Halloween begann äußerst passend für mich. Denn erstens hörte ich auf der ersten Feiertagsmorgenrunde durch die Innenstadt und durch unser kleines Bahnhofsviertel den „Dracula“ von Bram Stoker.
Der ist gerade in neuer Übersetzung von Andreas Nohl bei ARD Sounds kostenlos verfügbar (empfehlenswert!). Gelesen von Patrick Güldenberg, Elisa Schlott, Noah Saavedra und anderen. 17 Stunden Laufzeit immerhin, und ich dachte zuerst, ich höre nur einmal kurz in den Anfang hinein. Weil ich aus mir unklaren Gründen die einleitende Anreise zum Borgo-Pass sehr mag, den Roman sonst aber ausreichend gut kenne. Weil ich ihn längst gelesen und auch bereits gehört habe, wenn auch in anderer Version.

Ich blieb dann aber wesentlich länger hängen als gedacht und hörte immer weiter. Vermutlich werde ich ihn sogar bis zum Ende laufen lassen. Zum einen, weil mir der ruhige Tonfall des 19. Jahrhunderts, mit dem von unserem Rhythmus so deutlich abweichenden Takt, immer noch das liebste und auch ungefährlichste Sedativum ist, welches mich auf die denkbar angenehmste Art zu entspannen vermag. Zum anderen, weil ich die zahlreichen Landschafts- und auch Wetterschilderungen erneut ansprechend fand.
Ich schreibe selbst gerne über das Wetter, wie Sie sicher wissen. Das vermehrt natürlich meine Neugier bei solchen Passagen – wie machen es die anderen, die Größeren. Wie gehen sie vor, wenn das Wetter umschlägt, wenn der Sturm aufzieht, wenn der Regen beginnt usw.
Vergessen hatte ich allerdings die zahlreichen Erwähnungen von damals modernen Gegenständen und Prozessen im Roman. Eine Kodak-Kamera wird etwa erwähnt (nachgesehen: 1888 gab es das erste Modell), Schreibmaschinen und Steno auch. Es gibt sogar Passagen, die in der Erzählung in einen Phonographen diktiert worden sind. Wo ich schon dabei war und wo es doch zum Tag schön passte, hörte ich noch eben eine Folge Radiowissen über die Geschichte der Vampire (mit interessanten medizinischen Details) und sah ich auch in die aktuelle arte-Doku zu Dracula.
In der es auch um Bram Stoker geht. Mit faszinierenden Aufnahmen aus der öffentlichen Bibliothek (da haben wir es wieder!) in Whitby (Yorkshire), in welcher Stoker erstmals auf den Namen „Dracula“ bzw. „Draculea“ stieß. Woraufhin er seine ersten Ideen zum Buch umgearbeitet hat, etwa den Ort der Handlung teils aus der Steiermark nach Transsilvanien verlegt hat. In Whitby selbst wird Dracula dann später mit dem Schiff in einem ungeheuren Sturm anlanden …
Zweitens traf ich bei diesem morgendlichen Gang – es war ein etwas verhangener, graudunstiger Vormittag, an dem es über Hamburg nicht recht hell wurde, ein Tag auch, der durch das nun überall verfärbte Laub mattgoldverbrämte Ränder an der seltsam verblassten Stadt zeigte und daher äußerst oktobrig wirkte, passend zum Finale des Monats – die einzigen beiden Menschen in diesem Stadtteil, ein Paar, die außer mir meine verstorbene Freundin J. kannten.



An die ich immer noch oft denke. Auch viele Jahre nach ihrem überraschenden Tod noch. Zwanzig oder mehr Jahre werden wohl mittlerweile vergangen sein, aber allzu vergangen kommt sie mir nach wie vor nicht vor. Es gibt andere Tote aus meinem Umfeld und aus den letzten Jahren, die in dieser Zeit wesentlich weiter weggerückt sind. Die ich mir gewissermaßen verstorbener vorstelle.
Vielleicht ist das so, weil J. ein Mensch mit einer ungeheuren Gegenwärtigkeit war. So ein Mensch, mit dem man etwa in ein Restaurant geht und am Abend etwas isst, und wenn man dann einen Tag später Zeugen befragen würde, die anderen Gäste von den Tischen ringsum – sie wüssten alle noch, dass sie da gewesen war. Und sie könnten sie auch beschreiben.
Niemand aber würde sich beispielsweise an mich erinnern. Denn es verlangt einen besonderen Typus und eine besondere Ausstrahlung, um diesen Effekt zu erreichen. Und J. war dieser Typus, sie hatte diese Ausstrahlung.

Mein ebenfalls längst verstorbener und ungeheuer geschätzter Chef D. war auch ein Exemplar aus dieser Gattung. Er hat mir einmal erklärt:
„Wenn ich irgendwo in ein Restaurant gehe, dann kenne ich hinterher den Wirt und die Kellnerin oder mit wem ich da eben spreche. Und mit „kennen“ meine ich, dass die mich beim nächsten Besuch mit Namen ansprechen, und ich sie auch. Das ist bei mir immer so, und ich weiß gar nicht, wie ich das mache. Es ist eben so.“
Es war mir damals unerfindlich, wie das jeweils zuging. Aber ich habe es mehrfach mit ihm erlebt, ich war dabei, und es stimmte.
Wo war ich. Das Paar jedenfalls, welches ich da traf, kennt mich auch, aber nur flüchtig und auch nur, weil wir einmal diese eher vage Verbindung über J. hatten. Etwa alle halbe Jahre sehe ich die beiden zufällig irgendwo, öfter sicher nicht, und jedes Mal müssen sie beim Blick auf mich erst kurz überlegen, wer war jetzt das noch …
Es arbeitet dann einen Moment in ihnen, man sieht es deutlich. Schließlich fällt es ihnen wieder ein, und wir grüßen uns im gemeinsamen Wissen um J., die dabei unweigerlich in unseren Köpfen kurz erscheint. Es ist auf eine seltsame Art auch schön, und ein passenderes Datum für diese Begegnung konnte es kaum geben.

Drittens bot die Stadt an vielen Stellen einen Anblick, der dem Begriff „Unruhenacht“, den ich hier in der Wikipedia bei Halloween sehe, eine passende Illustration unterschob. Etliche Schaufenster waren verriegelt, vergittert und vernagelt. Einige Läden waren auch komplett leergeräumt worden. Allerdings nicht in Erwartung von ruhestörenden Untoten, sondern in Erwartung der Gen-Z-Demo.
Manche Tischler werden sicher gut daran verdient haben, große Geschäfte in Sonderschichten mal eben komplett mit Holz zu verschalen. Es hatte also in jedem Fall etwas Gutes, wie man es auch betrachtet.
Außerdem sah ich bei diesen Maßnahmen, auch schon am Abend vorher, was man sonst nie sieht, dass nämlich Menschen, die offensichtlich professionell für welches Medium auch immer filmten und fotografierten, handwerkende Menschen mit großem Interesse begleiteten. Um das beste Bild oder die beste Szene zum Thema „Vernagelte Schaufenster“ zu bekommen.
Natürlich waren da auch Touristen unter den Fotografierenden. Welche diese Bilder sicher nach Hause in die Provinz geschickt haben werden: „So nämlich geht es zu in der Millionenstadt!“ Und ein banges „Passt bloß auf euch auf“ wird vermutlich die Antwort gewesen sein. Was in diesem Hin und Her dann wiederum eine wirklich wunderschöne Parallele zu den fiktiven Briefwechseln bei Bam Stoker darstellte.
Sie verstehen also vielleicht: Für ein Mitglied des Freundeskreises Synchronizität, Kairos und Zeitqualität war dieser Morgen ein wahres Fest, und zwar ein großes.

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