolgenden Film einen Unterton gab, der in erstaunlicher Weise so wirkte, als gehöre alles so. Der Stimmung und Assoziationsvermögen derart ruppig auf den Hauptfilm einnordete, dass es einem schon vor Beginn des eigentlichen Ereignisses den Boden wegzog.

Ich sah „Vaterland“. Den Thomas-Mann-Film, auch Erika-Mann-Film, auch Klaus-Mann-Film von Pawel Pawlikowski. Mit stark beeindruckenden Darbietungen von Sandra Hüller als Erika Mann und Hanns Zischler als Thomas Mann. Nicht zu vergessen August Diehl als Klaus Mann, auch wenn sein Auftritt nur kurz ist.
Hier auch noch einmal der Link zum Trailer.
Die erwähnte Werbung vor dem Film aber, sie kündigte Block 10 an, einen drastischen Film über Auschwitz von Marcus O. Rosenmüller. Ich werde ihn, obwohl es sicher ein wertvoller Film ist, gewiss nicht sehen. Er übersteigt, das konnte ich deutlich erkennen, mein seelisches Fassungsvermögen bei weitem. Ich wünsche diesem Film dennoch jeden Erfolg, gerade jetzt.
Vaterland spielt 1949. Block 10 spielt 1943 und bildet daher das ab, was man bis 1945 bekämpft hat, was auch die Manns in unterschiedlichen Rollen bekämpft haben. Man sieht daher das zertrümmerte, gründlich ruinierte und durch und durch besiegte Deutschland, das im Film die schwarzweiße Szenerie bildet, die ganze Zeit vor diesem geschichtlichen Hintergrund, mit dieser Erklärung noch im Sinn. Was gerade eben noch war, sieht man also, und was auch prompt schon verleugnet wird. Man hätte das sicher so nicht gebraucht, denn man weiß es doch alles.
Aber es wirkt, und wie es wirkt.
Die Kamera führte, und ich entschuldige mich für die fehlenden Sonderzeichen, die mein Blog aus irgendwelchen Gründen nicht kann, Lukas Zal. Es war die beeindruckendste Kameraführung, an die ich mich in letzter Zeit erinnern kann. Ich habe durchgehend bei nahezu jedem Bild gedacht, dass es genau so sein müsse, ich saß sozusagen permanent nickend davor. Eine Offenbarung, was die Stimmigkeit der Bilder anging. Vielleicht wird es nicht allen so gehen, vielleicht ist nur mein Bild der Nachkriegszeit exakt so wie im Film, bis in jedes Detail. Aber ich nehme doch an, es wird vielen so gehen.
Sandra Hüller zu loben, das ist mittlerweile fast schon albern, das machen eh alle und permanent, aber sie machen es eben auch berechtigt. Hanns Zischler leistet schwer Beschreibbares in der Aneignung der Figur Thomas Mann und August Diehl überzeugt ebenfalls als Klaus in seinem kurzen Auftritt.
Wie auch andere Nebenrollen, etwa Meyerhoff als Gründgens oder Devid Striesow als Johannes R. Becher, grandios besetzt sind.
Die Handlung ist einfach: Erika und Thomas Mann reisen bei ihrem ersten Besuch nach dem Krieg durch das zerschmetterte Land, besuchen Frankfurt und Weimar, wo Thomas Mann jeweils Reden hält, wo es Festlichkeiten ihm zu Ehren gibt. Noch während dieser Reise beendet Klaus sein Leben. Mehr passiert nicht, aber das ist enorm viel. Der NDR hat hier etwas zur historischen Richtigkeit des Films. Ich finde die Entscheidungen des Regisseurs vollkommen plausibel.
Ich kann Intensität und Qualität des Films kaum zutreffend beschreiben; ich nenne nur einen Umstand am Rande, der die Wirkung auf mich verdeutlicht: Ich habe bisher nur zweimal im Leben Tränen im Kino vergossen, damals bei Bambi und jetzt bei der Schlussszene von Vaterland. So ein Film.
Na gut, vielleicht ist es auch schon der Beginn der Altersrührseligkeit, das mag sein. Immer skeptisch bleiben, ich weiß.

Einige Bemerknisse am Rande noch.
Es schadet bei diesem Film sicher nicht, etwas Vorwissen zu haben und es passt, wenn man bei Thomas Mann, Goethe und auch Bach etwas mehr als nur Leerstellen und Ahnungslosigkeit oder gar Ablehnung im Kopf hat. Es ist nun einmal ein Film, der mit deutscher Bildungs- und Kulturgeschichte intensiv zu tun hat, es ist eine Auseinandersetzung damit (und was für eine gelungene Variante).
Aber! Das hat auch zur Folge, dass der Film in einem mir bisher nicht bekannten Ausmaß oberschlaue Menschen anzieht, die in nicht geringer Zahl flüsternd besserwissen, was auch immer da im Bild auftaucht. Es gab sich nach einer Weile, weil der Film irgendwann auch für diese Gäste zu beeindruckend war, aber in den ersten Minuten hätte das auch wieder eine Loriot-Szene sein können.
Und schließlich etwas, das noch vor Beginn stattfand, bevor es im Saal dunkel wurde. Man muss dazu wissen, das Publikum war größtenteils im Alter etwa zwischen mir und 80 Jahren. Deutlich viele waren recht exakt in meinem Alter, um die 60 herum. Und wenn dann so dermaßen viele dieser Gäste komplett damit überfordert sind, ihren Sitzplatz zu finden, für den man lediglich die Koordinaten Reihennummer und Platznummer braucht, wenn das also eine eher schwer lösbare Aufgabe darstellt und wenn sogar mehrfach laut geäußert wird, wie unübersichtlich das alles sei – dann sollte man sich vielleicht mit dem Spott über das Denk- und Konzentrationsvermögen der nachfolgenden Generationen lieber etwas zurückhalten.
Echtjetztmal.
***
Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.