Starting over

Am frühen Donnerstagmorgen wollte sich mein privates Notebook lieber mit sich selbst beschäftigen als immer nur mit meinen Texten und Bildern. Jeden Tag die gleiche Leier, vielleicht muss ich dafür einfach Verständnis haben. Immerhin habe auch ich reichlich Erfahrungen mit der Ermüdung im festgefahrenen Alltag. Und wer hätte diese Erfahrungen nicht.

Das Gerät jedenfalls hatte gewissermaßen auf einmal einen Hang zur gemächlichen, entschleunigten Introspektion. Sich endlich einmal richtig Zeit nehmen. Reflexionen auch zulassen und in die Tiefe gehen. Im Grunde ist es auch erstrebenswert, man sollte sicher zustimmend nickend davorsitzen und Analogien bilden. Sollte man doch, nicht wahr.

Vielleicht hatte das Notebook sogar das, was die Erwachsenen in meiner Kindheit rätselhafterweise „Einen Moralischen“ nannten. Wenn ich damals etwas sah, was ich nicht sehen sollte, heulende Erwachsene oder deutlich deprimierte Menschen: „Die oder der hat einen Moralischen.“

Eine eher unerklärliche Floskel war das für ein Kind. Aber was meine Generation in dieser Phase des Lebens nicht alles so als selbstverständlich hingenommen hat, da wir doch davon ausgehen mussten, dass im weiteren Verlauf der Szene sowieso nichts mehr erklärt werden würde.

Das Notebook jedenfalls, es wollte – vielleicht nachdem es aus unruhigen Träumen erwacht war – noch einmal mit allem von vorne beginnen. Neu starten wollte es, und ich meine auch dazu: Wer kennt es nicht. Da mal mitfühlen, dachte ich also. Sich fallen lassen, alles schwarz werden lassen, einmal komplett herunterfahren. Das Dunkel kurz gewinnen lassen, wenigstens einen gnädigen Augenblick lang gar nichts wollen, machen und müssen – und dann neues Licht.

Es hat doch etwas!

Dann aber hatte das Notebook auf einmal vergessen, wer es war. Es wusste nicht mehr, wes Zwecks und mit welcher Funktion es existierte. Es erkannte auch mich nicht mehr, seinen engst verbundenen Menschen. Vermutlich ging es ihm in etwa so, wie sich der Mensch am nächsten Morgen nach einer wüst ausgearteten Party fühlt, nach stattgehabten Exzessen aller Art und experimentellem Drogenkonsum. „Malerisch die Gläser mit dem Lippenrot, dumm, dass man bei jedem Schritt zu kippen droht.“ Evelyn Künneke sang das einmal, aber die kennt vermutlich auch schon kein Mensch mehr. Schlimm.

Gibt es das Lied auf YouTube? Natürlich gibt es das auf YouTube.


Bei mir allerdings sind solche Nächte derart lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Ich habe nur noch eine vage Ahnung im Gedächtnis und weiß zuverlässig, dass ich bitte nie mehr im Leben einen Kater haben möchte. Was man aus solchen Lebensphasen so mitnimmt.

Dann fragte mich das Notebook zögernd, ob ich mir die alten Inhalte wirklich ansehen wolle. Also im Ernst, das ganze alte Zeug? Wobei alt ein recht unscharfer Begriff ist, wie mir scheint, immerhin ging es um die Inhalte von gestern. Ist gestern lange her, ist das Gestern alt? Da bringt einen die Bürotechnik morgens schon ins tiefe Grübeln, noch vor den ersten Anforderungen des Tages.

Die Dateien von gestern als überholtes Ich betrachtet; wer kommt da morgens um 5 Uhr geistig schon mit, noch vor dem dritten Kaffee.

„Wollen Sie neu starten?“, immer wieder fragte mich die Technik das. Etwas nervtötend oft. Auch beim Öffnen des Browsers und beim Anklicken sämtlicher Programme: Wollen Sie neu starten? Oder soll ich, und zwischen den Zeilen sah ich erstaunlich deutlich ein indigniertes ETWA, die alten Seiten erneut zeigen? Schon wieder? Auch heute? Und dann morgen noch einmal? Und noch einmal und noch einmal? Ad infinitum? Was soll das sein, unser gemeinsamer Alltag? Geht’s noch?

Kreideschrift auf dem Pflaster: Be Free

Es fehlte nur noch, dass mir das Notebook „Get a life“ als Systemmeldung einblendete, aber so weit sind wir Gott sei Dank noch nicht. Mit der Betonung auf „noch nicht“, denn wir leben nun im KI-Zeitalter. Auch das wird sicher kommen, die Beurteilung durch die eigene Technik. Irgendein durchgeknallter Nachfahre von Karl Klammer wird künftigen Usern mitteilen, dass sie, pardon, dann doch einfach zu langweilig seien und deshalb auf den Service durch diese Software verzichten müssen. Anschließend wird der Bildschirm schwarz werden, woraufhin die betroffenen User der Zukunft vermutlich einen Moralischen in einem bis dahin ungeahnten Ausmaß haben werden.

Aber so weit sind wir noch nicht, und das ist auch gut so. Noch bestimme ich hier, wer wem dient. Und ich ordne also z.B. an, dass die Technik mir bei diesem und jenem helfen soll.

Was sie auch gewiss demnächst tun wird. Ich muss nur eben noch, wie mir das System gerade noch einmal in endenwollender Freundlichkeit mitteilt, noch einmal neu starten. Was voraussichtlich etwas dauern wird. Aha.

Und deswegen, das wollte ich nur eben sagen, komme ich heute nicht dazu, einen Blogtext zu schreiben.

Es tut mir leid.

Ich drücke jetzt diesen Knopf.


***

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Drei leichte Ziele

Ein kleiner Veranstaltungshinweis für dieses Wochenende in Hamburg. In dieser Hinsicht sehe ich mich gerade wieder vermehrt um und gebe mich erneut und mit frisch gebasteltem Engagement bemüht um kulturelle Teilnahme. Es ist immerhin auch dafür die passende Saison.

Im Savoy-Kino auf dem Steindamm gibt es jedenfalls am Sonntag ein weihnachtliches Event. Welches ich trotz des Themas ausnahmsweise sinnvoll und sogar anziehend finde, weswegen ich soeben auch eine Karte dafür erworben habe: „The Muppets Christmas Story“ läuft dort im Original. Hier die Seite dazu. Ich habe den Film nie im Kino gesehen.

***

Am Dienstagabend gingen die Herzdame und ich in ein Restaurant. Dafür hatte ich mir drei leicht zu erreichende Ziele gesetzt, denn ich neige bekanntlich zum planmäßigen Vorgehen bei nahezu allen Themen, bei denen es überhaupt denkbar ist. Und wenig sind das nicht, es ist eine etwas komplexe Herausforderung.

Erstens sollte der Abend außer Haus – schwierig genug! –  überhaupt programmgemäß stattfinden. Zweitens sollte es ein uns bisher unbekanntes Restaurant sein. Und drittens wollten wir dabei die ganze Zeit über keine schwierigen Themen reden. Wir wollten kein lausiges Alltagszeug debattieren, alle Abgründe umkurven und langlebige Loops ohne bekannten konstruktiven Ausgang einfach diesmal komplett auslassen. Yes, we can, sagte ich mir auf dem Weg ins Restaurant auf, fest gewillt, mir auch zu glauben.

Ich meine: Man kann es ja wenigstens versuchen.

Und wir gingen dann tatsächlich aus. Sogar fast zur avisierten Uhrzeit. Es wurde wegen der allgemeinen Zeitknappheit im Vorwege allerdings doch wieder ein uns schon, haha, sattsam bekanntes Restaurant. Die notwendige Recherchezeit für anderes fehlte.

Und das mit den Gesprächsthemen, nun ja. Es ist wohl, wie wir gemeinsam alle paar Minuten feststellten, nicht eben die leichteste Übung für Paare mit fest und lange eingefahrener Alltagsbewältigungsroutine. Wir besprechen den schwierigen Anteil von allem, was es gibt, quasi reflexmäßig. Wir beugen standardmäßig dauernd neuen Problemen vor, wir arbeiten immer wieder alte Dramen auf, wir begleiten mit großer Selbstverständlichkeit aktuelle Schwierigkeiten im regen Austausch.

Was man so macht. Als eingespieltes Paar mit drei, vier unschönen Dauerthemen und mit einigen vom Schicksal launig weiter zugespielten Ereigniskarten aus der 2025er Edition des Spiels.

Das junge Liebespaar neben uns wird deutlich andere Themen oder auch gar keine gehabt haben. Jedenfalls der recht eindeutigen Körpersprache nach zu urteilen. Einen schönen Abend hatten sie dabei ganz zweifellos, so viel steht fest. Den hatten wir auch, wie wir am Ende gemeinsam feststellten, nur mit etwas mehr Mühe als die beiden Turteltauben neben uns.

Mit etwas Großzügigkeit in der Bewertung könnten wir uns selbst für Leistung und Zielerreichung an diesem Abend vielleicht eine Note geben wie etwa: „Gerade noch befriedigend“.

Und das allerdings ist nicht nichts. Man fängt eben immer irgendwo an, und wir planen weitere Trainingsabende in näherer Zukunft.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Yes

Gegessen haben wir, und es war uns vorher klar, dass es vermutlich sehr okay sein würde, wenn nicht sogar ziemlich gut, kalifornisch-mexikanisch bei Qrito auf der Langen Reihe. Der Laden ist zu empfehlen, nicht weil, sondern obwohl er in der Mitte der Szenemeile liegt.

Keine bezahlte Werbung, nein. Nur das, was so anfällt.

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Was schön war

In einer Nebenstraße des kleinen Bahnhofsviertels parkt ein VW-Bulli, ein Bus der wohl ersten Generation. Es ist so ein Exemplar wie auf dem ersten Bild in dem Wikipedia-Artikel dazu, und es ist sogar ebenso gepflegt. Es glänzt ohne jeden Makel, es sieht tadellos aus, es wirkt wie ein Museumsstück auf Ausfahrt.

Und wunderschön sieht es aus, denke ich im Vorbeigehen. Dann bleibe ich etwas weiter doch eben stehen und gehe kurz entschlossen noch einmal zurück. Denn man könnte doch ein Foto machen, wenn man so etwas Seltenes schon einmal sieht, überlege ich mir.

Dann aber passiert vor diesem Oldtimer eine der eher seltenen Verbrüderungsszenen in dieser sozial nicht eben weit offenen Stadt. Denn es sind zwischenzeitlich mehr Menschen stehengeblieben, die offensichtlich die gleiche Idee hatten wie ich. Es wirkt wieder ein wenig inszeniert, weil es altermäßig eine Gruppe zu sein scheint, die gestaffelt von etwa meinem Alter bis ganz weit oben reicht. Der Älteste könnte neunzig Jahre alt oder älter sein, er sieht jedenfalls so aus. Was weiß man schon, aber es ist im Grunde auch egal, es geht nur um diesen ersten Eindruck: Hier steht auf einmal ein ganzes Rudel von wildfremden Menschen, Frauen und Männer, magnetisch angezogen von steinaltem Design.

Zufällig vorbeigekommene Menschen, die laut und immer wieder ihr Entzücken über dieses Auto ausdrücken. Und auch über eine nun gemeinsam erneut festgestellte und sich seltsam beglückend anfühlende Wahrheit: Manches war früher wirklich besser. War schöner, freundlicher und liebenswerter. Das kann man hier sehen, es wird einem auf offener Straße bewiesen.

„Das sieht man doch!“ Na, guck doch!“ „Das war doch noch etwas ganz anderes.“ „Das ist doch gar kein Vergleich!“

Dann guckt man zwischendurch so die Straße entlang und all die anderen Autos an, die dort parken. Es wird sogar mit Fingern darauf gezeigt, auf die nüchternen Modelle der Gegenwart. Auf diese betont freudlosen, einheitsgrauen Zivilpanzer mit charakterloser Einheits-Silhouette zeigt man mahnend. Und wieder: „Also, man sieht es doch!“

Man schüttelt erneut den Kopf. Nein, nein, das war am Ende alles kein Fortschritt, da ist man sich spontan einig. Und es ist seltsam schön, auch einmal mit völlig fremden Menschen einer Meinung zu sein.

Dann besieht man sich gemeinsam noch einmal und noch genauer dieses alte Fahrzeug. Dieses alte Design, diese alten Zierleisten, die alten Sitzpolster. Manchen fortgeschritten gerührten Menschen sieht man es an: Sie hätten es gerne streicheln mögen, dieses so unfassbar lieb und rührend aussehende alte Auto.

Natürlich war damals nicht alles gut, oh nein: „Von wegen!“

Das weiß man, dass nicht alles gut war, und das sagt man sich auch. Aber gucken Sie doch. Dieses Auto – also doch, da gibt es nichts, das war schon gut. Das ist auch immer noch gut.

Und einfach schön.

So schön.

Und weil ich mir noch aufschreibe, dass sie alle viele Fotos von dem Auto machen, vergesse ich glatt, das auch zu machen. Nur im Kopf habe ich das Bild noch.

Und ein schönes Bild ist es, versteht sich.

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Forster, Camus, Borchert und der Sinn

Jetzt ans Schenken denken: Viele Geschenktipps werden von mir in diesem Jahr kaum kommen können, diesen hier kann ich aber noch mit gutem Gefühl unterbringen. Ein unglaubliches Buch, ganz schmal: Eine kurze Erzählung von E. M. Forster, also von dem mit der „Reise nach Indien“, mit dem „Zimmer mit Aussicht“ und „Howards End“: „Die Maschine steht still“, Deutsch von Gregor Runge. Man erwartet dieses Buch nicht von ihm, wenn man sich an seine bekannten und so prominent verfilmten Romane erinnert.

Ein Text aus dem Jahr 1928 ist es. Wenn man Spoiler verträgt, hier ist die Wikipedia-Seite dazu, hier auch die Perlentaucherseite. Auf der man Formulierungen zu den Rezensenten wie „kann es kaum fassen“ oder „kann nur staunen“ findet. So ging es mir auch, und zwar in einem Ausmaß, wie es mir lange nicht mehr begegnet ist. Eine dystopische Erzählung, fast hundert Jahre alt, deren erste Seiten dermaßen dicht an unserer Internet- und AI-Gegenwart sind … Ich habe sogar zwischendurch mit dem Lesen aufgehört und noch einmal nachgeschlagen, ob das wirklich ein Text von dem und auch wirklich aus jener fernen Zeit ist, so gespenstisch kam mir das vor.

Für Menschen mit intensivem Internetbezug, für Content-Creator aller Art, auch für Medienkritikerinnen, Social-Media-Skeptikerinnen und Flüchtlinge ins Analoge.

Hier noch eben die Verlagsseite. 78 Seiten nur, gebunden für 16 Euro. Es ist, ich bin ungewöhnlich überzeugt, eine sichere Sache.

***

Beim Deutschlandfunk Kultur hörte ich eine Sendung über ein neues Buch zum schönen Thema Sinn, sogar Lebenssinn (29 Minuten). Sinn finde ich gut, Sinn interessiert mich. Auch wenn es ein tendenziell nicht ungefährliches Thema ist, bei dem ein gedanklicher Schritt vom Wege auch einmal unerwartet schnell nach unten führen kann.

Ein Zettel an einer Ladentür mit der Aufschrift "Vorsicht Abgrund"!

Michael Zichy schrieb: „Anderen wichtig sein – Eine Philosophie des Lebenssinns“, hier die Seite dazu bei Suhrkamp.

Im Gespräch dazu klang der Autor angenehm nahbar und seine Aussagen waren für mich nachvollziehbar. Ich freute mich aber auch ausdrücklich und besonders über seinen Widerspruch, den er bei der ach so berühmten These von Albert Camus zu Sisyphos (die Schreibweise Sisyphus ist auch okay) anmeldete.  Also diese unsägliche These, dass man sich den ewig leidenden und dauerhaft verdammten Sisyphos doch bitte als glücklichen Menschen vorzustellen habe. Die mir immer schon eher wie ein intellektueller Partyscherz vorkam, nicht wie eine stabil abgeleitete Überzeugung, die man mit rationalen Argumenten lange und erfolgreich verteidigen könnte.

Zum Thema Sisyphos doch lieber Wolfgang Borchert lesen, nicht den Camus. Das wäre mein Rat an dieser Stelle. Und den Borchert überhaupt wieder lesen, das sowieso.

Aber apropos Sisyphos, es ist Montag. Weitermachen.

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Buntblinkende Leuchtmobile, Rudolfnasen etc.

Eine Beobachtung am Rande, bei der ich recht sicher bin, dass ich sie auch durch Zahlen hätte unterfüttern können, hätte ich nur vor einigen Jahren bereits mit dem Zählen begonnen. So ist es oft, aber man weiß es stets zu spät.

Die leuchtende Tor-Skulptur am Roncalli-Weihnachtsmarkt auf dem Rathausmarkt

Jedenfalls: Die Anzahl der Personen, die den vorweihnachtlichen Besuch der Hamburger Innenstadt damit verbinden, sich immer deutlicher und durch immer mehr Accessoires saisonal aufzustylen, fast schon zu verkleiden, sie steigt von Jahr zu Jahr. All diese lustig sein sollenden Rentiergeweihe, Flügelchen und Rudolfnasen aus Plastik oder Plüsch. Die norwegisch oder sonstwie nordisch und dabei schreiend bunt anmutenden Mützen mit Bommeln und Weihnachtsmotiven, dazu die ugly Christmas-Sweater, die langen, weißen Weihnachtsmannbärte, die roten Umhänge oder Mäntel aus Plastik und anderem Billigzeug, über die Schulter geworfene Säcke, die an die Kleidung gepappte Klebesternchen etc.

Der Neue Wall mit abendlicher Weihnachtsbeleuchtung

Diese Symbolanreicherung der Mode zu Weihnachten, siehe zu dieser Praxis auch Oktoberfest, Schlagermove und Halloween, ist also im Trend. Ist in gewissen Kreisen gerade hip. Wobei mir Blossom Dearie einfällt (Wikipedia-Link), eine Jazzsängerin und Pianistin besonderer Klasse. Es gibt ein Lied von ihr über die besondere Auszeichnung, vor der Welle zu sein: „I’m hip.“

“I’m hip, but not weird
Like you notice I don’t wear a beard
Beards were in but now they’re out
They had their day, now they’re passe
Just ask me if you’re in doubt
‚Cause I’m hip.”


Aber das nur am Rande, der Refrain ging mir gerade durch den Kopf.

Gestern begegnete mir einer, der war normal angezogen, aber mit reichlich Lametta behangen. Dazu all die Kinderwagen in der Menge, die von den engagierten Eltern mit Lichterketten umwunden wurden. Teils auch noch buntblinkend und dadurch vermutlich spätere Erinnerungen auslösend, die sich meine Generation nicht einmal vorstellen kann. Wie man da in einem kleinen Leuchtmobil durch eine seltsam albern ausstaffierte, dichtgedrängte und stündlich zunehmend zugedröhnte Menge geschoben wurde …

Die stilisierte Leuchttanne auf dem Roncalli-Weihnachtsmarkt am Rathaus

Aber egal. Andere Zeiten, andere Bilder. So geht es nun einmal zu, und wenn es ihnen allen doch Spaß macht, es ist schon recht oder es gibt zumindest Schlimmeres.

***

Unerwartet interessant war ein Podcast in der Reihe „Zeitzeichen“ über Nicolas-Jacques Conté. Bei dem Namen hätte ich in einer Quizshow allerdings komplett ratlos passen müssen, während Kunst-Nerds und Menschen aus Frankreich deutlich bessere Chancen gehabt hätten. Ohne Monsieur Conté hätten wir nämlich den modernen Bleistift nicht, was etwas mit Napoleon zu tun hat und unterhaltsame Aspekte der Produktionsgeschichte beinhaltet.

Falls Sie etwas von der Firma Faber-Castell im Haus haben, was so unwahrscheinlich nicht ist – die kommt auch vor.

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Einige Anmerkungen zur Datenlage

Am 4. Dezember beendet die erste Kollegin den Call über verschiedene Standorte hinweg mit „Ja, dann: Frohes Fest!“ Womit wir plangemäß die nächste Eskalationsstufe erreichen und rechts und links die Menschen aus den Büros und Home-Offices wahlweise in saisonale Krankheiten oder Resturlaube wegbrechen, alternativ aber auch unter der Restarbeit zusammen. History repeating.

Die damit zusammenhängende und allfällige Jahresenderschöpfung führt erwartungsgemäß wieder zu den im Dezember typischen, stark abweichenden Zeitwahrnehmungen. So war es etwa am Dienstagabend in dieser Woche um 19 Uhr 30, wie ich an diesem Tag notierte, gefühlt äußerst überzeugend bereits Donnerstag, und zwar etwa 23:45.

Es ist dann jeweils etwas mühsam, sich geistig wieder auf die Tatsache zurückzukalibrieren, dass in Wahrheit noch mehr Arbeit, noch mehr Termine und noch mehr Komplikationen vor einem liegen, als man gerade wahrhaben möchte oder meint, noch ertragen zu können. Aber wie immer gilt, dies ist selbstverständlich Jammern auf hohem Niveau. Ich muss nur aus dem Fenster sehen, um die ersten obdachlosen Menschen im Stadtteil zu sehen, die sämtlich etwas ernstere Probleme haben als ich.

Und ich sehe oft aus dem Fenster.

Wie auch immer, the end is near, wie man es auch dreht und wendet. Also zumindest das Ende dieses Jahres. Wohlwissend, dass dieses Jahresende nur eine vollkommen beliebige, ausgedachte, eher unwirkliche Einteilung des ebenfalls nur ausgedachten, rein fiktiven Spielfeldes des Lebens und des Kalenders ist. Es wird vermutlich dennoch sinnvoll sein, sich auf diese gamifizierten Einteilungen einzulassen. Und zumindest so zu tun, als könnte man über die kommenden Festtage hinweg irgendwie anders Luft holen als sonst. Als würde man „zwischen den Jahren“ wesentlich gründlicher als an gewöhnlichen Wochenenden oder Feiertagen resettet. Als würde man geblitzdingst oder auf sonst irgendeine Art geheimnisvoll generalüberholt. Und danach dann hoffentlich erneut für den Verkehr aller Art zugelassen.

So dass uns dann im Ergebnis, *hexhex*, ab dem 1. Januar auf einmal neue, ungeahnte Reserven zur Verfügung stehen werden. Und man sich im besten Fall sowohl selbst als auch anderen die Sache mit dem neuen Schwung zumindest kurz auch abnehmen könnte. Etwa eine Woche lang, was dann auch ein Fall von einem tröstlichen Immerhin ist.

In den letzten Tagen fragte ich mich, während ich diese und ähnliche Gedankengänge hatte, ob es eigentlich eine Frage des Alters sein könnte, dass niemand in meinem Umfeld mit Begeisterung, Vorfreude, Hoffnung oder sonst einem positiv zu wertenden, ausdrücklich bejahenden Gedanken auf das kommende Jahr blickt. Was ich seit dem Jahr 2020 bereits so feststelle, regelmäßig wiederkehrend, in diesem Fall weiß ich das Startdatum. Es ist auch einigermaßen naheliegend.

Aber kaum hatte ich mir im Geiste diese Frage gestellt, sah ich eine Art Meme auf Instagram, in dem genau diese Frage, nämlich wieso denn niemand freudig voraussehen würde, von jungen und sogar sehr jungen Menschen gestellt wurde. Von Menschen, die aus mehreren Ländern kamen, allerdings mit dem bei uns allen üblichen WEIRD-Bias in der Wahrnehmung.

Kennen Sie diesen Bias? Mit dem haben wir es dauernd zu tun, wenn wir über unsere Kultur, unsere Erfahrungen und Werte, auch über unseren Medien- und Internetkonsum reden. Die Abkürzung meint: „Western, educated, industrialized, rich, democratic.“ Dieser Teil der Welt nämlich, sozusagen unser Teil der Welt. In anderen Teilen der Welt verhält sich selbstverständlich vieles recht anders. Wenn nicht sogar fast alles.

Der Begriff WEIRD-Bias kommt aus der Psychologie, hier die Wikipedia dazu. Er ist aber prima in alle möglichen Richtungen übertragbar und unbedingt smalltalk-tauglich bei vielen Gelegenheiten.

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Es ist der 6. Dezember. Aber gefühlt, mit Time-Chill-Faktor sozusagen, ist es etwa der 12. Dezember, wenn nicht der 18.

Ein Adventskalender, bunt bedruckte Papiertüten

Ein Adventskalender, alt, selbstgenäht, bunt bedruckte Stoffherzen

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Kultur & Cumbia

Der Tag beginnt damit, dass ich mir Karten für etwas mit Kultur kaufe, was ich wiederum in einem Blog gefunden habe. Nämlich erneut bei der so besonders zuverlässig liefernden Kaltmamsell, die hier auf die Tour von Katja Berlin hinwies, die ich sonst verpasst hätte. Am 16.12. in Hamburg, am 17.12. in Rostock, es bestehen noch Chancen.

Seltsam und erwähnenswert ist es aber doch, dass ich es fast verpasst hätte. Immer dann, wenn ich denke, jetzt habe ich mir alles so eingerichtet, dass ich keine Event-Ankündigung irgendeiner Art in dieser Stadt mehr verpassen kann, werde ich auf etwas hingewiesen, das dennoch durchgerutscht ist. Was meine alte These stützt, dass es seit den zersplitterten Internet-Zeiten so gut wie unmöglich ist, in dieser Hinsicht komplett informiert zu sein. Und wir also alle nur noch auf Zufälle und Ausschnitte reagieren.

Wie alle Beteiligten des Freundeskreises „Sogenannter Zufall“ nehme ich Zeichen aller Art tendenziell gerne einmal ernst und richte mich dann halb spielerisch auch danach. Wenn ich etwa herbeigeshuffelte Musik in einer Playlist höre, Musik, die ich noch gar nicht kenne, und dann nur Minuten später online einen Hinweis darauf sehe, dass die Gruppe, deren Songs da gerade in meinen Kopfhörern abgespielt wurden, und die ich gar nicht so schlecht fand, demnächst in Hamburg auftritt – also dann kann man den Kauf einer Karte zumindest kurz in Erwägung ziehen.

Auch wenn Latin in den meisten Ausprägungen nicht unbedingt mein Fall ist, jedenfalls nicht für länger anhaltenden Konsum. Aber den drei Herren von LO LAM, von der „Los Angeles League of Musicians“ in der Langform (Wikipedia-Link), bei ihren Instrumentalnummern zuzusehen, das könnte doch Spaß machen. Denke ich mir so. Cumbia oder Chicha sind dann die Genre-Schubladen, und warum soll man da nicht auch einmal hineinsehen.

Am 28. Januar um 21 Uhr spielen sie im Knust.

Hier kann man sehen, was die machen, und es hat doch etwas:

 

Ansonsten bin ich bei südlich anmutender Musik recht blank. An eine Entdeckung aus den Vorjahren kann ich aber noch einmal erinnern, die auch ein Zufallsfund war: Paté de Fuá (Wikipedia-Link).

Die sind nämlich mit diversen Stücken auf meinen Playlists geblieben, die mag ich. Hier etwa mit der Einladung zum Walzer:

Oder hier, noch etwas schwungvoller, mit Vamos a Morir:

Gut. Dann wollen wir heute unter Vortäuschung einer rhythmisch belebten Grundhaltung ins Wochenende gehen, wenn nicht tänzeln, und warum auch nicht.

Plötzlich lebhafte Erinnerungen an eine Tanzstunde mit der Herzdame vor vielen Jahren. In der sich ein Paar neben uns anlässlich einer Rumba dergestalt in die Haare geriet, dass sie erstens nie wieder in den Kurs kamen und zweitens bezweifelt werden darf, ob sie nach diesem Abend überhaupt noch zusammen waren.

Alles hat seine Risiken, auch die Musik und die Tänze aus den Ländern mit mehr Sonne.

Ein Grafitti an einer Hauswand, der bunte und sehr großer Schriftzug "Colors"

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Paradoxe Intervention

Die Kaltmamsell wies darauf hin, dass auch bei Frau Mutti wieder frische Texte zu finden sind. Ist ja wie bestellt! So muss das.

In dem Blogartikel der Kaltmamsell, in dem ich das sah, ist außerdem ein Film von Jason Pargin verlinkt (es ist der Absatz mit dem Verweis auf TikTok). Das ist ein amerikanischer Autor (Wikipedia-Link), den Sie auch auf YouTube oder Instagram etc. finden können, und das sollten Sie tatsächlich auch, denn es ist oft fortgeschritten interessant, dem Mann beim Denken zuzuhören.

Hier auf YouTube

Und auf Instagram

Dann auf TikTok

Auf Bluesky

(Das Verlinken wird auch nicht gerade einfacher, wie man sieht. Zersplitterung und Entropie im Internet, Unordnung und frühes Leid.)

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Wenn man zu viel zu tun hat und also gar keine Zeit mehr für irgendwas, wenn man auch nicht mehr oder kaum noch zu zweit sein kann, wenn man also auf keinen Fall einen ganzen Nachmittag vermeintlich sinnlos mit Leisure Time verschwenden dürfte – dann wird es eventuell höchste Zeit für eine paradoxe Intervention.

Dachte ich mir so, und buchte also der Herzdame und mir den Afternoon Tea im Hotel mit dem englischen Ambiente um die Ecke: The George (keine bezahlte Werbung, nein). Ein Hotel, in dem ich, es versteht sich fast von selbst, noch nie war, denn die Hotels sind ja für Gäste da.

Für die touristische Perspektive auf unser kleines Bahnhofsviertel muss ich erst gründlich umdenken und als nutznießender Nachbar (so ein spaßiges Verb, lange nicht benutzt) habe ich mich bisher eher nicht verstanden. Aber Komfortzone, out of the box, creative minds, Sie kennen das.

Mein fortwährender Overthinking-Modus ergab jedenfalls im kreisenden Grübeln aus gleich mehreren Perspektiven in letzter Zeit, dass es vielleicht ebenso interessant wie attraktiv und auch anderweitig nützlich sein könnte, nicht nur Gäste Gast spielen zu lassen, sondern da ab und zu auch einmal mitzumischen. Hier und da.

Dieser Afternoon Tea war nun der Startschuss, und es war eine gute Wahl. In der Bar (DaCaio) wird er serviert, man sitzt dort sehr gechillt, wie die Söhne sagen würden. Das Essen war attraktiv und reichlich, die Tee-Auswahl war üppig, kurzum, wir werden das bei Gelegenheit wiederholen. Was für einen Nörgelrentner in der Vorbereitungsphase wie mich ein eher jubelndes Lob ist, also bitte.

Afternoon-Tea, Etagère mit Speisen

Ein Gurkensandwich und eine Tasse Tee

25 Euro pro Person. Ich habe bei einigen anderen Anbietern nachgesehen, um das besser einordnen zu können, das ist ein sehr guter Preis.

Täglich 15:30 bis 18:00, telefonisch reservieren, es war allerdings keineswegs überlaufen.

Kleine Schaken mit sehr guten Oliven

Teekann und -tasse

Eine Teetasse in den Händen der Herzdame

 

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Wenn ich aus dem Fenster sehe, die Tierfilmausgabe

Was ich Ihnen schon länger erzählen wollte, das müssen Sie sich gleich bitte bei den Zeilen, in denen die Vögel vorkommen, mit Tierfilmerzählstimme vorgelesen vorstellen. Dann wirkt es etwas besser und auch passender, nehme ich an. Je nach Alter wird das also verschieden ausfallen, denn wir werden wohl mit einer reichen Auswahl von Sendungen großgeworden sein, Sielmann, Grzimek etc., sie fallen mir gar nicht mehr alle ein.

Also vorausgesetzt, Sie sind noch aus der Zeit des linearen Fernsehens.

Aus den Fenstern der Teenagerzimmer, ich muss leider etwas ausholen, die ich tagsüber als Arbeitszimmer nutze, da in dieser Wohnung kein Raum für mich vorgesehen ist, wie ich nicht ohne einen gewissen Unwillen vermerken kann, blicke ich auf das Dach eines großen Hotels. Auf diesem Dach wehen verlässlich jederzeit Fahnen. Sind Staatsgäste da, wehen dort die Landesfahnen des Besuchs. Die ich dann, öfter als man gerne zugeben möchte, eventuell nachschlagen muss, um der Allgemeinbildung etwas nachzuhelfen. Wo kommt jetzt die oder der schon wieder her, und warum kennt man das nicht. Was sind das für seltsame Farbkombinationen und was sind das für Symbole. Dann sitze ich staunend vor dem Bildschirm und denke: Aha, Usbekistan! Das merke ich mir jetzt aber.

Sie werden es ahnen, ich merke es mir dann aber keineswegs.

Sind keine Staatsgäste da, weht drüben das bekannte Stadtwappen auf dem Dach. Die weiße Burg (mit übrigens jederzeit gut geschlossenem Tor, von wegen weltoffen) auf rotem Grund. Je nach Wind oder Sturm haben diese Fahnen mal einen guten Zustand, mal aber auch arg zerfetzte Ränder. Sie sehen dann etwas nach Drama aus, manchmal auch, wenn ein Orkan von der Nordsee her über die Stadt fegt und wenn die Beleuchtung stimmt, nach Apokalypse.

Ich nehme an, dass sie jeweils nicht sehr lange halten, diese Fahnen, denn an Wind haben wir hier keinen Mangel. Jemand wird also dauernd Fahnen nachkaufen, vielleicht gibt es sogar eine Art Abo.

Worum ging es hier eigentlich. Um das Wehen, genau. Diese Fahnen, sprachfanatische Menschen dürfen übrigens gerne wieder etwas zur Verwendung der Begriffe Fahne oder Flagge kommentieren, diese Fahnen stehen da also das ganze Jahr über recht oft im starken Wind, mit zunehmendem Klimawandel tendenziell immer öfter. Sie werden das Bild kennen, die Fahne steht in einer Brise straff zur Seite, so dass man sie prima sehen und vielleicht doch nicht erkennen kann. Sie schlägt im Wind aber auch aus und um, sie zappelt manchmal, fährt auf einmal zackig zusammen, dass es laut knallt, dengelt zwischendurch immer wieder gegen den Mast, so dass man weithin hafentypische Geräusche hört und sich auch im Bett in Hamburg Mitte sehr maritim fühlen darf, überhaupt kapriolen die Fahnen betont kumpelhaft mit dem Sturm herum.

Das alles besehen sich meine gern gesehenen Balkongäste, die Rabenkrähen. Sie setzen sich auch oben auf die Spitze des Fahnenmastes und lehnen sich kühn in den Wind. Sie schubsen sich manchmal gegenseitig von dieser begehrten Spitze, was dann nach den typischen Rangeleien von Jugendlichen aussieht: Man mackert etwas herum, ey Digga, mach Platz da. Was willstu, komm doch her, wenn du was willst.

Sie flattern aufgeregt um die wehenden Fahnen herum, ihre Flügel schlagen wild, die Fahne schlägt unter ihnen ebenso.

Und, was ich bis vor kurzer Zeit noch nie beobachtet hatte, jetzt aber dauernd, sie setzen sich darauf. Auf diese arg windgebeutelte Fahne. Nämlich auf ihren oberen Saum, der da manchmal so zackig und stramm im Wind steht, als sei er aus Draht und fest verbaut. Der dann aber unberechenbar plötzlich wieder wegknickt und den Vögeln dabei unvermittelt die Füße wegreißt, dass sie fast oder auch tatsächlich einen unfreiwilligen Salto machen, wonach sie sich umgehend wieder niederlassen. Wenn sich nicht zwischendurch schon ein anderer Vogel den besonderen Spaßplatz ergattert hat. Der Andrang ist manchmal etwas größer, denn es ist eine ganze Gang, die da oben Spaß und Tagesfreizeit hat.

Dabei krähen sie alle fortwährend laut, dass es weithin wie heiseres, sich johlend überschlagendes Lachen klingt. Sie kriegen sich gar nicht mehr ein. Es sieht vollkommen überzeugend so aus, als würden sie sich dort oben prächtig im starken Wind amüsieren, mit diesem zappelnden Stadtwappen, das so lustig unter ihnen zuckt.

Es ist selbstverständlich bekannt, was für außerordentlich interessante und intelligente Vögel diese Krähen sind und was sie alles veranstalten. Man findet auch viele Beispiele im Netz, bis hin zu Krähen, die auf vereisten Dächern förmlich rodeln.

Aber diese spielerische Akrobatikvariante auf den Fahnensportgeräten, die kannte ich noch nicht, die wollte ich eben verbreiten.

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Blick über die Außenalster, vom Ufer bei der Kennedybrücke aus

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Dank, Links und ein Lied

Das Bild des Tages wäre der Autor dieses Blogs mit offenem Mund vor dem Bildschirm am sehr frühen Morgen. Was nur begrenzt attraktiv klingt, wie ich sofort zugebe. Es gibt aber den Moment treffend wieder, in dem ich sah, dass gleich zwei, wie soll ich sagen, deutlich sichtbare und ganz und gar ungewöhnliche Summen als Trinkgeld eingeworfen wurden. Was mir Anlass ist, sowohl diesen beiden Leserinnen als auch sämtlichen anderen, ausdrücklich auch denen mit dem Kleingeld natürlich, erneut herzlich zu danken. Denn das begeistert mich schon sehr, es motiviert sogar ausgewiesene Demotivationsexperten wie mich und, ja, es trägt auch.

Über all die Jahre ist mir erfreulicherweise diese Straßenmusikfreude geblieben, die gar nicht an der Höhe der Beträge hängt, sondern an der Geste. Man macht oder spielt etwas an einer Straßenecke, man schreibt etwas an irgendeiner Biegung des Internets, jemand kommt vorbei, hört kurz zu oder liest eine Weile mit – und dann klimpert etwas. Man spielt oder schreibt mit einem Lächeln und einem dankenden Nicken weiter – ich mag diesen Ablauf wirklich sehr. Das ist, wie man so sagt, mein Ding.

Und dazu all die Leute, die einfach nur stehenbleiben und zuhören oder mitlesen, die tragen, es versteht sich hoffentlich, ebenfalls signifikant zum Wohlbefinden der Auftretenden bei.

Die nächtliche Beleuchtung an der Reeperbahn im Advent, rote Herzen

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Man bekommt manchmal nicht mit, wenn Bloggerinnen wieder auftauchen, ich kenne das. Deswegen weise ich zwischendurch eben auf Lu hin, bei der wieder ein frischer Text steht. Ich freue mich über alle, die als Wiedergängerinnen in meinem Feedreader erscheinen. Und falls Sie, ja, tatsächlich genau Sie, zu denen gehören, die sich ab und zu und vielleicht auch schon seit etlichen Jahren fragen, ob Sie nicht auch endlich einmal bloggen sollten oder auch nach Jahren der Abstinenz wieder bloggen sollten: Ja, das sollten Sie in der Tat.

Gut, hätten wir das auch geklärt. Weiter im Text.

Kiki passiert etwas Gutes. Und Gutes, das finden wir gut und sollten es teilen.

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Obwohl ich hier meist eher um den Status als Fachblog für traurige Musik bemüht bin, habe auch ich ab und zu Musik in der Heavy Rotation im Kopf und auf den Abspielgeräten, die eher als munter durchgehen kann. So wie bei dem Song „Deep Love“ von Flora Hibberd, welche ich neulich erst entdeckt habe. Eine Engländerin, die in Paris lebt und auch als Übersetzerin arbeitet. Kann man mal hören!

Das Bild hier auf dem Video sieht nicht gerade frohgemut aus, der Song ist es aber doch. Oder er ist es jedenfalls für meine Verhältnisse.


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