Eine weitere Figur möchte ich Ihnen schildern. Es ist eine weitere dieser Stadtfiguren, die ich von meinen Fenstern aus beobachten kann. Es wird allerdings kein schönes Bild, das gleich vorweg, lesen Sie heute bitte woanders, wenn Sie gerade Erbauliches brauchen. Was ich verstehen könnte, wer braucht das nicht ab und zu.
Außerdem wird wieder ein betont großstädtisches Bild, da es erneut um Drogen gehen muss. Leserinnen aus Frankfurt, Berlin etc. werden sicher wiedererkennen, was ich beschreiben möchte, Leserinnen aus idyllischeren Kontexten werden vielleicht überrascht sein. Das Bild könnte ihnen neu vorkommen. Bis vor etwa drei Jahren kannte ich es auch noch nicht.
Stellen Sie sich also bitte einen Menschen vor, gleich welchen Geschlechts und Alters, nur einigermaßen erwachsen sollt er sein, der etwas verbogen daherkommt. Etwas verkrampft und ungesund wirkend, schon auf den ersten Blick und auf weite Entfernung. Leicht hakenförmig bewegt sich da jemand durchs Blickfeld.
Es ist ein Phänomen, das bei Junkies oft zu beobachten ist, sie sind in der Mitte eingeknickt, so wie wir alle bei Magendarmbeschwerden, nur sind sie es dauerhaft. Heruntergekommene Kleidung, gleich erkennbares, eindeutig ungepflegtes Äußeres. Eine Ausstrahlung von Nächten auf der Straße und weit fortgeschrittener Verwahrlosung. Dazu ein ungewöhnliches Getriebensein im ganzen Körper, als sei alles überdreht worden. Eine derart radikale, fiebernde, bebende Unruhe, wie man sie Menschen ohne Drogenprobleme kaum zuordnen kann. An dieser Figur ist alles dauerhaft in Bewegung. Und sie geht auch nicht, sie hastet, und zwar kategorisch, sie kann sich gar nicht anders vorwärtsbewegen, soweit wir es beobachten können.
Ruckartige, insektenhaft schnell wirkende Bewegungen. Sie zittert sich von Punkt zu Punkt, diese Figur, irrlichternd wirkt es.
Die Haltepunkte, welche der Mensch in ganz kurzen Abständen anstrebt, sie sind aber so beschaffen, dass man sie zunächst nicht recht versteht. Denn fast alles scheint angefasst zu werden. Er tastet sich durch unsere Straße, er bewegt sich alles berührend die Fassaden entlang, als könne man an den Ziegeln im Vorbeigehen Botschaften in Brailleschrift ablesen. Er oder sie fasst aber auch an Bäume und Zäune, hinter Gitter und unter Absperrbügel, prüft auch die Fugen zwischen Kellertreppenstufen. Für den Bruchteil einer Sekunde wird an jeder Tür gerüttelt, an jedem Fenster, an jedem Fahrradschloss, an einfach allem.
Spinnenfingrig langt der gehetzte Mensch in alles, wo nur ein Finger hineinpassen kann. Berührt sicherlich Entsetzliches dabei, ohne dass es eine Wirkung zu haben scheint. Tastet dann auch en passant den Schlafsack eines Obdachlosen ab, ob da nun ein Mensch drin ist oder nicht. Er oder sie wirkt nicht so, als wäre Zeit oder Interesse vorhanden, das auch nur zur Kenntnis zu nehmen, dass da ein anderer Mensch drin sein könnte. Ist auch schon wieder weg, ist schon um die nächste Ecke. Und wenn der Mensch im Schlafsack jetzt gerade wach werden sollte, er wird vielleicht glauben, es seien huschende Tiere gewesen, die da kurz auf ihm waren.
Pflasterfugen werden ebenfalls untersucht, etwas Erde (oder was es sein mag) wird dabei hervorgefördert und in schneller Prüfung zerbröselt. Dann weiter, weiter, schnell weiter zu einem Blumenkasten, der kurz fünffingrig mit schwarzfleckiger Hand durchpflügt wird. Zu einem Briefkasten, in den diese Hand nicht ganz passt, zu den Satteltaschen eines Fahrrads, die aber leer sind, zu einem Laternenmast, an dessen glatter Oberfläche nichts hervorsteht und auch nichts angeklebt ist. Dann auf einen Zaun, um von da aus mit langem Arm zu verifizieren, ob nicht vielleicht ganz oben auf einem Verkehrsschild daneben …
Und alles in fliegender Eile. Alles so, als liefe die Zeit ab, gleich schon, und so wird es auch tatsächlich sein. Jetzt hakenschlagend, weil zwei Sozialraumläufer am Straßenende auftauchen. Sich durch einen Metallzaun zum Spielplatz zwängend, an einer Stelle, an der man nur durchpassen kann, wenn man kein Gramm Fett mehr am Körper hat. Zur Kirchentür, die noch verschlossen ist. Zum Denkmal für den Ritter Sankt Georg, der den Drachen mit der Lanze tötet, und kurz dort hinaufgelangt.

Schließlich um eine Ecke und aus meinem Blickfeld. Nicht ohne noch in den Mülleimer dort zu langen und einen Moment darin zu wühlen. Hochkonzentriert, aber doch in aller Hektik. Nicht ohne auch bei der Kneipe noch eben zu prüfen, ob der kleine Glaskasten, in dem die Speisekarte aushängt, nicht vielleicht zu öffnen ist.
Die Finger fassen ans Schloss. Rütteln kurz daran und tasten dann noch routiniert die Seiten und auch die Ober- und Unterseite des Kastens ab. Alles, jede Bewegung, jede Drehung der Hand und jedes Fingern dauert nur eine zeitliche Winzigkeit. In nichts gibt es irgendein noch so kurzes Verharren, eine Pause oder gründlicher werdende Bemühungen. Es kann wohl dennoch kaum etwas geben, was diesen suchenden Fingern entgeht.
Man könnte daher in einem seltsam plastischen Bild korrekt aussagen, was die Anwohnenden hier ohnehin seit Jahren wissen: Gibt es in einem Stadtteil ein Drogenproblem, bleibt davon nichts unberührt.
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