I got a little story I think you should know

Dann war ich in der Arztpraxis, in der ich seit langer Zeit schon mit so bemerkenswerter Konsequenz immer wieder als „Herr Buddenblum“ angeredet und überall vermerkt werde, dass ich fast geneigt bin, mich selbst dort auch so zu nennen. Es ist am Ende nur eine weitere Seite von mir. Wie die anderen beiden neulich erst erwähnten inneren Herren, der mit der Vespa und der mit dem Bulli. So eben auch der Mann mit dem Namen Buddenblum. Der zwar eindeutig so aussieht wie ich, der aber eine doch irgendwie gemütlichere Ausstrahlung hat, stelle ich mir beim Klang dieses Namens unwillkürlich vor. Der auf andere freundlicher und zugänglicher, vielleicht sogar anziehender wirkt als ich hier, als der Typ in der spröden Hauptpersönlichkeit.

Wir sind dann schon zu fünft, fällt mir dabei ein, ich wachse an. Die beiden Typen mit ihren so wichtigen Fahrzeugen, der Herr Buddenblum aus der Arztpraxis, und dann gibt es noch den neulich selbstgeschaffenen Percy Puddletree, der für uns aus der Grand Hall berichtet. Und es gibt natürlich mich, den Berichtenden, der hier gerade sitzt und tippt. Der Autor als Auflauf betrachtet.

Nebenbei auch die Erinnerung an die freundliche Frau in dem asiatischen Restaurant vor längerer Zeit, die meinen Namen bei Reservierungen stets so wiederholte, dass er wie „Buddhabumm“ klang. Auch diese Variante gefiel mir gut.

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Noch passend zu Kikis Text, den ich gestern bereits verlinkt hatte, fiel mir in letzter Zeit anlässlich meines neu und mit Verve belebten Ausgehverhaltens wieder auf, dass ich noch aus der Zeit komme – und es auch mit einer gewissen Nostalgie vermerke – in der man nur in den alleredelsten und allerbeliebtesten Restaurants sicherheitshalber vor dem Besuch Plätze reserviert hat. Jedenfalls dann, wenn man ausgerechnet am Samstagabend hinwollte. Man hat aber keineswegs überall und jederzeit reserviert. Schon gar nicht in Cafés oder Bars, was für ein abgefahrener Gedanke.

Heute aber geht nichts mehr ohne. Man kann sogar mit dem bescheidenen Wunsch nach einem Kaffee und einem Sitzplatz in der Hamburger Innenstadt über erstaunlich weite Strecken scheitern. Wenn man nicht reserviert hat, wenn man nicht in einer längeren Schlange eine Viertelstunde warten oder vor der Tür des Ladens mit all den anderen cornern will.

Aus dem Corner-Alter, so denke ich mir, bin ich allerdings mittlerweile raus. Zumindest bei schlechtem Winterwetter. Ich nehme den Kaffee dann gerne bestuhlt.

In der Bar jedenfalls, in der ich mir gerade Plätze für das nächste Date gesichert habe, stimmt man mit der Reservierung nun auch zwingend einem Mindestumsatz zu, wie ich zur Kenntnis nehmen und brav anklicken musste. Das war mir ebenfalls neu und ist mir so noch gar nicht begegnet. Bisher kannte ich nur verbindliche Zeitfenster aus einigen Restaurants. Die ich aber auch schon seltsam fand: Nach anderthalb Stunden bitte wieder raus mit Ihnen.

30 Euro pro Person muss man in dieser Bar garantiert vertrinken, so läuft es jetzt also. Das wird etwa zwei Cocktails ausmachen, nehme ich an. Dadurch wird dann das berühmte eine Bein, auf dem man bekanntlich nicht stehen kann, nun endlich zur verbrieften Regel.

Zwei Cocktails auf einem Tisch in einer Bar

Auf der Gastro-Seite wird das alles durchgerechnet und sicher auch vollkommen nachvollziehbar sein, daran zweifle ich nicht einmal. Ich bemerke nur das Neue.

Und denke auch kurz daran, wie ich schon einmal geschrieben habe, dass ich irgendwann nachgesehen habe und es nämlich so ist: Seitdem ich in diese Stadt gezogen bin, ist meine gesamte Heimatstadt mir nachgekommen. Also als Zahlsymbol, meine ich. Hamburg ist seitdem um über 250 000 Menschen angewachsen, Tendenz stark steigend.

Und diese Leute wollen eben auch alle in die Bar, in die ich will. Man muss es wohl einsehen, dass es ein Problem ergibt, zumal die Stadtmitte, in der wir alle herumlaufen, sich keineswegs vergrößert hat.

Unweigerlich denke ich aber auch an die Unzahl alter Filme, die ich früher gesehen habe. In denen die meist männliche Hauptfigur damals einfach so und noch in kleidsamem Schwarzweiß mitten in der Handlung in eine schummrige Bar abbog. Weil da gerade eine einladend am Weg lag. Und dann dort spontan etwas trank. An einem Platz am Tresen, der wie selbstverständlich leer war, bis er hereinkam. Wie ging das zu? Das waren doch noch größere Städte, in denen das immer spielte, müsste man sich aus dem Jetzt heraus betrachtet fragen.

Aber wie auch immer. Heute erkundigt sich das bemühte Servicepersonal beim hereinkommenden Philip Marlowe, der den Regen vom Trenchcoat schüttelt, ob er denn reserviert habe, wann seine Gruppe komme, wie lange er zu bleiben gedenke und überhaupt: Wait to be seated.

Um den besagten Herrn Marlowe abschließend zu zitieren: „Ich goss mir so viel ein, bis mein Drink ein Drink war.


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Zwei, drei Links zum Wochenende

Bei Kiki kann ich so ziemlich alles unterschreiben. Und ich möchte den Artikel außerdem ausdrucken, mit dem Füller „Sehr gut!“ an den Rand schreiben, ihn lochen und dann feierlich im Ordner mit dem großen, handgeschriebenen K auf dem Rücken abheften. Mit dem K wie „Krückstockgefuchtel, berechtigtes“.

Und erlaube mir nur noch den kurzen Hinweis, dass der Verlust der Zukunft hier neulich erst vorkam, und zwar als es um das Buch von Andreas Reckwitz ging: „Verlust“. Es fügt sich wieder.

Ein zerstörter Kaugummiautomat

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Nachvollziehbares auch bei der Kaltmamsell:

„Wie sehr Menschen bereit sind, alle möglichen Prozesse, Strukturen und Arbeitsweisen umzubauen, nur damit die Anwendung von LLMs (Large Language Models – das ist meistens gemeint, wenn es “KI” heißt, aber keineswegs immer) reinpasst, ob in der eigenen Arbeit oder auf übergeordneter Ebene. Und wie schnell die meisten bereit sind, bei Skepsis zu Sicherheit und Datenschutz eiligen Versicherungen des Anbieters zu vertrauen.“

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Außerdem habe ich einen Podcast aus der Reihe „Einfach Antike“ gehört: “Spätrömische Dekadenz – Warum Rom nicht an Moral zugrunde ging“, 28 Minuten.

Gab es nicht im letzten Jahr so ein Meme, dass Männer dauernd an das römische Reich denken? Nein, es ist noch etwas länger her, sehe ich gerade, der Spiegel hat hier die genaue Ableitung des Memes, sogar bis hin zur Quelle in Schweden.

28 Minuten über das Ende des römischen Reichs hörte ich da jedenfalls, gipfelnd in Aussagen über die Ungültigkeit der Annahme dieser im Titel erwähnten und so vielzitierten Dekadenz. Mit einem markanten Schlusssatz zum Merken:

„Es gibt kein einziges historisches Beispiel für ein Reich oder eine Zivilisation, die an einem wie auch immer gearteten sittlichen Verfall zugrunde gegangen ist.“

Das vielleicht mal so abspeichern, es klingt doch ungemein wiederverwendbar.

Halbwegs passend dazu hörte ich dann noch eine weitere Sendung: „Mächtige Mythen – Warum Verschwörungstheorien unsterblich sind“. 46 Minuten beim Deutschlandfunk.

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Der Freundeskreis Bildungsbürgertum kann hier einen kurzen Blick auf die sehr ordentlich wirkende Handschrift von Theodor Storm werfen, dessen Manuskript zu „Bulemanns Haus“ wieder aufgetaucht ist. Wer sich das genauer ansehen möchte, hier auch der Link zum Digital-Archiv mit dem vollständigen Manuskript. Scrollen Sie einmal durch, es ist ziemlich faszinierend. Und es sind erstaunlich wenig Korrekturen darin, das fand ich bemerkenswert. Es gibt ganze Seiten ohne sichtbaren Eingriff – wie isses nun bloß möglich.

Ein abgründiges Märchen ist diese Geschichte von Bulemanns Haus übrigens (hier der Wikipedia-Link dazu). Es ist für alle etwas, die sich für Katzen, Fantasy und Horror interessieren. Es geht allerdings nicht um niedliche Katzen, wie ich vielleicht betonen sollte. Eher im Gegenteil.

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In der ARD-Audiothek sah ich schließlich nach, was gerade an Hörbüchern angeboten wird. Ich hatte schon eine Weile keines mehr auf den Ohren, ich kam durch meinen allzu großen Podcast-Rückstand ganz davon ab.

Hervorragend und erfreulich, dass dort der „Geschenkte Gaul“ von Hildegard Knef angeboten wird, gelesen von ihr selbst. Es ist eine helle Freude, allerdings eine in gekürzter Version. Mein zweites Hörbuch von ihr ist das, nach dem „Urteil“, und mehr kann es dann leider auch nicht geben, mehr Bücher von ihr gibt es nicht.

Es ist äußerst bedauerlich, denn sie schrieb hervorragend.

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Aged and mellow

Im Rahmen meines bereits erwähnten Ausgeh-Revivals gehe ich mit der Herzdame wieder vermehrt aus, also jeweils im Sinne eines Dates. Auch einmal wieder an der eigenen Frau herumbaggern, so lautete mein Beschluss vor ein paar Wochen, und mit eindeutigsten Absichten wild drauflosflirten. Vermutlich würden es auch Paartherapeutinnen so empfehlen, nehme ich jedenfalls an. Man sollte als alternder Mensch vielleicht auch die beim Flirt notwendigen Fähigkeiten als erhaltenswert deklarieren, finde ich. Nicht nur die routinemäßig erwähnte Gelenkigkeit, das Merkvermögen bei Namen etc.

Wobei diese beiden Punkte in Verbindung mit Flirts auch ihre Berechtigung haben, fällt mir gerade auf. Aber ich schweife ab.

In dieser Reihe waren wir unter anderem in einem indischen Restaurant um die Ecke, von dem ich vorher im Vorbeigehen noch gar keine Notiz genommen hatte. Authentikka in der Lilienstraße, Innenstadt. Wo am Essen und am Service nichts auszusetzen war, das war alles bestens, sehr bemüht und außerordentlich freundlich. Wo wir nur etwas seltsam saßen. Nämlich auf Stühlen oder eher Sesselchen, die in Bezug auf den Tisch dazwischen etwas zu klein geraten waren. Also nur ein wenig zu klein, nur einige Zentimeter, nicht im drastisch auffälligen Bereich. Nur gerade so, dass es sich etwas seltsam anfühlte, etwas unpassend, irgendwie falsch und befremdlich. Vielleicht hatten auch die Herzdame und ich einfach die falsche Größe für dieses Arrangement, das mag sein.

Tisch im Restaurant Authentikka, ein Drink darauf

Jedenfalls saß ich dort mit diesen merkwürdigen, auf einmal nur allzu gut abrufbaren Erinnerungen an Kindertische auf Familienfeiern in den 70ern. An denen man auch oft seltsam verbogen saß und die plötzlich in Foto- und Filmqualität vor meinem geistigen Auge verfügbar waren. Inklusive längst vergessen geglaubter Gesichter aus der Verwandtschaft um mich herum.

In einem Comicstrip über den Abend hätte ich an dieser Stelle vermutlich entgeistert die Erinnerungswolke angesehen, die da spontan aus meinem Hirn emporwölkte.

Was man nicht alles im Körpergedächtnis verwahrt! Auf einmal spürt man die Vergangenheit, als wäre sie jetzt, als sei sie also im Faulknerschen Sinne not even past. Und zwar spürte ich sie in diesem Fall genau in der Höhe, in der die Tischkante meinen Bauch berührte.

Weswegen ich einen nicht eben kurzen Moment lang gedanklich wieder vor Fanta und Frankfurter Kranz saß und auf die spätere Ausgabe von Erdnussflips in großen Mengen hoffte. Es war tatsächlich eine unerwartet plastische Erinnerung. Eine Art Hologramm-Effekt, ein Zeitloch, etwas in der Art, und es war in der Intensität durchaus etwas unheimlich.

Essen im Restaurant Authentikka

Gleichzeitig – man ist eben doch zum Multitasking fähig! – war mir die ganze Zeit bewusst, dass diese Kombination von ausgeprägtem Flirtwillen und merkwürdig unpassender Körperhaltung eindeutig dem Loriot-Humor zuzurechnen war. Der aus kleinen Szenen dieser Art bekanntlich Klassiker gemacht hat, die wir heute noch verehren und teils aufsagen können. Also zumindest die Menschen aus meiner Generation, die sie damals oft genug im Fernsehen gesehen haben.

Wenn man jedenfalls, und das wollte ich nur eben sagen, bei einem Date einerseits plötzlich intensiv über sein Kindheits-Ich nachdenken und diesem hinterherspüren muss, man andererseits aber im Kopf dauernd Drehbuchskizzen für die Neuauflage der berühmten Sketche toter Humoristen entwirft – dann ist man eventuell beim eigentlich geplanten und auch dringend anstehenden Flirt nicht so intensiv bei der Sache, wie es vor Beginn des Abends angedacht war. Denn das Multitasking im Hirn ist zwar möglich, aber doch begrenzt.

Es erwies sich daher als gut und auch entspannend, mit der diesmal angebeteten Frau der Wahl ohnehin längst verheiratet zu sein. So dass ich auf dem Rückweg dennoch ihre per Geschenk lederbehandschuhte Hand wie frisch erobert nehmen und auch küssen konnte, so dass es möglich war, sie auf der seltsam menschenleeren Brücke vor dem Bahnhof im hellen Mondschein der Großstadtnacht einfach zu umarmen. So dass ich schließlich dennoch mit ihr im Bett landete. Wenn auch nur mangels anderer Auswahl in der Wohnung.

Wo sie dann zwar sofort einschlief, denn es war schon spät und am nächsten Tag stand wieder Alltag an, aber gut – es lief immerhin alles einigermaßen konzeptgemäß, cum grano salis. Dachte ich mir. In einer Paartherapie würde man sich da vielleicht Bestätigung für diesen Abend erbitten, nicht wahr. Oder Fleißpunkte und Lob für gemachte Hausaufgaben und umgesetzte Ideen vielleicht.

Oder was man da eben bekommen kann. Ich kenne mich gar nicht aus.

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Zwischenbilanz

Wir haben 4 % dieses Jahres bereits absolviert und ich möchte, im Bemühen, diesmal gerade noch rechtzeitig zu sein, eine kurze Zwischenbilanz ziehen. Nicht wegen der 4 %, das ist eine eher beliebige Zahl, aber doch wegen der bemerkenswerten Tatsache, dass wir also immerhin ein Stück des Jahres schon geschafft haben und es bis jetzt und abgesehen von der Welt- und allgemeinen Nachrichtenlage, versteht sich, so schlecht gar nicht war.

Privat war es bis hier recht okay, dieses 2026. So könnte ich es gerade zusammenfassen, solange ich nicht allzu genau hinsehe. Also zumindest im Vergleich mit den Vorjahren war es okay, auf insgesamt zwar eher niedrigem Niveau, aber eben doch. Das stets angebrachte Relativieren ist schließlich in zwei Richtungen möglich, man kann alles rauf- oder runterdenken, wenn man sich nur genug anstrengt. Wann jedenfalls habe ich das zu einem Jahr sagen können, dass es ganz okay war, wie lange ist das her? Es wird irgendwann präpandemisch gewesen sein, war also in grauer Vorzeit. Vielleicht war es auch noch vor 2015. Ich müsste länger darüber nachdenken, aber das scheint mir wieder gewisse Risiken zu bergen.

Mein Misstrauen bezogen auf das aktuelle Jahr ist nach den letzten paar Jahren selbstverständlich berechtigt groß und 2026 hat auch noch ganze 96 % übrig, um auf mich oder wieder auf uns alle einzuschlagen. Aber ich wollte es doch einmal wieder deutlich genug gesagt haben: Es war ganz okay. Bis hierhin.

Denn es scheint mir weiterhin einen ausgeprägten, allgemeinen und auch längst verstetigten Mangel an positiven Aussagen zu geben. Also bitte, habe ich das auch abgeleistet und meinen Beitrag dazu geleistet. Es scheitert hier schließlich nichts am mangelnden guten Willen, an der Entschließung oder am Mut, wie Kant in etwa gesagt hätte.

Wir verbleiben nun mit der etwas unheimlichen Frage, ob man es sogar bis zu einem zweistelligen Prozentwert heil durch ein Jahr schaffen kann. Vielleicht zumindest in einigen ausgewählten Themenbereichen, die man jetzt etwas glücksspielmäßig durchdefinieren könnte.

Also bis zum, Moment, 5. Februar. Ist das realistisch?

Na, ich werde berichten.

Der Neonschriftzug "Die eigene Geschichte" am Hamburger Hauptbahnhof

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The masquerade is over

Die Temperatur stieg währenddessen um flotte sechzehn Grad an, vom drastischen Minus zum milden Plus. Hier und da kippelt ein Kreislauf, droht eine Migräne, außerdem taut es überall. Es matscht, es verrinnt, es tröpfelt, bröckelt und sackt grau in sich zusammen, was gestern noch die Stadt neu und dermaßen elegant weiß eingekleidet und verhüllt hat. Und wie schön haben wir das gefunden, wie deutlich hat es die Laune gehoben.

Aber jetzt … das altbekannte Wintermonatsgrau dominiert schon wieder. Und dunkler, klammer, abstoßender als je zuvor kommt es uns vor. Es schädigt das Stadtbild bis zur Unkenntlichkeit, ungemein hässlich wirkt alles auf einmal, unansehnlich, grässlich und gemein. Unter dem alles bedeckenden, nur zögerlich vergehenden Modder die tückischen Glatteisreste. Überfrierende Nässe, wie es in den Nachrichten heißt, in denen es auch um liegengebliebene S-Bahnen, gesperrte Autobahnen, aufplatzenden Asphalt, Rückstaus, überlastete Ausweichstrecken und andere Probleme geht.

Stellen auf den Fußwegen, die unvermutet schlittschuhglatt sind, die den Passanten bei unbedachten Schritten ans Leben wollen. Dabei fallen von oben letzte Eisbrocken, manche groß wie Bowlingkugeln, von den Dächern zwischen die zur Seite springenden Menschen. Halbgeschmolzenes sabbert einem unentwegt in den Nacken, wenn man einen Moment zu dicht an den Häusern stehenbleibt.

Der Hansaplatz unter Schneeresten

„Schmelzwasser dringt auch in Wohnungen ein“, heißt es außerdem drohend im Radio. Immer beklommener betrachtet man am Abend die Decke über dem Sofa.

Die Stadt legt die ungewohnte, nur geliehene Edelverkleidung hastig ab und präsentiert sich wieder im betont gewöhnlichen, vollkommen freudlosen Januarkostüm, wie wir es seit vielen Jahren kennen. Auf sämtlichen Gesichtern sieht man den hier allgemein üblichen Gesichtsausdruck, standard-unfroh.

I’m afraid the masquerade is over – aber immerhin gibt es für alles einen passenden Song.

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Da gestern gerade Bruce Chatwin bei mir vorkam und er passend dazu am Nachmittag im öffentlichen Bücherschrank stand, ich ihn aber nicht gut kenne, lese ich zwischendurch etwas bei ihm nach. Eine mir sozusagen zugeworfene Weiterbildung ist dies. Ich lese da auch gerne rein, zumal mir der Titel des Buches ebenfalls gut passt. Den kann man sich an nahezu jeder Stelle des Alltags zur Wiedervorlage hinpinnen: „Was mache ich hier“. Zweifellos eine immer wieder abgründige Frage.

Über die man auch nicht an jedem Tag nachdenken darf, Vorsicht bei der Wahl der Gemütslage.

Es war dies sein letztes Buch, er hat es kurz vor seinem Tod zusammengestellt. Und man versteht beim Lesen immerhin schnell, was seinen Ruhm damals ausgemacht hat. Als ihn noch alle gelesen haben und er in jedem WG-Bücherregal zuverlässig zu finden war, mit seinen Werken über Australien und über das Reisen. In der Wikipedia sehe ich, dass es auch Kritisches zu ihm und seinen Reisebüchern anzumerken gibt oder gab, das war mir entgangen.

Andererseits: Zu wem wäre nicht Kritisches anzumerken. Ich könnte auch jederzeit zu mir selbst Kritisches anmerken, und wie ergiebig wäre dieses Thema.

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In der SWR-Essay-Reihe hörte ich eine Folge, 46 Minuten lang, über ein Gedicht, nämlich über Robert Frosts so berühmtes „Stopping by Woods on a Snowy Evening“. Eine Sendung von Jürgen Kaube, angenehm ausführlich geschrieben, saisonal gerade noch passend und knapp rechtzeitig vor vergehender Schneekulisse gehört.

Auf YouTube gibt es den Originalvortrag von Frost. Es ist ein Gedicht, das man öfter hören kann, zumal er es genau so liest, wie ich es richtig finde, was nun keineswegs selbstverständlich ist. Wir hatten das schon einmal, Gottfried Benn etwa las seine eigenen Gedichte damals ganz falsch. Also aus meiner Sicht.

Der Herr Frost aber – perfekt.

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Alle an Bord holen

Vorweg herzlichen Dank an zwei Leserinnen, die Bücher geschickt haben. Zum einen Daniel Schreiber mit seinem aktuellen Bestseller-Werk „Liebe! Ein Aufruf“, hier der Link zur Verlagsseite mit der Beschreibung. Und zum anderen Thomas Bernhard mit  „Wittgensteins Neffe“, auch hier der Verlagslink dazu. Auf dem Buchrücken ein Zitat von Reich-Ranicki: „Nie hat Bernhard menschenfreundlicher, nie zärtlicher geschrieben.“ Wodurch der Bernhard auf subtile Weise zum Schreiber zu passen scheint.

Vielen Dank!

Ansonsten war ich auf der Party eines lieben Menschen im Stadtteil. Wie ohnehin meine Ausgeh-Offensive … aber nein, wir sollten von solchen Formulierungen vielleicht allmählich Abstand nehmen, sollten wir nicht? Wie also mein großes Ausgeh-Revival, welches ich in fast fuchsmäßiger Schlauheit schon im Dezember begonnen habe, damit es sich nicht etwa schal und abgeschmackt nach räudigem, nur routinemäßigem Neujahrsvorsatz anfühlt (was ich nun übrigens für einen empfehlenswerten Trick halte), schon nach wenigen Wochen recht ertragreich ist. Und also erst einmal emsig und wie immer stets bemüht fortgesetzt wird.

Ich war in diesem Zusammenhang in den letzten Wochen in mehreren mir neuen Restaurants, auch in Bars, in einem Jazzclub sogar, in einem Klassikkonzert, im Theater und dazu noch in Cafés verschiedener Ausprägung, in denen ich jeweils vorher noch nie war. Ich habe außerdem für zwei Events, die demnächst erst stattfinden werden, bereits Konzertkarten erworben. Es läuft also.

Und ich werde berichten, versteht sich. Wobei zwei, drei Termine hier noch nachzuholen und etwas aufzubereiten sind, fällt mir gerade auf. Man muss sich selbst auch noch hinterherkommen können.

Auf einer Party war ich jedenfalls, das wollte ich sagen, auf der viele Menschen waren, die ich nur halb oder auch nur viertel kannte. Die auch mich nur etwa halb kannten, vielleicht nur vom zwei-, dreimaligen Sehen. Menschen etwa, die man nur ein paarmal morgens an der einen Ampel gesehen hat, weil man eine Weile einen ähnlichen Rhythmus in seinen Tagen hatte. Weswegen man zumindest weiß, dass die auch hier irgendwo wohnen werden. Oder die beim Bäcker schon fünfmal neben einem nachmittags vor der Theke standen, wobei man sogar auch schon einmal einen Satz gewechselt hat: „Wie kann denn die Brotschneidemaschine schon wieder kaputt sein!“

Man weiß dann, dass es diese Menschen gibt. Dass es zumindest einen lokalen Bezug gibt. Aber viel mehr weiß man nicht über sie.

Oder jene Menschen, von denen man halbwegs sicher weiß, dass sie X oder Y kennen oder mit denen verwandt sind. Und X oder Y, die wenigstens kennt man! Oder meint zumindest, sie zu kennen. Auch dies sind Menschen, die man außerhalb des gewohnten Kontextes oft nur schwer spontan zuordnen könnte.

Vor allem wenn man einige Schwierigkeiten mit Gesichtern hat, wie ich. Und tendenziell niemanden mehr erkennt, der auf einmal eine bunte Mütze trägt, sonst aber nicht. Oder der sich die Haare gerade anders als sonst gefärbt oder abgeschnitten hat. Es ist manchmal etwas anstrengend.

Es geht aber nicht nur mir so, habe ich an diesem Abend wieder gemerkt, und das ist immerhin tröstlich. Auch andere raten in solchen Runden nur so herum. Sie geben waghalsige Tipps ab, schätzen schlicht auf gut Glück. Ich fand es erleichternd, dies erneut festzustellen.

Und wurde also etwa angesprochen mit „Du bist doch der mit der Vespa?“ Und als das kein Treffer war, dann auch mit „Oder bist du der mit dem Bulli?“

Dabei bin ich doch der mit … ja, womit eigentlich. Am ehesten bin ich der mit dem Blog, würde ich mich selbst charakterisierend wohl sagen, es beschreibt doch einiges an mir, denke ich. Mein Auto würde mir eher nicht einfallen. Obwohl „Ich bin der mit dem stark verbeulten Uralt-Auto, das unter dem Dreck einmal rot war“ natürlich auch etwas aussagt, es stimmt schon. Aber ich bin im letzten Jahr nur etwa viermal Auto gefahren. Als typbestimmend möchte ich es ernsthaft nicht durchgehen lassen.

Ich denke nun ein wenig über meine Alternativpersönlichkeiten nach, denn ich hätte ja auch die beiden anderen sein können. Ich hätte der mit der Vespa oder der mit dem Bulli sein können. Man sieht es mir an, man spricht mich darauf an und traut es mir also zu: Ich wirke wie die. Sie müssen in einem gewissen Sinne zu mir passen, diese beiden anderen Möglichkeiten.

Ich führe daher im Geiste Gespräche mit meinen beiden Alternativ-Ausprägungen, es ist erstaunlich spaßig und man braucht nur ein wenig Fantasie und Vorstellungsvermögen. Und in psychologischer Hinsicht ist es hoffentlich noch unbedenklich. Der mit der Vespa, stellt sich in diesen übrigens betont freundlich geführten Gesprächen heraus, er ist jedenfalls etwas cooler als ich. Er hat z. B. nicht nur eine Vespa, er hat auch eine Band gegründet, guck an, und sie ist nicht einmal ganz erfolglos. Er schreibt die Texte der Songs, das allerdings überraschte mich dann nicht.

Der mit dem Bulli wiederum, der hat nennenswert mehr erlebt als ich, man könnte auch sagen: dramatisch mehr. Er muss auch bald schon wieder los, und diesmal rauf ins Baltikum. Für irgendein Projekt, denn er macht beruflich etwas mit Reiseberichten und Erlebnisbüchern. Eine Art norddeutscher Bruce Chatwin im kleineren Format.

Ganz ohne Drogen kann ich sie führen, diese Dialoge mit den diversen Multiversumsvarianten meiner selbst. Ich sollte das vielleicht betonen, bevor ich in den Kommentaren nach den richtigen Pillen oder Pilzen für solche Trips gefragt werde. Ich kenne mich auch mit Trips gar nicht aus. Da müsste ich erst den mit dem Bulli fragen, der könnte es wohl wissen. So vom Typ her.

Keines von beiden habe ich jedenfalls je gefahren. Keinen Bulli, keine Vespa.

Ich könnte aber, denn in der Hinsicht bin ich selbst mit fast 60 noch jung genug und kann mir außerdem schon wieder ein passendes Drehbuch dazu vorstellen, beides durchaus noch verwirklichen, sogar demnächst. Ich müsste es nur dringend wollen.

Es wäre auch leicht erreichbar, was ist schon dabei. Das sind beides nur Fahrzeuge, und es sind solche, die man legal erwerben und fahren kann. Doch, ich könnte beides ernsthaft noch verwirklichen, Bulli und Vespa. Und könnte so zwei weitere meiner Parallelweltpersönlichkeitsmöglichkeiten mit mir vereinen. Ich könnte auf diese Art vielleicht seelisch etwas kompletter werden. Alle an Bord holen, endlich halbwegs heil werden. Ein besonders faszinierender Gedanke.

Aber wie auch immer, es wird gerade Tag, und da gehen wir erst einmal unterschiedlichen Berufen nach, wir drei.

Das beleuchtete Schild einer Kneipe: Max & Consorten

Man denkt jedenfalls eine Weile so im Kreis herum, nachdem man abends auf einmal wieder unter etlichen Menschen war.

Sie kennen das bestimmt.

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Wintermärchen, updated version

Gehört habe ich die Lange Nacht über Heinrich Heine in der ARD-Audiothek. 159 interessante Minuten: „Aus meinen großen Schmerzen mach‘ ich die kleinen Lieder.“

Man könnte auch mal wieder Heine lesen, fällt einem dabei ein. Also mir jedenfalls, und ich lege ihn mir erneut auf dem Nachttisch zurecht, das ist überhaupt eine gute Idee. Und er passt auch in diese Jahreszeit, wurde er doch unter anderem durch „Deutschland, ein Wintermärchen“ unsterblich.

Heine-Vertonungen werden auch in der Sendung erwähnt. Der verdienstvolle Reinhard Repke mit seinem Club der toten Dichter kommt dabei aber nicht vor. Dabei haben sie mit Dirk Zöllner ein Heine-Album gemacht, wovon ich immerhin ein Lied hier zeigen kann. Und es ist sogar eines der besten daraus, „Ich hab im Traum geweinet“:

Ich habe es schon oft geschrieben, aber ich wiederhole es doch, wenn Sie Reinhard Repke mit Truppe irgendwo angekündigt sehen, gehen Sie bloß hin. Die Abende, aktuell sind es Morgenstern-Vertonungen, sind wunderbar.

Ich wiederhole mich einfach weiter, pardon, das ist bei Heine und mit öfter der Fall, wie langjährige Leserinnen wissen. Vielleicht aber gibt es zwei, drei neue Leserinnen (besonders herzliche Grüße nach Bonn, by the way), die noch nicht alles kennen, was ich hier regelmäßig oder gar reflexmäßig von mir gebe.

Deswegen noch einmal die mir allerliebste Heine-Gesangsversion, welche Esther Ofarim vor Jahren eingesungen hat, eine Variante seines Gedichtes „Kinderspiele“. Mit den unvergesslichen Zeilen:

„Vorbei sind die Kinderspiele

Und alles rollt vorbei

Das Geld und die Welt und die Zeiten

Und Glauben und Lieb und Treu.“

Man möchte aus dem Schaukelstuhl heraus weise nicken.

Es ist dazu ein Gedicht, das wir gerade in diesem Jahr des großen, globalen Analogtrends und der bereits zur Hippness eskalierten Nostalgie vermehrt hören, lesen oder gerne auch wieder aufsagen können.


***

Am Hamburger Rathaus aber steht dauerhaft der große Heine aus Bronze und sieht in diesen Tagen mit den um den Leib geschlungenen Armen ein wenig so aus, als würde er in seinem vermutlich zu dünnen Mäntelchen frieren. Dabei blickt er grüblerischen Blickes auf Hunderte kleiner Schneemänner auf dem Rathausmarkt. Denn diese Stadt hat es gerade mit den saisonalen Figuren.

Nachdem jemand an der Krugkoppelbrücke etliche besonders liebevoll inszenierte Miniaturschneefiguren zerstört hat, wurden sie dort mit großer Beteiligung neu geformt, und auch an anderen Standorten wurde dieses Wintervergnügen daraufhin auf einmal zum Trendsport.

Was in erstaunlicher Fortsetzung der bereits gestern angerissenen Stimmungsausnahmesituation dazu führt, dass da also etliche Menschen aller Altersgruppen begeistert im Schnee knien und versonnen Figürchen formen. Während etliche andere vorsichtig durch die Reihen der fertig geformten Schneeskulpturen spazieren, Fotos und Filme machen, sichtlich gerührt sind und sich gegenseitig die schönsten Exemplare zeigen.

Dieser Wintereinbruch ist das mit Abstand kälteste Wetter-Event seit vielen Jahren, aber er scheint die Stadt seltsam aufzuwärmen, so viel steht fest.

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Elli, der Abgesang

Der Sonnabend verbleibt vom Wetter her etwas öde und ereignisarm, das ist nach der aufwändig inszenierten Show durch das mit Pomp and Circumstance durchrauschende Tief Elli am Freitag ein wenig ernüchternd. Aber natürlich ist es in Ordnung und besser für alle Beteiligten, wie man etwas widerstrebend und bei aller Sensationslust doch zugeben muss. Immer diese Erwachsenen-Vernunft, sie ist manchmal auch ein wenig lästig.

Ein kleiner Schneemann vor einem Geschäft

Es schneit also nicht mehr. Es eisregnet auch nicht, blitzvereist nicht, es weht nicht einmal mehr und es friert nicht rekordmäßig. Das Wetter kann auf einmal gar nichts mehr. Sogar das Licht ist an diesem Tag mäßig und mau, ist grau und flau, es macht alles nichts mehr her da draußen. Die im Sturm malerisch eingerissene Hamburgfahne auf dem Hoteldach gegenüber wirkt in diesem Licht blass und bestenfalls mattrot, dabei müsste die Farbe doch signalkräftig leuchten. Vielleicht aber hat der Wind am Vortag die Farbe gründlich aus dem Stoff geprügelt, hat alles schwach und abgekämpft zurückgelassen, was hier unter freiem Himmel war.

Selbst unten an der Alster will es nicht recht fotogen wirken, was die Winterlandschaft noch zu bieten hat. Ich gebe es schließlich auf und kümmere mich lieber am Schreibtisch um liegengebliebenes Admin-Geraffel, versuche dabei bemüht, mir das Abarbeiten bei Kaffee, Keksen und schummeriger Beleuchtung als „gemütlich“ einzureden. Mit immerhin mäßigem Erfolg.

Eine sehr kleine Schneefigur

Die Feuerwehr, sehe ich dann später beim zweiten Spaziergang des Tages, schlägt hoch über den Fußwegen Eiszapfen bedeutender Größe von Dachrinnen, Überständen und Balkonen, damit hier eher unübliche Todesarten des Winters möglichst weiterhin nicht vorkommen. Von unten sehen Menschen interessiert und, wenn sie noch etwas kleiner sind, auch deutlich enthusiasmiert zu, machen Fotos und Filme, loben laut und preisen diesen Einsatz. Der Mann an der Drehleiter und auch der Mann ganz oben lachen beide und winken dem Publikum. Es ist insgesamt eine jener seltenen Hamburger Szenen, die dadurch auffallen, dass nahezu alle Beteiligten gut gelaunt wirken. Man sieht es hier nicht so oft in dieser Ausprägung.

Die Durchschnittslaune sieht man aber weiterhin und wie zur Beruhigung auf den Gesichtern der Fahrer (alle männlich, aber das wird ein Zufall sein) in den Autos, die wegen des Feuerwehrwagens nicht durch die enge Straße kommen und jetzt für längere Zeit hier feststecken, denn es hängen verdammt viele große Eiszapfen da oben. Diesen Fahrern ist die Lust, sich gründlich ins Lenkrad zu verbeißen, deutlich an ihrer Mimik abzulesen.

Das bereits gestern kurz angedeutete Vernunftwunder geht aber noch einen Tag weiter, denn es hupt merkwürdigerweise niemand. Fast möchte man es nicht glauben, und ich prüfe also noch einmal, ob es nicht vielleicht am Noise-Cancelling meiner Kopfhörer liegt, dass ich nichts höre. Aber dem ist nicht so. Daher fällt diese kleine Szene fast schon in die Rubrik „Was schön war“, so überaus seltsam ist dieses fast schon besinnliche Vorkommnis.

Ein Feuerwehrmann auf einer Drehleiter an einer Dachkante

Noch einige gerade angefallene Winterlinks:

Nicola hat ihren ersten Newsletter „Gute Frage“ geschrieben. Es geht, passend zum Januar, um Anfänge und ist wie immer bei ihr reich an Links, Inhalt und Überlegung. Meine Empfehlung zur Anmeldung versteht sich.

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Die geschätzte Landlebenbloggerin schreibt über das Rodeln. Angereichert, wie für unsere Generation üblich, mit ihren Erinnerungen. Dazu noch eben der Hinweis, dass die Buddenbohmschen Söhne leider kaum nennenswerte Rodelerinnerungen bewahren können. In den entscheidenden Jahren gab es nicht genug Schnee in dieser Stadt. Nur als sie noch sehr klein waren, kaum werden sie es noch wissen. Bei Sohn II bin ich nicht einmal sicher, ob er sich überhaupt an Rodeltage erinnert.

Ich könnte nachfragen, aber er chillt gewiss gerade. Und da möchte man bekanntlich nicht gestört werden. Siehe Nickerchen, wie Menschen meines Alters noch sagen.

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Carola hat wie immer feine Bilder von Wismar im Schnee. Alle ihre Wismar-Bilder sehen stets so aus, dass die Stadt sie dafür bezahlen müsste, so etwas dermaßen lockend zu verbloggen.

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Christian hat an den langen Winterabenden Musik gemacht und außerdem eine Bitte.

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Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Der Freitag in der Snowpocalypse

05:30 Am Abend des Donnerstags, das ist erst noch nachzutragen, wurden hier tatsächlich Läden erstaunlich leergekauft. Ich war doch ein wenig überrascht, die Leute hamsterten ernsthaft wieder. Was sich wohl dadurch erklären lässt, dass nahezu sämtliche Institutionen und Politpersonen dieser Stadt vor einer Kamera standen und vor diesem Wochenende gewarnt haben. Überall erhobene Zeigefinger, ernste Blicke und die immer wieder angesagte Gefahr für Leib und Leben.

Die ich nicht kleinreden möchte, und wenn deswegen ein paar hektische Irre weniger mit dem Auto durch die Stadt und über die Schnee- und Eispisten fahren, hat man sicher viel erreicht. Aber die Dosis und Intensität der Warnungen und Mahnungen, sie war doch insgesamt ein wenig erstaunlich.

Ein Schneemann, der an einem Baun hochklettert

06:07 Am Freitagmorgen kommt programmgemäß etwas Wind auf und klingt auch prompt so, als könnte er in Kürze zum Sturm werden wollen. Wenn man aus diesen norddeutschen Gegenden hier kommt, dann meint man manchmal, es dem Wind bei den ersten Brisen schon anhören zu können, ob er ein solches Potenzial hat oder nicht. Und man murmelt dann gerne, wie ein gestandener Matrose ein paar Seemeilen vor Kap Hoorn, seine Wetter-Erkenntnisse fluchend vor sich hin, bevor man doch wieder trotzig La Paloma pfeift und sich erst einmal weiter um die üblichen Verrichtungen an Deck oder im Home-Office kümmert.

07:01 Ich gehe noch vor der Arbeit durch seltsam leere Straßen zum Supermarkt. Offensichtlich fahren sehr wenig Menschen mit dem Auto, verhalten sich also vernünftig, es ist ein wenig befremdlich. Das machen sie doch sonst nicht, was ist jetzt anders.

07:15 Ich kaufe im Supermarkt als Frühkunde nicht etwa das, was die hamsternden Massen kaufen wollen, nein, ich kaufe lediglich eine kleine Packung Zuckergusskonfetti. Welches die Herzdame für einen heute zu backenden Kuchen braucht, und zwar, so sagte sie, dringend. „As you wish“, antworte ich in solchen Fällen. Denn was soll man auch sonst antworten, und dann gehe ich los, quer durch all die Wetterwarnungen.

08:15 Vor unseren Dachfenstern wird tatsächlich Schneesturm aufgeführt. Der zwar vielleicht so schlimm nicht sein wird, denke ich mir, der aber jedenfalls überzeugend so aussieht. Weil große Mengen von pulverigem Schnee an den Scheiben vorbei verweht werden, weil sie dort wild und eindrucksvoll kreisen und dann in ungestümer Eile alsterwärts vorbeibrausen. Und weil dabei ein ansprechend pfeifendes, schräg heulendes Geräusch eingesetzt wird, welches man aus Western mit Blizzard-Szenen zu kennen meint. Ich arbeite im Brotberuf, stehe zwischendurch interessiert am Fenster und lobe den Sturm. Wie immer mit dem richtigen Borchert-Zitat dabei, Sie kennen es wohl schon von mir:

„Stell dich mitten in den Wind

Glaub an ihn und sei ein Kind

Lass den Sturm in dich hinein

Und versuche, gut zu sein.“

09:44 Die Bahn stellt den Fernverkehr ein. Jetzt kann ich nicht mehr, was weiß ich, mit dem Zug nach Hannover fahren, um ein vollkommen beliebiges Beispiel zu nennen. Keine Ahnung, warum mir Hannover einfällt, ich weiß gar nicht, was ich in Hannover tun sollte. Ich werfe beiläufig einen Blick auf Instagram, dort wird mir Werbung gezeigt für eine Tagesbar in … Hannover. Nette Bilder zum Thema Daydrinking. Seltsam, sonst sehe ich nie Werbung für irgendwas aus Hannover.

Ich glaube nicht an Verschwörungstheorien, aber die Zufälle sind doch eindeutig hinter mir her, so viel steht fest.

11.49: Es passiert sonst nix, was zu berichten wäre. Es weht nur immer weiter erstaunlich viel Schnee am Fenster vorbei. Im Bildausschnitt könnte auch ein Loop angespielt werden, ich würde es nicht merken. Der Blick nach draußen sieht manchmal ein wenig nach den Bildstörungen aus, die einige noch von früher kennen werden. Als es noch Fernseher mit Zimmerantennen gab und einer damit über die Möbel turnen musste, bis das Bild endlich komplett flimmerfrei war: „So bleiben!“

Der Live-Ticker vom NDR weiß auch nichts weiter zu berichten, nur dass Züge, Flüge etc. ausfallen und dass die Stadtreinigung die Stadt reinigt. Also vom Schnee. Okay.

12:10: Im Haus gegenüber macht eine junge Frau in pyjamamäßigem Outfit ein Fenster weit auf, vermutlich um sich die Pracht anzusehen. Woraufhin der schneegeladene Wind ihr dermaßen sturmstark eine langt, dass sie mit spitzem Schrei zurücktaumelt, das Fenster eilig wieder schließt und sich hüpfend Schnee aus dem Dekolleté schüttelt. Genug gelüftet für heute, nehme ich an.

12:25 Die Herzdame backt Kuchen. Wodurch es in der Wohnung äußerst gemütlich duftet, was sich mit dem Blizzard-Szenario vor den Fenstern hervorragend verbindet.

12:40: Mein Abend-Date fragt, ob wir eigentlich auch bei Sturm und Schnee daten. Aber sicher tun wir das, wir verlegen nur eben den Treffpunkt in die Bar, die für uns auf dem kürzesten Weg zu erreichen ist.

13:20: Mittagsschlaf bei hörspielmäßig inszenierten Sturmgeräuschen. Es ist mir ein wahres Fest.

14:35: Ich gehe einen Eimer kaufen. In unserem Eimer ist nämlich ein Loch, wie sich gerade beim Putzen gezeigt hat. Wozu man früher geradezu zwangsweise ein gewisses Lied hätte singen müssen, die Älteren erinnern sich. Ich aber singe keine Lieder und verkneife mir sogar das in diesem Moment notwendige Krückstockgefuchtel. Denn früher hätte ich in userem Stadtteil noch in mehreren Läden einen Eimer kaufen können, hätte also Auswahl gehabt. Früher! Als es hier noch richtige Geschäfte gab und nicht nur überteuerte Touristenbespaßungseinrichtungen. Knurrend strolche ich durch die Winterlandschaft, den blöden Eimer zu kaufen. Einzelne Läden haben heute tatsächlich geschlossen, sehe ich. Wegen des Wetters, so steht es auf Zetteln an Türen.

Ein Hinweisschild an einer Ladentür, heute geschlossen

Der Rest der Stunden bis zum Abend-Date verstreicht dann bemerkenswert ereignislos. Drinnen wird einfach so herumgewohnt, draußen wird immer weiter herumgewettert. Aber allmählich doch etwas lustloser, dem Klang nach zu urteilen.

Mehr findet nicht statt, und das ist vermutlich auch gut so. Auch den Live-Tickern der Medien fällt nun beim besten Willen nichts mehr ein, nur noch: „Die Glätte bleibt.“

Diverse Wetter-Apps schicken schon einmal Entwarnungen, die Sturmgeräusche nehmen weiter ab, hören dann sang- und klanglos auf.

Ein eingeschneites Denkmal für Sankt Ansgar

18:50: Ich gehe zu meinem Date und nehme den Hauptvorteil des Tages mit: Die Bar unserer Wahl ist an einem Freitagabend leer wie ein Saloon in einer gottverlassenen Stadt irgendwo im weiten Westen bei Schneesturm. Und nicht etwa gewohnt bumsvoll wie eine bekannte Szene-Bar auf der Ausgehmeile in der Millionenstadt.

Es sind etliche Plätze frei, ein merkwürdig ungewohnter Anblick. Obwohl wir beide schon oft in dieser Bar waren, können wir uns heute eine Ecke zum Sitzen aussuchen, in der wir noch nie waren, so leer ist es. Und sitzen dann dort wie vom Winde verweht.

Ein Schild in einer Bar: "We have mixed drinks about feelings"

Denn man muss so einem Sturm vielleicht auch die Chance geben, einen irgendwohin zu bewegen. Es ist am Ende nur fair, er hat sich immerhin sichtlich viel Mühe gegeben, und das sogar einen ganzen Tag lang.

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Beinharte Wirklichkeit

Das letzte hier liegende Buch von Michael Maar habe ich durchgelesen, den Band über die Tagebücher: „Heute bedeckt und kühl“ (Verlagslink). Jetzt geht es herber weiter, ich lese „Verlust – Ein Grundproblem der Moderne“ von Andreas Reckwitz, hier die Perlentaucherseite dazu. Die Rezensenten äußern sich dort überwiegend positiv.

Kein leichtes, kein schönes Thema, eher beinharte Wirklichkeit und Analyse der Gegenwart. Aber ich sehe auch gerade weit und breit keinen Urlaub in meinem Kalender. Da wird man so eine Lektüre wohl abarbeiten können, wenn sie einen doch weiterbildet.

Der Titelzusatz „Ein Grundproblem der Moderne“, so scheint mir, wäre auch als Aufkleber nett und brauchbar. Den man gleich hier und da anpappen könnte, etwa an unaufgeräumte Teenagerzimmer. Oder auch an überbordende Pfandflaschensammlungen, an ungeleerte Mülleimer, an Ordner mit Behördenbriefen (siehe dazu mein Text von gestern) oder auch an den Badezimmerspiegel und dergleichen. Als lapidare Standardantwort in Outlook, die man sich bequem auf einen Shortcut legen könnte, ist die Formulierung sicher ebenfalls geeignet. Wenn eine Kollegin sich elaboriert über etwas beschwert, bei dem man eher nicht tätig werden möchte, reicht dieser Satz vielleicht als verständnisvoll bestätigende, dabei aber keinerlei Lösung aufzeigende Reply: „Ein Grundproblem der Moderne!“

Und damit hat sich das Thema vielleicht erledigt. Das mal so versuchen.

Das Buch "Verlust" von Andreas Reckwitz

Recht früh im Buch kommt Andreas Reckwitz auf ein hier aktuelles Blogthema, es geht bei ihm nämlich auch um die im Trend liegende Freude am Analogen. Ich zitiere etwas umfänglicher, mit der Bitte, besonders den letzten Satz zu beachten:

„Vinylplatten haben ein überraschendes Revival erlebt. Einst hoffnungslos antiquiert und erst durch CDs, dann Streamingdienste verdrängt, punkten sie nun mit der Authentizität ihres Hörerlebnisses. „Wie früher“ – ein „Früher“, das man selbst möglicherweise nie erlebt hat – hält man die aufwändig gestalteten Plattencover in den Händen und lauscht dem Knistern, wenn die Nadel über die Rillen der Schallplatte gleitet. Zeitgleich sind im Städtetourismus die lost places zum Geheimtipp geworden: heruntergekommene, häufig am Stadtrand gelegene Gebäude etwa aus der Blütezeit der industriellen Moderne, in denen sich eine spezielle Ruinenästhetik entdecken lässt. Aber auch sorgfältig restaurierte Bauwerke wie das Tacheles in Berlin oder die Bourses de Commerce in Paris beschwören die Faszination einer jüngeren Vergangenheit.

Dies alles sind Beispiele einer spätmodernen Nostalgieökonomie und einer nostalgischen Ästhetisierung, die in den Dingen und Orten einen bestimmten, häufig idealisierten Ausschnitt der Vergangenheit präsent zu halten versuchen. Wenn die Zukunft nicht mehr viel verspricht, ist die Bewahrung der Kultur der Vergangenheit vor dem vollständigen Verlust – als Heritage, Retro oder eben Nostalgie – offenbar zu einer charakteristischen Strategie der Gegenwartskultur geworden.“

Treppenstufen in einem Kirchturm, durch Buntglasfenster bei Nacht fotografiert

Diese Absage an die wenigversprechend erscheinende Zukunft und an die schnöde Gegenwart, sie ist der Schatten der so harmlos daherkommenden, nostalgiewarmen Analog-Verehrung. Sie ist der Teil, der eher nicht besprochen und erörtert wird. Weil man dann gedanklich aus dem lifestyligen, eher kuscheligen Argumentationsmuster in schmerzhafte Bereiche vordringen müsste.

Da mal drüber nachdenken! Vielleicht während die Platte dabei besonders schön knistert. Und während man, wenn es das Stück überhaupt auf Vinyl gibt, passend zum Wetter in dieser Stadt noch einmal Daniel Norgren hört. Wo man doch gerade bei Verlusten ist: „Everything you know melts away like snow …“

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