… an die Leserin Ulli, die Sohn I zu seiner Wahl als Newcomer des Jahres ein Buch geschickt hat. Ganz herzlichen Dank, die Freude ist groß und der Buchtitel war genau richtig!
… an die Leserin Ulli, die Sohn I zu seiner Wahl als Newcomer des Jahres ein Buch geschickt hat. Ganz herzlichen Dank, die Freude ist groß und der Buchtitel war genau richtig!
Das ist natürlich unfassbar großartig, Jojo, auch bekannt als Sohn I, hat also tatsächlich gewonnen! Wir danken allen, die da mit abgestimmt haben oder auf diversen Kanälen Glückwünsche geschickt haben, das war ein ganz außerordentlich großartiger Abend gestern. Hier die Liste aller Gewinner, das Durchklicken lohnt selbstverständlich.
Wir haben die ganze Veranstaltung im Livestream angesehen, es wurde von Minute zu Minute spannender, weil man natürlich nicht wusste, wann die Kategorie der Newcomer dran war. Die Herzdame und ich starrten auf die Notebooks, die Söhne hüpften beide um uns herum, denn in dem Alter hält einen nichts auf dem Stuhl, wenn es etwas zu gewinnen gibt. Spätestens als die ihnen persönlich bekannte Patricia Cammarata gewann, war hier niemand mehr zu halten. Es wurde immer später, die Kinder wurden immer flummihafter, die Newcomer waren immer noch nicht dran, ich wurde allmählich etwas nervös. Immerhin musste der Nominierte, Wahl hin oder her, am nächsten Tag in die Schule, möglichst in halbwegs ausgeschlafenem Zustand. Die Herzdame saß auch auf Kohlen, sie musste zum Tanzkurs und überlegte minütlich, wie viele weitere Minuten Verspätung wohl gerade noch okay sein könnten.
Die Wahl war dann gerade noch rechtzeitig für die Kinder, Jojo war überglücklich, als das Ergebnis verkündet wurde. Nebenbei bemerkt eine äußerst charmante Gelegenheit, den Söhnen Tortendiagramme und Online-Abstimmungen zu erklären, besser kann man es wohl nicht treffen. Das Prinzip haben beide jetzt wirklich gründlich verstanden. Und ich war heilfroh, dass ich Jojo nicht etwas wie “Auf den Sieg kommt es nicht an, du warst immerhin nominiert, auch schön!” verkaufen musste, was pädagogisch natürlich vollkommen in Ordnung gewesen wäre, gar keine Frage, aber ein wenig anstrengend.
Die Brüder lagen sich hier laut jubelnd in den Armen, was übrigens eine interessante Erfahrung ist, normalerweise geraten sie etwa alle zehn Minuten wegen irgendeiner Nichtigkeit handgreiflich aneinander. Aber Sohn II war dann doch sehr, sehr stolz auf seinen so erfolgreichen großen Bruder, das war wirklich schön zu sehen: “Mein Bruder hat gewonnen! Mein Bruder ist toll! Und ich bin der Bruder von meinem Bruder!”
Und ich bin der Vater der beiden Brüder, darüber freue ich mich jeden Tag. Und an manchen Tagen ist diese Freude eben auch eine abendfüllende Angelegenheit.
Der Gedanke, dass die Welt immer verrückter wird, er drängt sich auf, sobald man Nachrichten liest. Man findet aber auch im Alltag zahllose Belege dafür, es ist ganz erstaunlich, die Krisen wirken sich aus. Ich schlage das Kundenmagazin eines Reisebüros für Geschäftsleute auf, darin werden ein paar Ziele nett beschrieben und es werden auch Artikel beworben, die auf Reisen praktisch sind. Schlafbrillen, Nackenkissen, Rollkoffer und dergleichen mehr. Und diesmal auch eine Survivalausrüstung, die in den Schaft einer Taschenlampe passt. Gedacht für Reisen “in entlegene Gegenden”, wo die auch sein mögen, das steht da nicht, in Brandenburg oder im Jemen, wer weiß. Enthalten sind in diesem Set ein Kompass, Wasserreinigungstabletten, eine Drahtsäge, wasserfeste Streichhölzer, eine Signalpfeife, eine Angelausrüstung, ein Dosenöfffner, Kerzen. Was man in entlegenen Gegenden eben so braucht. Das Angebot richtet sich weder an Söldner noch an gestandene Abenteurer, sondern tatsächlich an Geschäftsreisende. Die vielleicht irgendwo in der Wüste stranden, um dort umgehend ihre Angelausrüstung zu entwirren, warum auch immer. Das bestellen also Menschen aus Büros auch in unserer Nähe, verstauen das in ihrem Koffer – und fühlen sich dann gleich sicherer, kein Scherz.
Es ist ja so, da kann man ruhig ehrlich sein: wir haben damals alle Yps mit Gimmick gekauft und mit der Agentenbrille dauernd nachgesehen, was hinter uns war. Und ja, wir haben damals doch alle sämtliche Folgen von MacGyver gesehen und genau verstanden, dass man mit einem Kaugummi und einem Zahnstocher jederzeit eine Rakete reparieren kann. Das war nur eine Phase. Aber an solchen Anzeigen merkt man jetzt – einigen von uns ist das einfach nicht gut bekommen. Man erkennt sie an der Drahtsäge im Handgepäck.
Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten
Es ist mir eine ganz besondere Freude, auf diese feine Veranstaltung am Montag, 25. Januar, 18:30, hinzuweisen, bei der zu unserer großen Überraschung sowohl Jojo (Sohn I) als auch unser Familienblog in Gänze in getrennten Kategorien nominiert sind. Zwei Nominierungen, ein Haushalt, ist es zu glauben? Wie toll, wie cool ist das denn? Und bei Jojo freue ich mich natürlich über jeden, der vielleicht auch für ihn abstimmen möchte (Details drüben auf der Seite), der junge Nachwuchsautor ist jetzt schon ganz verrückt vor Freude. Die übrigens nur dadurch ein wenig getrübt wird, dass so viele Menschen in seinem Umfeld nach wie vor überhaupt keine Ahnung haben, was ein Blog ist. In der Grundschule z.B. landet man damit kaum Treffer. Nun ja.
Er weiß das mittlerweile jedenfalls recht gut, er hat jetzt eine recht kenntnisreiche Vorstellung von dem, was wir hier online machen und ich finde nach wie vor, das kann als Medienerziehung nicht verkehrt sein. Buddenbohm & Söhne steht hier oben drüber, das ist auch tatsächlich so gemeint. Sohn II hat vor ein paar Wochen angefangen, sich an den Texten von Sohn I zu beteiligen und wird sicherlich auch bald selbst schreiben, die Herzdame ist durch die Backkolumne viel präsenter als in früheren Jahren – es ist eben ein Familienbetrieb etwas modernerer Ausprägung. Ich bin wirklich sehr gespannt auf die Wahl. Sohn I allerdings ist noch viel gespannter, gar keine Frage.
Kid: Can we go for a car ride? Me: Sorry, buddy. We don’t have a car. Kid: (tugs on handle of random car parked on street) Here’s one.
— The Ugly Volvo (@theuglyvolvo) 4. Dezember 2015
Früher hieß es Vorband, heute denkt man sich … Macht hin Jungs, der Babysitter kostet mich 10€ die Stunde.
— Hübscherei (@Huebscherei) 6. Dezember 2015
Backe schon den ganzen Tag mit einem Kind und es hat noch nichts lustiges gesagt. Twitter hat mir ein falsches Bild von Kindern vermittelt.
— mint berry (@mintberrycthulu) 5. Dezember 2015
Der Sohn prüft, was alles an mir wackelt, wenn er auf die Matratze tritt. Was für ein schönes Experiment.
— Madame de Larenzow (@Larenzow) 12. Dezember 2015
„Marcel kriegt kein Geld. 1/5 gibt er aus, 1/3 spart er. Wie alt ist der Metzger, wo Omma Wurst kauft?“ „?“ „Mama so war die Mathearbeit.“
— alles b. (@alles_b) 14. Dezember 2015
Eltern, die ihre Kinder mit dem Auto zum Bus bringen und dabei auf der Busspur parken.
— Zoë Beck (@beck_zoe) 18. Dezember 2015
„Der Tee rutscht immer vom Löffel.“ „Weil er flüssig ist.“ „Ich will keinen flüssigen Tee!“ Verhandlungen mit der 4-Jährigen sind recht zäh.
— Schrumberger (@schrumberger) 20. Dezember 2015
How to be a journalist. Girl version. pic.twitter.com/qtw8VOIpB3
— Pascale Müller (@PascaleMller) 19. Dezember 2015
„Tragen Sie nicht mehr als 5kg in der Schwangerschaft.“ Wie bekomme ich den schlafenden Sohn jetzt in vier handliche Teile?
— Helena (@SchlimmeHelena) 21. Dezember 2015
„Als ich das gemalt hab, musste ich kotzen.“ Mit nur fünf Jahren weiß die Große, wie man Präsentationen mit lustigen Anekdoten auflockert.
— Child of Life (@wousel) 1. Dezember 2015
Komme aus meinem Zimmer. Kind 3.0 begeistert: „Ist der Computer aus, kommt die Mama raus.“ Hmmmm…
— Patricia Cammarata (@dasnuf) 3. Januar 2016
Seit die Kinder sprechen können verbringen wir einen Großteil unserer Zeit mit Diskussionen. Und dauernd muß man Pompomisse eingehen.
— Y (@Gehirnkram) 6. Januar 2016
Heute abend halte ich den Einsteigerkurs „Milchpackungen falten und entsorgen“. Morgen dann: „Klopapier leer. Wie beende ich diesen Zustand“
— Frau Mutti (@diefraumutti) 11. Januar 2016
Warum ist am Ende des Kindes noch soviel Strumpfhose übrig?
— Bella (@familieberlin) 13. Januar 2016
Mein Bewerbungsgespräch bei einer großen Kanzlei: „Wie sieht es denn aus mit Kinderwunsch? Dürfen wir zwar nicht fragen, machen wir aber.“
— Anne. (@Twelectra) 12. Januar 2016
Auftrag nicht bekommen, weil Kinderbetreuung nicht schnell genug zu sichern war. Ein Tag Bedenkzeit zu viel. Weiß nun, wie sich das anfühlt.
— Robert Franken (@herrfranken) 13. Januar 2016
Arbeitgeber: Meine Frau nach Familienplanung fragen, dabei die Kinderbetreuung und den Mann zu bezweifeln, zieht eine Absage nach sich.
— Malte Widenka (@widenka) 19. Januar 2016
Wenn das kaputte Kind aus der Schule nach Hause geschickt wird und du keinem Arschlochchef Rechenschaft schuldest.
— Frohmann Verlag (@FrauFrohmann) 13. Januar 2016
Naturschauspiel: Die natürliche Selektion von Schülern um 7:30 Uhr an einer Vollglastür.
— Kerstin Brune (@BruneKerstin) 13. Januar 2016
Ich glaube ich habe dem Kind gerade Nutella aus dem Haar gekämmt. Hoffe ich.
— Y (@Gehirnkram) 13. Januar 2016
Gerade hat ein ungefähr Zwölfjähriger seinem Kumpel geraten, seine Schuhe gegen den Regen zu imprägnieren. Ist das diese wilde Jugend?
— Alexandra Pater (@verdachtsmoment) 14. Januar 2016
Bei manchen Namen weiß man ja nicht, ob das nicht ein bisschen Rache für eine schwere Schwangerschaft war.
— Herzblut (@Herzblut666) 20. Januar 2015
Der Kulturschock kommt am Flughafen in Frankfurt. In Marrakesch rissen sich alle für die Schwangere ein Bein aus, hier wird nur gemotzt.
— Andrea (@Runzelfuesschen) 14. Januar 2016
3-Jährige: „Mama, wie werden eigentlich Menschen gemacht?“ Ich: „Äh …, also … *erklär* 3-Jährige: „Waaas?! So einfach ist das?!“
— Glory Illmore (@_machtworte) 14. Januar 2016
„Wir müssen jetzt los. Ich geh jetzt.“ „Ja. Ich komme“ Diesen Dialog beherrschen wir unserer Familie, ohne, dass sich irgend jemand bewegt.
— Madame de Larenzow (@Larenzow) 13. Januar 2016
Wir hatten ja Knetmasse. Acht Stäbchen in verschiedenen Farben. Und wenn das alles oliv-lila aussah, waren die Ferien vorbei.
— Henning Rucks (@henningrucks) 19. Januar 2016
Wenn man kleine Kinder hat, bekommt man eine Ahnung davon, warum so viele Menschen im Rentenalter einfach nur noch lethargisch rumsitzen.
— uisge beatha (@Los_Sindos) 18. Januar 2016
Ich blogge hier im zwölften Jahr, in dieser Zeit sind so manche Themen aufgetaucht und auch wieder verschwunden. Einige Themen waren und sind sehr raum- und zeitgreifend, etwa das mit dem Nachwuchs. Einige sind gar nicht lustig, etwa die Sache mit der Flucht und der Integration, einige finanzieren das Ganze, etwa der Wirtschaftsteil für die hochgeschätzte GLS Bank. Einige kamen eher durch reinen Zufall dazu, etwa die Back-Kolumne der Herzdame, einige lagen als Format auch ziemlich nahe, etwa die Tweetsammlungen zu Familienthemen. Es gibt selbstverständlich auch Themen in meinem Alltag, die hier nicht vorkommen, etwa weil sie andere Leute betreffen, die ich nicht fortwährend ungefragt beschreiben darf, so etwas tut man nicht. Manches ist auch zu privat, manches ist zu geschäftlich, es gibt eben Grenzen. Und es gibt ein noch ziemlich neues Thema, das sich komplett selbst erledigt, eben weil es ein Thema für mich ist. Das ist das Tanzen, das sind die Varianten des Social Dance, wobei in meinem Fall in der Regel der Lindy-Hop gemeint ist. Aber nicht nur, dazu komme ich gleich noch.
Das Thema ist nicht zu persönlich, im Gegenteil, es gäbe da eine ganze Menge zu erzählen und zu beschreiben, da könnte man ganz offen mit umgehen. Es ist aufregend, es ist anders, es ist sehr, sehr gesellig, bunt und lustig und amüsant und belebend, ein Abend im Tanzkurs liefert zuverlässig gleich mehrere Ideen für Texte. Die ich dann allerdings nicht schreibe. Weil ich keine Zeit habe. Denn wenn ich Zeit habe, dann gehe ich ja wieder zum Tanzen. Das wird gerade immer mehr, wenn es klappt, gehe ich auch dreimal in der Woche, bzw. einfach immer dann, wenn die Herzdame gerade nicht geht. Wir kommen in der Szene meistens nur einzeln vor, sonst müssten wir an jedem Abend einen Babysitter bezahlen, das geht einfach nicht. Ich gehe also, so oft ich es schaffe, es gibt enorm viele passende Veranstaltungen in Hamburg.
Und wenn ich da war, bin ich hinterher verlässlich zu müde für alles, es ist dann doch auch ein herausfordernder Sport, und um meine Kondition ist es nicht gut bestellt, die muss mir erst zuwachsen. Zumal Tanzkurse und Tanzpartys zuverlässsig immer dann stattfinden, wenn ich normalerweise gerade ins Bett gehe, diese Freizeitbeschäftigung ist im Grunde ein einziger Anschlag auf meinen Biorhythmus. Schlimm.
Wie es aussieht, wird es hier also auch weiterhin eher wenig Texte dazu geben, es klappt einfach nicht. Ich werde aber ab und zu ein Filmchen zeigen, dann kann man sich vorstellen, was ich zwischendurch so treibe. Heute und morgen etwa sind die Herzdame und ich bei einem Workshop zum Collegiate Shag. Die Söhne sind auch dabei, sie gucken aber nur zu und geben sich betont uninteressiert. Sie sind sich nach wie vor nicht ganz sicher, ob Tanz nun wirklich cool ist oder nicht, mögen aber immerhin die Musik und wippen schon etwas mit den Beinen, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Der Collegiate Shag ist ein Tanz, der sicher eher nicht allgemein bekannt ist. Er wurzelt in der Swing-Ära und zeichnet sich durch sehr hohe Geschwindigkeit und eine gewisse grundsätzliche Albernheit aus, eine ziemlich spaßige Kombination. Wenn man Lindy-Hop tanzt, ist das sportlich in etwa so anspruchsvoll wie normales Feierabend-Jogging, Collegiate Shag ist dagegen Sprint. Nach zwei Stunden ist man komplett fertig mit der Welt, urlaubsreif und sehr sofabedürftig.
Wir haben den Workshop bei diesen beiden hier, allerdings lernen wir selbstverständlich nicht das, was sie da vorführen, sondern nur die Beginner-Variante. Aber um sich den Tanz vorstellen zu können:
Eine etwas alltagstauglichere Version des Tanzes kann man hier sehen:
Einer dieser Dichter passt nicht zu den anderen? Eine etwas ungewöhnliche Dichterreihe, was haben die denn bloß gemeinsam? Das sind die Dichter, die bisher von Reinhardt Repkes Club der toten Dichter vertont worden sind (auch bei Spotify zu finden). Bukowski ist seit diesem Jahr neu in der Reihe, die CD erscheint in Kürze, ab April geht die Truppe damit auf Tour. Falls die bei Ihnen in der Nähe vorbeikommen – gehen Sie da ruhig hin. Nein, gehen Sie da unbedingt hin. Die sind wirklich gut.
Die Gesangsstimme wird jedesmal neu besetzt, bei Bukowski ist es diesmal Peter Lohmeyer, es gibt bereits ein Video:
Bei Schiller, da habe ich die Gruppe kennengelernt, war es Dirk Darmstädter. Das hatte ich hier schon einmal, egal, auf etwas Gutes kann man ruhig mehrfach hinweisen. Man kommt ja nicht unbedingt sofort darauf, dass man aus den Antiken zu Paris einen eingängigen Song machen kann. Kann man aber.
Da die Schiller-CD in diesem Haushalt ziemlich oft lief, können übrigens beide Söhne das Räuberlied sehr schön mitsingen: “Stehlen, morden, huren, balgen, heißt bei uns die Zeit zerstreuen.” Es ist ja nicht so, dass man unangemessene Inhalte für den Nachwuchs nur bei modernen Deutschrappern finden würde, nicht wahr.
Zu Rilke gibt es auch ein Video, auch das kam hier schon einmal vor, aber wenn man die drei Videos im Kontext sieht, kann man sich vielleicht ganz gut vorstellen, wie durchdacht und liebevoll diese Band die Vertonungen angeht.
Und überhaupt sind das Musiker, bei denen man, wenn man ihnen eine Weile bei der Arbeit zusieht, doch wieder intensiv bedauert, damals kein Instrument gelernt zu haben. Was für ein Riesenfehler, was für eine unverzeihliche Dummheit.
Und es gibt noch eine interessante Nebenwirkung der Konzerte – man bekommt eventuell doch wieder erheblich Lust, in einen Lyrikband zu sehen.
Wer 12 von 12 nicht kennt – hier die Erklärung. Und hier alle 12 von 12 aus dem Januar.
Ich mache Home-Office, weil der Heizungsableser im Laufe des Vormittages kommt. Da kann ich, da es keinen Arbeitsweg gibt, in aller Herrgottsfrühe mit der Arbeit beginnen. Was mir verblüffend schwer fällt, denn Sohn I hämmert neben mir auf einer mechanischen Schreibmaschine herum. Ein unfassbarer Krach, und unfassbar ist auch der Gedanke, dass damals, als ich zum ersten Mal in ein Büro ging, alle auf solchen Dingern herumgehämmert haben. Oder, noch schlimmer, mit Kugelkopfmaschinen unentwegt Maschinengewehrfeuer imitiert haben. Wieso sind wir eigentlich nicht alle verrückt geworden? Oder sind wir? Fragen über Fragen. So startet man schon völlig vergrübelt in den Tag. Schlimm.
Der von der Schreibmaschine verbannte Sohn zieht sich irgendwann schmollend und lesend ins Kinderzimmer zurück, wobei seinem Buch ein Lesezeichen entfällt, das als Bild ganz hervorragend zum gestrigen Text gepasst hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette. Schlimm.
Ich setze mich an einen meiner neuen Schreibtische, denn ich habe jetzt zwei zur Auswahl, wir haben’s ja. Kleiner Scherz, wir haben es nicht, wir können uns nur nicht entscheiden. Der Schreibtisch im Wohnzimmer jedenfalls ist einer mit Aussicht, und zwar mit äußerst attraktiver Aussicht. Ich mag diese Kirche sehr, die ist für mich auch ein Grund, hier nicht wegzuziehen, so etwas bekommt man ja nie wieder vors Fenster. Ich werde aber zum wunderschönen Bau nichts weiter sagen, sonst lacht die Gröner mich noch aus. Wobei die Kirche übrigens auch deswegen interessant ist, weil nur der Turm alt ist, das Kirchenschiff ist 50er, das Original wurde in Weltkrieg II zerbombt. Architekturfreunde dürften diesen Bau und die Kombination der Elemente durchaus interessant finden.
Die Sache mit dem Home-Office klappt technisch nicht recht, das stimmt mich ungehalten, to say the least. Das scheint mir auch so eine Frage des Alters, ich werde immer unduldsamer mit nicht funktionierender Technik. Ich habe längst keinen Spaß mehr daran, mühsam herauszufinden, was da nicht stimmt, ich bin auch nicht mehr stolz darauf, irgendeinem Support etwas vormachen zu könen. Ich will einfach nur, dass der ganze gottverdammte Mist funktioniert. Es mag auch einer Überdosis dieser Downton-Abbey-Serie liegen, aber genau genommen möchte ich, dass die Technik, und zwar sämtliche Technik, spurt, läuft und eilt, sobald ich auch nur eine Augenbraue indigniert hebe. Aber egal wie streng Lord Buddenbohm das Notebook auch ansieht, es ändert sich wenig. Schlimm.
Ich lese zwischendurch zur Beruhigung in einem aggressiven Buch. Ein anarchisch-pazifistisches Werk von 1922, es hat den Verfasser nach dem Erscheinen direkt in die Psychiatrie befördert. Es ist sehr wütend, sehr eigen geschrieben und wenn man wieder ein paar frische Vokabeln braucht, da findet man welche. Ein wirklich entschieden seltsames Buch. Sehen wir kurz unter Tanzen nach, weil das später am Tag noch vorkommen wird: “Selbstkreiseln, lustdrehen. Der Tanz ist die richtig ausgedachte Selbstbeschwindelung, die menschenkindische Nachahmung der erdmütterlichen Kreiselbewegung. Deshalb ist der Walzer menschliche Erdenlust, der Fuchstrab (Foxtrott) aber ein Unmenschengetrampel.” Schlimm! Wobei Lustdrehen immerhin nett ist.
Die Laune sinkt immer weiter, Trost gibt nur die fast unwirklich aufgeräumte Wohnung, in der sogar die Nüsse so wohlsortiert aussehen, wie in diesen dämlichen Landlustmagazinen, in denen immer alles geradezu ekelhaft perfekt ist. Wir sind seit dem letzten Wochenende mit der Räumerei und Möbelschieberei in der Wohnung erst einmal fertig, wir haben am Wochenende alles, alles aufgeräumt, eingeräumt, weggeräumt. Wer hier zuerst Unordnung macht, hat verloren. Ich bewege mich wenig und schmutze nicht.
Ich gehe am frühen Nachmittag zur Vorschule und hole Sohn II ab, der dort gerade seinen Gipsarm ausnutzt, um einen schwer gerüsteten Samurai zu spielen, der gegen einen Ninja auf Speed kämpft, zumindest hüpft sein Gegner in etwa so herum, dass man seine Rolle in dieser Art deuten möchte. Überhaupt hat Sohn II in den letzten beiden Wochen verblüffend schnell gelernt, den Gipsarm als Defensiv- und auch Offensivwaffe zu nutzen, er wird dem Kind daher vermutlich sogar ein wenig fehlen. Ich steige mit Sohn II in die U-Bahn und fahre zum Arzt.
Dort wird der Arm entgipst. Sohn II nimmt den Gips natürlich mit, der hängt dann in Kürze als Deko im Kinderzimmer. Quasi Trophäe.
Danach möchte der Sohn Lesen üben. Ich wundere mich ein wenig, wie sensationell gut er lesen kann, wir haben doch letzte Woche erst damit begonnen? Als er merkte, dass seine Freundin schon lesen kann, er aber nicht, und jetzt aber ganz schnell? Ich brauche tatsächlich eine Weile, um darauf zu kommen, dass das Kind dieses Buch komplett auswendig kann. Er hat immerhin schon zugehört, als Sohn I damals daraus gelesen hat, das hat gereicht, um jetzt beeindruckend gut Theater zu spielen. Schlimm.
Nach dem Lesen kommt das Schreiben, das geht auch erstaunlich gut, und dabei schummelt er tatsächlich nicht. Er schreibt heute unter anderem auch seinen ersten Einkaufszettel, naturgemäß deutlich früher, als es Sohn I gekonnt hat. So ist das mit großen Brüdern, von denen man lernen kann, das ist manchmal sehr praktisch.
Währenddessen habe ich einen Ohrwurm und höre auf Youtube und Spotify alle verfügbaren Versionen eines Liedes, es sind ziemlich viele. Hier als Beispiel Frau Moyet. Schönes Lied.
Nach dieser Aufnahme wirkt die Originalversion übrigens ganz eigenartig:
Damit endet der Tag, und der Abend wird dann ganz anders – and now for something completely different. *hüpf*
Wenn man Schulkinder hat, lernt man natürlich noch einmal mit ihnen mit. Man denkt doch wieder darüber nach, was sich im Sonnensystem eigentlich um was dreht, man liest endlich wieder die Kommaregeln und auch die Sache mit den verschiedenen Wolkenformen nach und dergleichen mehr. Und man kommt bei vielen Themen verblüffend schnell an seine Grenzen. Aber nicht bei Mathe! Denn auch wenn man ein völliger Versager in Mathe war, dem Stoff der ersten und zweiten Klasse kann man natürlich locker folgen. Man liest im Schulbuch der Kinder kleine Additionsaufgaben und nette Zählspielchen, man sieht allererste Geometriezeichnungen, man kann sich dabei sehr souverän vorkommen. Alles so einfach hier! So kennt man Mathe gar nicht. Also ich jedenfalls nicht. Ich fand es damals nämlich überhaupt nicht einfach.
Mein Sohn hatte auch gerade einen Hänger, der saß einigermaßen ratlos vor Aufgaben wie etwa: “62 plus was ist 100?” Da muss man als Erwachsener nicht lange nachdenken, nicht wahr, das weiß man gleich. Aber wieso eigentlich? Wie macht man das, wie denkt man das? Wenn man das erklären will, muss man auch dem eigenen Denken auf die Spur kommen. Kümmert man sich erst um die Einer oder um die Zehner, was passiert im Hirn genau beim Rechnen? Zählt man, weiß man auswendig? Ich fand das wirklich interessant, und ich habe es meinem Sohn dann sehr gründlich erklärt, wie ich Mathe denke, wie man Mathe denkt, wie man Zahlen denkt, wie man Lösungen findet. Ganz geduldig habe ich ihm das erklärt. Langsam und wohlsortiert. Hätten meine Lehrer es mir damals doch auch kindgerecht so erklärt! Wie leicht wäre alles gewesen! Ich fand, dass ich wirklich gut erklären und darstellen konnte, das war mir vorher gar nicht klar. Ich hätte dem Sohn nicht nur Mathe, ich hätte ihm gleich die ganze Welt erklären können. Ein wirklich gutes Gefühl. Wäre ich vielleicht besser Lehrer geworden?
Der Sohn hörte zu, sah mich an, nickte und ging dann zu seiner Mutter. Und es war reiner Zufall, dass ich im Vorbeigehen hörte, was er ihr ganz leise sagte: “Weißt du, Papa redet komplett wirres Zeug.”
(Dieser Text erschien etwas kürzer als Kolumne in den Lübecker Nachrichten)
Wo ich im letzten Artikel schon das Schreiben mit Aussicht erwähnt habe – ich sitze gerade auf dem Bett, das Bett ist noch ganz neu, das Schlafzimmer ist auch neu, wie bereits berichtet. Der Blick aus dem Fenster von hier aus ist es also auch. Da kann ich ja mal aufschreiben, was ich sehe. Der Blick geht von hinten über ein Hotel. Ein großes, nein, ein sehr großes weißes Gründerzeitgebäude an der Alster, es war einmal eines der Grand Hotels schlechthin, das hat sich mittlerweile wohl etwas relativiert. Von hinten ist es übrigens in aller Deutlichkeit pfui, heruntergekommene und abbruchreife Nebengebäude, das entspricht jedem nur denkbaren Klischee. Ab und zu hört man, wie große Wagen aus der Garage gefahren werden, die hier ihre Ausfahrt hat. Autos, in die dann vorne auf der lichten und pompösen Seite des Gebäudes wohlhabende Gäste einsteigen, nachdem ihnen ein Hotelangestellter wieder den Schlüssel gereicht hat. Es sind natürlich nicht irgendwelche Autos, es sind edle Limousinen und Sportwagen und SUVs. Die Angestellten, – sagt man eigentlich noch Pagen? – die diese Autos vorfahren, haben nur wenige Meter Gelegenheit, die prächtigen Motoren anzutesten, bevor sie um die Ecke biegen und die Autobesitzer sie auf der Vorderseite hören und bald auch sehen können. Also jagen sie aus der Garage und treten einmal kräftig auf das Gaspedal, es ist wirklich nur eine allzu kurze Strecke, aber die kann man ja, nicht wahr, und scheißegal, dass hier Zone 30 ist. Hier ist Zone Ich-will-auch-einmal. Es macht ein geradezu kindisch anmutendes BRUMM, wenn die Jungs, ich nehme einfach mal an, dass es Jungs sind, die ach so tollen Autos um die Ecke jagen.
Ich sehe das aber gar nicht vom Bett aus, ich höre nur ab und zu diese Autos und gucke dann arrogant und selbstgefällig, denn ich bin natürlich längst und gründlich erhaben über kindische BRUMM-Geräusche und Motoren-Neid. Das ist angenehm, so habe nämlich auch ich das Gefühl, im Leben etwas erreicht zu haben. Was ich tatsächlich sehe, das ist das Dach des Hotels und den Fahnenmast darauf. Genau genommen gibt es mehrere Fahnenmasten, ich sehe aber nur den in der Mitte. Das ist der, an dem man wechselnde Fahnen sieht, je nachdem, welcher Staatsgast da gerade residiert. Manchmal guckt man raus und denkt: ah, Frankreich. Guck an. Und wenn es ein Staatspräsident ist, der da schläft, dann stehen hier manchmal Polizeiwagen in den Nebenstraßen, in denen sich einsatzbereite Menschen ganz fürchterlich langweilen. Stundenlang.
Manchmal guckt man auch auf die Fahne und geht dann gleich wieder an den Computer, um eine Fahne zu googeln, die einem irgendwie entfernt bekannt vorkommt. Und denkt dann erst: ach guck, Ghana. Oder dergleichen. Im Moment weht da die Hamburgfahne, ich weiß gar nicht, ob die da immer weht, wenn gerade keine andere weht. Kann sein. Oder ob da gerade irgendwas stattfindet? Jedenfalls weht sie wirklich, wir haben böigen Wind, die Fahne schlägt kräftig hin und her. Wenn es ein paar Tage so gehen würde, sie wäre zerfetzt.
Der aufbrisende Wind kommt mit Anlauf über die Alster und greift hier auch nach den Dachfenstern unseres Schlafzimmers, er versucht, sie anzuheben. Ab und zu knacken und knarren sie bedrohlich, es pfeift und es heult. Die Fenster sind alt, die taugen schon lange nichts mehr, die taugen nur noch für eine hörspielmäßige Geräuschkulisse. Es ist seit Stunden schon dunkel über der Stadt, aber das große Hotel wird touristenfreundlich mit Scheinwerfern von unten angestrahlt. Die weiße Burg auf dem roten Grund der Fahne oben leuchtet daher jäh auf, wenn sich die Fahne im Wind einmal kurz streckt. Die Burg flackert dann hell im Dunkel, wobei das umgebende Rote etwas gespenstisch wirkt. Es ist so winterlich und gründlich dunkel draußen, dass das Rot noch gerade eben als Rot zu erkennen ist, es ist nur ein kleines, sehr bewegliches Rot im umfassenden Schwarz des Abends, ein eher ungewiss huschender Fleck Dunkelrot mit einer weißen Burg darin. Man könnte dieses Bild in einem Thriller verwenden, irgendeine endzeitliche Szene, diese Fahne als Rest von irgendwas, von Hamburg, von Deutschland, von was auch immer. Und dann reißt sie langsam ein.
Sie könnte übrigens auch auf Halbmast hängen, das würde ich gar nicht erkennen, weil das Ende des Mastes im Dunkeln nicht auszumachen ist. Das erforderte dann eine andere Kameraeinstellung, das wäre eigentlich auch ein netter Effekt. Je länger ich da hinsehe, desto unheimlicher sieht sie aus, diese rote, wild hin- und herschlagende Fahne im harten Schwarz des Winternachthimmels. Und desto gemütlicher wird es im Bett.
Doch, doch, es ist eine schöne Aussicht.