Dunkeltuten im Bahnhof

Frau Novemberregen schreibt u. a. über den Hamburger Hauptbahnhof, und es ist bemerkenswert, herausstechend und äußerst seltsam: Sie urteilt nicht negativ. Ihre ersten und zweiten Gedanken zum Bahnhof sind nicht hart urteilend, angewidert oder auf der Flucht notiert. Das fällt auf, denn der Hamburger Hauptbahnhof, er hat kein gutes Image und sehr wenig Freunde.

Er ist im Erleben für viele zu groß, dabei ist er objektiv zu klein für die durchrauschenden Massen. An den Rändern zeigt er zu viel Elend, auch im Untergrund, er ist zu kommerziell oder hat zu wenig Geschäfte in sich, je nachdem. Er wirkt furchterregend und abstoßend, er ist gruselig und nachts entschieden unheimlich. Auf viele wirkt er so, auf die meisten. Nicht auf mich.

Man fragt in Medien Menschen gerne nach Lieblingsorten in Städten. Ich wäre da insofern auffällig, als ich ohne langes Nachdenken den Hauptbahnhof nennen würde. Und zwar nicht, um damit wieder als besonders exzentrisch, witzig oder interessant rüberzukommen, sondern weil es tatsächlich so ist.

Ich gehe da bekanntlich jeden Tag Menschen gucken. Enorm viele davon bekomme ich dort zur Auswahl, Tausende und Abertausende, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Und ein wenig ist es wohl wie bei denen, die Tierfilme drehen: Es ist oft für Beobachtende interessanter, wenn etwas passiert. Ein Elch am Waldrand, der zehn Minuten lang neben dem blühenden Weißdorn steht und stumpf in den Sonnenuntergang glotzt – das sendet man dann nicht, auch wenn es gut aussieht. Trifft er aber eine attraktive Elchfrau und findet er die interessant, bahnt er etwas an, geht er auf sie zu … Die Spannung steigt, die Doku-Minuten füllen sich. So einfach ist das.

Und was machen die Menschen im Bahnhof? Nahezu alles machen sie. Sie gehen herum, sie laufen, sie kaufen, essen, trinken, stolpern und schleppen Gepäck. Sie überreichen sich Blumen und Geschenke und Luftballons, sie verabschieden und begrüßen sich, sie weinen, lachen und schimpfen. Sie erziehen ihre Kinder, und die laufen ihnen weg und werden wiedergefunden. Sie füttern Tauben und laufen vor Mäusen weg, sie machen sich Notizen und lesen Bücher und gucken aufs Smartphone und tippen auf Notebooks und spielen Geige – es ist fantastisch.

Blick von der Galerie der Wandelhalle in die Wandehalle

Ein Wimmeltheater mit endloser Szenenauswahl für mich. Es ist fast immer irgendetwas interessant. Und wenn nicht, muss ich nur etwas weitergehen oder vielleicht mal hinunter zu einem Gleis, wo gerade ein Zug steht, und der fährt nach … Kopenhagen. Da kann ich dann gucken, wie eigentlich die Menschen aussehen, die nach Kopenhagen fahren. Vielleicht ja anders als die, die nach Zürich fahren. Man müsste es beobachten und man kann es dann auch. Ist es nicht großartig?

Ich finde es großartig.

Und, um einen vermutlich etwas albern wirkenden Trick zu verraten: Man kann sich dort auch gegen seelische Abstürze selbst helfen. Oder ich zumindest kann das, auf eine denkbar einfache Art, die vermutlich etwas dumpf nach Ratgeberliteratur klingen wird, die aber gleichwohl wirkt. Ich habe es ausführlich getestet, über viele Jahre.

Wenn ich nämlich sehr schlecht drauf bin, also schwarzgestimmt bis zum Anschlag, novembriges Dunkeltuten im Hirn (falls Sie den merkwürdigen Begriff „Dunkeltuten“ nicht kennen, ich habe vor Jahren einmal erklärend darüber geschrieben und schalte den Artikel eben wieder frei, er passt gerade) und sonst nicht mehr viel, dann gehe ich auch in den Bahnhof. Zu einer der Treppen zu den Gleisen gehe ich, und ich trage, es klingt wirklich kitschig, ich weiß, irgendeiner steinalten Dame oder einem gebrechlichen Rentner den Koffer runter oder rauf.

Also natürlich erst nachdem ich gefragt habe, ob das okay sein könnte. Ich entreiße keinen Fremden ihre Koffer einfach so. Denn im Bahnhof haben ja alle Angst vor allen, und zwar besonders ältere Menschen, die sich in ihr Gepäck verkrallt haben.

Blick von der Empore der Wandelhalle über die Gleise

Ich aber trage meist Anzug, wirke daher auf den ersten Blick noch halbwegs seriös und bemühe mich in solchen Momenten außerdem, täuschend echt freundlich zu gucken. Und dann geht es meist. Ich trage ihnen den Koffer hinauf oder hinunter und wir wechseln dann noch zwei, drei harmlose Sätze. Woher und wohin und das Wetter, das Wetter – und ganz erstaunlich oft ist es so, dass es dann wieder geht.

Dass also selbst gewählte „random kindness and senseless acts of beauty“ dem eigenen Hirn eine Möglichkeit der Milderung vermitteln können. Ich halte das mittlerweile für eine klar anwendbare Methode. Und so exzentrisch bin ich auch wieder nicht, obwohl ich entschieden zu den eher seltsamen Freaks gehöre und auch großen Wert darauf lege, dass sich diese Methode nicht auf andere Menschen übertragen ließe. Nehme ich jedenfalls stark an.

Kleine, sogar ganz kleine freundliche Interaktionen – that’s it. Also manchmal jedenfalls. Nach meiner Theorie und Erfahrung braucht man dafür allerdings unbedingt fremde Menschen. Es klappt nicht in der Familie und es klappt auch nicht im Büro.

Aber bitte, vielleicht finden Sie anderes heraus. Man kann da interessante Versuchsreihen starten.

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To squander time

Da mir klassische Musik saison- und also programmgemäß wieder gefällt und mir die Vorliebe zur Orgel geblieben ist, suche ich mir wieder die beiden regelmäßigen Termine der Kirchen um die Ecke heraus. Diese Termine, bei denen man in jeder Woche kostenlos (!) etwas vollgeorgelt werden kann: mittwochs um 17:15 in Sankt Petri und donnerstags um 16:30 in St. Jacobi. Mit anspruchsvollem, wechselndem Programm. Ich fand beide Termine im letzten Winter sehr anregend.

In diesem Jahr wird es allerdings deutlich schwieriger, mir selbst so kurze und frühe Termine zu ermöglichen, wie es aussieht. Aber wie immer heißt das am Ende nur: Dann also erst recht.

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Falls es Ihnen wie mir geht und Ihnen also auch die neue Woche wieder wie eine weitere Hürde vorkommt: Ich fand vor der Galerie der Gegenwart am Wochenende ein bemerkenswertes Hinweisschild. Das mir nicht nur zu den Stufen dort, sondern auch zum Leben und der Abfolge der Ereignisse zu passen scheint: Mind the steps.

Ein Hinweisschild vor der Galerie der Gegenwart: "Achtung, dies ist ein Kunsterk. Die Stufen sind höher als Sie denken."

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Jetzt ans Schenken denken: Ich nehme an, dass es für einige von Ihnen allmählich so weit ist, daher werfe ich ab und zu unter diesem Stichwort etwas in die Artikel, wenn es mir gerade in den Sinn kommt. So sah ich im Vorbeilesen an einem Buchhandlungsregal, dass es „Gentleman über Bord“ von Herbert Clyde Lewis, Deutsch von Klaus Bonn, mittlerweile auch als Taschenbuch gibt. Vermutlich ist es nach wie vor ein Geheimtipp auch für Literaturkennerinnen. Ein ungemein beeindruckendes und originelles Buch, die Jubelmeldungen auf der Verlagsseite bei mare täuschen in diesem Fall nicht.

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Der Sonntag war verkaufsoffen in Hamburg. Weil die Menschen sonst ja nicht genug kaufen können und am Ende gar nicht genug von allem haben. Es wäre nicht auszudenken, deswegen muss man da Verständnis haben. Entsprechend kamen sie auch alle oder doch nahezu alle und kauften tatsächlich dies und das, was gewiss wirklich gefehlt haben wird. Zumindest in der Innenstadt war es so, und aus dem neuen Rieseneinkaufsdings am Hafen las ich Ähnliches. Es ist übrigens nicht so, dass die Innenstadt erkennbar an Besuchermassen verloren hat, seit sie das Ungetüm da eröffnet haben. Man sieht den Effekt nicht. Und er ist wohl auch bisher nicht so groß wie befürchtet, stand neulich irgendwo.

Die Temperaturen steigen hier gerade ins Frühlingshafte, aber an der Binnenalster wird die Weiße Flotte wieder zu winterlichen, weihnachtlichen Märchenschiffen umgebaut. Wie in jedem Jahr, die Arbeiten haben gerade begonnen. Ich ging an einem Stapel mit bereitliegenden Deko-Elementen vorbei, an einem stand: „Froschkönig von unten“.

Man konnte nicht gut erkennen, was es sein sollte, aber das ist bei Fröschen wohl so, nehme ich an. Insofern realitätsnah.

Schiffe der Weißen Flotte am Anleger Jungfernstieg

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Ansonsten hatte ich beim Spaziergang ungewöhnliches, fast lottosechsermäßiges Glück beim geshuffelten Musikhören und fand enorm viel Neues für meine Playlists. So dass ich am Nachmittag immer weiter und weiter ging, bis in die Dunkelheit und bis in die Randgebiete der Innenstadt. Und bis es sich dann nach einem sinnvoll verbrachten Sonntagnachmittag angefühlt hat. Because I squandered time, wie es Bill Nighy in seinem nach wie vor gerne gehörten Podcast „Ill-advised“ immer wieder und wieder und mit Nachdruck empfiehlt.

Wenn Sie sich für etwas traurigere Musik und für die etwas schrägeren Figuren im Umfeld von Indie und Americana interessieren, ist der folgende Clip etwas für Sie, allerdings auch nur dann. Micah P. Hinson mit seiner Version von „500 miles“.

Nur kurz, nur angedeutet. Aber gut.

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Dreierlei vom Sonnabend

Zum einen habe ich auf arte eine Doku über Syd Barrett und Pink Floyd gesehen. Das ist auch eine Geschichte über Kunst und Musik, über Drogen und über das Abdriften von Personen. Über Schicksale und über die Zeit, aus der ich komme, in der ich auf die Welt kam. Ich denke ab und zu darüber nach, was es für mich und meinen Lebenslauf, für meine Haltung bedeutet, aus genau dieser Zeit zu kommen, die so oft als besonders bemerkenswert geschildert und hervorgehoben wird Aber das Thema verlangt vermutlich eine Antwort in Familienromanlänge, und nach Familienroman ist mir gerade so gar nicht.

Eine interessante Frage ist es dennoch.

Es spannt jedenfalls einen Bogen, wenn man an diese Zeit denkt. Denn es war eine Phase der progressiven Welle, während wir nun, rund sechzig Jahre später, bei der erzreaktionären Welle angekommen sind. Und es nach jetzigem Kenntnisstand bedauerlicherweise auch noch ein klein wenig dauern wird, bis das Pendel wieder die andere Seite erreichen kann. Ich zweifle nicht an der Existenz der Pendelbewegung und an ihrer historischen, politischen und kulturellen Bedeutung. Ob ich den Rückschwung aber noch erleben werde, es erscheint mir zumindest als fraglich.

Es gibt etliche Theorien zur Bewegung dieses geschichtlichen Pendels, zu politischen und kulturellen regelmäßigen Wellen und Zyklen durch die Jahrzehnte und Jahrhunderte. Nach den meisten Denkmodellen ist es eher unwahrscheinlich, die Wiederkehr des Pendels in nur einer Lebensspanne zu erleben. Unmöglich ist es andererseits aber auch nicht, denn all diese Theorien zu den bereits stattgehabten Zyklen sind nur Beobachtungen ex post. Sie legen daher nichts fest und lassen uns Gegenwärtigen etliche Möglichkeiten offen.

Falls Ihnen also morgen früh auf einmal nach einem kulturellen Backlash ins Progressive zumute sein sollte: Wir sind dann schon zu zweit. Und irgendwo müssen Mehrheiten ja anfangen. Just saying.

Zum anderen aber hörte ich eine der interessanteren Sendungen über Nostalgie, die dann seltsam zu den obigen Gedanken passte, nämlich beim SWR-Kultur-Forum: „Früher war alles anders – warum sind wir so nostalgisch?“ 44 Minuten, ich fand es interessant.

Drittens kam ich neulich schon beim Nachdenken über KI etc. zu dem Schluss, dass dem Menschengemachten mehr Raum ausdrücklich gewährt und eingeräumt werden muss. In einem sehr praktischen Sinne, und auch in meinem Leben. Weswegen ich eben über die Brücke und ins Museum ging. Ich habe hier immerhin alles um die Ecke und sehr greifbar.

Blick von der Ernst-Merck-Brücke auf die Gleise am Hauptbahnhof

Das Ausstellungsplakat für Anders Zorn in der Kunsthalle

 

Eine große Ausstellung der Werke des schwedischen Künstlers Anders Zorn (Wikipedialink) gibt es gerade in der Galerie der Gegenwart. Seine Hauptwerke malte der etwa um 1900, da haben Sie eine grobe Einsortierungsmöglichkeit. Ich kannte seinen Namen nicht, dabei hatte ich einmal eine gar nicht so kurze Phase, in der ich mich mit so etwas auszukennen meinte. Das Wissen von damals aber, es war mangelhaft, wie ich gestern erneut lernte. Denn Anders Zorn etwa, den hätte ich ruhig kennen können.

Die Ausstellung ist ebenso groß wie kurzweilig. Ungemein lebendige Porträts, bei denen sich Parallelen zur modernen Porträtfotografie spontan aufdrängen, auch Instagramgedanken sind vor manchen Werken nicht abwegig.

Querverbindungen zur neulich erst gesehen  Doku über John Singer Sargent auf arte bieten sich nebenbei auch an. Er hatte wohl einen modernen Blick, der Herr Zorn. Hier im Selbstporträt.

Ein fotografiertes Gemälde, ein Selbstporträt von Anders Zorn

Ich könnte jetzt – allerdings habe ich es nicht versucht, ich theoretisiere nur herum – ein Bild von mir oder einem mir lieben Menschen nehmen, es durch eine KI jagen und sagen, sie solle mir ein Gemälde im Stile von Anders Zorn daraus machen. Vermutlich wäre das Ergebnis ziemlich beeindruckend, vermutlich würden wir staunen, was die Software da kann.

Aber wie viel großartiger ist es, vor diesen Bildern zu stehen und zu denken: Das hat der echt gemalt. Stundenlang, tagelang, der konnte das und guck mal, hier ist das Ergebnis. Mit der Hand, mit seinem Blick, mit seiner Einschätzung der Personen und sicher auch mit der Gesprächsführung bei den Porträtsitzungen. Es ist dann doch ein anderes Staunen, das ich vor solchen menschengemachten Werken erlebe.

Ein fotografiertes Gemälde, ein Porträt einer Dame von Anders Zorn Ein fotografiertes Gemälde, ein Porträt von Anders ZornEin fotografiertes Gemälde von Anders ZornBesucherinnen vor Bildern von Anders Zorn, hier die Porträts des Ehepaars Liebermann

Man wird die KI nicht mehr wegbekommen und es ist ja auch im Ernst unfassbar, was die etwa bei Bildern zustande bringt, aber man kann und sollte andererseits dafür sorgen, dass wir die menschlichen Künstlerinnen und Künstler auch nicht wegbekommen. So kann man sich etwa den Besuch von Ausstellungen nun schon als Akt der Gegenwehr erklären, denke ich. Und Gegenwehr, da stehen wir doch drauf.

Den Herrn Zorn fand ich dann dermaßen ansprechend, ich habe nach dem Besuch der Galerie sogar Merch im Museumsshop gekauft, das habe ich wohl seit Jahrzehnten nicht mehr getan.

Sie können sich diese Ausstellung auch dann ansehen, wenn Sie einen konventionellen oder eher unkundigen Kunstgeschmack haben, sie wird Sie wahrscheinlich dennoch begeistern. Ich unterstelle das aber auch, wenn Sie einen betont arrivierten Geschmack und bedeutend viel Ahnung haben. So eine Ausstellung ist das nämlich.

Läuft noch bis zum 21. Januar im zweiten Stock der Galerie der Gegenwart. Die norddeutschen oder reisewilligen Leserinnen und Leser fühlen sich bitte angemessen geschubst.

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Wasn’t this supposed to be a musical?

Vorweg ein Dank für frisch zugesandte Bücher! Post von Leserinnen oder Lesern ist meist die beste Post, ach was, ist immer die beste Post.

Bücher von Maar und Forster, siehe Text

Zwei Bücher vom Wunschzettel. Im Bild E. M. Forster mit einem schmalen Band: „Die Maschine steht still“ (Verlagslink), Deutsch von Gregor Runge. Nach dem Text auf dem Buchrücken ist es die früheste Beschreibung des Internets, lange bevor es auch nur die ersten Computer gab, eine Dystopie.

Und dann noch Michael Maar mit „Das violette Hündchen – große Literatur im Detail“ (Verlagslink). Eine voluminöse Abhandlung, es wird mir sicherlich ein Fest sein.

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Wenn man Titelsammlungen wie die gestern hier gepostete per KI recherchiert, wenn man also mit einem anständigen Prompt, den man länger durchdacht hat, nach Songs sucht, in denen es beispielsweise um Anrufe in die Vergangenheit geht, ist im Ergebnis bei den großen Anbietern etwa ein Viertel falsch, da inhaltlich deutlich unzutreffend. Es geht in den aufgezeigten Liedern nicht um das entscheidende Telefon, es geht vielleicht auch nicht um Liebe usw. Etwa ein weiteres Viertel ist frei erfunden, komplett halluziniert, lediglich aus Wahrscheinlichkeiten plausibel klingend zusammengebastelt. Was aber, zugegeben, fast schon eine eigene Kunstform ergibt, im Sinne von „Titel, die bei Hildegard Knef plausibel gewesen wären.“ Aber es gibt die Songs nicht mit diesem Titel, nicht von diesem Menschen.

Etwa die Hälfte oder vermutlich noch weniger ist richtig. Das ist besser als es noch vor etwa einem Jahr war, okay. Man kann das im Ergebnis für viel oder eher für wenig halten, in jedem Fall aber gilt, dass es mehr einfach nicht ist. Wie man es auch dreht und wendet: Überwältigend ist das nicht gerade.

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Draußen laufen in dieser Saison und zumindest in der Stadtmitte weniger Halloween-Fans in Kostümchen herum als im letzten Jahr. Ich vermute, das ist ein Fall von schwer zu ergründenden Großstadtrhythmen, dass es mal üppiger und mal knapper ausfällt, oder gibt es da noch andere Deutungen? Gibt es einen sinnigen Hinweis auf weniger Partys in diesem Jahr? Mir ist nichts bekannt. Wie auch immer, wir verzeichnen in der Chronik gelassen eine geringere Geisterdichte. Es stört keinen großen Geist, wie ein berühmtes schwedisches Mädchen gesagt hätte [edit: von wegen, es war ein Junge, wie sich herausstellt].

Auf den Wegen habe ich nun wieder mehr Platz, die Außengastro zog sich zurück. Die Stühle und Tische wurden weggesammelt und über mir wird in diesen Tagen die große Winterdeko auf ihre stabilen Strippen gezogen. Tausende von Lichtern werden montiert und wir rücken alle wieder ein Feld vor, auf der Ereigniskarte steht Vorweihnachtszeit. Erste Schaufenster schalteten bereits komplett in den Christmas-Modus und im Discounter wurde der Weihnachtsware ein weiteres Regal eingeräumt, die Lebkuchenauswahl wurde vergrößert. Alles geschieht so pünktlich, wie es die Bahn einmal war.

Ich sehe nach dem Feiertagsspaziergang an Alster und Elbe im großen Park nach, und richtig, in Planten un Blomen ist auch schon wieder Betrieb auf der Eisbahn. Man kann gleiten, stürzen, lachen und tanzen, friedlich inszeniertes Großstadtwinterleben.

Menschen auf der Eisnbahn in Panten un Blomen am Abend

Menschen auf der Eisnbahn in Panten un Blomen am Abend

Ich lehne mich auf der oberen Ebene an die Brüstung und sehe eine Weile auf die Menschen auf dem Eis hinunter. Wie sie da kreisen und sich manchmal in die Arme, manchmal auch in die Quere laufen. Aus meinen Kopfhörern singt Billy Joel dazu äußerst passend:

„Where’s the orchestra?

Wasn’t this supposed to be a musical?

Here I am at the balcony

How the hell could I have missed the overture?”

Denn es ist nun einmal so: Wenn nur lange genug herumgeht und dabei Musik hört, dann passt irgendwann ein Stück perfekt zur Szenerie. Und dafür gehe ich meilenweit, wie man so sagt.

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Ach, das Schöne an der Shuffle-Funktion

Die Mehrheit von Ihnen wird heute keinen Feiertag haben. Aber die Menschen in Hamburg geben sich verhaltensauffällig und tun so, als hätte der Reformationstag eine tiefe, zu würdigende Bedeutung für sie. Und warum auch nicht, andere tricksen mit anderen Feiertagen und Festen. Es gibt nach wie vor gewisse Bundesländer da unten (der Autor fuchtelt unwillig in Richtung Südelbien), in denen es zwei Feiertage mehr im Jahr gibt. In jedem Jahr. Ungerechtigkeiten überall.

Während ich am selbst für mich allzu frühen Morgen im Badezimmer vor dem Spiegel stehe, nach einer Woche, in der es nennenswert zu wenig Schlaf und deutlich zu viel von nahezu allem anderem gab, während ich da also stehe und mich noch bemerkenswert gedankenlahm frage, wie müde und verbraucht ein Mensch an einem Feiertagmorgen aussehen kann, shuffelt mir das so oft trostreiche Smartphone die passende Textzeile aus einem Song zu:

„We are ugly, but we have the music.”

Nicht schlecht, Zufall, denke ich da anerkennend und immerhin auch dezent amüsiert, wirklich nicht schlecht.

Es ist ein Lied, welches mir am Herzen liegt. Schon wegen der Zeile „You told me again, you preferred handsome men, but for me you would make an exception.“ Welche mir in nahezu wörtlicher Übereinstimmung in diesem Leben bereits begegnet ist: Man macht was mit und kein Tag ohne Demütigung, es treffen beide Regeln zu.

Ich weiß bis heute nicht, ob es sich dabei damals um ein halbwegs witzig gemeintes Zitat handelte oder um ein lediglich zufällig mit dem Songtext übereinstimmendes, wahr empfundenes Statement. Ich tendiere aber zu der zweiten Deutung, versteht sich.

Der Schriftzug "Liebe" als Grafitti an einer Wand

Längst habe ich keinen Kontakt mehr mit jener, es gibt keine Möglichkeit der späten Aufklärung. Wobei späte Aufklärungen, so jedenfalls mein Verdacht, ohnehin eher kategorisch nicht anzustreben sind und Wiederbelebungen aller Art eher unterbleiben sollten. Womit ich mich textlich auf einmal unerwartet Halloween und den Untoten annähere, was macht das Unterbewusstsein da nun wieder.

Wiederbelebungen jedenfalls, wie sie etwa Tom Waits in „Martha“ so berühmt und selbstverständlich auch so schön und rührend besungen hat, sie sollten in Songs bleiben. Da gehören sie hin, da klingen sie romantisch, da haben sie eine Chance und einen Wert.

Er ruft die alte Liebe an, und „It’s been forty years …“, hören wir – meine Güte, überlegen Sie mal. Vierzig Jahre. Lass bloß die Finger von dem verdammten Telefon, möchte man da doch mit Vehemenz raten.

Es gibt ein todtrauriges Cover dieses Songs von Mick Flannery, treffend und angemessen, das depressive Element stark betonend.

Oder aber man interpretiert es ganz anders, wie etwa Sam Harris hier, bühnentauglich, theatralisch und dabei nicht weniger verzweifelt:

Ich habe, aber das erzählte ich bereits einmal, die große, die aus jugendlicher Sicht ganz große Liebe von vor langer, langer Zeit beim Wiedersehen in einem größeren Kreis nicht einmal erkannt. Und sie dann im Gespräch irgendwann wie irgendeine Fremde nach ihrem Namen gefragt. Ich wäre in den Minuten danach an der Peinlichkeit gerne gestorben, und ich finde es, obwohl es mittlerweile auch schon wieder Jahre her ist, immer noch schmerzhaft. Es hat mich von allen Wünschen, solche Anrufe jemals zu tätigen, gründlich geheilt.

Beachten Sie, wenn wir schon dabei sind, bitte auch die selbstverständlich unschlagbare Originalversion des Liedes von Tom Waits. Er war erst 23 Jahre alt, als er es schrieb und aufnahm. Dann die Version von Tim Buckley, in der die zeitliche Distanz auf etwas überschaubarere zwanzig Jahre verkürzt wird. Sowie, besonders nuancenreich, Bette Midler, bei der aus dem singenden Tom Frost kurzerhand Betsie Frost wird.

Auf den Plätzen ferner Lee Hazlewood, der sowieso allem eine besondere Note gibt, und Freddie White, bei dem man etwas Irland aus dem Tonfall heraushören kann.

Es ist aber, wenn man erst einmal anfängt, sich damit zu beschäftigen, ein ganzes Genre, das sich auftut. Wenn man über Songs nachdenkt, die sich mit Anrufen in die Vergangenheit beschäftigen, könnte man auch einmal eine Playlist dazu anlegen.

Ein Genre ist es, in das dann in einem weiteren Sinne auch Adele mit „Hello“ gehört: „But I ain’t done much healing“. Wer hat das schon, Adele, wer hat das schon.

Oder die neulich erst verlinkte Laura Marling mit der Gegenposition in „Caroline“, die als Angerufene singt. Mir fällt gerade keine andere Version ein, in der es so gedreht wird: „I‘d like you not to call again.“ Eine vernichtende Zeile, Laura Marling ist eine herausragende Texterin.

Was noch … Jim Croce natürlich, mit „Operator“, zeitlich und textlich nah an Tom-Waits-Song dran oder umgekehrt.

“Operator, well, could you help me place this call?
See, the number on the matchbook is old and faded,
She’s living in L. A. with my best old ex-friend Ray
A guy she said she knew well and sometimes hated.”

Die Älteren tauschen an dieser Stelle kurz wissende Blicke aus und erinnern sich angemessen wehmütig an handgeschriebene Nummern auf Streichholzschachteln und ähnlichem Material. Ach ja.

Die deutschen und französischen Versionen von Martha sagen mir nicht zu, aber ich schließe das Kapitel mit einem anderen großen deutschen Telefonsong, komplett mit Wählscheibengeräusch am Anfang und einem enorm anschlussfähigen Text, der die alles entscheidenden Zeilen enthält: Nämlich „Ab dafür“ und „Muss ja auch nicht.

Ich gehöre da vielleicht einer Minderheit an, aber ich finde immer noch, Stefan Remmler („das einzige noch lebende Mitglied der Band“, wie die Wikipedia trocken anmerkt) hat als Texter ein paar sehr gute Momente gehabt.


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Was zu tun bleibt, was zu lassen ist

Zur großen Überraschung fast aller heute doch ein Text. Nur nicht zur Überraschung langjähriger Leserinnen, denn die kennen den Trick schon: Wenn ich ankündige, etwas nicht zu schaffen, dann geht es auf einmal. Man muss seine Reaktanz manchmal auch sinnvoll und mit fast aikidomäßiger Geschicklichkeit einzusetzen wissen. Aber das nur am Rande.

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Heute Home-Office, denn im Bürogebäude findet ein lustiges Halloween-Event statt, mit Teambuilding, Verkleidungen und Geisterjagd. Dafür bin ich entweder zu alt, zu norddeutsch, zu schlecht gelaunt oder zu verstockt. Multiple Choice, mehrere richtige Antworten sind möglich und auch vollkommen erwartbar.

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Aber apropos „zu alt“. Milde irritiert hat mich ein Artikel in einer Zeitung, in dem es um eine ältere Frau ging. Wobei „ältere“ Menschen mittlerweile in solchen Texten immer öfter ungefähr so alt sind wie ich. Was wiederum eine weitere Irritation ist, aber nicht die, welche ich eingangs meinte.

Es ging da jedenfalls um eine Person, die ab dem 60. Lebensjahr beschlossen hat, aus ihrem alten Leben und den ihr überholt vorkommenden Verhaltensmustern auszubrechen. Sie fasste den Vorsatz, weniger Rücksicht auf andere zu nehmen, womit dann fast immer die Familie gemeint ist, und lauter Sachen zu machen, die sie noch nie vorher gemacht hat.

Es erinnerte etwas an das Buch von Isa, manche werden sich noch erinnern können.

Dann machte sie also dies und das, diese ältere Frau, was dann in Texten dieser Art immer so genannt wird. Sie werden es kennen, denn das Format wiederholt sich und der Menschen Neigungen auch: exzentrische Sportarten, seltsame Hobbys und aufregende Reisen etc. Bis hin zu Flugstunden.

Ein auf den Boden gemaltes Tanzschrittmuster für Discofox

Was mir daran jedenfalls zu denken gab, denn man bezieht so etwas manchmal auch auf sich und denkt dann vielleicht eine Weile versonnen so vor sich hin, dass war: Mir fallen viel eher Sachen ein, die ich nicht mehr machen möchte. Sie fallen mir jedenfalls deutlich eher ein als Sachen, die ich dringend noch machen möchte.

Ich pfeife auf den Jakobsweg und auf Flugstunden, auf das Erlernen von Schwimmstilvarianten und den Erwerb einer Marathonqualifikation. Viel wichtiger ist es mir, viel erstrebenswerter kommt es mir vor, diverse Aufgaben loszuwerden. Dies und das nicht mehr machen zu müssen, es wäre mir wahrlich ein Fest. Hier und da nicht mehr verantwortlich zu sein, nicht mehr zuständig und administrationspflichtig. Auch nicht mehr ansprech- oder erreichbar.

Wäre ich nicht erreichbar, ich hätte wirklich etwas erreicht. So in etwa kommt es mir manchmal vor. Und so hat jeder seine ganz eigenen Träume, nicht wahr.

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Zwischen Captain Haddock, Schubert und Adorno

Während ich noch über das Immerhin des Tages nachdenke, denn es gibt Tage, da braucht man dafür etwas länger, muss etwas gründlicher suchen und zweifelt manchmal gar, ob überhaupt eines zu finden sei, lese ich noch eben dies und das in der Wikipedia nach. Ausgehend von den Festen und Feiertagen am kommenden Wochenende, den Bräuchen, den Sitten, den Ableitungen. Und finde schließlich:

„Die krankhafte Angst vor Halloween wird Samhainophobie genannt“ (Quelle).

Und die, denke ich dann und habe es damit doch noch gefunden, die habe ich immerhin nicht.

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Ansonsten verläuft diese Woche wesentlich wilder als gedacht. Sie ist auf fatale Weise angefüllt mit Zeug und Problemen, Terminen, Treffen und To-Dos aus allen Richtungen und in allen Ausprägungen; sie gibt sich unverkennbar ruppig, übergriffig und eher unsympathisch. Insgesamt ein Biest von KW, diese Nummer 44, sogar dergestalt, dass hier morgen evtl. kein Text erscheinen wird. Schlimm.

Kräne und Rohbauten am Baakenhafen

Im Bild die Baustellen am Baakenhafen, vor dem neuen Büro.

Captain, it’s Wednesday, möchten da einige vermutlich wieder reflexmäßig kommentieren, ich weiß es ja.

Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, darauf könnte man auch zwanglos kommen, und wenn Ihnen das noch nicht anschlussfähig genug vorkommen sollte, so hilft auch hier ein Wikipedia-Zitat sicher weiter:

In der ersten, ursprünglichen Textfassung lautete der Satz: „Es läßt sich privat nicht mehr richtig leben.

So hängen wir zwischen Captain Haddock und Adorno, metamodern und marode. Und in eben diesem Sinne greife ich im Bedürfnis nach Trost und gechillten Tagen, wie die Söhne sagen würden, ebenso zurück wie vor, und zwar zu Schubert.

Der liegt bekanntlich mit seinem Werk einerseits etwas zurück, das gleich zu spielende Stück ist andererseits erst am Wochenende dran. Aber man wird sich ja durch dezentes Mitsingen ohne Publikum seelisch etwas vorbereiten dürfen auf Allerseelen. Auch wenn man damit im religiösen Sinne gar nichts zu tun hat. Schon gar in einer Woche wird man das tun dürfen, die mit Ruhe und Frieden partout nichts zu tun haben will, obwohl die Jahreszeit und auch die Traditionen beides doch vehement einfordern.

Innenaufnahme St. Jacobi, ein altes Weihwasserbecken und ein Ölgemälde im Hintergrund

Im Bild eine Aufnahme aus Sankt Jacobi in Hamburg. Wenn ich mich richtig erinnere jedenfalls, es ist das älteste Bild aus dem zu verbloggenden Vorrat.

„Ruhn in Frieden alle Seelen, die vollbracht ein banges Quälen.“ Für die eine oder den anderen mag es heutzutage auch ein Lied sein, zum Feierabend zu singen. Johann Georg Jacobi war der Dichter des Textes.

Das Video hier als Link, nachfolgend auch eingebettet. Es singt wie im letzten Jahr Konstantin Krimmel. Wer Versionsvergleiche mag, Sie finden hier auch Fischer-Dieskau, Samuel Hasselhorn, Ian Bostridge und, anders als die anderen und besonders, sogar dringend empfohlen, Matthias Goerne.

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Fremd gewordene Formen

Im öffentlichen Bücherschrank findet auch etwas Kulturgeschichte im Kleinen statt, denn es stehen dort oft die Bücher der Boomer, die nun zum Ballast geworden sind. Die Bücher derer, die zehn, zwanzig Jahre älter als ich sind. Bücher, welche einige Jahrzehnte Geistesgeschichte der BRD geprägt haben. Ausgaben aus der DDR kommen ebenfalls vor, sind hier aber selten.

Es sind Bücher von Autorinnen und Autoren, deren künftige Relevanz zweifelhaft erscheint. Was nicht unbedingt an ihnen liegt, eher an der Zeit, an der Geschwindigkeit der Entwicklung und generell am Loslösen von historischen Bindungen, auch im Bereich der Kultur, schon gar bei der Literatur. Gerade gestern hörte ich einen Podcast, in dem eine junge Frau von einer früheren Zeit sprach, in der es noch „große Schriftsteller und so“ gegeben hätte. Das sei ja heute nicht mehr so. Es klang ganz selbstverständlich, eine Tatsachenbeschreibung. Es klang, als schriebe einfach niemand mehr, und vielleicht denkt sie es wirklich. Vermutlich wird es so sein.

Gebundene Bücher sind es jedenfalls oft, die da im Schrank stehen. Manche mit erstaunlich intaktem Schutzumschlag. Man hat noch darauf geachtet und Dinge sorgsam behandelt. Nikotingelbe Seiten, denn man hat noch geraucht. Wir haben alle geraucht, und wie wir geraucht haben.

Widmungen auf dem Vorsatz in Handschriften, denen man eine andere Schulzeit ansieht. Eine andere Art der ausgeschriebenen Handschrift, eine andere Dimension der Übung und auch eine andere Stufe der Korrektheit, des Akkuraten. Keine Schreibfehler, nirgends. Ordentliche Handschriften sind das, gut leserlich, und sie beginnen mit Anreden, die heute kaum noch verwendet werden. „Ich möchte Ihnen, lieber Herr …“ Oder hier: „Dem Fräulein XY …“ Es folgen höfliche Sätze, in denen gesiezt wird. In denen eine längst fremd gewordene Form korrekt gewahrt wird.

In denen sich, auch das merkt man, und man merkt es teils deutlich, um Inhalt und Präzision auf wenigen Zeilen bemüht wird. Ganz ohne Nostalgie kann man das feststellen, es ist einfach eine Entwicklung. Wir kommen von da, und wir sind, was die Schriftkultur betrifft, heute woanders, und eine weite Strecke liegt dazwischen.

Ich bedauere das allerdings nicht, weil die Welt und die Kultur untergehen, denn das tun sie nicht, oder zumindest noch nicht. Sie werden wie immer nur anders. Ich bedaure das nur, weil ich auch aus dieser alten Zeit komme und mir eine Art geistiges Heimweh also sehr wohl zusteht, durch abgelebte Jahrzehnte erwirtschaftet.

Zeitungsartikel stecken in diesen Büchern, gar nicht selten. Sauber ausgeschnittene und mehrfach gefaltete Rezensionen aus der FAZ, aus der Zeit, aus der Süddeutschen und ähnlichen Blättern. Aus Feuilletons, die damals noch eine vollkommen andere Bedeutung und Geltung hatten. Manchmal auch mit kundigen Kommentaren am Rand, mit Verweisen und Unterstreichungen. Fast immer mit Datierungen, denn das gehörte so.

Ein Aufkleber an einem Stromkasten mit der Aufschrift "Relevanz"

Und so lange haben sie ungelesen und auf unbestimmte Wiedervorlage zwischen diesen Seiten geklemmt, dass einige dieser vergilbten Artikelausschnitte brechen, wenn man sie endlich wieder auseinanderfaltet. Nach all der Zeit.

Nossack etwa, das ist so ein Autor aus jener Zeit, Hans Erich Nossack. Ich lese in einem Band seiner Erzählungen. Mir fällt auf, was mir damals, als ich als junger Mensch in diesen Werken gelesen habe, nicht aufgefallen ist: Wie diese Generation in den Nachkriegsjahrzehnten zu einer besonderen Sprache gefunden hat. Zu einer Sprache, die sich von den Schnörkeln der Vorkriegsvergangenheit fast komplett befreit hat, auch von der Satzlänge und den Nebensatzkonstruktionen à la Thomas Mann. Sie schrieben eine Sprache, die schlichter geworden war, klarer auch. Nicht mehr rabiat verkürzt im Sinne der Kahlschlagliteratur aus den ersten Jahren der Republik, eher in einem Sinne der sorgsam bedachten Beruhigung und Sammlung.

Eine Sprache, die eine kurze Zeit noch keine oder kaum Modernismen aufwies. Keine Verweise auf die USA oder auf englische Bezeichnungen, keine Hinweise auf moderne Technik und auf die sich rapide ändernde Welt, die sich bald hin zur tobend eskalierenden Konsumglobalisierung entwickelte. Es war nur eine kurze Phase, in der man so wie Nossack schrieb, aber seit ich über diese Sprache intensiver nachdenke, lese ich die Texte gerne wieder.

Das Buch "Begegnung im Vorraum" von Hans Erich Nossack

Neben dem Nossack stand Cesare Pavese im öffentlichen Bücherschrank. Sein „Handwerk des Lebens“, und das liest vermutlich auch keiner mehr. Daneben Hilde Spiel, eine ganz schmale Erzählung von ihr. Daneben Max Frisch, „Mein Name sei Gantenbein“, ein verschossenes, leicht schiefes Suhrkamptaschenbuch in hellem Grün.

Auf dem Einband etwas, das man als Rotweinfleck deuten könnte. Nicht sehr groß, eher dezent. Es würde gut zum Bild passen, das ich mir von diesen Buchbesitzerinnen und Buchbesitzern mache, wenn es Rotwein wäre. Ein leeres Kalenderblatt außerdem darin, vom 11. September 1979, ein Dienstag war das. In einer amtlich oder ingenieurmäßig ernst wirkenden Type steht es da, auf dem Papier der Firma Zettler. Mit der Angabe von Zinstagen, von Kalenderwochennummern sowie den Sonnenauf- und -untergangszeiten, dito Mond.

Zeilen für Einträge zu vorgegebenen Uhrzeiten, und zwar von 7 bis 22 Uhr. Das musste für normale Menschen damals noch reichen.

Na, es wird selbstredend ein geschöntes Bild sein, das ich mir von den Vorbesitzenden dieser Bücher und von ihrem Lesen, Schreiben und Denken in den alten, analogen Zeiten mache. Aber das macht wohl nichts. Geschönte Bilder sind immerhin das, was wir wirklich gut können, in unserer mittlerweile etwas seltsam geratenen Gegenwart.

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Zusammenriss und Vergatterung

Währenddessen habe ich doch wieder ins gedruckte Buch zurückgefunden. Disziplin, Zusammenriss und eigene Vergatterung, man muss sich ab und zu auch beikommen können. Ja, man sollte sich von Zeit zu Zeit selbst so begegnen, wie Heinrich Manns Professor Raat seinen Schülern damals begegnete. Man sollte sich vor dem Spiegel also in aller Strenge aufsagen: „Sie treiben Nebendinge! Ich werde Sie fassen, wo immer ich es vermag!“

Und es sich dann auch noch glauben und exekutieren, versteht sich.

Ich lese also abends und auch sonst Virginia Woolfs Orlando interessiert weiter. Dabei verstehe ich nicht recht, was man daran nicht verstehen kann, was aber, böse Falle, selbstverständlich auch heißen kann, dass ich es nicht verstehe. Es ist kompliziert.

Ich amüsiere mich bei den Szenen, in denen seine (die geschlechtsfluide Hauptfigur ist in diesem Kapitel noch ein Mann) exzessiv ausgelebte Lese- und Schreibsucht geschildert wird. Denn die Beschreibungen dieses Suchtzustandes bleiben über alle Mediensüchte und über all die Jahrzehnte hinweg verlässlich erhalten, sie ähneln sich sogar über die Grenzen von Prosa und Sachbuch hinweg. Bis heute, bis hin zum Smartphone, wiederholen sich einige Wendungen.

Das mindert keine Smartphonesucht, die es zweifelsfrei gibt und die ich nicht geringschätze. Aber es ergänzt doch selbst bei eigener Betroffenheit etwas historischen Charme. Was bei allem auch nicht unwichtig ist.

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Währenddessen gab es ferner wieder einmal eine Demo in dieser Stadt. Eine ausdrücklich stadtbildbelebende Veranstaltung war es. Welche, und da möchte man fast etwas lokalpatriotisch werden, trotz Regen und Wind und überhaupt trotz Jahreszeit bestens besucht war.

Läuft bei uns, und sei es als Demonstrationszug.

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Wie bereits erwähnt, bin ich ansonsten saisonal bedingt wieder aufnahmefähig für Klassik, was bei mir meist zusammenfällt mit der Aufnahmebereitschaft für Weihnachtssüßigkeiten etc. Wodurch sich im Laufe der Jahre eine etwas seltsame assoziative Verknüpfung verfestigt hat, denn die Herren Bach oder Händel etc. klingen für mich nach Lebkuchen und Glühwein. In der Hamburger Innenstadt, fällt mir dabei ein, mehren sich nun die Anzeichen für das Anbringen der ganz großen Weihnachtsdeko und auch schon für den Aufbau der Weihnachtsmärkte. Ich sah die ersten Hinweisschilder, wir schreiten voran.

“Und irgendwer hält immer die Glühweintrinkerfahne hoch“, sang Sven Regener einst treffend.

Ich sehe nach, welche Kantate zum gestrigen Sonntag gehörte, ich mag solche Systeme. Das hat etwas mit dem Kirchenjahr zu tun, womit ich mich nicht ansatzweise auskenne. Es war, wenn ich da nicht gerade in die Irre gehe, der 19. Sonntag nach Trinitatis, eine Bezeichnung, die mittelalterlich feierlich klingt, wenn man nicht daran gewöhnt ist.  Ich lese Trinitatis nach, weil meine Allgemeinbildung da bedenklich zu schwächeln scheint. Aber ich merke beim Lesen schon, ich werde es mir wieder nicht merken können.

Es ist wie mit Fronleichnam: Ich kann es in jedem Jahr erneut nachlesen, was das ist, ich habe einfach keinen Speicher dafür frei.

Die Kantate zu diesem Sonntag, man kann das hier im Verzeichnis der Kantaten nachsehen, welches ohnehin unterhaltsam ist und gleichzeitig beruhigend wirkt, ist jedenfalls eine, die man mit einer gewissen Andacht hören kann, auch als nichtreligiöser Mensch. Nämlich dann, wenn man an den unaufhaltsam heraufziehenden Montag denkt: „Wo soll ich fliehen hin.“

Ich meine, wer würde das an einem Montagmorgen nicht gelegentlich denken. Der 5. Satz hat einen Titel, den man bei Meetings und Calls gut mitdenken kann: „Verstumme, Höllenheer“, und der 6. Satz bringt einen dann wieder auf den Teppich, wenn man zum Feierabend hin erkennt, was man bewirkt hat und was man morgen bewirken kann: „Ich bin ja nur der kleinste Teil der Welt.

Es wird uns hier freundlich vorgeorgelt, das Kantatenmotiv:


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Von Feinheiten und Weltgeltung

Der Hamburger Hauptbahnhof ändert sich. Es wird darin etwas umdesignt und umbenannt, nämlich die Wandelhalle. Vielleicht ist dies ein Wort, dem man in letzter Zeit eine gewisse Spießigkeit, einen merkwürdigen Muff unterstellt hat, ich weiß es nicht. Und auf mich wirkt es auch nicht so, dass man es dringend verbessern müsste. Ich finde das Wort Wandelhalle eher angenehm altmodisch und vollkommen in Ordnung.

Aber die Zeiten, sie sind nun einmal anders. Es wurde daher beschlossen, aus der Wandelhalle „The Grand Hall“ zu machen. Mit dem Adel und Würde verleihenden Zusatz „since 1906“. Ich würde dabei nun einen gewissen Snobismus unterstellen, eine deutlich zu erkennende Vornehmtuerei, um ein aussterbendes Wort noch einmal über diese Seite zu jagen. Man macht sich hier internationaler, mondäner und dabei auch weltweit austauschbarer. Was im Sinne der Optimierung für den Tourismus vielleicht sogar sinnvoll ist, was weiß ich. Viele, sehr viele Fehler habe ich in diesem Leben gemacht, aber einen habe ich doch ausgelassen und bin immerhin kein Marketingexperte geworden. Und das ist auch gut so.

Auf den Mülleimern in der Halle jedenfalls kann man den neuen Schriftzug schon sehen, ausgerechnet bein Müll beginnt es. Auf einem dunklen Grün, das mich etwas an After Eight erinnert, es wird wohl erwünscht sein. Komplett mit neuem Logo und neuer Schriftart klebt das Logo da und wird sicherlich bald überall in großen Versionen montiert.

Ich mache das dann auch, denke ich mir, als ich da vorbeigehe und dieses neue Logo bestaune. Wenn es doch alle Welt macht, und wenn es einem doch freisteht. Wenn es doch offensichtlich gut und erwünscht ist, sich ins Englische zu wandeln und also ein wenig zu steigern. Buddenbohm, das klingt am Ende auch so provinziell, als könnte man es etwas anheben. Als könnte man da noch etwas Niveau unterschieben, etwas Weltgeltung.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Be you

Puddletree, das wird in etwa die Entsprechung sein. Und meinen Vornamen, der in Deutschland ohnehin längst viel zu häufig, geradezu plebejisch geworden ist, den tausche ich bei der Gelegenheit auch gegen etwas Passenderes für diesen neuen Nachnamen ein. Was nehme ich denn da, Moment – Percy könnte passen. Ja, Percy Puddletree, das wird es sein.

Ich werde mich im Geiste einfach jedes Mal umbenennen, wenn ich künftig durch den Bahnhof gehe. Ich werde innerlich eine andere Haltung annehmen, mich an die neue Noblesse dort anpassen und mich intensiv bemühen, Entsprechendes auszustrahlen.

Percy Puddletree, since 1966. Plötzlich Appetit auf After Eight. Schlimm.

Und wie beim Bahnhof wird sich ansonsten gar nichts ändern. Nur die Vibes für einen Moment. Denn es geht nicht um Inhalte, es geht nur um das feine Gefühl, bzw. um das Gefühl des Feinseins. Und Gefühle, damit kennen wir uns doch aus.

Da geht dann kein Buddenbohm mehr nach der Arbeit einfach nur durch den Bahnhof, no sir. It’s Puddletree – fine walking.

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Sensationell passend zur Grand Hall gibt es bei arte etwas für den Freundeskreis Kunst, nämlich eine Doku über den herausragenden Porträt- und Modemaler John Singer Sargent. Sie kennen eines seiner Bilder vielleicht vom Cover des Romans „Der Mann im roten Rock“ von Julian Barnes.

Warum aber passt das nun zur Grand Hall? Well, John Singer Sargent galt als einer der letzten Vertreter der Grand Manner. Sehen Sie, es fügt sich alles wieder passend zusammen. Und es gehört dann auch so, gemäß einer alten Regel, sozusagen since immer schon.

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