Bitte beachten Sie die Sicherheitshinweise

Apropos Urlaub: Im Zusammenhang mit Buchungen gibt oder gab es gerade Sicherheitsprobleme, zu denen ich seltsam wenig Berichte sehe. Aber hier hat es jemand verbloggt und hier war schon im Juni davon die Rede.

Die Herzdame, die im Gegensatz zu mir doch gerade ein wenig umtriebig herumreist, war da betroffen. Da Dienste dieser Art sicher auch von Leserinnen hier genutzt werden, habe ich sie gebeten, mir Notizen darüber zuzuwerfen. Was sie auch tat, ich machte daraus einen kurzen Bericht mit ganzen Sätzen wie folgt. Es ist also eine Art Koproduktion:

„Ich habe vor einem Monat ein Hotelzimmer bei „Numa“ in Berlin gebucht. Das läuft alles komplett digital über die App der verbundenen Buchungsplattform, zusätzlich gibt es noch E-Mails und WhatsApps über Numa direkt. Über diese Kanäle kommen auch der Check-in-Link und der digitale Türcode. Die Kommunikation läuft also über drei Kanäle, kapiert habe ich schon das nicht so richtig. Als Zahlungsmethode hatte ich Paypal angegeben. Kostenlose Stornierung war noch längere Zeit möglich.

Kurz vor der Reise bekam ich eine Benachrichtigungsmail von Numa über das Plattformsystem, dass ich jetzt einchecken könne und für einen reibungslosen Ablauf bitte meine ID verifizieren solle. Hier waren auch folgende Buchungsdetails hinterlegt: Vor- und Nachname, Buchungsnummer, Buchungszeitraum, Zimmerkategorie, Anzahl Gäste.

Zwei Minuten später bekam ich eine weitere Benachrichtigungsmail, auf den ersten Blick über den gleichen Weg: „DRINGEND: Es ist Zeit für den Online-Check-in.“ Ansonsten ein sehr ähnlicher Text und die echten Kontaktdaten von Numa. Alles war allerdings deutlich schöner und professioneller gestaltet als die Textwüste in den Benachrichtigungsmails der Plattform.

Vor allem aber waren sämtliche Buchungsdetails auch in dieser zweiten und gefälschten Mail korrekt angegeben. Selbst der Check-in-Link sah echt aus, exakt wie in der anderen Mail. Da ich nirgendwo geklickt habe, weiß ich nicht, an welcher Stelle man auf eine Fake-Seite weitergeleitet werden würde. Einzig die Absenderadresse war verdächtig, mit einigen weiteren Zeichen vor dem Domain-Namen. Das habe ich aber erst später nachgeschaut.

Da ich per se allergisch auf Sätze mit „DRINGEND“ reagiere [kann ich bestätigen. MB] und dann noch diese beiden Mails direkt hintereinander bei mir ankamen und ich auch theoretisch noch rund eine Woche Zeit zum Stornieren hatte, habe ich das erstmal ignoriert.

Zwei Stunden später bekam ich dann über WhatsApp schon die nächste Nachricht, dieses Mal aber auf Englisch, ohne deutsche Übersetzung (was mich auch schon wieder bockig gemacht hat, denn wäre ich z. B. meine Mutter, ich könnte gar kein Englisch). Beim Security-Checks sei festgestellt worden, dass meine „Card Details“ nicht verifiziert werden konnten, sogar mit Screenshot der Buchungsplattform als Beleg. Dazu Hinweise auf „new policy to improve booking security“ … und dann die Aufforderung, die Karte jetzt über den angegebenen Link zu verifizieren. Da muss man auch erstmal genau hinschauen.

Dies kam mit den beiden Antwortoptionen, ob man die Reservierung aufrechterhalten oder canceln möchte. Das hat mich doch etwas irritiert, weil es auf der einen Seite klar nach Spam aussah, u.a. anderem gab es da eine Nummer mit indischer Vorwahl. Das könnte aber auch ein Callcenter sein, was ja nicht mehr unüblich ist. Auf der anderen Seite waren aber auch hier wieder sämtliche korrekten Buchungsdetails und meine persönlichen Angaben enthalten. Kurz nach den beiden E-Mails, von denen nur eine echt war. Das war alles sehr gut gemacht und ich wäre fast darauf reingefallen.

Ich habe Numa via Plattform angeschrieben und nachgefragt. Parallel dazu bekam ich kurz hintereinander zwei weitere Benachrichtigungsmails (eine echte und eine immerhin gutgemachte, aber doch zweifelhafte Version) mit dem Hinweis auf Sicherheitsprobleme und der Erklärung, dass einige Gäste Phishingmails bekommen hätten.

Einen Tag später gab es von einem anderen WhatsApp-Account eine neue Nachricht, wieder auf Englisch, dass ich jetzt wirklich schnell meine Daten verifizieren müsse, weil sonst meine Reservierung storniert werden würde. Und noch einen Tag später schrieben sie wieder, um mitzuteilen, dass es sich dabei um keine Zahlung handeln würde und ich kostenfrei stornieren könne, dass durch die Überprüfung aber sichergestellt sei, dass die Person, die die Reservierung vornimmt, der rechtmäßige Karteninhaber sei.

Gestern hat sich das Hotel dann direkt auf meine Anfrage gemeldet und mitgeteilt, dass es gerade Sicherheitsprobleme gibt.“

Soweit die Herzdame. Und ich denke, das war jetzt eine Premiere für uns. Denn Spammails etc. haben wir vermutlich alle mittlerweile zigtausendmal erlebt, aber Phishing-Mails mit abgegriffenen und auch noch brandneuen Original-Daten von einem größeren Anbieter, das hatten wir bisher noch nicht.

Es scheint mir auch ein weiteres Beispiel für die Enshittification von allem zu sein. Also ein Prozess, den man bis in den Abgrund modernisiert hat.

Na, man lernt nicht aus. Freiwillig oder unfreiwillig.

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Auch mal in alles passen und richtig sein

Kid37 schreibt über unheimlichen, wespenartigen Besuch, der dann doch etwas Besonderes ist und der auch noch töpfern kann. Was es alles gibt!

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Am Vormittag sitze ich in einem Wartezimmer herum und tue das, was der Name des Raumes in angenehmer Deutlichkeit vorgibt. Hier wurde gerade alles renoviert. Neue Möbel, neue Farbe an den Wänden, es sieht alles noch etwas nach Prospekt aus und riecht auch noch so. Nach Werbebroschüren für gepflegtes Wartezonendekor sieht es aus, so macht man das jetzt, in diesem Style lässt man zeitgemäß warten.

Cremeweiß überwiegt. Oder ist das Chamois, ist es Elfenbein, eine teuer anmutende Variante von Beige vielleicht, irgendwie im Ton auf jeden Fall an Sand erinnernd und hier und da belebt durch einige wenige dunklere, wärmere Elemente. Kamel, Reh und Fuchs. Dazwischen nur ein Hauch von Chrom, die Beine der Sitzmöbel, mattglänzend.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Fucking ChiChi

Außer mir sitzt nur noch ein weiterer Mann in diesem Raum und nach einer Weile fällt es mir auf – wir passen beide farblich geradezu lächerlich gut in dieses Ambiente. Jedes Kleidungsstück haben wir im begrenzten Spektrum dieser Töne gewählt, die sicher beruhigend auf die Menschen wirken sollen, die dort geparkt werden. Und, auch das fällt mir etwas verzögert auf, wir sind, und da wirkt es dann endgültig so, als habe man uns in dieses Setting hineinretouchiert, gegenläufig im Farbverlauf. Sein Sakko und meine Hose im dunkleren Segment, seine Hose und mein Sakko cremefarben wie die Wände.

Es sieht auch gar nicht aus wie ein Prospekt, denke ich dann weiter, es sieht eher aus wie ein AI-Bild. Ich bin offensichtlich in die Plastikwelt geraten und müsste eigentlich dringend im nächsten Spiegel prüfen, ob meine Falten im Gesicht noch da sind. Ob ich noch so unrasiert bin, so wie ich hier hereingekommen bin. Etwas unangenehm dekogerecht fühle ich mich, und es ist ein überaus seltsames Gefühl. So muss es Models wohl gehen, wenn man sie für ein Event aufgebrezelt hat.

Wer mag das denn gepromptet haben, frage ich mich, und kommen dann erst nach dem Verlassen der Praxis auf etwas, das heute vielleicht naheliegt. Ich hätte nämlich – wenn man schon in einem KI-Bild sitzt! – jemanden bitten sollen, diesen Raum zu fotografieren. In der Komplettansicht mit mir und dem anderen Mann, und ich hätte dann zum Zwecke der Selbsterkenntnis irgendeine AI-Variante bitten sollen: „Beschreibe möglichst genau den Prompt, mit dem dieses Bild erstellt werden kann.“

Und dann hätte die Software vielleicht etwas ausgeworfen wie: „Ein elegant, modern und neugestaltet anmutendes Wartezimmer mit wenigen, sesselartigen Sitzgelegenheiten. Ein junger Mann und ein älterer Schrat in fast ironisch anmutender, zum Mobiliar exakt passender und vermutlich gerade erst erworbener, gepflegt wirkender Kleidung …“

Oder etwas ganz anderes? Na, ein wenig schade ist es schon. Es wäre doch zum Verifizieren der eigenen Schrathaftigkeit wahrhaftig interessant gewesen.

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Holunder, Diamanten und Konzentrationsdefizite

Felix schreibt über Aberglauben und Heldentaten.

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Ich habe das mit der Holunderreife, die ich gestern erwähnt habe, noch einmal nachgelesen. Es scheint so zu sein, dass sich der Beginn dieser Reife in den letzten paar Jahrzehnten in Hamburg um etwa 14 Tage hin zu einem früheren Anfang verschoben hat. Also mehr und mehr in das hinein, was wir vermeintlich zweifelsfrei und im Rahmen unserer in der Kindheit gelernten Assoziationsmöglichkeiten noch als Hochsommer definieren würden. Fünf Tage pro Dekade nach vorne, diese Angabe fand ich, und es geht sicher noch weiter so.

Aber es wird, versteht sich, regionale Varianten in breiter Vielfalt geben. Ihr beweisführender Holunder ist vielleicht noch nicht so weit oder auch viel weiter als meiner.

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Eine weitere Begebenheit bezüglich der sogenannten Zufälle. Die mir übrigens, aber das führe ich demnächst noch weiter aus, vermutlich auch deswegen vermehrt auffallen, weil ich über sie schreibe und dadurch also in einem gewissen Sinne nennenswert engagierter registriere als andere, die so etwas nicht irgendwie erzählend verwerten. Ich werde mir dadurch sicher einige mehr merken. Und schon habe ich wieder einen Teil der Erklärung meiner gefühlt unsinnigen Zufallsdichte.

Denn Sie haben wahrscheinlich ebenso viele Vorkommnisse im Alltag, die Ihnen drastisch unwahrscheinlich vorkommen, wie ich. Diese Vorkommnisse also, bei denen Sie denken: „Also Wahrscheinlichkeitsrechnung hin oder her, das war jetzt aber echt speziell gerade.“

Ich gehe am Nachmittag um den Block und höre dabei einen Podcast über die Halsbandaffäre in Frankreich, ein WDR-Zeitzeichen, 15 Minuten lang. Hier auch der Wikipedialink zum historischen Kriminalfall, eine interessante Geschichte.

Zwischendurch ärgere ich mich aber, weil ich gedanklich abschweife und deswegen nicht recht verstehe, wer wann wie, mit was oder gegen wen. Und das ist ja bei Krimikonstruktionen meist nicht unwichtig. Ich höre also eine Stelle der Sendung wiederholt an und dann, in einem Anfall von energischem Willen, mich selbst zu mehr Konzentration zu erziehen, auch noch einmal. Denn es kann doch wirklich nicht so schwer sein, korrekt mitzubekommen, wer da nun mit den Diamanten was gemacht hat.

In diesem Moment spricht mich ein Mann höflich an und fragt, ob ich ihm eben helfen könne. Ein Mann, der, wie drückt man es aus, mäßig heruntergekommen ist. Also etwa so, dass man es nicht auf den ersten und flüchtigen Blick bemerkt, doch aber schon beim nächsten Hinsehen nicht mehr ignorieren kann. Die Kleidung ist schadhaft und nicht so sauber, wie man sie etwa in einem Büro erwarten würde. Er riecht auch nicht gut.

„Wissen Sie, wo ich einen Diamanten verkaufen kann?“, fragt mich der Mann. Er habe noch einen, und das wäre jetzt auch dringend, man würde ihn bestehlen wollen.

Ein abgerissener Aufkleber an einem Regenfallrohr, man kann nur noch "ist illegal" lesen

Und ich mache dann schon wieder zwei Sachen gleichzeitig. Ich denke einerseits intensiv über Wahrscheinlichkeiten und die Matrix nach, sage andererseits aber, dass ich auf diesem Gebiet nicht kundig sei. Was auch der Wahrheit entspricht, mein bisheriger Lebenslauf kam noch nicht beim Diamantenverkauf vorbei.

Dann fragt der Mann, was mir viel naheliegender vorkommt, nämlich ob ich wenigstens Kleingeld für ihn hätte. Dann ergänzt er noch betont höflich, als ich verneine, dass er auch Scheine nehmen würde. Ich gehe nach dem kurzen Straßendialog weiter und höre mir die Geschichte bis zum Ende an, aber ich bleibe doch etwas abgelenkt.

Denn das mit dem Zufall, das halte ich zwischendurch immer wieder für ein etwas herausforderndes Konzept.

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Montagslinks

Gehört: Ein wenig Unterricht, wieder aus der Radio-Reihe „Der Rest ist Geschichte“, nämlich: Josef Stalin – er ist wieder da (48 Min.). Über die geschichtliche Figur und den alten und neuen Stalinkult in Russland. In der Sendung spricht auch die geschätzte Irina Scherbakowa, eine der Gründerinnen von Memorial, die ich einmal live erlebt habe und die mich nachhaltig beeindruckt hat.

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Außerdem gehört: „Offline leben – Menschen ohne Internet“, eine Sendung beim WDR, 20 Minuten lang. Dazu habe ich einen besonderen Bezug, weil meine Mutter nicht (mehr) online ist, schon seit etlichen Jahren mittlerweile. Falls Sie das mangels Betroffenheit verständlicherweise nur am Rande interessiert, nehmen Sie bitte nur eine relevante Zahl für den Smalltalk zum Thema mit: 7 Millionen Menschen sind in diesem Land offline. Und das sind nur die, welche komplett offline sind. Dazu kommen sicher mehrere Millionen mit Teileinschränkungen aus tausend Gründen.

Und ich finde, man muss sie mitdenken, wenn es etwa um Behörden- oder Arzttermine, Bahntickets etc. geht. Genau genommen halte ich es für selbstverständlich, sie mitzudenken. Ich bekomme bei meiner Mutter mit, wie sie mehr und mehr eingeschränkt wird, weil so vieles nur noch online geht. Oder nur noch online gut und schnell geht und offline eher ein einziges Desaster ist. Diese Variante spielt auch eine Rolle.

Eine improvisierte Rampe für Rollstuhlfahrerinnen an einer Bordsteinkante mit dem Text "Zugang ist ein Menschenrecht, hier fehlte eine Rampe"

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Gesehen: Diese Doku über Madness und Ska. Man bekommt beim Sehen vielleicht etwas Lust auf eine gewisse Art von treibender Musik, wenn man da mindestens eine Grundaffinität hat. Aber nach wie vor ist es viel zu warm, zumindest in dieser Wohnung, um auch nur im Sitzen sachte herumzuwippen. Ich habe das gründlich für Sie getestet, und es kam mir zu anstrengend vor. Es war fast schon ein Sportgefühl.

Vielleicht also spart man sich diesen Link lieber auf für einen frischen Herbsttag mit den altvertrauten 12 Grad. Der Frühherbst übrigens, er  beginnt im phänologischen Kalender mit der Reife der Holunderbeeren, und wenn ich aus dem Fenster und runter auf den Busch am Spielplatzrand sehe – na also, Bingo. Ein paar wenige Tage früher als im langjährigen Mittel üblich.

Schlecht ist es jedenfalls ohnehin nicht, einige Links auf Vorrat zu haben, wie sich bei mir in diesem Urlaub gerade erneut beweist.

Falls das eingebettete Video nicht geht, hier der Link.


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Was passiert hier eigentlich

Gerade dachte ich, die Chronik, die Chronik, was passiert hier eigentlich. Und dann fiel es mir wieder ein, was gerade das Gute ist, nämlich dass nichts passiert. Insofern befindet er sich halbwegs erfolgreich und stets bemüht urlaubend, der Herr Buddenbohm, und auch das ist nicht nichts.

Im Äußeren zumindest passiert nichts. Ich mache nichts, besuche nichts und niemanden, fahre auch nirgendwohin und beachte keinen Veranstaltungskalender dieser Stadt oder gar Gegend.

Schrift auf dem Pflaster: "Fit für den Ausflug Alter?"

Es war aber ohnehin zu heiß für fast alles in den letzten Tagen. Zuerst war es nur unsinnig warm, dann wurde es brutal warm, schließlich kurz gefühlt gefährlich heiß. Je nach Lage vielleicht auch nicht nur gefühlt. Schon der Blick aus dem Fenster auf die Menschen, die drüben auf der Großbaustelle mit den Presslufthämmern arbeiten und sich in den Beton und durch die alten Bodenstrukturen vergangener Gebäude wühlen. In der Sonne und in der Schutzkleidung, mit dem Helm und allem … meine Güte.

In der Innenstadt liefen am heißesten Tag auffällig viele Menschen mit einem Handtuch um den Hals herum. Mit dem sie alle paar Meter die austretenden Körperflüssigkeiten versuchsweise zurückdrängten, um weiterhin halbwegs wie ein Mensch daherzukommen. Bei den Menschen ohne Handtuch aber, da weiß nun man nicht, wie viele auf den entscheidenden Metern durch die schattenfreien Zonen schlicht bis zur Auflösung zerflossen sind und nun irgendwo schmerzlich vermisst werden. Sommeropfer.

Erstaunlich viel Körperliches bekam ich auch vom Fenster aus mit, an diesen Tagen der Hitze. Nachbarinnen und Nachbarn, die fast und manchmal auch komplett nackt auf Balkone traten oder an Fenstern standen, nach Wolken Ausschau hielten oder auf einen Luftzug hofften. Die Arme erhoben wie bei Turnübungen, in denen man in seltsamer Haltung minutenlang verharrt, weil es so gehört.

Pinkelnde und kackende Menschen in den Gebüschen am Rand des Platzes. Die sich dort Deckung suchten und sorgsam vor der Verrichtung nach allen Seiten umsahen, ob auch niemand guckte. Aber es war dann wie in manchen Religionen, sie wurden die ganze Zeit von oben beobachtet, dachte ich aus meiner ansonsten meist wenig gottgleichen Perspektive. Es gibt, um das noch kurz zu erklären, viel zu wenig öffentliche Toiletten in dieser Stadt. Was allerdings, so lese ich hin und wieder, mittlerweile auf viele und gerade auf große Städte zutrifft.

Aber irgendwo muss der Aperol eben hin, auf dem Rückweg ins Hotel.

Ein Hinweisschild vor Außengastronomie, eine Tafel mit der Aufschrift "Aperol Spritz 8,90"

Dann gab es diesen einen Moment an einem frühen Morgen, als ganz rechts am Platz ein Golden Retriever kackte und ganz links zeitgleich eine junge blonde Frau. Wobei sich beide mit einer seltsam verbunden wirkenden Kopfhaltung prüfend umsahen … Es passiert gar nicht oft, dass ich am Fenster stehe und laut lache.

Ich liege und sitze ansonsten weiterhin herum und beschäftige mich mit Lesen und Schreiben, mit Internetgucken und auch einmal wieder, nach langer Pause, mit dem Sehen von Filmen. Ich finde, das habe ich sehr gut eingerichtet so. Etliche gespeicherte Links, teils noch aus dem Winter, sind zwischenzeitlich allerdings abgelaufen. Die Filme sind nicht mehr verfügbar etc. Ich lösche sie heiteren Sinnes, und so lichtet sich endlich einiges. Aufräumen ist auch digital schön und nicht jeder broken link sparkt noch joy.

Dann doch wieder die Anwandlungen der protestantischen Arbeitsethik, die bekanntlich Stellen im Hirn erreicht, wo Motivation sonst nicht hinkommt. Dann sitze ich also da, klicke harmlos und vergleichsweise entspannt, also für meine Verhältnisse jedenfalls, von Link zu Link, sehe in ein Buch und in einen Film, habe vielleicht auch bereits eingekauft und den Söhnen ausreichend Futter hingestellt, daher einen komplett unverplanten, freien Tag vor mir – da denkt etwas unangenehm laut und befremdlich oberlehrerhaft in mir:

„Mit der Zeit könntest du auch etwas anfangen.“

Ich frage mich selbst sofort launisch, denn man sollte sich stets und nach Möglichkeit mit Humor begegnen, ob ich jetzt vielleicht spontan einen Roman schreiben solle oder was, ob ich ein neues Großprojekt beginnen oder sogar wie normale, also alle anderen Menschen, ein neues Hobby interessant finden solle? Hm? Tai-Chi-Basics in vier Tagen, es gibt sicher Sommer-Workshops?

Und dieses Etwas in mir sagt in einem bemerkenswert humorlosen Tonfall schlicht:

„Ja. In der Tat.“

Und da dann passiv-aggressiv einfach liegenbleiben. Reaktanz auch einmal ausleben. Sich vielleicht sogar erst recht ausstrecken, demonstrativ ein Buch aufschlagen oder einen weiteren Film starten oder schlicht die Augen schließen … das scheint mir die Kunst zu sein. Und ich habe immerhin noch eine Woche Zeit, darin etwas besser zu werden.

„Siehste“, sage ich zu mir selbst, „da hast du dein Projekt. Also bitte, Ruhe jetzt.“

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Ein heiterer Austausch von Halbwissen

Ich habe zu danken. Und es fällt diesmal etwas originell aus und verlangt auch noch Kontext. Dazu muss ich berichten, dass Sohn II und ich gerade einen Lauf haben, wenn es um den Zufall und um unsere Verbindung geht. Das haben wir zwar schon öfter erlebt, auch in erstaunlichem Ausmaß, wundern uns aber doch immer wieder, was da genau passiert. Und wie es passieren kann.

Neulich habe ich etwa, hier war das, einen Blogartikel u. a. über das Knoten von Krawatten geschrieben, mit einem Verweis auf die nur vage angedachte Option, diese Kunstfertigkeit irgendwann meinen Söhnen beizubringen.

Das schrieb ich einfach so runter. Dann las ich es noch einmal Korrektur, speicherte es in der finalen Version ab und klickte dann woanders hin. Irgendwo ins Internet, schon wieder auf zu neuen Themen und Ideen. Als auf einmal Sohn II hereinkam und an den Wohnzimmertisch trat, an dem ich saß und schrieb. Sohn II, der weder zu meinen Stammlesern gehört, noch irgendwie mitbekommen haben kann, an was für einem Text ich da gerade geschrieben habe. Der überhaupt in seiner aktuellen Hauptrolle als ferienverchillender und also dauerversumpfter Teenager kaum als kontaktstark oder auch nur als latent austauschbedürftig beschrieben werden könnte.

Dessen Tür eher dauerhaft und verlässlich verschlossen ist. Weil dahinter, wie es in dem Alter so ist und auch gehört, bei Tag und Nacht wichtige Entwicklungs- und Hirnumbauarbeiten stattfinden.

Aber nun hatte er doch einmal eine Frage. Nämlich eine nach Knoten. Ihm war beim Verknoten eines Müllbeutels aufgefallen, dass er sich nicht ganz sicher war, ob er da eigentlich den Knoten macht, den alle machen. Außerdem fragte er sich, woher er Knoten überhaupt kennt. Von mir? Und kann ich noch andere? Er hat dann nicht sofort verstanden, wieso ich ihn so entgeistert angesehen habe. Ich staunte jedenfalls etwas, wie sie sich vermutlich vorstellen können.

Zwei Tage später griffen wir eine Tradition auf, die wir seit seiner Kleinkindzeit haben, ich berichtete damals. Wir sprachen also kurz und nur en passant, aber doch wie immer lebhaft interessiert, über die ganz großen Themen und über die alten und aktuellen Erkenntnisse dazu. Über die Unendlichkeit, das Universum, den Urknall, die Ewigkeit, die Zeit, die Quantenmechanik und all das. Ein heiterer Austausch von Halbwissen, lange verschütteten Sachbucherinnerungen und neuesten, wilden TikTok-Theorien.

Dann klingelte es an der Tür, noch während wir dieses Gespräch führten, und es kam eine Buchsendung mit einem Kinderbuch. Es war ein angenehm dickes, schon auf den ersten Blick schönes Bilderbuch. In dem es unter anderem um die Unendlichkeit geht. Um den Anfang und auch um das Ende von allem, um die Zeit und um den ganzen Rest, wo kommen wir her und wo geht es hin.

Schrift auf einem Brückenpfeiler in der Hafencity: "Der Mann aus dem Nichts". Im Hintergrund unscharf ein Motorboot

Es lag kein Zettel dabei und das Buch war auch nicht auf unserem öffentlichen Wunschzettel. Ich kann also nicht wissen, wer da mit geradezu gesegneter Intuition so dermaßen richtig gelegen haben kann. Aber ich danke erstaunt und besonders herzlich, das war ein ausgesprochen interessanter und belebender Moment. Eine angenehme Lektüre zu zweit war es dann auch.

Denn das Buch ist gut und ich habe also, nanu, noch einen weiteren Geschenktipp zur falschen Jahreszeit: „Gewitternacht oder wo endet die Unendlichkeit“ (hier der Verlagslink) von Michéle Lemieux. Es hat diverse Preise gewonnen, dieses Buch, was wir jetzt nachvollziehen können. Es ist, sagt Sohn II, auch hervorragend gezeichnet.

Ausgewiesen wird es für Kinder ab 6. Die Zielgruppe reicht nun, wie sich durch mich einwandfrei erwiesen hat, mindestens bis zu Kindern um die 60. Vielleicht möchten sie es sich als Geschenk vormerken, und nein, ich stehe weder mit der Künstlerin und Autorin noch mit dem Verlag in geschäftlicher oder anderer Verbindung. Nie gehört von der Frau und dem Buch.

Wie auch immer. Sohn II und ich, wir überlegen es uns jetzt jedenfalls wieder eine Weile sehr gut, worüber wir reden oder schreiben. Besser ist das.

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Die Stunden zwischen Hotel und Bahnhof

Wie mittlerweile hinlänglich berichtet, ist unser Stadtteil touristisch überlaufen und reichlich mit Hotels, Reisegruppen und angeblich sehenswerten Szene-Locations versehen. Weswegen ich in der Hochsaison eine besondere Form der Spielplatzbesucherinnen beobachten kann, das sind die Reisenden in den Stunden zwischen Hotel und Bahnhof. Reisende, die zwei, drei seltsam leere, sicher etwas fad wirkende Stunden irgendwie herumbringen müssen. Weil sie das Hotel schon verlassen haben, vielleicht auch verlassen mussten, das nächste Verkehrsmittel aber noch nicht dran ist. Das fährt erst, und dann sieht jemand auf die Uhr … „Meine Güte, da haben wir ja noch Zeit!“

Eine Formulierung dieser Art ist vermutlich eine kollektiv bekannte Erfahrung, ebenso wie die daran anschließenden Überlegungen.

Ich kann aus vielen Erfahrungen, auch an anderen Orten, ableiten, dass etliche Menschen, vermutlich sogar die Mehrheit, mit dieser Zeit nichts anzufangen wissen. Man kauft vielleicht noch eben etwas ein, ein Getränk und Kekse für die Fahrt und dergleichen. Aber es ist danach immer noch so viel vom Nachmittag zu überbrücken.

Und da ist dann irgendetwas, das einen davon abhält, sich noch einmal oder wieder irgendwo hineinzusetzen. Um einen weiteren Kaffee zu trinken oder erneut etwas zu essen. Vermutlich hat man das gerade schon getan, ist bereits satt und getränkt, möchte nicht schon wieder Geld in den Touristenfallen ausgeben und hat darüber hinaus in dieser Gegend vermeintlich alles gesehen. Man möchte mit dem Gepäck außerdem nicht herumlaufen, man möchte eigentlich nur noch weg. Man möchte reisen, unterwegs sein. Selbst wenn es damit enden sollte, dass man dann wieder zuhause ist.

Man muss aber warten und warten.

Schrift auf einer grauen Fassade: "Grau"

Dann suchen sich die Menschen in dieser Situation, was in Hamburg-Mitte gar nicht so oft zu finden ist, nämlich Sitzplätze im öffentlichen Raum. Sie gehen in Parks und in Fußgängerzonen, sie gucken in Nebenstraßen und Gänge, über die Zäune von Spielplätzen. Sie setzen sich auf alles, worauf man sich nur setzen kann. Nicht nur auf Bänke, die hier ohnehin eine Seltenheit sind.

Dann sitzen sie da herum. Eine Stunde, zwei Stunden. Sie sehen dabei höchstens mäßig gelaunt aus, deutlich abgeurlaubt, durchgereist und ferienvollendet. Sie sind geistig nicht mehr hier und noch nicht dort, sie sitzen gerade auf irgendetwas, aber auch zwischen Stühlen. Ihre Stimmung können sie vielleicht selbst nicht ganz einordnen und gucken leer, planlos und unmotiviert. Sie sehen aus wie: Die müssten mal abgeholt werden. Aber die holt dann keiner ab.

Ich nehme an, wir haben das alle schon so erlebt und auch bei anderen gesehen. Ich sehe es in diesen Sommerwochen dauernd.

Eine Gruppe möchte ich herausheben, weil sie in dieser besonderen Situation etwas kann, was alle anderen nun nicht mehr können. Etwas, das der Rest der Gesellschaft in den letzten beiden Jahrzehnten, man kann es tatsächlich eingrenzen, gründlich verlernt hat. So gründlich sogar haben es fast alle verlernt, dass sie das, was früher alle konnten und dauernd gemacht haben, nun in einem gewissen Kontext sogar mit einer neuen Vokabel bezeichnen und manchmal mit einem fast sportlichen Interesse versuchen, nämlich das Rawdogging. Ein Phänomen, bei dem sie es mit „Disziplin und Selbstkontrolle“ zu tun bekommen, so ihre Selbstwahrnehmung. Vielleicht ist es auch längst unser aller Selbstwahrnehmung.

Aber die Altersgruppe ab etwa Mitte 70 … Ich kann es vom Fenster aus wie ein Tierforscher beobachten, der mit der Kamera im Anschlag irgendwo im Unterholz auf seltene Vögel oder gut getarntes Wild lauert, die sitzt da einfach nur. Es hat nicht den Anschein von Selbstdisziplin und Kontrolle, nicht im Geringsten. Sie suchen sich geduldig einen Platz im Schatten, sie stellen die Koffer und Taschen so ab, dass sie alles jederzeit im Blick haben, denn man weiß ja nie.

Dann lehnen sie sich zurück und sehen über den Spielplatz und zu den schaukelnden Kindern. Sie sehen nach oben in das Laub der Bäume und mit etwas Glück auf die dort turnenden Eichhörnchen. Auf die Krähen blicken sie, auf die wartenden Tauben, Möwen und Elstern. Manchmal zeigen sie sich gegenseitig ein Tier. Sie wechseln dabei hin und wieder einen Satz, eher selten, bekommen aber nur kurze Antworten und reden sonst nicht viel. Den Menschen, den sie da neben sich haben, den haben sie in vielen Fällen auch schon jahrzehntelang neben sich. Da kann man auch einmal gemeinsam schweigen.

Sie legen die Köpfe in den Nacken, sehen am Kirchturm hoch bis zum Himmel und danach wieder auf ihre Füße, dann vor sich hin. Und sie machen es, man sieht es ihnen deutlich an, einfach so. Sie sehen dabei nicht auf ihre Smartphones, sie holen keine Notebooks heraus, sie tragen auch keine Kopfhörer, um Podcasts zu hören. Es sind Menschen von früher und sie verbringen diese zwei, drei öden, hohlen Stunden zwischen Hotel und Weiterreise, wie sie es immer schon gemacht haben, denn sie können das noch. Einfach so.

Man darf es sich aber nicht als Leistung vorstellen, es ist keine. Es ist nur das Leben und das Verhalten, das sie kennen. Und Menschen wie ich, die in den so analogen Siebzigern oder Achtzigern noch ganze Sonntagnachmittage mit glasigem Blick vor Raufaserwohnzimmerwänden verbracht haben, ab und zu leise stöhnend vor lauter Langeweile und bleierner Entschlusslosigkeit, wir können uns noch gut erinnern an das, was die da machen.

Wir kennen auch dieses kraftlose Körpergefühl des Wartens noch und auch die wattige Wahrnehmung des eigenen Hirns, in dem in diesen Stunden nicht allzu viel zu passieren scheint. Nur ein sachtes Verdämmern und Verblassen der Minuten.

Schön fanden wir das damals aber nicht, weiß Gott nicht. Das wissen wir noch sehr gut, dass es nicht schön war, und für eine Leistung haben wir es auch keineswegs gehalten, eher im Gegenteil. Selbst dann war es keine Leistung, wenn wir gut darin waren. Und es war uns recht, dass es irgendwann nicht mehr notwendig war und durch technische Hilfsmittel aus unserem Alltag verdrängt wurde. Wir haben also nicht zwingend einen Grund, diesen Teil unserer Vergangenheit auf einmal zu romantisieren und mit trendig klingenden neuen Namen wiederzubeleben.

Man kann es sich zwar auf eine gewisse Art als interessant und geistig herausfordernd denken, das ist schon verständlich. Aber man muss es nicht, und historisch, das scheint mir eindeutig, kommt es auch nicht hin.

Wenn meine Söhne dieses zweistündige, fast bewegungslose Verharren in einer optionslosen Warteschleife der unausgefüllten Art ohne jeden Input als Extremsport empfinden – okay, das passt für sie.  Und ich bilde mir ein, beide verstehen zu können, die Seniorinnen und Senioren ab Mitte siebzig und die Teenager von heute. Ich bin mit beiden Varianten gut vertraut, ich bin ein alltagsgeschichtlicher Wanderer zwischen den Welten.

Neulich amüsierte ich mich an anderer Stelle über Silent-Reading-Partys, bei denen das romantisiert wird und als gemeinschaftliches Reenactment zelebriert wird, was für uns damals ebenfalls vollkommen normal war: Das stille Lesen. Sogar mit mehreren in einem Raum. Das ist heute ein Event, und ich lache immer noch darüber. Allerdings lache ich freundlich und fast schon altersmilde, nicht zynisch und herablassend.

Das Überraschende für mich ist dabei, dass ein beliebiges Stück Alltag also nur rund 50 Jahre braucht, um in verklärter, neu interpretierter Form wiederauferstehen zu können. Weswegen ich jetzt auch hochrechnen und vorhersagen kann, dass es etwa im Jahr 2075 eine ziemlich coole Sache und ein heißer Trend werden dürfte, ganze Sonntagnachmittage mit dem unentwegten Gucken von algorithmisch zugeteilten Tiktok- und Instagram-Filmchen in höchst obskurer Mischung zu verbringen. Gechillte Plattform-Partys wird es dann geben.

Ich werde sicher nicht mehr alt genug, um es erleben zu können. Ich würde sonst darauf wetten wollen, denn so wird es kommen.

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Für eine Handvoll Links

Jahreszeitlich etwas überraschend vermutlich, aber ich habe einen Geschenktipp. Und zwar für alle, die Menschen beschenken müssen oder wollen, die mit Schule zu tun haben. Die gar Lehrpersonal sind, besonders für Sprachen. Nämlich den dünnen Roman „Scham und Würde“ von Dag Solstad, Deutsch von Ina Kronenberger. Hier die Perlentaucherseite dazu.

Der erste Teil des Buches stellt einen frustrierten, im Lehralltag freudlos routiniert gewordenen Lehrer dar, der mit einem Abiturjahrgang ein Stück von Ibsen durchgeht, wie er es gnadenlos in jedem Jahr macht. Und wie diese verbitterte Gedankenwelt des Lehrers dabei ausgeführt wird, das ist großartig inszeniert. Die Ausführung ist amüsant, überzeugend und mitreißend. Man liest kurz rein, man möchte das Buch nicht wieder weglegen. So oft passiert mir das gar nicht.

Das Buch spielt in den Neunzigern, also vor den zwei, drei wichtigsten Modernisierungsschüben unserer Zeit in den europäischen Schulen und im Lehrsystem. Es wird für viele die Schule von damals sein, um die es da geht. Vielleicht sind es Kindheitserfahrungen, denn solche Lehrer hatte man, erduldete man.

Der zweite Teil des Buches ist dann leider nicht mehr mein Fall, zumal ich kein Freund allzu offener Enden bin. Aber man kann es ja verschenken mit dem Hinweis, dass es um den fantastischen Anfang geht, nicht um die fast unnötig nachfolgende, seltsam unaufgelöst verbleibende und schief angeflanscht wirkende Liebesgeschichte.

Ich möchte in diesem Fall und bei dem Zielpublikum fast versprechen, dass das Buch halb gefallen wird, und das ist bekanntlich nicht nichts.

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Gleich noch ein weiterer Tipp, diesmal für alle mit Interesse an besonders schöner Sprache, an Familienthemen, an Aufbrüchen, geschichtlichen Entwicklungen und auch Osteuropa-Bezügen, vor allem in der rumänischen Ausprägung mit latentem Deutschlandbezug: „Lichtungen“ von Iris Wolff. Auch hierzu die Perlentaucherseite, auf der in diesem Fall ein besonders vielschichtiges Rezensionsbild zu finden ist.

Der hat mir auch gefallen, dieser Roman, sehr gerne gelesen. Ähnlich erging es Matthias Zehnder, der dazu eine ausführliche Video-Rezension hat:


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Der Guardian schreibt über AI-Slop, was in einem deutschen Artikel einmal so treffend als „KI-Schlonze“ übersetzt wurde. Es geht um YouTube und Instagram etc., und diesmal kann ich die Erfahrung auch bestätigen. Je nachdem, wo der Algorithmus mich hintreibt, ist auf einmal alles KI. Seltsam vorhersehbare Plastikwelten sind das dann, in die man da unbeabsichtigt geraten kann.

Und ich vermute, es ist wieder ein wenig wie Unfallgucken, wenn man dann weiter und weiter scrollt oder klickt – und damit, ohne es zu wollen, die Existenz dieser artifiziellen Füllmasse absichert.

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In dem gleich folgenden Harald-Lesch-Film über die Gottesfrage habe ich vor allem die Stelle gemocht, in der es um den Wallfahrtsort Lourdes und die Wahrscheinlichkeiten ging, also um stochastische Fragen. Besonders der Hinweis von Carl Sagan erheiterte mich, dass es statistisch geraten sei, für eine Spontanheilung Lourdes ausdrücklich fernzubleiben.

 

Kreideschrift auf dem Pflaster "Gott liebt Dickerchen"

Wenn jemand die im Film nur angerissenen Aspekte von Blaise Pascal und Kurt Gödel sowie weitere logisch-theoretische Erwägungen interessant findet: Man kann einiges dazu auf der Wikipedia-Seite zum Thema Gottesbeweis nachlesen, bis man Kopfschmerzen bekommt.

Das dürfte von Fall zu Fall allerdings schnell gehen.


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Und nachdem ich es nun jahrelang nicht geschafft habe, die Bücher von Rutger Bregman zu lesen, so lange sogar, dass währenddessen mehrere weitere Bücher von ihm erschienen sind (passend zum vorgestern erwähnten Buch von Anne Rabe über das M-Wort heißt eines seiner Werke „Moralische Ambition“, Verlagslink), habe ich mir wenigstens ein längeres Interview mit ihm angesehen.

Das Gespräch ist drei Jahre alt, aber es kommt mir nicht veraltet vor.

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Trendbestätigung

Zur Stimmigkeit von Offline und Online: Ich sehe auf Instagram, ohne danach gesucht zu haben, gleich drei Beiträge, in denen es um Krawatten geht. Bei denen man wohl gerade unterstellt, dass sie wieder zum Trend werden. Was einige Medienberichte zu bestätigen scheinen, auch wenn es schon eine Weile behauptet wird, und sicher nicht zum ersten Mal. Ich könnte aus den letzten Jahren nur wenige Sichtungen vermelden, sei es in der Innenstadt oder in meinem Büroumfeld.

Mit der modegeschichtlich nicht uninteressanten Ausnahme der Sicherheitsleute, die vor den Kaufhäusern in den Fußgängerzonen etc. stehen und durchweg schwarze Anzüge tragen, dazu schwarze Krawatten. Wobei also ein meist gering bezahlter Job durch dieses Accessoire gekennzeichnet wird. Während es nicht lange her ist, dass man dieses Zubehör eher am Hals der höher bezahlten Menschen im Gebäude vermutet hätte. Zeiten, Sitten, dies und das, es sind alles nur Symbole, und die kann man umdeuten.

Ein paar Minuten nach den Sichtungen auf Instagram steige ich jedenfalls in eine S-Bahn, und da sitzt er prompt neben mir, der leibhaftige Trendbeweis. Ein junger Mann, ungefähres Berufsanfangsalter vielleicht, mit Hemd und Krawatte. Er trägt kein Sakko. Er ist überhaupt nicht besonders förmlich oder teuer angezogen, er trägt aber auch keinen allzu braven Bank-Azubi-Look. Es ist eher so etwas wie schlichte Freizeitmode, was er da anhat, nur eben mit schönem Schlips.

Das gibt es jetzt also wirklich. Nanu.

Wie auch immer. Ich habe sie noch alle, die Krawatten von damals. Sowohl die allerersten aus den Second-Hand-Läden (in einem damals noch studentisch geprägten Eppendorf gekauft, Onkel Pö hatte gerade erst für immer geschlossen, das kann sich heute auch alles keiner mehr vorstellen), als auch die späteren und teureren Exemplare, bis hin zu der Designer-Variante, die ich bei der Hochzeit getragen habe. Also bei der zweiten. Danach, so nehme ich an, habe ich keine mehr erworben. Das Thema war ungefähr zu dieser Zeit komplett erledigt und das Accessoire verschwand allmählich aus sämtlichen Konferenzräumen und von den Bürofluren. In den Zeiten des Home-Office, das weiß ich genau, sah ich nur einmal eine in einem Call. Es wiederholte sich nicht.

Aber soll sie nur kommen, diese Retro-Mode. Am Ende werde ich dann doch noch das besondere und so traditionsverbundene Vater-Sohn-Vergnügen haben, das Knoten einer Krawatte der nächsten Generation vermitteln zu dürfen. Auch wenn YouTube vermutlich nennenswert besser als ich unterrichten würde, und das sogar ohne Dad-Jokes. Ich erkenne den Vorteil an.

Aber wie auch immer, heute werden es über 30 Grad da draußen und ich bekomme schon bei der bloßen Vorstellung, etwas um den Hals zu haben, Atemnot, Angstzustände, Schweißausbrüche und sonstige Hitzschlagsymptome.

Oberkörper-Plastik-Attrappen, mit denen Erste-Hilfe geübt wird, liegen auf dem Fußboden eines gro0en Zeltes

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„Die Geschichte der Arbeit beginnt vor etwa dreieinhalb Milliarden Jahren … Leben ist Arbeiten.“

Genau so fühlt es sich leider auch oft an, möchte ich da spontan ergänzen, auch wenn ich gerade Urlaub habe. Denn so weit reicht die Verdrängung in den angeblich schönsten Wochen des Jahres nicht, dass ich dieses Gefühl nicht mehr parat hätte.

Und man komme mir da bitte nicht schon wieder mit Camus und Sisyphus, wie ich vorsorglich und in Drohhaltung ergänzen möchte.


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Heiko verbloggte eine Linksammlung. Linksammlungen verlinke ich besonders gerne, das ist eine Form der digitalen Brauchtumspflege. Auch für solche Begriffe ist das Internet längst alt genug.

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Von Orden, Kirchen und Imbissbuden

Auf dem ersten Spaziergang des Tages, auf dem mir normalerweise außer den wankenden, etwas zombiehaft gerade aufstehenden Obdachlosen aus den Hauseingängen nicht allzu viele Menschen begegnen, joggt mir eine kichernde, strahlende und ziemlich junge Nonne entgegen. Wenn ihr weißes Gewand mit den blauen Bordüren eindeutig ist, was ich aber nicht genau weiß, dann gehört sie zu jenem Orden, den Mutter Teresa gegründet hat. Das Bild dieser Bekleidung habe ich aus den Fernsehnachrichten von damals, als es noch oft um jene Gründerin ging, tatsächlich in Erinnerung. Ohne sonst jemals allzu viel Wissen in dieser Richtung angesammelt zu haben. Ich würde sicher keine weitere Variante erkennen können, Orden und Richtungen sind für mich nicht unterscheidbar.

Diese Nonne läuft jedenfalls recht sportlich. Nennenswert sportlicher, als ich laufen würde, was allerdings kein besonders schwierig zu erreichendes Benchmark ist. Aber auch manche Joggerin unten an der Alster würde sie in dieser Geschwindigkeit locker abhängen. Ich nehme an, dass sie aus dienstlichen Gründen läuft, vielleicht Richtung Bahnhofsmission oder so etwas. Jemand könnte etwas vergessen haben, was weiß ich. Sie sieht dabei jedenfalls eindeutig noch mehr nach Spaß an der Bewegung als nach beruflicher Eile aus.

Und zwar viel mehr. Vor allem aber sieht sie enorm vergnügt aus. Das Laufen macht ihr sichtlich Freude. Sie grüßt mich im flotten Vorbeilauf mit wehender Tracht freundlich. Vielleicht weil ich sie so verblüfft ansehe – mit einer laufenden, lachenden Nonne rechne ich hier in etwa so wie mit einer vorbeigaloppierenden Giraffe, also eher nicht.

Es ist auch nicht üblich, sich bei uns auf der Straße zu grüßen. In diesem Fall aber wirkt es ganz selbstverständlich. Ein freundlicher Gruß aus einem heiteren Gesicht. Es war, und darum ging es mir nur, der mit großem Abstand vergnügteste Blick, den ich seit Wochen auf irgendeinem Gesicht eines Erwachsenen hier im Stadtteil gesehen habe. Ein nonnenmunteres Vergnügen am Morgen, und so kommt man also auch einmal zu einem neuen, sogar positiv besetzten Begriff.

Später habe ich es nachgelesen. Sie haben eine Niederlassung da irgendwo am Dom, die Nonnen dieses Ordens. Bei diesen ganzen katholischen Einrichtungen, aus Sicht ihrer Kirche in der norddeutschen Diaspora.

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Eine Kirche weiter, das habe ich noch gar nicht erwähnt, bei der evangelischen Fraktion, also vor unserer Haustür, sah ich am Freitag Muslime an einer Außenmauer des Gotteshauses beten. An einer ruhigen, schattigen Stelle des Spielplatzes. Was ich mir im besten Fall als gelungenen interreligiösen Aspekt vorstellen kann, dieses sinnige Teilen einer Mauer, outdoor und indoor, friedlich und außerordentlich symboltauglich.

Da der Stadtteil hier schon für etliche Negativschlagzeilen gesorgt hat, wenn es um den Islam und seine radikalen Varianten geht, halte ich friedliche Kleinigkeiten dieser Art ebenfalls für erwähnenswert. Denn so geht es auch.

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Weiße Schrift auf einem eisernen Brückengeländer: "Liebt Euch!"

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Wobei mir außerdem in loser Assoziation einfällt, dass ich ein Stück Alltagspoesie vermutlich gar nicht verbloggt habe, welches hier jemand mit einem Edding in gut lesbarer Handschrift an einer Imbiss-Außenwand als freundliches Grußwort hinterlassen hat, als dieser für immer geschlossen wurde und es dort keine Pommes mehr gab:

„Lekka war’s, mein Mekka war’s.“

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