Es wird viel passieren

Christian macht Musik (mit lesenswerten Linernotes hier – ich  muss noch darüber nachdenken, warum Kattegat der Song meiner Wahl ist) und Kiki schreibt sowohl darüber als auch über die notwendige Bandenbildung. Christian macht Musik, Kiki macht Kunst, ich mache nur so Texte.  Die Herausforderungen ähneln sich in der heraufziehenden KI-Welt.

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Phasenweise neblig-trüb, so beschreibt es ansonsten die Wetter-App und benennt dabei äußere wie auch innere Umstände. Die Wege bleiben uns verschneit und vereist. Je nach Nässe und Gefrierstatus tappen Menschen im Pinguingang über die Straße vor der Haustür, und nicht weit von hier liegen auch schon zwei auf dem Rücken. An der Kombination aus vereistem Kopfsteinpflaster und Büroschuhen sind sie gescheitert, und zappelnd liegen sie nun da, wie Gregor Samsa am frühen Morgen nach besonders unruhigen Träumen.

Der Brunnen auf dem Hansaplatz, leicht verschneit

Wesentlicher Smalltalk-Inhalt in dieser Stadt ist jetzt, dass man dazu nun aber keine Lust mehr habe. Überall hört man das, sowie auch die stets mitgelieferte Zusatzinformation, dass es einfach eklig sei. Dass das alles da eklig sei, wobei man dann vage in Richtung Fenster oder Tür zeigt, manchmal auch zum lichtgrauen Himmel, aus dem alles Mögliche heute noch kommen kann und auch wird. Man sagt auch, da wird es dann tiefsinnig und fast schon gelassen, seelenruhig alles akzeptierend: Januar eben erst, ne. Wozu noch der sich im nächsten Satz anschließende Glaubenssatz gehört: Da kommt aber noch was.

Ein Steg an der Außenalster, mit leerer Außengastro-Bestuhlung vor vereister Kulisse

Ja, da kommt wohl noch was, und nicht nur beim Wetter. Marienhofmusik im Hintergrund, es wird viel passieren. Wir kennen das.

Ein Steg an der Außenalster, ins Eis ragend

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In diesem Sinne sah ich am Wochenende auf meine Liste von zu besuchenden Lokalen (was bitte haben Sie denn gedacht, selbstverständlich habe ich eine Liste, ein System und alles, soweit sollten Sie mich doch mittlerweile kennen), wählte aus der ansprechend gut gefüllten Rubrik „Café“ etwas aus und lenkte meine Spazierschritte dann so, dass ich schließlich dort vor der Tür landete. Es handelte sich um ein Café in Elbnähe, auf Instagram gekonnt mit Bildern beworben, in denen man gerne wohnen möchte.

Allerdings landete ich trotz einwandfreier Zielgenauigkeit keineswegs plangemäß direkt vor der Tür des Cafés, das wäre ohne Rüpelei auch gar nicht möglich gewesen. Denn dort standen schon etwa zwanzig Menschen vor mir. In der Kälte. In einer ordentlichen, geradezu britisch anmutenden Schlange aufgereiht. Vor einem Café, wie ich mir dann etwas entgeistert wiederholte, mit angemessenem Erstaunen in der Stimme.

Was ich mir eine Weile kopfschüttelnd besah, um dann frierend, fluchend und unverrichteter Dinge weiterzuziehen. In irgendeinen gewöhnlichen Coffeeshop einer beliebigen Kette in der Nähe. Gar nichts Besonderes war dieser Notfall-Coffeeshop, keine interessante Location von der Liste. Aber ich kam dort anstandslos rein, ich fand sofort einen freien Platz und auch einen heißen Latte Macchiato. Und dachte dann beim Trinken erneut: „Schlangestehen vor Cafés? Echt jetzt?“

Was ich mir aber lediglich mit weiterem Kopfschütteln beantworten konnte. Man findet nicht immer gleich die richtigen Worte, um seiner Verwunderung Ausdruck zu verleihen.

Und manchmal findet man sie auch gar nicht.

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Kennzeichen der Gegenwart

Noch ein Arztbesuch. Im Wartezimmer sitzend höre ich aus dem Behandlungsraum das Lachen mehrerer Personen. So ein Lachen, das schnell zum Gelächter wird, aufbrandende Heiterkeit der ausgelassensten Sorte. Man kriegt sich da gar nicht mehr ein. Man kriegt auch kaum noch Luft, so klingt es jedenfalls. Unwillkürlich stellt man sich da als Zuhörer vor, wie man sich hinter der Tür die Bäuche hält, auf die Schenkel schlägt, die Lachtränen trocknet etc.

Als Zuhörer vor der Tür verbleibt man ebenso pointen- wie ratlos, aber so ist es ja oft im Leben.

Welche Diagnose mag wohl die lustigste sein, die man bekommen kann? Mir fällt in diesem Wartezimmer keine ein, die ich auch nur milde erheiternd finden würde. Aber das liegt vielleicht nur wieder an meiner regulären Januarverstimmung.

Beim Zahnarzt wiederum, ich komme gerade etwas herum, arbeitet man jetzt gekonnt mit Cliffhangern, das war mir auch neu. Nach der Behandlung und während noch der Stuhl hochgefahren wird, teilt man mir wie nebenbei noch eben die Notwendigkeit eines weiteren Termins mit, denn, so heißt es ohne weitere Aufklärung, man habe da an zwei Stellen etwas gesehen … und dann schweigt man beredt erst einmal einen Moment und guckt bedeutungsschwer … na, das werde man dann schon noch genauer besprechen.

Beim nächsten Mal.

Ich stelle mir daraufhin vor, dass es sicher längst Menschen gibt, die in dieser Hinsicht Seminare für Zahn- und andere Ärztinnen anbieten. Attraktive Weiterbildungsmöglichkeiten zu den interessanten und besonders zeitgemäßen Themen Spannungsaufbau, Storytelling und Kundenbindung. Am Ende ist auch das ein weiterer Markt.

Das Problem ist nur, merke ich nach einer Weile, während ich auf dem Heimweg weiter darüber nachdenke, dass ich es mir etwas zu gut vorstellen kann. So dermaßen gut, realistisch und detailreich kann ich es mir vorstellen, dass sich der intendierte satirische Aspekt zügig verliert, schließlich ganz auflöst und bald einem fatalistischen Abnicken der vermutlich längst eingetretenen Sachlage weicht. Es ist ein wenig schade.

Aber so geht es vielen von uns immer öfter, glaube ich, es ist ein Kennzeichen der Gegenwart: Man findet kaum noch etwas, das man vernünftig parodieren kann. Es ist alles längst allzu wahr und vor allem auch allzu ernst gemeint.

Kreideschrift auf dem Pflaster: zuletzt lachen

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Apropos Vorstellungskraft. Im Hamburger Hafen legt ein besonders großes Schiff an. Es kann, so lese ich beim NDR, mehr als 24.000 Standard-Container transportieren. Und hier gilt auf einmal das Umgekehrte: Ich kann es mir nicht vorstellen. Ernsthaft nicht.

Nein, es kann doch – also bitte, echtjetztmal! – kein Schiff geben, auf das mehr als 24.000 Container passen. Wer soll das denn glauben, wie groß soll das sein? Kampfstern-Galactica-Format müsste das doch sein, und als ob so etwas dann in die Elbe passen würde.

Es kann sich bei diesen Mengenangaben nicht mehr einfach nur um ein weiteres Schiff handeln. Selbst nachzählen müsste ich diese Container, um diese absurd anmutende Mengenangabe wirklich zu glauben. Um sie mit einem sicheren Gefühl glauben zu können, mit Wirklichkeitsbezug und vernünftiger Absicherung.

Kräne im Hamburger Hafen

Man würde allerdings eine Weile brauchen, denke ich, um 24.000 Container mit einer Strichliste vor Ort und also an Bord nachzuzählen. Sicher aber würde man wesentlich länger brauchen, als ich zwischen meinen To-Dos und Terminen in absehbarer Zeit Gelegenheiten für dergleichen finden könnte. Es ist wohl wie mit dem unendlichen Universum: Man muss die Größe einfach so hinnehmen.

Aber leicht fällt es mir nicht.

„Und die Container, die fallen
Unter grandiosem Gepolter
In den hungrigen Bauch
Eines uralten Frachters
Und mein Herz, es poltert auch.

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Mit Links in die Woche

Sie werden es mitbekommen haben, dass in Deutschland gerade konservative Politik gegen das Recht auf Teilzeit gemacht wird. Auf wiederum beklagenswert dürftigem Niveau, was die Argumentation und die Ableitung betrifft, und vermutlich auch von falschen Zahlen ausgehend. Aber gut, wer wird da überhaupt noch Erwartungen haben.

Sprachlich interessant fand ich die Verwendung des Begriffs „Lifestyle“ im Sinne einer Abwertung. Denn es geht da um Menschen, die aus vermeintlich nicht zwingenden Gründen, sondern „nur“ wegen ihres Lifestyles in Teilzeit arbeiten möchten.

Der Lifestyle scheint also eben nicht zwingend zu sein, sondern ist eher eine freiwillige Ausrichtung des Wollens und Wirkens. So wie man etwa auch Lifestyle-Konservativer werden kann. Man muss gar nicht so sein, man kann es aber, obwohl es doch vielleicht der Gesellschaft schadet.

Wie auch immer, ich wollte nur eben erwähnen, dass die Begriffsgeschichte von „Lifestyle“ vielleicht Überraschungen enthält. Denn man landet, wer hätte es gewusst, bei Alfred Adler und Max Weber, wenn man einmal nachlesen möchte.

Der Anleger Rabenstraße, dahinter die teils gefrorene Alster

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Wir haben währenddessen einen Staatsbürger in Vollzeit mehr und nahezu alle Scherze und Pointen, die mir dazu einfallen, klingen seltsam verbraucht und übermäßig durchgenudelt. Vielleicht reicht ein schlichtes „Herzlich willkommen!“ auch vollkommen aus.

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Gesehen habe ich auf arte diese Doku über „Bettie Page – Godmother of Striptease“ (von ihren Schwierigkeiten mit psychischen Krankheiten und religiösen Exzessen wusste ich bisher nichts) und diese über „David Bowie – der letzte Akt“. Die ich dann an einigen Stellen unerwartet rührend fand, etwa bei der Geschichte seines Glastonbury-Auftritts im Jahr 2000. Schlimm.

Außerdem sah ich noch diese Sendung über das Werk der Coen-Brüder: „Eine amerikanische Geschichte“ (ich könnte auch zwei, drei Filme von ihnen nachholen, die mir bisher entgangen sind, merkte ich dabei) und dann noch diese über James Dean. In der mir erstaunlich viel neu war, das war überraschend. Schließlich, und Sie merken, ich arbeitete da entschlossen etwas ab, aber es war immerhin eine Arbeit, die mich entspannt hat, noch diese Doku über Chuck Berry und diese über Hildegard Knef.

Es sind aber immer noch weitere arte-Links bei mir übrig, ich fühle mich dort also nach wie vor bestens bedient. Guter Sender, gerne wieder. Bitte diese Einrichtung nicht wegsparen, ich werde sonst ernsthaft ungehalten und muss wieder demonstrieren gehen, Petitionen unterschreiben und all das. Sehr lästig!

Eine einsame Bank am Alsterufer, Aussicht auf die Eisfläche

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Beim SWR-Kultur hörte ich die Folge über den Song „Fade to Grey“ von Visage, aus der Reihe „Erklär mir Pop“. Schließlich habe ich damals das Album besessen und also auch etwa tausendmal gehört. In jenen mausgrauen Zeiten vor dem Streaming, wir hatten ja nichts. Dass mir der Song aber heute professoral in der Feuilletonsparte im Radio feierlich erläutert wird – man hat es sich als junger Mensch auch eher nicht so vorgestellt.

Ein Kalenderblatt für den Freundeskreis Buch habe ich noch nebenbei gehört: „Wolf Jobst Siedler – ein großer Verleger mit Makeln“. Nur 5 Minuten, so etwas passt locker zwischen zwei To-Dos.

Überhaupt nicht irgendwo dazwischen passt dagegen eine ausgesprochen anspruchsvolle Sendung aus dem „Philosophischen Radio“ beim WDR mit dem Theologen Gregor Taxacher: Ist der Tod das Ende? 56 Minuten. Der Titel klingt vermutlich wenig einladend, es ist aber keine reine Religionssendung, sondern eine philosophische, anspruchsvolle und auch anregende Auseinandersetzung mit dem Thema. Ich habe da ausgesprochen gerne zugehört, man muss sich aber wahrhaftig konzentrieren dabei. Wenn es etwa um Formen der „asketischen Eschatologie“ geht, dies war z. B. eine besonders faszinierende Stelle für mich.

Aber warum sollte man sich nicht einmal konzentrieren müssen. Wir können es doch noch, können wir nicht? (Der Autor bemüht sich an dieser Stelle um einen nicht zu deutenden Gesichtsausdruck.)

Ein Bootssteg im Eis, ein Segelboot unter eine Plane

Ich hatte neulich hier ein Video mit Erich Fromm. Beim Betrachten auf YouTube sah ich dann auch eines mit Viktor Frankl. Von dem ich Bücher kenne, zu dem ich bisher aber ebenfalls kein Gesicht und keine Stimme im Kopf hatte – jetzt aber. Vielleicht ist es auch für andere eine Entdeckung, die ihn einmal gelesen haben. Der oben erwähnte Alfred Adler taucht im Clip als Erwähnung auch wieder auf.

Ich finde, Frankl bleibt doch interessant mit seinen Statements zum Sinn und zu anderem: „Erst dort ist der Mensch ganz Mensch, wo er sich selbst übersieht …“

Eine ungeheuer unzeitgemäße Ansicht ist es wohl.

Man beachte bitte am Rande den heute absurd wirken Aspekt, dass beim Vorlesen der Zuschriften aus dem Publikum manchmal der volle Name und die Wohnanschrift (!) der Absender genannt werden. Auch das wirkt mittlerweile so, als müsse es hundert Jahre oder mehr her sein. Es war eine andere Welt.

Hier noch einmal Viktor Frankl, in etwas aufgewühlterer Stimmung. Mein oben gewähltes Zitat von ihm wird hier noch einmal verdeutlicht.

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Goa, Gaia, Godot

Die Wetter-App sagte ansonsten am Sonnabendmorgen: „Gefühlt minus zehn.“ Das hieß in der Langform: „Gefühlt gehst du da lieber nicht raus“.  Außerdem hieß es auch „Gefühlt bleiben die Fenster geschlossen“, sowie „Gefühlt sind wir hier in Alaska oder was.“

Dennoch bin ich selbstverständlich pflichtgemäß und den Schrittzählerdurchschnittswert weiter fleißig optimierend mehrfach spazieren gegangen. Überhaupt habe ich alles, auch den Haushalt, die Einkäufe usw., mit einem gedachten, großgeschriebenen Dennoch davor gemacht, wie es im Alltag öfter vorkommt. Wie ich zu sagen pflege: Die protestantische Arbeitsethik erreicht Stellen im Hirn, da kommt bloße Motivation gar nicht hin.

In der Hafencity wollte ich mir am Nachmittag das Edelkaufhaus neben dem neuen Rieseneinkaufszentrum ansehen. Wo aber eine Luxusversion von Kaffeeausschank im Erdgeschoss von Menschen belagert wurde, die dermaßen albern nach einerseits niveaulos zur Schau gestelltem Neureichtum, andererseits aber nach äußerst durchdachten Old-Money-Inszenierungen aussahen, dass ich mir von der Wirklichkeit wieder einigermaßen veralbert vorkam. Und doch lieber abbog und erneut Häuser und Eis fotografieren ging.

Fassaden in der Hafencity, wintergrau

Eine Häuserreihe in der Hafencity, dahinter die Elbphilharmonie

Während die gefühlte Temperatur in der Stadt und besonders in der zugigen Hafencity noch weiter sank. Die mir entgegenkommenden Passanten wirkten immer öfter seltsam kompakt, hals- und händelos. Weil man alles, was nur möglich war, in die rettenden Tiefen der Winterjacken zog und dabei auch die Schultern den Ohren immer weiter annäherte.

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Es gibt auch Weiteres vom Ausgeh-Revival und von den damit verbundenen Bemerknissen in der Gastronomie zu berichten. So habe ich etwa beim abendlichen Spaziergang mit neu gewecktem Interesse gesehen, dass es nach einer weiteren Neueröffnung auf der stadtbekannten Ausgehmeile hier um die Ecke nun in jeweils fast unmittelbarer Nachbarschaft die Restaurants Gao, Goa und Gaia gibt. Ich scherze nicht.

Neonschrift an einer Restaurantwand: Don't worry eat curry

Man denkt im Vorbeigehen unwillkürlich über die möglichen Namen der nächsten Neueröffnungen nach, nicht wahr. Was geht da noch, wie setzt man diese Reihe sinnig fort. Und man stellt sich vielleicht auch am Rande vor, wie viele Treffen in dieser Straße nun gar nicht mehr oder nur noch deutlich erschwert zustande kommen. Weil die verabredeten Parteien in jeweils unterschiedlichen Etablissements sitzen. Wo sie ungeduldig werdend ab und zu auf die Uhren oder Smartphones sehen und dabei allerdings nur meinen, sich den Namen des Lokals bei der Planung der Verabredung genau genug gemerkt zu haben.

Im Goa auf Godot warten, der aber im Gao sitzt. Mit Blick auf das Gaia, in dem noch weitere Personen warten: Das ist dann unser Beckett 2026. Eine betont offene Inszenierung, an der zweifellos zahlreiche Laien spielfreudig teilnehmen werden.

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Nur eine kleine Anmerkung zu diesem Monat, dem danach und dem übernächsten

Wie ein Amateur, der mit diesem Leben immer noch nicht recht umzugehen weiß, fragte ich mich im Laufe dieser Woche, was denn eigentlich mit mir los sei. Dieser fehlende Schwung, diese spürbare Eintrübung der Laune schon am frühen Vormittag. Diese geradezu albern anmutende Wehleidigkeit gegenüber der winterlichen milden Kälte da draußen, die so schlimm nun auch wieder nicht ist. Dazu noch dieses allgemeine Gefühl der Hinfälligkeit und die sich manchmal generalisiert anfühlende Unlust, die interessierte Teilnahme an den Freundeskreisen Dysphorie und Anhedonie.

Dann fiel es mir aber noch rechtzeitig wieder ein: Januar, Februar, März. Da war doch etwas.

Etwas, das sich jedes Jahr nahezu unweigerlich wiederholt, mit bisher wenigen Ausnahmen im Lebenslauf. Irgendwo müssen Tiefpunkte nun einmal hin und in gleichmäßiger Form kommt wohl niemand von uns durch so ein handelsübliches Jahr. Man kurvt vielmehr durch die Monate, mal besser und schwungvoller, mal schlechter und schwergängig.

Well, here we go again. Auch das ist übrigens ein Aspekt, bei dem ich jetzt schon gespannt bin, wie man diese Phase als Rentner erlebt. Wenn man sich aus dem Winterblues heraus nicht mehr zwingend zu den mit Dringlichkeit geforderten beruflichen Heldentaten aufraffen muss. Wenn man endlich nicht mehr zur Unzeit irgendwelche Projekte, Challenges oder was auch immer starten muss. Wenn sämtliche Extrameilen endlich zur road not taken werden können. Da bin ich ungeplant schon wieder bei Robert Frost, der schon vom Namen her so gut in diesen Monat passt.

Wenn man in dieser Phase des Jahres statt all dieser Bemühungen also einfach mal zwei, drei Romane mit 500 Seiten oder mehr durchlesen könnte, stoisch auf dem Sofa verweilend, mit dem Rücken zur Welt. Wenn man doch endlich einmal mit Dostojewski anfangen oder, was weiß ich, den Moby Dick noch ein zweites Mal lesen könnte. Vielleicht zumindest die guten Stellen. Wenn man die Rühmkorf-Gedichte in Ruhe nachlesen und auch die Werke von Karl Krolow wieder durchblättern könnte, so etwas. Es wird einem schon etwas einfallen, nicht wahr?

Mir zumindest. Ich bin nicht bei allzu vielen Fragen bis auf den Grund optimistisch, bei dieser bin ich aber doch recht sicher und entsprechend erwartungsfroh. Und ich werde dann nach Möglichkeit berichten, versteht sich. Es hat allerdings noch rund sieben Jahre Zeit bis dahin. Zumindest nach meinem jetzigen Kenntnisstand, das muss man auch gleich mit Vorsicht einschränken.

Nach den glaubwürdigen Zeugenaussagen sämtlicher Kolleginnen und Kollegen, die dies schon vor mir erlebt haben, sind sie aber auch gleich um, diese sieben Jahre. Sind sie im Handumdrehen vorbei. Man wacht eines Morgens auf und es ist plötzlich vollbracht, man kann es sich dann nicht recht erklären. Man weiß nicht, wie das mehrere Jahre gewesen sein können, so heißt es immer. Es wird sicher zum Umstand passen, dass der eine Sohn schon erwachsen ist, dem Alter nach. Was ebenso seltsam ist und eigentlich kaum glaubwürdig.

Währenddessen haben wir alle immerhin schon den 24. Januar erreicht. Den haben wir also fast schon verbraucht, erledigt und durchgebracht, diesen Monat. Danach nur noch eben die vollkommen erwartbare Februarverelendung durchmachen, dann kann man im März schon wieder ansatzweise vorwärtsorientiert denken und fühlen.

Wenn bis dahin alles gut und so wie fast immer geht.

Wobei mir das Tanzvideo von dem Herrn Palmquist zu Alexandra Streliskis Burnout-Fugue wieder einfällt, ich mag es immer noch. Es kam hier vor Jahren schon einmal vor, und lustigerweise passt die Kulisse jetzt hervorragend zum neuen Standort des Brotberufbüros in der Hamburger Hafencity. Es hat sich hier etwas zum Video hin entwickelt.

Und Streliski, überhaupt wahr, die kann man auch einmal wieder hören.

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Fragen und Antworten zur Gastroszene 2026

Ich hatte neulich, hier war das, die Reservierung in einer Bar erwähnt, bei der ein Mindestumsatz pro Person zu akzeptieren war. Es ging da auch um meine Irritation über diesen Umstand. Ich habe für zahlreiche Kommentare zu danken, die mich auf allen möglichen Wegen erreicht haben und die fast durchweg dahingehend lauteten, dass diese Irritation geteilt wurde.

Vor der Veröffentlichung des Textes konnte ich mir da nicht sicher sein. Denn ich habe in Bezug auf das Ausgehen in dieser Stadt und anderswo mindestens seit Pandemiebeginn, vermutlich aber auch schon länger davor, unter einem komfortablen Stein gelebt und das Thema großräumig ignoriert. Nur selten war ich mit der Herzdame in Restaurants. Und dann auch nur in den längst bekannten, vertrauten und verlässlichen Lokalen im Stadtteil, kaum je woanders. Auch Bars, Kneipen, Cafés und was einem noch alles einfallen kann: Nein, da war eher nichts.

Viel Geld habe ich dabei mit Sicherheit gespart. Womöglich habe ich auch etliche gute Bücher in dieser Zeit zuhause gelesen. Etliche Erfahrungen allerdings habe ich auch nicht gemacht, einige Gelegenheiten zu was auch immer mit großer Sicherheit verpasst. Menschen vielleicht nicht kennengelernt, mögliche Abzweigungen nicht erkannt und auch Ausfahrten eventuell nicht genommen – irgendwas ist eben immer.

Ich gucke nun also mit auf einmal neu erwachtem (wodurch auch immer, man muss auch nicht alles an sich verstehen) Interesse auf die Gastro-Szene. Wie jemand, der gerade vom Himmel gefallen oder aus einem Koma erwacht ist. Oder wie Rip van Winkle in der berühmten Geschichte von Washington Irving, aus der Anfangszeit der amerikanischen Literatur. In der die Hauptfigur, nachdem sie von geisterhaften Wesen aus der Vergangenheit bewirtet wurde, dem eigenen Gefühl nach vermeintlich kurz einschläft, dem normalen Kalender entsprechend aber erst nach zwanzig Jahren wieder erwacht. Und sich entsprechend nicht mehr in der stark veränderten Welt zurechtfindet. Die Vereinigten Staaten sind in der Zwischenzeit unabhängig geworden und Königstreue ist out, es ist einigermaßen verwirrend für den Langschläfer.

In der literarischen Vorlage starb in diesen Jahren seines langen Schlafs auch die Frau der Hauptfigur, er war daher „vom Joch der Ehe“ befreit. Man kann es auch in der Wikipedia nachlesen, es ist eine ausgesprochen frauenfeindliche Erzählung. Diesen Teil des Themas lasse ich in meiner Variante daher immerhin aus.

Vor allem auf die Preise sehe ich jetzt jedenfalls so, als ginge ich etliche Jahre nach. Aber lassen wir diesen Aspekt lieber auf sich beruhen. Er führt nur wieder zu wildem Krückstockgefuchtel und ich lande am Ende bei den halben Hähnchen, die früher noch fünf Mark gekostet haben. Und die es außerdem an jeder Ecke gab, an jeder Ecke! Man kann sich selbst bei manchen Themen kaum noch reden hören, Sie kennen das.

Deswegen jedenfalls war ich mir nicht sicher, ob so ein Stichwort wie etwa Mindestumsatz bei Reservierung nicht einfach als gegeben zu betrachten ist. Als neue Lage und Wirklichkeit, längst eingetreten und kollektiv murrend und knurrend akzeptiert.

So ist es aber offensichtlich nicht, habe ich das jetzt also dank Publikum gelernt. Und dann nach reiflicher Überlegung auch die Reservierung storniert.

Es gibt auch andere Locations, die ganz ohne Reservierung laufen. Die vielleicht sogar etwas mit übergeordneten Zielen, gar Werten zu tun haben. Das ist auch schick (und keine bezahlte Werbung, nein) und kann etwa im Hamburger Münzviertel besucht werden, in der Roofdrop-Bar der Villa Viva. Die wiederum mit dem vermutlich bekannten  Viva con Aqua in Verbindung steht. Das Konzept fand ich gut, und der Espresso Martini schmeckte auch.

Wobei ich Alkohol zwischendurch ebenfalls lange nicht getrunken habe und mich die Wirkung nach dieser Pause nicht recht überzeugt. Früher, also sehr viel früher, fand ich das einmal deutlich begeisternder. Aber es muss ja auch keiner getrunken werden, es ist nach wie vor alles freiwillig.

Wie jemand also, der überall neu dabei ist, sehe ich auf die Gastro-Szene und habe da noch weitere Fragen. Etwa eine zu Cafés. Da gibt es zahlreiche Neugründungen der teils bemühtesten Art in der Stadt. Sei es in Bezug auf die mittlerweile erfreulich hoch entwickelte Kunst der Kaffeeröstung und -zubereitung oder auf die ebenfalls weit fortgeschrittenen Methoden des Kuchenbackens. Das ist alles zu begrüßen und zu feiern.

Ein von der Herzdame gebackener Kuchen (Schokolade)

Warum aber geht der Trend der Inneneinrichtung bei diesen Cafés weg von allen Formen der Gemütlichkeit, weg von den bequemen Sesseln und tiefen Ledersofas, bei denen ich geistig stehengeblieben bin, hin zu schulklassenharter Holzbestuhlung und karg designten Tischen, die ausdrücklich zu aufrechter Haltung auffordern? Warum gibt es beste Kaffee- oder auch Teespezialitäten und feinsten Kuchen in betont spartanisch anmutenden oder heruntergerockten Interieurs, die bestenfalls Kantinencharme eher unteren Niveaus ausstrahlen?

Ein Becher Kaffe und ein schmaler Band mit Januar-Gedichten

Auch das ist selbstverständlich kein wirkliches Problem, ich weiß, ist nur eine Notiz am Rande. Dann trinke ich den sicher verdammt guten Kaffee eben mit geradem Rücken und esse den zweifellos hervorragenden Kuchen mit perfekt ausgerichteten Ellenbogen. In vorzeigbarer Haltung, wie damals die höheren Töchter in der Klavierstunde. Warum auch nicht.

Auch für Café-Inneneinrichtungen gilt sicherlich: Es ist alles nur eine Phase.

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Berechenbare Drehungen

KI kam hier schon länger nicht vor, aber ich glaube gerade, einige von Ihnen, vielleicht sogar viele, mit einem Aspekt überraschen zu können. Besonders dann, wenn Sie sich eher nicht mit dem Thema beschäftigen. Oder zumindest nicht mit dem Teil des Themas, der für Autorinnen aller Art interessant ist.

Ich nutze KI nicht, um Text für mich zu generieren, kategorisch nicht. Das wäre in meinem Fall auch völliger Unsinn, denn das Schreiben ist bei mir regelmäßig der Hauptspaß des Tages. Es ist gerade das, was reizvoll ist und mir recht verlässlich Freude bereitet. Der Gedanke liegt mir also fern, das machen zu lassen. Es wäre das Outsourcen von Freude und Kultur, und was ist das bitte für ein seltsamer Gedanke. Aber ich sehe mir ab und zu doch an, was die Systeme mittlerweile können. Wie sie vorgehen, wie sie sich entwickeln und wo evtl. ihre Grenzen liegen – wenn man überhaupt noch welche sehen kann.

Vor etwa einem Jahr habe ich daher diversen LLMs meine damalige Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten geschildert und testweise um Themenvorschläge dafür gebeten. Das Ergebnis war zu dem Zeitpunkt so, dass ich schon ahnen konnte, worauf es hinauslaufen wird, nämlich auf ziemlich unfassbar gute Ergebnisse in naher Zukunft. Nicht alle Vorschläge waren bei dieser Frage ein Treffer, aber doch etliche. Und es waren auch einige dabei, auf die ich ebenfalls gekommen war, und fast genau mit dem gleichen Dreh am Ende. Anmerkungen zu Trends etc., da war ich mit der Software teils verblüffend einig.

Allerdings war das nur auf den ersten Blick verblüffend. Denn auch der typische Zeitungskolumnistenblick auf ein Thema ist am Ende nur eine logische Ableitung. Eine Wendung im Denken, die zu einem erheblichen Anteil vorhersehbar ist und also reproduziert werden kann. Immerhin konnte ich damals noch eine Kolumne über diese Ableitung schreiben und war der KI damit noch knapp eine Wendung voraus.

Meine Vermutung damals aber war, dass in etwa einem weiteren Jahr diese Modelle schon sehr nah, also aus meiner freiberuflichen Sicht auch in aller Deutlichkeit zu nah, an solchen Textdienstleistungen sein könnten.

Damit lag ich richtig. Und ich möchte Ihnen das an einem für mich gruselig guten Beispiel zeigen.

Mir fielen neulich in der Grand Hall des Hauptbahnhofs patrouillierende Menschen auf, die Westen trugen, auf denen hinten groß „Sozialraumläufer“ stand. Das ist ein Wort, Sie werden es sich vermutlich vorstellen können, bei dem man als Autor zu Lifestylethemen und Soziologischem gewisse Reflexe hat, und zwar recht deutlich ausgeprägt.

Ich habe daraufhin Gemini mit einem kurzen, eher lapidaren Prompt gefragt, seit wann es diesen Begriff gibt, wo genau die ersten Fundstellen dazu sind. Eine typische Testfrage, um nebenbei zu sehen, was da kommt. Wie gut das ist, was da geantwortet wird, wie verlässlich, wie halluziniert etc. Der Prompt war tatsächlich nur ein Satz. Aber das System weiß noch, dass ich Kolumnen schreibe oder schrieb. Ich hatte das dort noch in meinem Profil festgelegt, ebenso wie einige generelle Vorgaben zum kritischen Denken und Hinterfragen.

Und nun sehen Sie sich diese Antwort an, die ich unten komplett zitiere. Achten Sie bitte besonders auf den Punkt 4, nach dem ich nicht einmal gefragt habe, und staunen Sie dann so wie ich.

Es war für mich das überzeugendste Beispiel in der letzten Zeit, zu was diese Modelle mittlerweile in der Lage sind.

Ab hier die Software:

Der Begriff „Sozialraumläufer“ ist eine Wortneuschöpfung, die erst sehr jung ist und ihren Ursprung im Kontext der Hamburger Stadtpolitik und Bahnhofssicherheit im Jahr 2024 hat.

  1. Herkunft und erste Verwendung

Der Begriff wurde im Februar/März 2024 durch die Hamburger Sozialbehörde (unter Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer, SPD) geprägt und in den öffentlichen Diskurs eingeführt.

  • Kontext: Die Einführung war Teil eines Maßnahmenpakets zur Verbesserung der Situation am Hamburger Hauptbahnhof. Ziel war es, auf die Verelendung, Obdachlosigkeit und offene Drogenszene im öffentlichen Raum zu reagieren.
  • Offizielle Ankündigung: Erstmals substanziell erwähnt wurde das Konzept in Pressemitteilungen des Hamburger Senats im Februar 2024 (z. B. am 02. April 2024 zur Vorstellung des „Social Hub“ und der Sozialraumläufer).
  1. Begriffsanalyse und Muster

Die Wortschöpfung ist ein typisches Beispiel für „Administrative Neologismen“. Sie kombiniert zwei etablierte Begriffe zu einer neuen, spezifischen Funktion:

  1. Sozialraum: Ein Fachbegriff aus der Sozialen Arbeit (Sozialraumorientierung nach Wolfgang Hinte), der den Lebensweltbezug betont.
  2. Läufer: Eine Bezeichnung aus dem Sicherheitsdienst oder Botenwesen (ähnlich den „City-Läufern“), die Präsenz durch Bewegung im Raum impliziert.

Kritische Analyse der Logik: Der Begriff versucht eine semantische Brücke zwischen Sicherheitsdienst und Sozialarbeit zu schlagen. Kritiker (wie die Linksfraktion in Hamburg oder soziale Träger) weisen jedoch darauf hin, dass hier ein logischer Bruch vorliegt: Während der Name nach „Sozialarbeit“ klingt, werden die Stellen oft mit Personal von Sicherheitsfirmen (nach § 34a GewO) besetzt, die lediglich eine sozialpädagogische Nachqualifizierung erhalten.

  1. Wichtige Quellen für Ihre Recherche

Um die Erstverwendung und die Debatte darum zu belegen, sind folgende Dokumente zentral:

  • Bürgerschaftsdrucksache 22/14595 & 22/15367: Schriftliche Kleine Anfragen in der Hamburgischen Bürgerschaft. Hier muss die Verwaltung detailliert Auskunft über das Konzept, die Kosten und die Definition der „Sozialraumläufer“ geben.
  • Pressemitteilungen der Sozialbehörde Hamburg (März/April 2024): Dort wurde der Begriff als Teil des „Quartiersmanagements“ am Hauptbahnhof lanciert.
  • Medienberichte: Die taz (Artikel vom 30.03.2024: „Securityfirma macht Sozialarbeit“) und Hinz&Kunzt haben die Einführung des Begriffs kritisch begleitet und beleuchten die Diskrepanz zwischen Name und Funktion.
  1. Alternative Sichtweisen (Das „Fehlende Puzzleteil“)

In Ihrer Arbeit als Kolumnist könnten Sie den Aspekt der „Versicherheitlichung des Sozialen“ beleuchten. Der Begriff „Sozialraumläufer“ ist ein Euphemismus: Er vermeidet das harte Wort „Security“ oder „Streife“, um die Akzeptanz im links-alternativen oder sozialen Milieu (wie dem Stadtteil St. Georg) zu erhöhen. Er markiert einen Trend, bei dem Ordnungsaufgaben mit einem Vokabular der Fürsorge ummantelt werden.

Zusammenfassend: Suchen Sie in den Archiven der Hamburger Pressestelle nach Veröffentlichungen zwischen Januar und April 2024. Vor diesem Zeitraum existierte der Begriff in dieser spezifischen Zusammensetzung in der Fachliteratur praktisch nicht.

Möchten Sie, dass ich nach spezifischen Protokollen der Hamburger Bürgerschaft suche, um das exakte Datum der ersten Nennung einzugrenzen?

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Zitatende. Man kann das etwas unheimlich finden, kann man nicht?

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Twin Peaks etc.

Mit der Herzdame sah ich den Anfang von Twin Peaks, und auch das habe ich stets bemüht als Form von Date inszeniert. Wir sehen normalerweise abends keine Filme oder Serien, wir müssen uns dazu erst verabreden. Als die Serie zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, sah ich sie an einem anderen Ort und mit einer anderen Ehefrau, dachte ich kurz beim Vorspann, als die Musik anfing. Selbst wenn man im Leben nicht groß herumkommt und ausdrücklich kein Abenteurer ist, ein wenig verschiebt sich doch über die Jahrzehnte. Wenn auch etwas langsamer als bei anderen.

Über das Twin-Peaks-Sehen schrieben ausführlich und recht verschieden z. B. schon Wibke und auch die Kaltmamsell (drüben verlinkt). Ich nehme an, die meisten Menschen, die grob in unserer Alterskohorte sind, könnten aus dem Stand ganze Essaybände über ihre Twin-Peaks-Erfahrungen, die damit verbundenen Assoziationen und die vielen Erinnerungen rund um die Serie schreiben. Und in nicht eben wenigen Fällen würden dabei wichtige, große Themen behandelt werden. Romantaugliche Strukturen würden mit einiger Sicherheit zutage treten.

Gäbe es eine Doku über unsere Rückblicke, womöglich auf arte, man würde in unsere gesprochenen Erinnerungen ab und zu kluge Zitate von Lynch hineinschneiden. Es würde sich alles fast wie von selbst ergeben, nehme ich an.

Diese Rückblenden wären dann immer untermalt mit den Melodien aus der Serie. Die bekanntlich so munter, heiter und lebensfroh nicht klingen. Der Soundtrack ist etwas abgründiger und verheißt uns kein Happy End, er verheißt uns im besten Fall ein Open End. Man weiß aber nicht so recht, ob man darauf lange hoffen darf oder ob ein Unhappy End nicht viel wahrscheinlicher wirkt und anklingt.

Nein, die Musik von Angelo Badalamenti verspricht am ehesten, dass die Wahrheit irgendwo da draußen sein könnte … Aber da kommen wir dann etwas vom Thema ab. Was soll aber auch für eine Kunst entstehen, wenn „lamenti“ Bestandteil des Komponistennachnamens ist. Er schrieb z. B. auch für Nina Simone, der Herr Badalamenti, das Lied „I hold no grudge“ etwa. Ich sah es gerade von ihrer Tochter gesungen, Lisa Simone:

Mir fiel nach ein, zwei Stunden des Wiedersehens dann auf, dass mir heute wie damals die Verwicklungen der Handlung mehrheitlich zu kompliziert und daher eher egal sind. Ich habe es nicht so mit dem Rätselraten und finde es nicht interessant, wenn mir eine Story zu viel Kryptik bietet. Ich bin aber auch ein schlichtes Gemüt und war immerhin für lange Zeit blond. Es wirkt womöglich noch nach.

Außerdem meine ich im Falle von Lynch zu wissen, dass man eh nicht wie bei Arthur Conan Doyle und Konsorten am Ende auf eine vollkommen logische, ableitbare Erklärung für alles hätte kommen müssen: „Kombiniere: Es war der Gärtner.“

Nein, so war diese Serie nie gemeint.

Die Rathausscheuse an einem nebligen Spätnachmittag im Winter

Zusätzlich fiel mir auf, wie gut ich mich an die Bilder erinnere. An die Looks, an die Farben. An das seltsam überbetonte, gefährlich wirkende Rot, besonders wenn es auf den Lippen der Darstellerinnen vorkommt. Sogar an die Möbel erinnere ich mich erstaunlich gut. An die Interieurs, an die Holzverkleidungen in diesen ebenfalls übermäßig satten Bernstein-Orange-Tönen. Viele der männlichen Darsteller, das war ebenfalls bemerkenswert, könnten auch heute noch so herumlaufen, wie sie damals angezogen waren. Es würde nicht oder doch erstaunlich wenig auffallen. Bei den Frauen sieht das anders aus und fängt schon bei den Frisuren an. Die so nicht mehr gehen, die aus der Zeit gefallen wirken.

Etwas unangenehm aber, weil es schon wieder auf mein Alter hinweist, fiel mir noch auf, dass ich alte Büroarbeitsplätze, wie sie in solchen Serien manchmal gezeigt werden, also noch komplett analoge Arbeitsplätze, auf eine besondere Art wahrnehme. I can feel dead devices. Ich habe dieses Gefühl von damals in der Hand, wenn jemand auf dem Bildschirm einen Locher benutzt. Wenn jemand fummelnd eine Büroklammer anbringt, etwas zusammenheftet oder auch nur ruhig Papiere wegsortiert.

Ich habe das Büro und die damit verbundenen Tätigkeiten in jener Zeit aber auch phasenweise sehr gemocht. Wenn nicht sogar geliebt, das ist heute auch etwas schwer zu erklären. Und es hat sich leider mit der Zeit etwas verloren, to say the least. Ich habe als Berufsanfänger vermutlich in einem fast schon snoopy-mäßigen Sinne lange Zeit Büro gespielt, und es war für einige Jahre ein verdammt gutes Büro, wie Agent Cooper sagen würde.

Anekdotenhalber noch kurz die Erwähnung, dass Sohn II, als er noch kindergartenklein war, gerne mit einem Stück Holz unter dem Arm herumgelaufen ist. Schon an der Anzahl der Menschen, die bei diesem Anblick die Log Lady erwähnten, konnte man ablesen, welche Breitenwirkung diese Serie damals gehabt hatte.

Und wo ich gerade eben den Wikipedia-Artikel zur Log Lady verlinkt habe – mit dem Nachlesen sämtlicher Artikel, die es dort zur Serie und sämtlichen damit verbundenen Themen und Verästelungen in der Kulturgeschichte gibt, kann man vermutlich mehrere lange Winterabende problemlos füllen.

Ich bin ein wenig in Versuchung, es auch zu tun.

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Digitale Belästigungen, analoge Erfahrungen

Zwei Terminhinweise zum Thema Literatur in Hamburg. Zum einen liest Nefeli Kavouras am 10.2. um 19:30 im Literaturhaus aus ihrem Debütroman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“. Das Buch kenne ich nicht, aber Nefeli kenne ich, und Nefeli ist super. Das könnte in oft bewährter Ableitung bei dem Buch dann auch so sein.

Zum anderen gibt es in der Freien Akademie der Künste einen Abend mit Susanne Fischer und Jan Philipp Reemtsma zu Arno Schmidts Tagebüchern 1957 bis 1962, gerade erst erschienen. Am 29. Januar um 19 Uhr.

Schmidt hat bekanntlich keine riesige Fan-Base in der Literature-Bubble, ich grüße an dieser Stelle aber herzlich nach Berlin und weiß, es wird ankommen.

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Jetzt habe ich den Analogtrend schon ein paar Tage nicht erwähnt. Er wächst und gedeiht währenddessen weiterhin, umrundet den Globus und wird dabei reich bebildert und geschildert. Dermaßen deutlich, dass ich annehme, durch das ganze Jahr hindurch Anmerkungen und Beobachtungen dazu notieren zu können.

Aktuell sah ich etwa auf Instagram jemanden, der sich mit dem Rawdogging beschäftigte. Das zwar schon seit längerer Zeit ein Trendthema ist, aber nun mit dem Analogtrend frisch in Verbindung gebracht und also belebt werden kann. Nicht das sexuelle Rawdogging, versteht sich, das andere ist gemeint. Die jugendfreie Version, so wie sie etwa hier beim WDR kurz erklärt wird.

Wobei das Paradox der Digital-Analog-Verbindung auch in diesem Fall erheiternd ausgelebt wurde. Denn der Creator filmte sich beim Rawdogging auf seinem Sofa und stellte diese Clips dann hinterher selbstverständlich auch online. Was eine merkwürdige Art von Rawdogging zulasten derjenigen ist, die sich das auf Instagram ansehen und dabei und dadurch eher das Gegenteil ausleben.

Aus der so mühsam erarbeiteten analogen Ruhe wird hier im Grunde eine digitale Belästigung gedrechselt. Oder ein möglichst viral gehendes Unterhaltungsangebot, wenn man es positiver sehen möchte.

Es bleibt doch etwas vertrackt, diese beiden Enden logisch und schlüssig zu verbinden, denke ich. Und es bleibt für mich auch erheiternd, dass diese oft sehr jungen Menschen sich da nach einer Zeit sehnen, die sie vollkommen falsch einschätzen. Was ich deswegen weiß, weil ich dabei war. Und wie ich dabei war, 24/7, und jedes Wochenende ein Rawdogging-Festival im oben beschriebenen Sinne.

„Ich war schon nostalgisch, da wart ihr noch gar nicht geboren“, möchte ich dieser Jugend zurufen. Aber sie hören ja nicht zu, weil sie so damit beschäftigt sind, das zu inszenieren, was sie für ein goldenes Zeitalter halten, und was für mich damals eine nicht eben beseligende Gegenwart war.

Na, wie auch immer. Kopfschüttelnd aus dem Schaukelstuhl gesendet.

Ein Paar auf einer Bank von hinten fotografiert, vor der abendlichen Binnenalster

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KW 4, konstruktiv

Ein kleiner Trost zum Wochenanfang. Wenn Sie gerade problembeladen wie immer an den Start gehen, händeringend und hadernd mit Ihrer seltsamen Rolle in diesem fordernden Alltag und Ihrer manchmal ungünstig wirkenden Verortung in der Welt und in der Geschichte, wenn Sie zwischen sorgendem Overthinking, zagender Anxiety und existential Angst im routinierten Schlingerkurs durch die Stunden navigieren, dann hören Sie kurz dem Herrn Fromm zu. Um wenigstens etwas Lob dafür abzubekommen: „Glücklich der, der ein Symptom hat!

(Man kann sich hier auch das ganze Gespräch anhören oder ansehen, ich habe das mit Interesse getan. Und ging dann noch zu weiteren Clips mit Erich Fromm über. Ein Mensch, der gerne dachte, man nimmt es sofort und mit großer Sympathie wahr.)

Ein Büro-Neubau am Herrengrabenfleet

Wo ich vor zwei, drei Tagen gerade bei der bemerkenswert positiv ausfallenden Zwischenbilanz des Jahres 2026 war, die prompt und vermutlich gesetzmäßig mit Migräne nicht unter drei Stunden bestraft wurde, kann ich noch eine andere Kleinigkeit erwähnen, die darauf hinausläuft, dass es sich alles auch bestens fügen kann. Zumindest manchmal.

Da saß ich nämlich an einem Vormittag in der letzten Woche am Schreibtisch und hing außerdem in Calls. In denen es zumindest am Rande um den Mangel an konstruktiven Elementen im täglichen Erleben und Erleiden der Werktage ging. Siehe oben.

Gemeinsam mit anderen führte ich da lebhaft und leider routiniert Beschwerde über das Ausbleiben von konstruktiven Aussichten, so war die genaue Formulierung. Und in dem Moment, also quasi auf die Silben genau, wie bei einem Theaterstichwort für den ganz großen Auftritt des Abends, schwebte etwas ungeheuer Großes an meinem Dachfenster vorbei. In dessen Bildausschnitt sonst lediglich Möwen, Tauben, Krähen, Wolken und viel Grau zu erwarten sind.

Und dieses Große war gelb und enorm lang. Es schwebte bedächtig, kreiste langsam, taumelte dezent, war schließlich der Ausleger eines gigantischen Baukrans. Der auf der Baustelle gegenüber gerade zusammengesetzt und von einem anderen Spezialkran in die Höhe befördert wurde, noch weit über mein Dachfenster hinaus.

Ein Kran! Auf der Baustelle des neu zu errichtenden Hotels, neben dem alten Hotel und übrigens um die Ecke eines weiteren Hotels, es ist hier so eine Gegend. Konstruktiver geht es jedenfalls kaum. Wörtlicher kann man an dem Begriff kaum herumsymbolisieren. Zeitlich passender kann man es auch nicht hindrehen (das lateinische construere heißt erbauen, errichten). Es ist viemehr so, wie ich es seit langer Zeit schon sage und schreibe: Die Zufälle sind hinter mir her.

Irgendetwas da draußen, das steht für mich jedenfalls fest, hat einen wirklich bemerkenswerten Humor. Und manchmal ist mir fast, als sollte ich das tröstlich finden.

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