Another weird text

Während wir in Hamburg lediglich das Innenleben des Hauptbahnhofs durch eine Umbenennung zu retten versuchen und irgendwie gegenwärtiger machen wollen, obwohl doch unzweifelhaft auch mitten im Bahnhof Uhrzeit und Kalender treffsicher mit dem Rest der Stadt übereinstimmen, während wir hier also bloß aus der Wandelhalle eine „Grand Hall“ machen, handelt München viel forscher, umfassender und tiefgründiger. Dort benennt man gleich das ganze Bahnhofsviertel um. Denn viel hilft sicher auch beim Thema Namenszauber viel. Das weiß man, und wirklich mutige, weit vorausdenkende Menschen denken an dieser Textstelle bereits über „Deutschland“ nach, denn bitte, wie altbacken und verknöchert klingt das denn.

Aus dem Bahnhofsviertel dort unten jedenfalls wird, man kann es bei der Kaltmamsell nachlesen, wir beide bebloggen schließlich in treuer Folge immer wieder die Hauptbahnhöfe der großen Städte im Süden und im Norden, aus diesem Viertel wird nun das „Central Quartier“. Was man wohl, ich habe kurz etwas nachgelesen, deutsch aussprechen sollte, da es sich auf die alte Bezeichnung Centralbahnhof bezieht. Das ist einigermaßen raffiniert. Denn das Hirn der Gegenwart möchte bei „Central“ selbstverständlich gerne englisch weiterdenken, während es beim Weiterlesen dann aber über das i in Quartier stolpert und der Rest der Schulbildung daraus eher hektisch Französisch folgern möchte.

Gibt man „Central Quartier“ bei Deepl oder ähnlichen Seiten ein, wird auch dort Französisch erkannt. Während wir ruhig darauf bauen können, dass sämtliche Expats dieser Welt, all die Touristen und auch die ganze Heerschar der sonstigen Reisenden von überall her „Central Quarter“ sagen werden. Also mit ohne i.

Das ist ein nettes Sprachspiel für die polyglotte Jetset-Gesellschaft, das passt zu München, doch, doch. Während widerständige Ureinwohnerinnen in lokalem Tonfall immer wieder vom „Central Quartier“ in gewissermaßen extrem deutscher Aussprache reden werden. Ich höre im Geiste sofort Gerhart Polt über dieses Viertel dozieren.

Je länger ich darüber nachdenke, desto amüsanter finde ich den neuen Namen.

Bei uns wäre es aus historischen Gründen etwas simpler. Denn in unserem kleinen Bahnhofsviertel wurde schon einmal das „Manhattan an der Alster“ städtebaulich eingeplant, etwa zur Zeit meiner Geburt. Dazu kann man sich hier ein bemerkenswertes Bild ansehen. Und da alles einen schicken Twist braucht und irgendjemand immer out of the box denken muss, würden wir heute bitte betonen wollen, dass hier die Stadtmitte ist und es also „Mainhatten“ heißen müsste. Ein echter Hingucker, hurra.

Hochhäuser am Steindamm in St. Georg

Die Hauptausgehmeile meines liebenswerten sogenannten Szeneviertels wiederum hat einen geradezu überspannt deutschen Namen. Den man sich öder kaum vorstellen kann, er wirkt wie behördlich nach stattgehabten Messungen und nach DIN-Norm zugeteilt: „Lange Reihe“. Diese Lange Reihe ist aber laut sämtlichen Reiseführern trubelig, lebendig, nachtaktiv, szene-affin etc. Sie liegt außerdem fast direkt an der Außenalster. Die Außenalster aber wurde bekanntlich nur zu unserem so überaus attraktiven Stadtsee, weil sie damals aufgestaut wurde, sie ist im Grunde also ein … aber Sie merken vermutlich längst, worauf ich hinausmöchte, denn was kann naheliegender sein als „Basin Street“?

Der parallel zur Langen Reihe liegende und ganz anders geartete Steindamm …

[Exkursbeginn. Um zur Abwechslung etwas vollkommen ernst zu meinen: Wenn Sie als Touristin oder Tourist nach Hamburg kommen sollten, machen Sie Ihren Besuch doch bitte zum Bildungsurlaub und gehen Sie einmal die Lange Reihe auf und ab, nur um direkt danach den Steindamm auf und abzugehen. Zwischen diesen beiden Straßen liegen nur ein paar Schritte, aber die Unterschiede in den Erlebniswelten sind krass unglaubwürdig, wenn man es nicht selbst gesehen hat.

Es ersetzt ein Soziologieseminar, ach was, ein ganzes Semester, sich diese beiden so strikt getrennten Stadträume geistig einzuverleiben. Man muss genau diese beiden Straßen verstehen, um auf einmal sehr viel von unserer Gesellschaft zu verstehen. Sie haben auf der Langen Reihe den zur Szene und zum Hipster gewordenen WEIRD-Bias (Sie erinnern sich vielleicht noch, Western, Educated, Industrialized, Rich, and Democratic). Sie haben auf dem Steindamm dagegen eine merkwürdig andere Kulisse und eine vollkommen andere Statisten-Schar – als habe man „Migration“ auf einer Freilichtbühne überspitzt und seltsam überzeichnet darstellen wollen.

Also noch einmal, es ist ausdrücklich kein Scherz, besuchen Sie doch bitte einmal genau diese beiden Straßen. Sehen Sie genau hin – and please mind the gap. Exkursende.]

… der Steindamm jedenfalls war eine frühe, eine sehr frühe Ausgehmeile in dieser Stadt. Es gab dort auch, wenn ich mich da noch richtig erinnere, die allerersten Neon-Schriftzüge im Stadtbild. Es gab mehrere Theater, dazu Show-Bühnen aller Art, außerdem Kinos etc. Und da die Straße auch recht breit ist, okay, we got it – The Broadway.

Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr Spaß macht das. Ich glaube, ich möchte gar nicht mehr darüber spotten. Ich möchte eher mitmachen. Ach was, ich möchte das am besten beruflich machen, ich möchte bitte alles und jeden umbenennen. Ich möchte derart umfassend wortzaubern, dass man mich respektvoll den Merlin, oder meinetwegen auch Merlix, für diejenigen, die schon sehr lange mitlesen, dass man mich also den Merlin of the Mottos nennen wird.

Irgendwo im Konzerngeflecht der Firma, in der ich für meinen Brotberuf tätig bin, gab es einmal einen Ableger, der genau so etwas gemacht hat, fällt mir gerade ein. Ich muss nach dem Urlaub dringend einmal nachsehen, ob wir diese Truppe noch besitzen.

Ein Graffiti bzw Wandgemälde an einem Eckhaus auf der Langen Reihe, ein sich öffnender Reißverschluss, unter dem das Hamburgwappen hervorkommt

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Misty

Unerwartet kann ich an den gestrigen Text noch etwas anlegen, einen weiteren Terminhinweis. Denn zu der gestern aus Anlass des Nica-Jazzclub-Geburtstags verhandelten Pannonica de Koenigswarter gibt es am 27.12. um 20:30 im Hamburger Birdland einen Themenabend: Thelonica, „Eine Hommage an die Musik und an die Liebe“. Ich glaube sogar, ich hätte da Zeit und die Herzdame etwas anderes vor.

Catrin Striebeck spielt die berühmte Jazz-Mäzenin, und bei diesem Namen klingelt etwas bei mir. Ich sehe ausnahmsweise doch einmal im Blogarchiv nach, das mache ich sonst nur ungern. Ja, guck an, ich habe tatsächlich einmal über sie anlässlich einer Theaterrezension geschrieben. Und zwar hat sie da, so schrieb ich damals und lese es heute mit nicht geringem Staunen, „mit raumfüllender Leidenschaft“ gespielt. In einem Stück trat sie an jenem Abend auf, an welches ich ansonsten nicht die allergeringste Erinnerung habe. In weiblicher Begleitung war ich an jenem Abend im Theater, das lese ich auch in dem alten Artikel, aber der Name der Begleitung kommt in meinem heutigen Alltag nicht mehr vor. Da waren die Jahre und die Entwicklungen trennend, und bloggend gibt es sie meines Wissens auch nicht mehr.

Nur der Name der einen Darstellerin blieb mir also prominent im Gedächtnis, Catrin Striebeck. Das wird wohl ein gutes Zeichen sein. Okay, ich habe gerade ein Ticket gekauft.

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Gehört habe ich ansonsten eine Lange Nacht vom Deutschlandfunk Kultur über Anna Seghers: „Das Einfache ist das Schwierige“, 161 Minuten.  Anna Seghers ist bei mir eher eine Leerstelle, da gibt es also, immer alles möglichst positiv ausdeuten, noch reichlich Raum für Leseerfahrungen.

Hören werde ich in Kürze und verlinke zur Abwechslung einmal vorausgreifend, denn die Sendung wird sicher gut sein, waren die Langen Nächte bisher doch immer gut, sofern ich wenigstens am Rande Interesse für das Thema hatte, die Lange Nacht über Rainer Maria Rilke: „Jedes Wort ist eine Frage“. 158 Minuten.

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Gesehen habe ich bei arte die Doku über Jimmy Somerville: „Smalltown Boy.“ Und angefangen habe ich, ebenfalls bei arte, mit der Doku über Erroll Garner: „Misty – die Erroll Garner Story“.

Bei dem titelgebenden Song, der von Johnny Burke mit einem Text versehen wurde, könnte man schon wieder in etlichen Versionen schwelgen, rund 300 wird es wohl geben. Ich greife aber kurzentschlossen lediglich zwei heraus. Zum einen selbstverständlich das Original, gespielt vom Meister selbst. Der übrigens keine Noten lesen konnte, was ihn von musikalischen Großtaten keineswegs abhielt. Zu der Sache mit den Noten steht die anzuwendende Anekdote in den Kommentaren unter dem Video:

“I heard a story that someone criticized Erroll because of his inability to read music. He responded by saying,“No one comes to watch me read.“


Zum anderen noch eine gesungene Version, und was nehmen wir denn da … Vielleicht am besten eine Aufnahme, die ich schon einmal im Blog hatte, nämlich die von dem Auftritt der erkälteten Sarah Vaughan in Schweden.

Um auch dazu einen passenden YouTube-Kommentar zu zitieren: „Her voice was the blueprint of everything perfect.“

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Misty war es ansonsten auch in dieser Stadt. Ich habe Ihnen im kleinen Bahnhofsviertel und unten am Hafen einige Bilder davon gemacht.

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Jazz der Zukunft und das Programm vor drei Wochen

Wie bereits erwähnt, handhabe ich es mit den guten Vorsätzen nun so, dass ich sie zwar weiterhin ablehne, aber doch daran arbeite, mir andere Möglichkeiten und Termine sowohl schmackhaft zu machen als auch zu ermöglichen. Betont unverbindlich, versteht sich, denn sonst geht die Selbstsabotage bei mir schon beim bloßen Vorhaben los, ich muss das mit etwas Raffinesse angehen. In diesem Zusammenhang habe ich gerade ein Auge auf die diversen Jazzclubs in Hamburg und auf deren Programm. Denn man könnte ja einmal, rein theoretisch. Also sogar ich könnte, doch, doch.

Leuchtdeko über der Mönckebergstraße

Es bot sich bei der ersten lapidaren Erwähnung in einem Gespräch unter Freunden auch prompt nette Begleitung an, ein Zeichen, ein Zeichen. Passend dazu hörte ich gerade einen Podcast mit der Betreiberin des Nica-Jazzclubs in der Hamburger Innenstadt. Der mir neulich tatsächlich zufällig auf einer meiner abendlichen Runden auffiel: „Ach guck, ein Jazzclub. Nanu!“ Und zwar auffiel im Sinne des Gedankens: Neulich war da aber noch kein Jazzclub.

Womit ich sogar richtig lag, wenn man „neulich“ etwas großzügig auslegt, ein Jahr ist der Club nun alt. Hier gibt es ein Interview mit der Leiterin, Fee Schlennstedt, 7 Minuten lang.

„Was würdest du jemandem raten, der einen Club aufmachen will?“

„Lass es!“

Kurz wird erwähnt, dass der Club nach einer berühmten Jazz-Mäzenin benannt wurde, nach Pannonica de Koenigswarter, und es lohnt sich, diesem Link zur Wikipedia kurz zu folgen, wenn man den Namen noch nicht kennt. Es ist eine besonders interessante Geschichte. Der Dame wurden etwa 20 Jazz-Titel gewidmet, lese ich dort, sie werden auch aufgelistet. Zum Tagesanfang am besten geeignet ist wohl Kenny Dorham mit „Tonica“:

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Ein weiterer Kultur-Hinweis, weit vorausgreifend, aber man kann schließlich planen und wünschen. Die Zielgruppe für das Event wird vielleicht recht klein sein, aber im besten Fall täusche ich mich da: Im Altonaer Theater wird am 28.3. die „Deutschstunde“ von Lenz vorgelesen – und zwar der ganze Roman. Der, wenn Sie sich noch erinnern, nicht eben der schlankste in der Schulbibliothek war. Hier der Link zu dem Vorhaben. Es kommt mir einigermaßen verrückt vor, ich sympathisiere also heftig.

Sterne auf den Pavillons beim "Winterzauber" auf dem Jungfernstieg

 

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Aber apropos Kultur, Clubs und Termine. Ein Thema, bei dem ich kurz noch einmal auf die bemerkenswerte Dummheit von Algorithmen eingehen möchte. Ich habe mir in meinem neu verstärkten Bemühen, mehr Ankündigungen, Veranstaltungen, Neuigkeiten etc. aus der Hamburger Kulturszene mitzubekommen, noch einmal beflissen alles zusammengeklickt, was da dienlich sein kann. All die Feeds, Newsletter und Social-Media-Accounts der diversen Veranstalter und lokalen Medien etc., auch deren Instagram-Präsenzen. Es lässt mich einfach nicht los, dass ich immer noch manches von dem komplett verpasse, was in meinen Interessen liegt, ich möchte das also besser absichern.

Weihnachtliche Deko im Levantehaus

Wenn jemand nun aber zehn Hamburger Museen und mehr abonniert, dazu etliche, fast alle Hamburger Theater und auch viele sonstige Auftrittsmöglichkeiten in dieser Stadt, dann könnte man meinen, die momentane Interessenlage dieses Users recht präzise fassen zu können. Es wirkt wahrhaftig nicht besonders schwer. Was aber zeigt mir Instagram kurz nach diesem intensiven Bemühen für Werbung?

Für eine Ausstellung in einem Museum in München. Für ein Stück in einem Theater in Düsseldorf. Für eine Galerie, Gott weiß wo, etwa eine Tagesreise entfernt. Und, fast noch besser, was wird mir aus den vielen neu abonnierten Hamburger Accounts noch einmal nach oben gespült und zur Anzeige gebracht, etwa bei den Seiten mit den Veranstaltungshinweisen?

Das Programm des Wochenendes. Was okay und vollkommen erwünscht wäre, wenn es nicht das Programm des Wochenendes vor drei Wochen wäre. Und nicht nur einmal passiert das, sondern mehrfach. Es hat System, nur eben kein brauchbares.

Was ist das aber, ist es unbemüht, ist es schlecht gemacht, ist es das Ergebnis einer Egalhaltung, ist es ignorant oder ist am Ende jemand im Ernst an der Lösung dieser Aufgabe gescheitert? Braucht man dort Hilfe? Wie kann es sein?

Ich finde es einigermaßen rätselhaft. Aber gut, ich weiß jetzt, was ich vor drei Wochen alles verpasst habe. Wozu auch immer dieses Wissen gut sein mag.

Die geschmückte Tanne im Foyer des Rathauses

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Einige Anmerkungen zu juristischen Begriffen

Ich entnehme der Berichterstattung zum Block-Prozess, die ich zwar keineswegs engagiert verfolge, die aber leider von einigermaßen unausweichlicher Präsenz in den Hamburger Medien ist, dass es den Begriff „Selbstleseanordnung“ bei Gerichtsverfahren gibt. Alle am Prozess beteiligten Personen werden mit dieser Anordnung aufgefordert, zugewiesene Dokumente selbst zu lesen, also gefälligst selbst zu lesen, so klingt das. Da man all diese Papiere, Belege etc. sonst im Gerichtssaal vorlesen müsste, was erstens unfassbar langweilig sein dürfte und zweitens in speziell diesem Fall erbärmlich lange dauern würde. Deswegen: „Selbstleseanordnung“.

Wenn Ihnen nun bei der Kenntnisnahme dieses Begriffs sofort (sofocht, wie Isa sagen würde, bei gewissen Begriffen habe ich ihre Stimme direkt im Ohr, so etwa auch bei dem von ihr so gerne benutzten Wort „bescheuert“, welches sonst eher selten noch vorkommt, aber das nur am Rande), wenn Ihnen also sofort Situationen in Kinderzimmern, Konferenzräumen oder Call-Situationen einfallen, in denen man zu und zu gerne die Macht gehabt hätte, in Bezug auf gewisse Grundlagen der gerade besprochenen Themen auch so eine Selbstleseanordnung auszusprechen, und zwar mit Dringlichkeit, Schärfe und Autorität, dann haben Sie also auch schon ein paar Jahre Erziehung hinter sich, dann arbeiten Sie also auch in einem Konzern.

Und so etwas verbindet ja enorm.

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In einem Kommentar hier im Blog wies Swuuj darauf hin, vielen Dank, dass ein Text von mir in einem luxemburgischen Podcast vorkommt, nämlich hier bei Spotify oder bei Apple. Es geht um das Nichtstun und um Wartezeiten, also um Themen, bei denen ich allerdings kaum als Experte durchgehen kann. Ich komme da nur als Beobachter in Frage, und so war es in dem dort erwähnten Text auch.

Das war jedenfalls eine schöne und interessante Gelegenheit, einmal dieser Sprache zuzuhören.

Zumal Luxemburg gerade vor ein paar Tagen erst im Büro-Smalltalk vorkam. Und das kam so: Ich habe einen Kollegen, der auch ein Klassenkamerad von mir war. Wir kennen uns also bereits dermaßen lange, dass man es jüngeren Kolleginnen kaum erzählen mag, denn die gucken dann immer so seltsam und rechnen irgendwas im Kopf nach, vielleicht ob Menschen wirklich so alt werden können.

Mit diesem Kollegen jedenfalls sprach ich aus beruflichen Gründen über Luxemburg und erwähnte, eingedenk unserer gemeinsamen Vergangenheit, dass wir da ja einmal waren, einen Tagesausflug lang. Damals, auf jener Klassenfahrt.

Und der Kollege sah mich versonnen an, blickte zurück durch die vielen Jahre – und erinnerte sich nicht. Luxemburg? Also nein, pardon, das war eine Leerstelle, da klingelte bei ihm nichts, dazu hatte er nichts abgelegt Er sei aber selbstverständlich dennoch gerne bereit, so sagte er beflissen, mir das zu glauben. Das wäre dann schließlich nicht die einzige Erinnerungslücke aus jenen Jahren. Da habe man ja einiges mitgemacht, in dieser etwas wilderen Lebensphase, und manches hatte womöglich Folgen.

Dann fing ich aber ebenfalls an zu grübeln und war damit wieder bei dem Thema Zeugenaussagen und Erinnerungen, das mich oft beschäftigt. Luxemburg, Luxemburg, war es denn wirklich Luxemburg? Kann ich mir denn sicher sein, wenn andere mutmaßlich Beteiligte es so deutlich nicht sind? Unscharf erinnerte ich mich noch an einen Ausschnitt einer Stadtsilhouette, an eine große Brücke, an einen Reisebus. An einige Namen von Mitschülerinnen auch, an vage Anklänge von Situationen dort … Und dann auf einmal erinnerte ich mich an nichts mehr. Das Wenige zerfiel in meinem Hirn, noch während ich versuchte, die paar Bilder mühsam etwas schärfer zu stellen.

Vielleicht waren wir in Luxemburg, vielleicht waren wir es auch nicht. Ich bin mittlerweile unsicher. Wir müssten weitere Zeugen befragen, aber wir wollen nicht übertreiben. Wer weiß schon genau, was noch alles war. In jenen exzessiv ausgelebten Jahren, in denen wir 16 oder 17 Jahre alt waren.

Vielleicht fällt es uns wieder ein, wenn wir noch etwas älter werden. So ist es oft mit den alten Erinnerungsbildern, und so habe ich es mittlerweile bei etlichen alternden Menschen mitbekommen: Die Bilder tauchen irgendwann wieder auf. Und mit etwas Glück finden wir das dann sogar unterhaltsam. Wollen wir also hoffen, dass wir in Luxemburg etwas erlebt haben.

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Ich habe keine passenden Bilder für diesen Text, ich restverwerte hier daher einfach Weihnachtliches aus der Grand Hall, formerly known as Wandelhalle.

Eine der großen Uhren in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs mit weihnachtlicher Deko ringsum Eine der großen Uhren in der Wandelhalle des Hauptbahnhofs mit weihnachtlichen Lichtern ringsum Blick in die "Grand Hall" von der Galerie aus, mit der gro0en, animierten Lichtertanne in der Mitte

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To behave with good cheer and grace

Dann doch noch der Weihnachtsurlaub. Spät und fast nicht mehr erwartet, es zieht sich doch immer erheblich, bis diese paar freien Tage eintreten.

Die für mich in einem gewissen und wichtigen Sinne freier als in den Vorjahren sind. Denn zum ersten Mal, seit ich weiß nicht wie vielen Jahren, seit enorm vielen Jahren jedenfalls, seit gefühlt meinem ganzen Arbeitsleben, was aber nicht die sachliche Wahrheit sein kann, wie ich wohl einsehe, seit jedenfalls zu langer Zeit also, ist es das erste Weihnachten, zu dem ich keinen Text, keine Festkolumne für einen zahlenden und also vollkommen berechtigt wartenden Kunden schreiben muss. Und Sie machen sich keinen Begriff, wie entspannend das sein kann.

Den Urlaub beginnen wir gleich, um deutlich im Schwung zu bleiben, mit einer weiteren Premiere: Es gibt Mittagstisch in der Hobenköök, in der Hafenküche für das südlichere Publikum. Ich hatte mit der Truppe damals auch im Zusammenhang mit der Hamburger Regionalwert AG (keine bezahlte Werbung, nein) zu tun. Ich war dort auch schon öfter abends zum Essen, mit Freundinnen und sogar mit der Firma. Es stellte sich aber heraus, dass die Herzdame noch nie in dem Restaurant gegessen hat, das mir bisher jedes Mal empfehlenswert vorkam. Und mir fehlte die Mittagserfahrung. Eine Erfahrungslücke, die also zu korrigieren war, zumal auch dieses Ziel im Oberhafenquartier von uns aus fußläufig zu erreichen ist und es unterwegs nette Motive gibt.

Blick von der Oberhafenbrücke elbaufwärts Blick von der Oberhafenbrücke auf ein Graffiti ander Kaimauer: "Lieb sein" Blick von der Oberhafenbrücke auf das Spiegelgebäude

Und wenn man Urlaub hat, dann sind alltagsauflockernde Vorhaben ohnehin empfehlenswert.

Die Speisekarte ist mit schöner Selbstverständlichkeit überwiegend vegetarisch, obwohl es kein vegetarisches Restaurant ist, und ich glaube fast, so etwas begegnet mir in dieser Form zum ersten Mal. Und hervorragendes Essen gab es, aber das erwartet man bei diesem Restaurant ja längst.

Blixk von der Galerie über Küche und Restaurant Hobenköök Das Hobenköök-Logo an der Außenwand des Restaurants Gebratene Kartoffelknödel im Restaurant Hobenköök

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Das Fest rückt ansonsten näher, saisonale Links und Bilder müssen also mit Dringlichkeit verwertet werden, die verderben sonst.

Neue Weihnachtsmusik habe ich in diesem Jahr kaum zur Kenntnis genommen, aber die Sachen von aron! und Hohnen Ford kann ich immerhin gerne durchgehen lassen.

Neu dabei in diesem Jahr aber auch The Divine Comedy mit „All the pretty lights“:

Und schließlich noch a very good advice for Christmas. Die Lage wird damit ein für allemal passend zusammengefasst und man sollte das Lied vielleicht noch im Vorwege an alle verschicken, bei denen man einen gewissen Verdacht hat.

In aller Unschuld kann man das ja verschicken, guck mal, wie lustig. Und dann einfach einwirken lassen.


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Die Präsi des Jahres

Schon wieder etwas mit Kultur gemacht, nämlich die Show, Lesung, Power-Point-Präsentation von Katja Berlin besucht. Die im Imperial Theater auf der Reeperbahn auftrat, wo ich damit auch zum ersten Mal war, eine Premiere jagt hier die nächste. Dort laufen normalerweise Krimistücke. Ein kleines Theater ist es, so klein, dass man sich größere Menschen darin kaum vorstellen kann. Ich habe Bekannte mit über zwei Meter Länge, die müssten sich beispielsweise bei einem Besuch der Toiletten dort wohl derart kompliziert in diese winzige Kabine falten, Origami nichts dagegen.

Die Bühne im Imperial-Theater für Katja Berlin

Sonst aber alles super, gute Plätze, gute Show. Die tatsächlich im Kern eine PowerPoint-Präsentation der berühmten Torten der Wahrheit ist, welche sicher allgemein bekannt sind aus der Zeit und aus ihren Büchern. Und natürlich ist es die einzige PowerPoint-Präsentation des Jahres, die im Ernst als unterhaltsam durchgehen kann. Die man sich daher unfassbarerweise freiwillig ansieht, ja, für die man sogar bereit ist, Eintritt zu bezahlen. Ich trete meinem Arbeitgeber sicher nicht zu nahe, wenn ich feststelle: In meinem Brotberuf kommt so etwas nicht vor. Dort wird mir so etwas niemals in ähnlicher Art und Qualität präsentiert, dort zahlt man umgekehrt mir Geld, damit ich die Präsentationen im Arbeitsalltag über mich ergehen lasse, und es fühlt sich dann nicht zwingend wie gutes Theater an und manchmal nicht einmal wie Unterhaltung. Sie werden es kennen, nehme ich an.

Katja Berlin aber dreht das Konzept souverän. Eventuelle Zweifel, ob so ein eher einmaliges Auftrittsprogramm aufgehen kann, werden schnell zerstreut, ihre Pointen sind, da kann kein Zweifel bestehen, meisterinnenhaft, und sie kommen in schneller Folge. Aber gut, das weiß man auch schon vorher, wenn man ihr Schaffen seit längerer Zeit verfolgt. Also seit damals auf Twitter etwa, die Älteren erinnern sich. Um die Künstlerin zu zitieren: „Damals schrieb man auch noch Blogs.“

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Gehört habe ich drei Podcasts für den Freundeskreis Bildungsbürgertum. Zum einen „TikTok-Held und Sprachmagier – Worin liegt die Faszination Rilkes?“ Eine Sendung beim SWR, 44 Minuten.

Dann eine Folge im philosophischen Radio: „Willi Winckler: Hannah Arendt und die Banalität des Bösen“. Willi Winckler ist einer ihrer Biografen, die Sendung ist 53 Minuten lang.

Im Kontext dazu noch eine Folge „Sternstunde Philosophie“ beim SRF, auch als Video verfügbar: „Hannah Arendt – die Jahrhundertdenkerin“. Eine weitere lehrreiche Stunde lang, mit einer weiteren Biografin, Grit Strassenberger.

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Und dann noch eine Instagram-Empfehlung. Und zwar ein Account, auf dem etwas gezeigt wird, was ich gerne hätte. So oft kommt das nicht vor, dass ich vor Bildern sitze und denke: „Oh ja. Das hätte ich gerne.“ Es ist dann immerhin ein Wunsch, der als Gedanke reicht. Ich muss also meine Energie nicht darauf verwenden, das auch noch auf womöglich anstrengende Weise Wirklichkeit werden zu lassen.

Es wäre dummerweise auch recht teuer, es ist also ein Fall für die bekannten Gedankenspiele à la „Wenn ich Millionär wäre“. Wobei die Betonung auf „Spiel“ liegen muss, sonst kann es keinen Spaß machen. Dann jedenfalls, wenn ich Millionär wäre, dann würde ich unsere Wohnung mit reichlich Mid-Century-Zeug möblieren, denn meine Zuneigung wird über die Jahre immer noch intensiver. Möbel, wie sie etwa auf diesem Account gezeigt werden, Mid-Century Friends.

Ein Account, dem auch die Herzdame folgt, wie ich gerade sehe, und abgesprochen war dies nicht. Wären wir also Millionäre, wir könnten uns vermutlich auf das Interieur des Westflügels mühelos einigen, was man auch als tröstlichen Gedanken durchgehen lassen kann.

Etwas Fantasie vorausgesetzt.

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Kirchenpauerkai in der Hafencity, das Elbufer, auf der anderen Seite die Kräne

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Zwischen Fortschritt und Fatalismus

Dann war ich nach einer gefühlten Ewigkeit wieder im Kino. Das letzte Mal war so lange her, dass ich keinen Schimmer mehr habe, was wohl damals der Film gewesen sein mag. Ich weiß auch nicht mehr zuverlässig, mit wem ich dort war und in welchem Kino. Nun aber!

Es war eine einmalige Vorführung, die ich an diesem Abend sah. Nur ein Termin im Jahr, und es wäre einigermaßen sinnlos, den Film hier überhaupt zu erwähnen, wenn er nicht jährlich wiederholt werden würde. Man kann das für den nächsten Dezember einplanen, sofern ich das richtig verstanden habe, nämlich „The Muppet Christmas Carol“ (Wikipedia-Link). In der Originalfassung im Savoy-Kino. In welchem generell nur Originalfilme laufen, welches außerdem bei mir fast um die Ecke ist, und in dem ich peinlicherweise bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal war.

Ein besonders schönes und großes Kino ist es, wie ich etwas überrascht feststellte. Was es im Stadtteil alles so gibt! Man muss nur auch mal hingehen. Immerhin aber gebe ich mich im Moment in dieser Hinsicht bemüht, was sich dann auch prompt lohnt.

Der Savoy-Kinosaal im Dunkel vor der Vorführung

Im Vorspann war kurz ein winziger Ausschnitt von Harry und Sally zu sehen, ich habe vergessen, in welchem Zusammenhang. Der sehr junge Mensch neben mir sagte zu seiner ebenfalls sehr jungen Begleiterin: „Guck mal, ist das nicht das, was unsere Eltern immer so gut finden?“

Ich alterte beim Zuhören gleich noch ein paar Jahre.

Den Muppetfilm kann man als Weihnachtsritual jedenfalls gut einbauen. Mit den Figuren kann man bekanntlich ohnehin kaum falsch liegen und ich hätte gar nicht mehr parat gehabt, wie erfreulich nah am Originaltext von Charles Dickens die Story aufgebaut ist. Erzählt wird sie vom Autor selbst, personifiziert durch Gonzo, was erstaunlich gut aufgeht.

Aber apropos Charles Dickens. Da gibt es einen Zusammenhang mit unserem kleinen Bahnhofsviertel, den ich hier schon öfter erwähnt habe und der mir leider an diesem Abend wieder unangenehm bewusst gemacht wurde. Denn die Handlung des Christmas Carols spielt sich im viktorianischen London ab, und bei Charles Dickens kommt immer auch das Elend der Zeit und der Großstadt prominent vor. Die zerlumpten Gestalten, die frierenden Bettler, die verelendeten Frauen in den dunklen Nebenstraßen, all die grausigen Auswirkungen der Armut. Die Bilder dazu hat man vermutlich aus etlichen Filmen, Comics, Büchern etc. im Kopf.

Wenn man aber nach dem Schluss der Vorstellung aus dem Savoy geht und dann über den Steindamm, der, wie man es auch betrachtet, nicht eben zu den idyllischen Straßen dieser Stadt gehört, wenn man dann dort sieht, was da am Wegesrand in der Winternacht vegetiert, friert, hungert und Drogen aller Art konsumiert, wenn man nur aufmerksam genug registriert, was einem auf dem kurzen Weg zum Bahnhof dort aus dem Dunkel der Hauseingänge entgegenwankt, dann kann man nur zu einem Schluss kommen, und leicht ist der nicht:

Die Gegenwart ist schlimmer als das, was als beispielhaftes Elend im Film dargestellt wird. Und zwar, es ist nach zwei-, dreihundert Metern gar kein Zweifel möglich, deutlich schlimmer.

Für den Erhalt eines allgemeinen Fortschrittsglaubens ist es also nicht unbedingt empfehlenswert, diesen Film gerade dort zu sehen. Wenn man den Fortschritt der Menschheit aber ohnehin schon etwas länger und vielleicht auch einigermaßen routiniert hinterfragt, dann zieht einen diese Erfahrung vermutlich auch nicht mehr bedeutend tiefer. Dann kann man das ruhig machen. Ich kann mir gut vorstellen, das im nächsten Jahr zu wiederholen.

Gemeinsam mit einem Publikum, das an diesem Abend übrigens vollkommen undeutbar war, was ich immer interessant finde. Keine Richtung war in dieser Menge auszumachen, auch bei längerer Betrachtung nicht. Keine deutlichen Mehrheiten bildeten sich ab, keine starken Gruppen traten hervor, nicht einmal in Bezug auf das Alter. Was sind das denn für Menschen, die sich einen Muppet-Film in der Originalsprache im Kino ansehen, was für ein gesellschaftliches Segment fühlt sich da angesprochen und angezogen? Wenige Interessierte sind es jedenfalls nicht, der Saal war nahezu ausverkauft.

Ich habe es aber einfach nicht erkennen können. Ich kann also nur sagen, es sind unter anderem Typen wie ich, die dort angelockt werden. Was auch immer das dann heißen mag.

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Don’t mess with Mr. In-Between

Am Sonntagmorgen eine Alsterrunde. Selbstverständlich gegangen, nicht gelaufen, siehe Sting etc. Man kennt das. Ich ging flotten Schrittes wie immer, noch bevor sich die Sonne durch das kompakte Grau über mir mühen konnte. Es war noch nachtkalt an den Ufern, es war außerdem nordwestkalt, der Wind war nass, bitter und bissig. Die laufenden Menschen, die mir entgegenkamen, sahen diesmal nahezu sämtlich überzeugend so aus, als könne dieser Sport unmöglich Spaß machen. Als könne er außerdem kaum gesund sein und im Grunde überhaupt nichts, was sich irgendjemand freiwillig bei geistiger Gesundheit an einem Wochenendmorgen antun würde. Darüber hinaus gab es bei diesen Sportlerinnen und Sportlern eine seltsame Entwicklung zu beobachten, die wir ausgerechnet vom Automarkt her kennen: das Verschwinden der Farben aus der Modellpalette.

Alles lief ninjaoptimiert in schwarzer Montur, manchmal auch in Betontönen, in Variationen von Schlamm, Lehm, Sand und Granit. Wenn es bunt und ausgefallen war, bei den vielleicht doch ein wenig besser gelaunten Exemplaren, dann trug man die nachtdunkle Seite von Navy.

Das also mal weiter beobachten, am Ende ist es wieder ein verifizierbarer Trend.

Blick über die Aussenalster an einem Dezembermorgen

Ich dagegen trug einen heiter lichtgrauen Anzug. Darunter einen warmen Rollkragen in einem Farbton, den ich gerade am Bildschirm mit etlichen blauen Beispielkacheln verglichen habe, um ihn hier exakt benennen zu können. Das Ergebnis dabei lautete „lightsaber blue“. Guck an, diesen Pullover werde ich künftig sicher noch lieber tragen.

Eine Skulptur am Alsterufer, der man einen gestrickten Bikini angezogen hat

Ich war außerdem in dieser Umgebung verhaltensauffällig gut gelaunt. Denn ich hatte gleich nach dem Aufstehen beschlossen, mir eine neue Playlist für das Jahr 2026 anzulegen, um stimmungsmäßig nach Möglichkeit vorzugreifen und für etwas Aufwind zu sorgen. Nicht im Sinne eines ernsthaften Vorhabens, aber doch immerhin als Mittel der unverbindlichen, dabei aber möglichst freundlichen und vergleichsweise zugewandten Selbstunterstützung. Hilf dir selbst etc.

Begonnen hatte ich dieses Vorhaben mit Musik, die mir unter den Überbegriff „Lounge“ zu fallen schien. Daraus eher die lässigen und rhythmischen Varianten, nicht das Ambient-Zeug. Ein wenig in Richtung Bossa Nova auch. Was aber schnell zu viel und zu beliebig werden kann. Wenn man bedenkt, dass es von jedem Lied auf dieser Welt eine hingehauchte, zartschmelzende Bossa-Nova-Version gibt, wird es leicht unerträglich. Ich dachte jedenfalls an möglichst positive Songs. Von der Melodie, vom Titel und auch vom Text her, wenn es denn überhaupt Gesang gab. Von betont lässiger Grundstimmung, Gentleman an abendlicher Bar, bis hin zu selbstverständlich ironischer, aber doch leicht eskalierter Balz: „Na, ganz allein hier?“

Etwas in der Art schwebte mir vor.

Unter anderem durch das gestern erwähnte Album „John Coltrane und Johnny Hartman“ wurde es dann bald immer jazziger und swingender, sodass sich der Grundrhythmus dezent verschob. So dass auch das allfällige Fingerschnippen etwas anders eingesetzt werden musste, so dass ich diese bewährten Songs schließlich noch einmal mit neuem Interesse hörte. Und auch zwischendurch stehenblieb, um etwas auf dem Smartphone nachzulesen.

Songs, die man bereits tausendmal gehört hat, in etlichen Versionen. Aber es ist doch lohnend, fand ich dann, sich noch einmal damit zu befassen und vielleicht auch etwas kundiger zu werden. Etwa auch bei diesen so sattsam bekannten Liedern und Standards die Versionen noch einmal sämtlich nacheinander zu hören, dabei die Texte mitzulesen, die Geschichten dahinter kennenzulernen.

Tendenziell sinnfreie Unterfangen, die ein plötzlich bei mir aufflammendes Interesse bedienen, heben meine Laune oft beträchtlich und zuverlässig. Ich war also der mit der bemerkenswert guten Laune an diesem Morgen da auf dem Rundweg. Mit den eiskalten, aber dennoch schnippenden Fingern, mit dem immerhin dezent eingesetzten Pfeifen.

Auch mal schön, auf diese Art aus der Reihe zu fallen.

Vielleicht wollen Sie trotz des Wochentages noch einsteigen. Vielleicht wollen Sie das selbst dann, wenn bei Ihnen heute schon der Weihnachtsurlaub beginnt. So weit bin ich noch nicht, daher ergreife ich noch Maßnahmen und habe hier eine Bande gebildet. Mit Clint Eastwood, Bette Midler, Bing Crosby (sechs Monate vor seinem Tod, das beim Hören mal freundlich mitbedenken, bitte!), Willie Nelson, Sam Cooke, Johnny Mercer, Aretha Franklin, Ella Fitzgerald, Perry Como, Tony Bennett, Peggy Lee, The Andrew Sisters, Jools Holland, Dr. John und Paul McCartney.

Denn manchmal braucht man auf den letzten Metern des Jahres etwas Beistand, das kann vorkommen.

“You gotta ac-cent-tchu-ate the positive
E-lim-i-nate the negative
And latch on to the affirmative
Don’t mess with Mr. In-Between.

You got to spread joy up to the maximum
Bring gloom down to the minimum
Have faith, or pandemonium
Liable to walk upon the scene.”

Text Johnny Mercer, Musik Harold Arlen. Die bereits einmal erwähnte Seite „Secondhandsong“ findet 149 Versionen des Liedes.

 

Hier die Wikipedia zum Song, hier die Lyrics.

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Where one relaxes on the axis of the wheel of life

Zwei Anmerkungen zu meiner aktuellen Lektüre: Ich habe zum einen Simenons „Pedigree“ beendet (Wikipedialink). Nachdem ich dafür allerdings beklagenswert viel Zeit gebraucht habe. Deutlich mehr Tage, als ich für ein Buch brauchen möchte. Bei meinem Lesen besteht mit anderen Worten schon wieder oder weiterhin neuer Optimierungsbedarf.

Zu guten Vorsätzen neige ich kaum noch, aber ich möchte dem doch eindeutig mehr Zeit im Alltag einräumen. Denn es gehört entschieden zu den wenigen Tätigkeiten im Leben, denen keinerlei Reue nachschleicht, tatsächlich niemals. Auch dann nicht, wenn ich es exzessiv übertreibe. Oder wenn ich es zur Unzeit betreibe, an falschen Orten, in schlechter Gesellschaft oder wenn ich unmögliches Zeug lese. Meiner Erinnerung nach habe ich mir noch nie bittere, händeringende Selbstanklagen im Sinne von: „Ach, hätte ich doch nicht oder viel weniger gelesen!“ vor dem Spiegel vorgetragen.

Dito bezüglich des Schreibens, by the way. Lesen und Schreiben sind durch und durch okay.

Bei nahezu allen anderen Tätigkeiten könnte ich das keineswegs so verbindlich und überzeugt aussagen. Daher, es ist einigermaßen klar: Vorteil Buch und Text.

Bei der Gelegenheit dieser Lektüre habe ich außerdem bemerkt: Es gibt ein deutschsprachiges Blog zu Simenon, das Simblog. Immer gut, noch einmal allem hinterherzurecherchieren, nicht wahr.

Zum anderen habe ich das erfreulich umfangreiche Buch angefangen, welches neulich erst als Geschenk hier ankam: „Das violette Hündchen“ (Verlagslink) von Michael Maar. Sein Buch über die Rolle der Details in der Literaturgeschichte. Es klingt vielleicht nicht so, aber wenn man zu denen gehört, die immer schon gerne und viel gelesen haben, ist das Buch ein Pageturner. Enorm unterhaltsam, wunderbar kenntnisreich, ein besonders zufriedenstellendes Abendprogramm.

Jetzt ans Schenken denken: Kurz noch zur anderen Leidenschaft, zur Musik. Wenn Sie jemanden beschenken möchten oder müssen, der sich für Jazz interessiert oder so aussieht, als könnte er sich für Jazz interessieren (was immer Ihnen da jetzt vorschwebt), und wenn vielleicht ein Plattenspieler im Haushalt vorhanden ist. Es gibt gar nicht so viele Alben, bei denen ich jeden Song auf einer Playlist untergebracht habe, bei denen ich also durchgehend denke, vom ersten bis zum letzten Lied: Ja, das ist es.

In der Schublade Jazz gibt es dazu Standardempfehlungen wie etwa „Kind of Blue“ von Miles Davis, die zwar ihre Berechtigung haben, aber auch so dermaßen Standard und Gesetz sind, dass sie als Geschenk wohl nicht mehr in Betracht kommen. Ich empfehle etwas, das vermutlich nicht ganz diesen Rang erreicht hat, zumindest außerhalb der topinformierten Fan-Kreise: „John Coltrane and Johnny Hartman“, hier der Wikipedialink dazu.

Das ist nun nicht unbedingt die Musik, die man gut nebenbei hören kann. Es ist eher etwas, für das man sich vor dem Genuss etwas arrangieren oder sogar inszenieren möchte. Die richtige Beleuchtung etwa, den richtigen Sessel, die richtige Ordnung und Stimmung im Raum, auch die passende, angemessen entspannte aber gerade noch würdevolle Körperhaltung.

Und ich könnte als Kritik am seltsam perfekten Album höchstens anbringen, dass ich beim Hören unweigerlich und geradezu erschreckend deutlich etwas spüre, was mir sonst seit Jahren gründlich abhandengekommen ist, nämlich die dringende Lust auf eine Zigarette und einen Cocktail.

Insofern: Nur ab und zu genießen. Aber dann doch sehr.

Blick durch eine nasse Scheibe in die Großstadtnacht, verschwommene bunte Lichter im Dunkeln

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Willemsen, Becker, Kehr, Kaléko

Vorweg ein herzlicher Dank für die freundliche Zusendung eines Buchs von der Wunschliste. Nämlich „Figuren der Willkür“ von Roger Willemsen, mit einem Nachwort von Insa Wilke, hier die Verlagsseite dazu. Ich freue mich auf die Lektüre, das klingt alles sehr gut.

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In unserem kleinen Bahnhofsviertel leben etliche Prominente, denen ich daher vermutlich auch oft begegne. Allerdings bin ich nicht gut darin, sie auch zu erkennen. Zum einen, weil das mit den Gesichtern ohnehin so eine Sache ist, bei der ich manchmal gewisse Schwierigkeiten habe. Zum anderen auch deswegen, weil ich nie fernsehe und etliche Menschen, die anderen sehr wohl vertraut sein dürften, in den letzten Jahren nie oder fast nie zur Kenntnis genommen habe. Womit allerdings kein Werturteil verbunden ist.

Ich erkenne den einen bekannten Theaterschauspieler, der sich freundlicherweise oft als solcher zu erkennen gibt, indem er ein Büchlein in der Hand hält und lesend und deklamierend, Text übend und dezent gestikulierend die Wege geht, die ich auch gerne gehe. Das ist also einfach, er spielt in einem gewissen Sinne in diesen Situationen den Schauspieler, der er ist. Das macht es mir leicht.

Neulich stand ich an einer Ampel und sah auf einem dieser furchtbaren, riesigen Werbebildschirme mit Bewegtbild eine Nachricht zu einem anderen bundesweit vertrauten und vermutlich sehr beliebten Schauspieler. Und merkte dann, dass der gerade live neben mir stand und sich kopfschüttelnd selbst ansah, wie er da oben angezeigt wurde. Eine eher irritierende Erfahrung.

Ich erkenne selbstverständlich meinen Nachbarn Udo Lindenberg. Den man auch kaum nicht kennen und erkennen kann, denn er ist ein sehr ausgeprägter Udo Lindenberg. Ich habe vor etlichen Jahren auch einmal den oben erwähnten Willemsen erkannt, als er beim Bäcker vor mir in der Reihe stand und Schwarzbrot kaufte.

Ich erkenne Sven Regener, wenn er hier manchmal auf Durchreise ist. Es gibt darüber hinaus einige, von denen ich zuverlässig weiß, dass sie hier um die Ecke wohnen, die ich aber noch nie bewusst gesehen habe. Vielleicht liegt es an meinen mangelnden Fähigkeiten bei der Personenerkennung, vielleicht liegt es auch daran, dass sich ihre Privatpersönlichkeit erheblich von ihrer Bühnen- oder Bildschirmpersönlichkeit unterscheidet.

Es ist aber auch vollkommen egal, denn ich jage selbstverständlich keinen Prominenten hinterher. Ich würde auch kein Autogramm haben wollen und würde gewiss niemals jemanden wegen eines gemeinsamen Selfies belästigen. Allein der Gedanke.

Einen habe ich zuverlässig erkannt und oft auf meinen Spaziergängen getroffen. Also getroffen im Sinne einer nachbarschaftlichen, jahrelangen Kopfnickbekanntschaft. Den kann ich nun nicht mehr im Vorbeigehen grüßen: Rolf Becker. Hier der Nachruf beim NDR und in diesem Sinne: Ein letztes Nicken vom Schreibtisch aus.

Ich habe vermutlich nicht alle seiner Einstellungen geteilt, aber er war ein stets engagierter Mensch, Bürger und Nachbar, das muss unbedingt besonders und als beispielhaft gewürdigt werden.

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Und wo ich gerade bei Schauspiel und bei dem Einüben von Texten war, hier noch etwas Schönes unnd saisonal Passendes von der Kehr mit der Kaléko. Ein besonders schöner Zufall, dass die Beckers im Gedicht vorkommen.

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Das Dampfschiff Sankt Georg auf der Alster

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