Don’t mess with Mr. In-Between

Am Sonntagmorgen eine Alsterrunde. Selbstverständlich gegangen, nicht gelaufen, siehe Sting etc. Man kennt das. Ich ging flotten Schrittes wie immer, noch bevor sich die Sonne durch das kompakte Grau über mir mühen konnte. Es war noch nachtkalt an den Ufern, es war außerdem nordwestkalt, der Wind war nass, bitter und bissig. Die laufenden Menschen, die mir entgegenkamen, sahen diesmal nahezu sämtlich überzeugend so aus, als könne dieser Sport unmöglich Spaß machen. Als könne er außerdem kaum gesund sein und im Grunde überhaupt nichts, was sich irgendjemand freiwillig bei geistiger Gesundheit an einem Wochenendmorgen antun würde. Darüber hinaus gab es bei diesen Sportlerinnen und Sportlern eine seltsame Entwicklung zu beobachten, die wir ausgerechnet vom Automarkt her kennen: das Verschwinden der Farben aus der Modellpalette.

Alles lief ninjaoptimiert in schwarzer Montur, manchmal auch in Betontönen, in Variationen von Schlamm, Lehm, Sand und Granit. Wenn es bunt und ausgefallen war, bei den vielleicht doch ein wenig besser gelaunten Exemplaren, dann trug man die nachtdunkle Seite von Navy.

Das also mal weiter beobachten, am Ende ist es wieder ein verifizierbarer Trend.

Blick über die Aussenalster an einem Dezembermorgen

Ich dagegen trug einen heiter lichtgrauen Anzug. Darunter einen warmen Rollkragen in einem Farbton, den ich gerade am Bildschirm mit etlichen blauen Beispielkacheln verglichen habe, um ihn hier exakt benennen zu können. Das Ergebnis dabei lautete „lightsaber blue“. Guck an, diesen Pullover werde ich künftig sicher noch lieber tragen.

Eine Skulptur am Alsterufer, der man einen gestrickten Bikini angezogen hat

Ich war außerdem in dieser Umgebung verhaltensauffällig gut gelaunt. Denn ich hatte gleich nach dem Aufstehen beschlossen, mir eine neue Playlist für das Jahr 2026 anzulegen, um stimmungsmäßig nach Möglichkeit vorzugreifen und für etwas Aufwind zu sorgen. Nicht im Sinne eines ernsthaften Vorhabens, aber doch immerhin als Mittel der unverbindlichen, dabei aber möglichst freundlichen und vergleichsweise zugewandten Selbstunterstützung. Hilf dir selbst etc.

Begonnen hatte ich dieses Vorhaben mit Musik, die mir unter den Überbegriff „Lounge“ zu fallen schien. Daraus eher die lässigen und rhythmischen Varianten, nicht das Ambient-Zeug. Ein wenig in Richtung Bossa Nova auch. Was aber schnell zu viel und zu beliebig werden kann. Wenn man bedenkt, dass es von jedem Lied auf dieser Welt eine hingehauchte, zartschmelzende Bossa-Nova-Version gibt, wird es leicht unerträglich. Ich dachte jedenfalls an möglichst positive Songs. Von der Melodie, vom Titel und auch vom Text her, wenn es denn überhaupt Gesang gab. Von betont lässiger Grundstimmung, Gentleman an abendlicher Bar, bis hin zu selbstverständlich ironischer, aber doch leicht eskalierter Balz: „Na, ganz allein hier?“

Etwas in der Art schwebte mir vor.

Unter anderem durch das gestern erwähnte Album „John Coltrane und Johnny Hartman“ wurde es dann bald immer jazziger und swingender, sodass sich der Grundrhythmus dezent verschob. So dass auch das allfällige Fingerschnippen etwas anders eingesetzt werden musste, so dass ich diese bewährten Songs schließlich noch einmal mit neuem Interesse hörte. Und auch zwischendurch stehenblieb, um etwas auf dem Smartphone nachzulesen.

Songs, die man bereits tausendmal gehört hat, in etlichen Versionen. Aber es ist doch lohnend, fand ich dann, sich noch einmal damit zu befassen und vielleicht auch etwas kundiger zu werden. Etwa auch bei diesen so sattsam bekannten Liedern und Standards die Versionen noch einmal sämtlich nacheinander zu hören, dabei die Texte mitzulesen, die Geschichten dahinter kennenzulernen.

Tendenziell sinnfreie Unterfangen, die ein plötzlich bei mir aufflammendes Interesse bedienen, heben meine Laune oft beträchtlich und zuverlässig. Ich war also der mit der bemerkenswert guten Laune an diesem Morgen da auf dem Rundweg. Mit den eiskalten, aber dennoch schnippenden Fingern, mit dem immerhin dezent eingesetzten Pfeifen.

Auch mal schön, auf diese Art aus der Reihe zu fallen.

Vielleicht wollen Sie trotz des Wochentages noch einsteigen. Vielleicht wollen Sie das selbst dann, wenn bei Ihnen heute schon der Weihnachtsurlaub beginnt. So weit bin ich noch nicht, daher ergreife ich noch Maßnahmen und habe hier eine Bande gebildet. Mit Clint Eastwood, Bette Midler, Bing Crosby (sechs Monate vor seinem Tod, das beim Hören mal freundlich mitbedenken, bitte!), Willie Nelson, Sam Cooke, Johnny Mercer, Aretha Franklin, Ella Fitzgerald, Perry Como, Tony Bennett, Peggy Lee, The Andrew Sisters, Jools Holland, Dr. John und Paul McCartney.

Denn manchmal braucht man auf den letzten Metern des Jahres etwas Beistand, das kann vorkommen.

“You gotta ac-cent-tchu-ate the positive
E-lim-i-nate the negative
And latch on to the affirmative
Don’t mess with Mr. In-Between.

You got to spread joy up to the maximum
Bring gloom down to the minimum
Have faith, or pandemonium
Liable to walk upon the scene.”

Text Johnny Mercer, Musik Harold Arlen. Die bereits einmal erwähnte Seite „Secondhandsong“ findet 149 Versionen des Liedes.

 

Hier die Wikipedia zum Song, hier die Lyrics.

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Where one relaxes on the axis of the wheel of life

Zwei Anmerkungen zu meiner aktuellen Lektüre: Ich habe zum einen Simenons „Pedigree“ beendet (Wikipedialink). Nachdem ich dafür allerdings beklagenswert viel Zeit gebraucht habe. Deutlich mehr Tage, als ich für ein Buch brauchen möchte. Bei meinem Lesen besteht mit anderen Worten schon wieder oder weiterhin neuer Optimierungsbedarf.

Zu guten Vorsätzen neige ich kaum noch, aber ich möchte dem doch eindeutig mehr Zeit im Alltag einräumen. Denn es gehört entschieden zu den wenigen Tätigkeiten im Leben, denen keinerlei Reue nachschleicht, tatsächlich niemals. Auch dann nicht, wenn ich es exzessiv übertreibe. Oder wenn ich es zur Unzeit betreibe, an falschen Orten, in schlechter Gesellschaft oder wenn ich unmögliches Zeug lese. Meiner Erinnerung nach habe ich mir noch nie bittere, händeringende Selbstanklagen im Sinne von: „Ach, hätte ich doch nicht oder viel weniger gelesen!“ vor dem Spiegel vorgetragen.

Dito bezüglich des Schreibens, by the way. Lesen und Schreiben sind durch und durch okay.

Bei nahezu allen anderen Tätigkeiten könnte ich das keineswegs so verbindlich und überzeugt aussagen. Daher, es ist einigermaßen klar: Vorteil Buch und Text.

Bei der Gelegenheit dieser Lektüre habe ich außerdem bemerkt: Es gibt ein deutschsprachiges Blog zu Simenon, das Simblog. Immer gut, noch einmal allem hinterherzurecherchieren, nicht wahr.

Zum anderen habe ich das erfreulich umfangreiche Buch angefangen, welches neulich erst als Geschenk hier ankam: „Das violette Hündchen“ (Verlagslink) von Michael Maar. Sein Buch über die Rolle der Details in der Literaturgeschichte. Es klingt vielleicht nicht so, aber wenn man zu denen gehört, die immer schon gerne und viel gelesen haben, ist das Buch ein Pageturner. Enorm unterhaltsam, wunderbar kenntnisreich, ein besonders zufriedenstellendes Abendprogramm.

Jetzt ans Schenken denken: Kurz noch zur anderen Leidenschaft, zur Musik. Wenn Sie jemanden beschenken möchten oder müssen, der sich für Jazz interessiert oder so aussieht, als könnte er sich für Jazz interessieren (was immer Ihnen da jetzt vorschwebt), und wenn vielleicht ein Plattenspieler im Haushalt vorhanden ist. Es gibt gar nicht so viele Alben, bei denen ich jeden Song auf einer Playlist untergebracht habe, bei denen ich also durchgehend denke, vom ersten bis zum letzten Lied: Ja, das ist es.

In der Schublade Jazz gibt es dazu Standardempfehlungen wie etwa „Kind of Blue“ von Miles Davis, die zwar ihre Berechtigung haben, aber auch so dermaßen Standard und Gesetz sind, dass sie als Geschenk wohl nicht mehr in Betracht kommen. Ich empfehle etwas, das vermutlich nicht ganz diesen Rang erreicht hat, zumindest außerhalb der topinformierten Fan-Kreise: „John Coltrane and Johnny Hartman“, hier der Wikipedialink dazu.

Das ist nun nicht unbedingt die Musik, die man gut nebenbei hören kann. Es ist eher etwas, für das man sich vor dem Genuss etwas arrangieren oder sogar inszenieren möchte. Die richtige Beleuchtung etwa, den richtigen Sessel, die richtige Ordnung und Stimmung im Raum, auch die passende, angemessen entspannte aber gerade noch würdevolle Körperhaltung.

Und ich könnte als Kritik am seltsam perfekten Album höchstens anbringen, dass ich beim Hören unweigerlich und geradezu erschreckend deutlich etwas spüre, was mir sonst seit Jahren gründlich abhandengekommen ist, nämlich die dringende Lust auf eine Zigarette und einen Cocktail.

Insofern: Nur ab und zu genießen. Aber dann doch sehr.

Blick durch eine nasse Scheibe in die Großstadtnacht, verschwommene bunte Lichter im Dunkeln

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Willemsen, Becker, Kehr, Kaléko

Vorweg ein herzlicher Dank für die freundliche Zusendung eines Buchs von der Wunschliste. Nämlich „Figuren der Willkür“ von Roger Willemsen, mit einem Nachwort von Insa Wilke, hier die Verlagsseite dazu. Ich freue mich auf die Lektüre, das klingt alles sehr gut.

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In unserem kleinen Bahnhofsviertel leben etliche Prominente, denen ich daher vermutlich auch oft begegne. Allerdings bin ich nicht gut darin, sie auch zu erkennen. Zum einen, weil das mit den Gesichtern ohnehin so eine Sache ist, bei der ich manchmal gewisse Schwierigkeiten habe. Zum anderen auch deswegen, weil ich nie fernsehe und etliche Menschen, die anderen sehr wohl vertraut sein dürften, in den letzten Jahren nie oder fast nie zur Kenntnis genommen habe. Womit allerdings kein Werturteil verbunden ist.

Ich erkenne den einen bekannten Theaterschauspieler, der sich freundlicherweise oft als solcher zu erkennen gibt, indem er ein Büchlein in der Hand hält und lesend und deklamierend, Text übend und dezent gestikulierend die Wege geht, die ich auch gerne gehe. Das ist also einfach, er spielt in einem gewissen Sinne in diesen Situationen den Schauspieler, der er ist. Das macht es mir leicht.

Neulich stand ich an einer Ampel und sah auf einem dieser furchtbaren, riesigen Werbebildschirme mit Bewegtbild eine Nachricht zu einem anderen bundesweit vertrauten und vermutlich sehr beliebten Schauspieler. Und merkte dann, dass der gerade live neben mir stand und sich kopfschüttelnd selbst ansah, wie er da oben angezeigt wurde. Eine eher irritierende Erfahrung.

Ich erkenne selbstverständlich meinen Nachbarn Udo Lindenberg. Den man auch kaum nicht kennen und erkennen kann, denn er ist ein sehr ausgeprägter Udo Lindenberg. Ich habe vor etlichen Jahren auch einmal den oben erwähnten Willemsen erkannt, als er beim Bäcker vor mir in der Reihe stand und Schwarzbrot kaufte.

Ich erkenne Sven Regener, wenn er hier manchmal auf Durchreise ist. Es gibt darüber hinaus einige, von denen ich zuverlässig weiß, dass sie hier um die Ecke wohnen, die ich aber noch nie bewusst gesehen habe. Vielleicht liegt es an meinen mangelnden Fähigkeiten bei der Personenerkennung, vielleicht liegt es auch daran, dass sich ihre Privatpersönlichkeit erheblich von ihrer Bühnen- oder Bildschirmpersönlichkeit unterscheidet.

Es ist aber auch vollkommen egal, denn ich jage selbstverständlich keinen Prominenten hinterher. Ich würde auch kein Autogramm haben wollen und würde gewiss niemals jemanden wegen eines gemeinsamen Selfies belästigen. Allein der Gedanke.

Einen habe ich zuverlässig erkannt und oft auf meinen Spaziergängen getroffen. Also getroffen im Sinne einer nachbarschaftlichen, jahrelangen Kopfnickbekanntschaft. Den kann ich nun nicht mehr im Vorbeigehen grüßen: Rolf Becker. Hier der Nachruf beim NDR und in diesem Sinne: Ein letztes Nicken vom Schreibtisch aus.

Ich habe vermutlich nicht alle seiner Einstellungen geteilt, aber er war ein stets engagierter Mensch, Bürger und Nachbar, das muss unbedingt besonders und als beispielhaft gewürdigt werden.

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Und wo ich gerade bei Schauspiel und bei dem Einüben von Texten war, hier noch etwas Schönes unnd saisonal Passendes von der Kehr mit der Kaléko. Ein besonders schöner Zufall, dass die Beckers im Gedicht vorkommen.

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Das Dampfschiff Sankt Georg auf der Alster

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Versionen und Varianten

Gehört: Ein Zeitzeichen über Emily Dickinson, 14 Minuten. Mit dem Versuch, die bekannten und nur vermeintlichen Tatsachen (sie konnte kaum veröffentlichen, sie war so schrecklich einsam etc.) anders als bisher zu deuten, deutlich positiver zu drehen. So kann man es dann auch sehen und wer weiß, am Ende ist es sogar richtig so.

Glauben Sie, jemand könnte Ihr Leben korrekt ausdeuten, wenn Sie sich jetzt spontan in Luft auflösen würden? Wenn man Ihre Spuren und Hinterlassenschaften akribisch durchforschen würde? Glauben Sie, jemand würde in einer dreihundert Seiten starken Biografie nach Jahren der Forschung an den Trümmern Ihrer Existenz die Wahrheit ableiten können und von Ihrem Leben und Ihrem Charakter so berichten, dass Sie bei der Lektüre in irgendeinem freundlichen Jenseits fortwährend zustimmend nicken würden? Dass Sie alle paar Seiten sagen würden: „Ja, genau so war ich“?

Ich glaube das für mich nicht. Und ich finde, das sollte man sich ab und zu klarmachen, wenn man etwas über die Leben der anderen, der Größeren und Berühmteren liest. Man rät am Ende informierter herum, aber man rät doch.

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In dem stets interessanten Musik-Podcast „Alles Interpretationssache“, in dem Cover-Versionen und Varianten verhandelt werden, geht es um „Stairway to heaven“. Unter anderem mit Dolly Parton, da hört man vielleicht zweimal hin.

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Aber apropos Versionen – es gibt einige Songs, meist sind sie aus der gleichen Zeit und sogar aus dem gleichen Land, von denen ich mir etliche Versionen nacheinander anhören kann, ohne dass es mir auch nur ansatzweise langweilig wird. Nicht einmal nach der zehnten, zwanzigsten Version ermüdet das. Seltsam unkaputtbare Melodien und Rhythmen sind es also, diese Epoche war doch etwas Besonderes in der Musikgeschichte. Jedenfalls war sie es für mich, wie mir gerade wieder neu bewusst wird, da ich dauernd auf sie zurückkomme.

Hier jedenfalls als Beispiel 37 Versionen, ja, halten Sie mich ruhig für irre, von „Two sleepy people“. Angefangen mit der bemerkenswert lässigen Filmszene, in der so gefährlich anziehend geraucht wird, angefangen also mit der Szene, von der alles ausging.

Völlig überraschend für alle ist es in der Zusammenschau wieder deep wie nur irgendwas, wenn man diese drei Absätze zusammennimmt und sich kurz besinnt, dass es vermutlich immer Versionen und Varianten entweder gibt oder aber geben kann. Von jedem Moment, von jedem Aspekt des Lebens. Es ist alles ausdeutbar, Interpretationssache und Stoff für Besinnungsaufsätze zur Lebensführung ohne Zahl.

Ein nachts leuchtendes Neonschild "BAR", davor ein Aschenbecher auf einem Tisch vor der Kneipentür

Was immerhin, um doch wieder beim segensreichen Immerhin des Tages anzukommen, den Schluss zulässt, dass man alles auch anders sehen, anders empfinden und anders bewerten könnte. Wenn man es gerade nicht kann, ist man vermutlich nur noch nicht darauf gekommen, wie es auszuführen wäre.

Was darin alles an Möglichkeiten liegt – man macht sich im Laufe des Alltags meist gar keinen Begriff.

Aber wir haben ja in Kürze wenigstens wieder ein Wochenende Zeit, um über ein beliebiges uns belastendes Thema noch einmal anders nachzudenken. Vielleicht wird es besser, wenn wir es uns mit anderer Besetzung in den Hauptstimmen vorstellen. Oder aber ganz ohne Gesang. Wenn wir es uns etwas schneller arrangiert oder melodischer ausgeführt imaginieren, stark modernisiert oder nostalgisch versüßt.

Wie auch immer: Da geht noch was. Man darf das fast jederzeit so denken.

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Starting over

Am frühen Donnerstagmorgen wollte sich mein privates Notebook lieber mit sich selbst beschäftigen als immer nur mit meinen Texten und Bildern. Jeden Tag die gleiche Leier, vielleicht muss ich dafür einfach Verständnis haben. Immerhin habe auch ich reichlich Erfahrungen mit der Ermüdung im festgefahrenen Alltag. Und wer hätte diese Erfahrungen nicht.

Das Gerät jedenfalls hatte gewissermaßen auf einmal einen Hang zur gemächlichen, entschleunigten Introspektion. Sich endlich einmal richtig Zeit nehmen. Reflexionen auch zulassen und in die Tiefe gehen. Im Grunde ist es auch erstrebenswert, man sollte sicher zustimmend nickend davorsitzen und Analogien bilden. Sollte man doch, nicht wahr.

Vielleicht hatte das Notebook sogar das, was die Erwachsenen in meiner Kindheit rätselhafterweise „Einen Moralischen“ nannten. Wenn ich damals etwas sah, was ich nicht sehen sollte, heulende Erwachsene oder deutlich deprimierte Menschen: „Die oder der hat einen Moralischen.“

Eine eher unerklärliche Floskel war das für ein Kind. Aber was meine Generation in dieser Phase des Lebens nicht alles so als selbstverständlich hingenommen hat, da wir doch davon ausgehen mussten, dass im weiteren Verlauf der Szene sowieso nichts mehr erklärt werden würde.

Das Notebook jedenfalls, es wollte – vielleicht nachdem es aus unruhigen Träumen erwacht war – noch einmal mit allem von vorne beginnen. Neu starten wollte es, und ich meine auch dazu: Wer kennt es nicht. Da mal mitfühlen, dachte ich also. Sich fallen lassen, alles schwarz werden lassen, einmal komplett herunterfahren. Das Dunkel kurz gewinnen lassen, wenigstens einen gnädigen Augenblick lang gar nichts wollen, machen und müssen – und dann neues Licht.

Es hat doch etwas!

Dann aber hatte das Notebook auf einmal vergessen, wer es war. Es wusste nicht mehr, wes Zwecks und mit welcher Funktion es existierte. Es erkannte auch mich nicht mehr, seinen engst verbundenen Menschen. Vermutlich ging es ihm in etwa so, wie sich der Mensch am nächsten Morgen nach einer wüst ausgearteten Party fühlt, nach stattgehabten Exzessen aller Art und experimentellem Drogenkonsum. „Malerisch die Gläser mit dem Lippenrot, dumm, dass man bei jedem Schritt zu kippen droht.“ Evelyn Künneke sang das einmal, aber die kennt vermutlich auch schon kein Mensch mehr. Schlimm.

Gibt es das Lied auf YouTube? Natürlich gibt es das auf YouTube.


Bei mir allerdings sind solche Nächte derart lange her, dass ich mich kaum noch daran erinnern kann. Ich habe nur noch eine vage Ahnung im Gedächtnis und weiß zuverlässig, dass ich bitte nie mehr im Leben einen Kater haben möchte. Was man aus solchen Lebensphasen so mitnimmt.

Dann fragte mich das Notebook zögernd, ob ich mir die alten Inhalte wirklich ansehen wolle. Also im Ernst, das ganze alte Zeug? Wobei alt ein recht unscharfer Begriff ist, wie mir scheint, immerhin ging es um die Inhalte von gestern. Ist gestern lange her, ist das Gestern alt? Da bringt einen die Bürotechnik morgens schon ins tiefe Grübeln, noch vor den ersten Anforderungen des Tages.

Die Dateien von gestern als überholtes Ich betrachtet; wer kommt da morgens um 5 Uhr geistig schon mit, noch vor dem dritten Kaffee.

„Wollen Sie neu starten?“, immer wieder fragte mich die Technik das. Etwas nervtötend oft. Auch beim Öffnen des Browsers und beim Anklicken sämtlicher Programme: Wollen Sie neu starten? Oder soll ich, und zwischen den Zeilen sah ich erstaunlich deutlich ein indigniertes ETWA, die alten Seiten erneut zeigen? Schon wieder? Auch heute? Und dann morgen noch einmal? Und noch einmal und noch einmal? Ad infinitum? Was soll das sein, unser gemeinsamer Alltag? Geht’s noch?

Kreideschrift auf dem Pflaster: Be Free

Es fehlte nur noch, dass mir das Notebook „Get a life“ als Systemmeldung einblendete, aber so weit sind wir Gott sei Dank noch nicht. Mit der Betonung auf „noch nicht“, denn wir leben nun im KI-Zeitalter. Auch das wird sicher kommen, die Beurteilung durch die eigene Technik. Irgendein durchgeknallter Nachfahre von Karl Klammer wird künftigen Usern mitteilen, dass sie, pardon, dann doch einfach zu langweilig seien und deshalb auf den Service durch diese Software verzichten müssen. Anschließend wird der Bildschirm schwarz werden, woraufhin die betroffenen User der Zukunft vermutlich einen Moralischen in einem bis dahin ungeahnten Ausmaß haben werden.

Aber so weit sind wir noch nicht, und das ist auch gut so. Noch bestimme ich hier, wer wem dient. Und ich ordne also z.B. an, dass die Technik mir bei diesem und jenem helfen soll.

Was sie auch gewiss demnächst tun wird. Ich muss nur eben noch, wie mir das System gerade noch einmal in endenwollender Freundlichkeit mitteilt, noch einmal neu starten. Was voraussichtlich etwas dauern wird. Aha.

Und deswegen, das wollte ich nur eben sagen, komme ich heute nicht dazu, einen Blogtext zu schreiben.

Es tut mir leid.

Ich drücke jetzt diesen Knopf.


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Drei leichte Ziele

Ein kleiner Veranstaltungshinweis für dieses Wochenende in Hamburg. In dieser Hinsicht sehe ich mich gerade wieder vermehrt um und gebe mich erneut und mit frisch gebasteltem Engagement bemüht um kulturelle Teilnahme. Es ist immerhin auch dafür die passende Saison.

Im Savoy-Kino auf dem Steindamm gibt es jedenfalls am Sonntag ein weihnachtliches Event. Welches ich trotz des Themas ausnahmsweise sinnvoll und sogar anziehend finde, weswegen ich soeben auch eine Karte dafür erworben habe: „The Muppets Christmas Story“ läuft dort im Original. Hier die Seite dazu. Ich habe den Film nie im Kino gesehen.

***

Am Dienstagabend gingen die Herzdame und ich in ein Restaurant. Dafür hatte ich mir drei leicht zu erreichende Ziele gesetzt, denn ich neige bekanntlich zum planmäßigen Vorgehen bei nahezu allen Themen, bei denen es überhaupt denkbar ist. Und wenig sind das nicht, es ist eine etwas komplexe Herausforderung.

Erstens sollte der Abend außer Haus – schwierig genug! –  überhaupt programmgemäß stattfinden. Zweitens sollte es ein uns bisher unbekanntes Restaurant sein. Und drittens wollten wir dabei die ganze Zeit über keine schwierigen Themen reden. Wir wollten kein lausiges Alltagszeug debattieren, alle Abgründe umkurven und langlebige Loops ohne bekannten konstruktiven Ausgang einfach diesmal komplett auslassen. Yes, we can, sagte ich mir auf dem Weg ins Restaurant auf, fest gewillt, mir auch zu glauben.

Ich meine: Man kann es ja wenigstens versuchen.

Und wir gingen dann tatsächlich aus. Sogar fast zur avisierten Uhrzeit. Es wurde wegen der allgemeinen Zeitknappheit im Vorwege allerdings doch wieder ein uns schon, haha, sattsam bekanntes Restaurant. Die notwendige Recherchezeit für anderes fehlte.

Und das mit den Gesprächsthemen, nun ja. Es ist wohl, wie wir gemeinsam alle paar Minuten feststellten, nicht eben die leichteste Übung für Paare mit fest und lange eingefahrener Alltagsbewältigungsroutine. Wir besprechen den schwierigen Anteil von allem, was es gibt, quasi reflexmäßig. Wir beugen standardmäßig dauernd neuen Problemen vor, wir arbeiten immer wieder alte Dramen auf, wir begleiten mit großer Selbstverständlichkeit aktuelle Schwierigkeiten im regen Austausch.

Was man so macht. Als eingespieltes Paar mit drei, vier unschönen Dauerthemen und mit einigen vom Schicksal launig weiter zugespielten Ereigniskarten aus der 2025er Edition des Spiels.

Das junge Liebespaar neben uns wird deutlich andere Themen oder auch gar keine gehabt haben. Jedenfalls der recht eindeutigen Körpersprache nach zu urteilen. Einen schönen Abend hatten sie dabei ganz zweifellos, so viel steht fest. Den hatten wir auch, wie wir am Ende gemeinsam feststellten, nur mit etwas mehr Mühe als die beiden Turteltauben neben uns.

Mit etwas Großzügigkeit in der Bewertung könnten wir uns selbst für Leistung und Zielerreichung an diesem Abend vielleicht eine Note geben wie etwa: „Gerade noch befriedigend“.

Und das allerdings ist nicht nichts. Man fängt eben immer irgendwo an, und wir planen weitere Trainingsabende in näherer Zukunft.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Yes

Gegessen haben wir, und es war uns vorher klar, dass es vermutlich sehr okay sein würde, wenn nicht sogar ziemlich gut, kalifornisch-mexikanisch bei Qrito auf der Langen Reihe. Der Laden ist zu empfehlen, nicht weil, sondern obwohl er in der Mitte der Szenemeile liegt.

Keine bezahlte Werbung, nein. Nur das, was so anfällt.

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Was schön war

In einer Nebenstraße des kleinen Bahnhofsviertels parkt ein VW-Bulli, ein Bus der wohl ersten Generation. Es ist so ein Exemplar wie auf dem ersten Bild in dem Wikipedia-Artikel dazu, und es ist sogar ebenso gepflegt. Es glänzt ohne jeden Makel, es sieht tadellos aus, es wirkt wie ein Museumsstück auf Ausfahrt.

Und wunderschön sieht es aus, denke ich im Vorbeigehen. Dann bleibe ich etwas weiter doch eben stehen und gehe kurz entschlossen noch einmal zurück. Denn man könnte doch ein Foto machen, wenn man so etwas Seltenes schon einmal sieht, überlege ich mir.

Dann aber passiert vor diesem Oldtimer eine der eher seltenen Verbrüderungsszenen in dieser sozial nicht eben weit offenen Stadt. Denn es sind zwischenzeitlich mehr Menschen stehengeblieben, die offensichtlich die gleiche Idee hatten wie ich. Es wirkt wieder ein wenig inszeniert, weil es altermäßig eine Gruppe zu sein scheint, die gestaffelt von etwa meinem Alter bis ganz weit oben reicht. Der Älteste könnte neunzig Jahre alt oder älter sein, er sieht jedenfalls so aus. Was weiß man schon, aber es ist im Grunde auch egal, es geht nur um diesen ersten Eindruck: Hier steht auf einmal ein ganzes Rudel von wildfremden Menschen, Frauen und Männer, magnetisch angezogen von steinaltem Design.

Zufällig vorbeigekommene Menschen, die laut und immer wieder ihr Entzücken über dieses Auto ausdrücken. Und auch über eine nun gemeinsam erneut festgestellte und sich seltsam beglückend anfühlende Wahrheit: Manches war früher wirklich besser. War schöner, freundlicher und liebenswerter. Das kann man hier sehen, es wird einem auf offener Straße bewiesen.

„Das sieht man doch!“ Na, guck doch!“ „Das war doch noch etwas ganz anderes.“ „Das ist doch gar kein Vergleich!“

Dann guckt man zwischendurch so die Straße entlang und all die anderen Autos an, die dort parken. Es wird sogar mit Fingern darauf gezeigt, auf die nüchternen Modelle der Gegenwart. Auf diese betont freudlosen, einheitsgrauen Zivilpanzer mit charakterloser Einheits-Silhouette zeigt man mahnend. Und wieder: „Also, man sieht es doch!“

Man schüttelt erneut den Kopf. Nein, nein, das war am Ende alles kein Fortschritt, da ist man sich spontan einig. Und es ist seltsam schön, auch einmal mit völlig fremden Menschen einer Meinung zu sein.

Dann besieht man sich gemeinsam noch einmal und noch genauer dieses alte Fahrzeug. Dieses alte Design, diese alten Zierleisten, die alten Sitzpolster. Manchen fortgeschritten gerührten Menschen sieht man es an: Sie hätten es gerne streicheln mögen, dieses so unfassbar lieb und rührend aussehende alte Auto.

Natürlich war damals nicht alles gut, oh nein: „Von wegen!“

Das weiß man, dass nicht alles gut war, und das sagt man sich auch. Aber gucken Sie doch. Dieses Auto – also doch, da gibt es nichts, das war schon gut. Das ist auch immer noch gut.

Und einfach schön.

So schön.

Und weil ich mir noch aufschreibe, dass sie alle viele Fotos von dem Auto machen, vergesse ich glatt, das auch zu machen. Nur im Kopf habe ich das Bild noch.

Und ein schönes Bild ist es, versteht sich.

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Forster, Camus, Borchert und der Sinn

Jetzt ans Schenken denken: Viele Geschenktipps werden von mir in diesem Jahr kaum kommen können, diesen hier kann ich aber noch mit gutem Gefühl unterbringen. Ein unglaubliches Buch, ganz schmal: Eine kurze Erzählung von E. M. Forster, also von dem mit der „Reise nach Indien“, mit dem „Zimmer mit Aussicht“ und „Howards End“: „Die Maschine steht still“, Deutsch von Gregor Runge. Man erwartet dieses Buch nicht von ihm, wenn man sich an seine bekannten und so prominent verfilmten Romane erinnert.

Ein Text aus dem Jahr 1928 ist es. Wenn man Spoiler verträgt, hier ist die Wikipedia-Seite dazu, hier auch die Perlentaucherseite. Auf der man Formulierungen zu den Rezensenten wie „kann es kaum fassen“ oder „kann nur staunen“ findet. So ging es mir auch, und zwar in einem Ausmaß, wie es mir lange nicht mehr begegnet ist. Eine dystopische Erzählung, fast hundert Jahre alt, deren erste Seiten dermaßen dicht an unserer Internet- und AI-Gegenwart sind … Ich habe sogar zwischendurch mit dem Lesen aufgehört und noch einmal nachgeschlagen, ob das wirklich ein Text von dem und auch wirklich aus jener fernen Zeit ist, so gespenstisch kam mir das vor.

Für Menschen mit intensivem Internetbezug, für Content-Creator aller Art, auch für Medienkritikerinnen, Social-Media-Skeptikerinnen und Flüchtlinge ins Analoge.

Hier noch eben die Verlagsseite. 78 Seiten nur, gebunden für 16 Euro. Es ist, ich bin ungewöhnlich überzeugt, eine sichere Sache.

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Beim Deutschlandfunk Kultur hörte ich eine Sendung über ein neues Buch zum schönen Thema Sinn, sogar Lebenssinn (29 Minuten). Sinn finde ich gut, Sinn interessiert mich. Auch wenn es ein tendenziell nicht ungefährliches Thema ist, bei dem ein gedanklicher Schritt vom Wege auch einmal unerwartet schnell nach unten führen kann.

Ein Zettel an einer Ladentür mit der Aufschrift "Vorsicht Abgrund"!

Michael Zichy schrieb: „Anderen wichtig sein – Eine Philosophie des Lebenssinns“, hier die Seite dazu bei Suhrkamp.

Im Gespräch dazu klang der Autor angenehm nahbar und seine Aussagen waren für mich nachvollziehbar. Ich freute mich aber auch ausdrücklich und besonders über seinen Widerspruch, den er bei der ach so berühmten These von Albert Camus zu Sisyphos (die Schreibweise Sisyphus ist auch okay) anmeldete.  Also diese unsägliche These, dass man sich den ewig leidenden und dauerhaft verdammten Sisyphos doch bitte als glücklichen Menschen vorzustellen habe. Die mir immer schon eher wie ein intellektueller Partyscherz vorkam, nicht wie eine stabil abgeleitete Überzeugung, die man mit rationalen Argumenten lange und erfolgreich verteidigen könnte.

Zum Thema Sisyphos doch lieber Wolfgang Borchert lesen, nicht den Camus. Das wäre mein Rat an dieser Stelle. Und den Borchert überhaupt wieder lesen, das sowieso.

Aber apropos Sisyphos, es ist Montag. Weitermachen.

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Buntblinkende Leuchtmobile, Rudolfnasen etc.

Eine Beobachtung am Rande, bei der ich recht sicher bin, dass ich sie auch durch Zahlen hätte unterfüttern können, hätte ich nur vor einigen Jahren bereits mit dem Zählen begonnen. So ist es oft, aber man weiß es stets zu spät.

Die leuchtende Tor-Skulptur am Roncalli-Weihnachtsmarkt auf dem Rathausmarkt

Jedenfalls: Die Anzahl der Personen, die den vorweihnachtlichen Besuch der Hamburger Innenstadt damit verbinden, sich immer deutlicher und durch immer mehr Accessoires saisonal aufzustylen, fast schon zu verkleiden, sie steigt von Jahr zu Jahr. All diese lustig sein sollenden Rentiergeweihe, Flügelchen und Rudolfnasen aus Plastik oder Plüsch. Die norwegisch oder sonstwie nordisch und dabei schreiend bunt anmutenden Mützen mit Bommeln und Weihnachtsmotiven, dazu die ugly Christmas-Sweater, die langen, weißen Weihnachtsmannbärte, die roten Umhänge oder Mäntel aus Plastik und anderem Billigzeug, über die Schulter geworfene Säcke, die an die Kleidung gepappte Klebesternchen etc.

Der Neue Wall mit abendlicher Weihnachtsbeleuchtung

Diese Symbolanreicherung der Mode zu Weihnachten, siehe zu dieser Praxis auch Oktoberfest, Schlagermove und Halloween, ist also im Trend. Ist in gewissen Kreisen gerade hip. Wobei mir Blossom Dearie einfällt (Wikipedia-Link), eine Jazzsängerin und Pianistin besonderer Klasse. Es gibt ein Lied von ihr über die besondere Auszeichnung, vor der Welle zu sein: „I’m hip.“

“I’m hip, but not weird
Like you notice I don’t wear a beard
Beards were in but now they’re out
They had their day, now they’re passe
Just ask me if you’re in doubt
‚Cause I’m hip.”


Aber das nur am Rande, der Refrain ging mir gerade durch den Kopf.

Gestern begegnete mir einer, der war normal angezogen, aber mit reichlich Lametta behangen. Dazu all die Kinderwagen in der Menge, die von den engagierten Eltern mit Lichterketten umwunden wurden. Teils auch noch buntblinkend und dadurch vermutlich spätere Erinnerungen auslösend, die sich meine Generation nicht einmal vorstellen kann. Wie man da in einem kleinen Leuchtmobil durch eine seltsam albern ausstaffierte, dichtgedrängte und stündlich zunehmend zugedröhnte Menge geschoben wurde …

Die stilisierte Leuchttanne auf dem Roncalli-Weihnachtsmarkt am Rathaus

Aber egal. Andere Zeiten, andere Bilder. So geht es nun einmal zu, und wenn es ihnen allen doch Spaß macht, es ist schon recht oder es gibt zumindest Schlimmeres.

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Unerwartet interessant war ein Podcast in der Reihe „Zeitzeichen“ über Nicolas-Jacques Conté. Bei dem Namen hätte ich in einer Quizshow allerdings komplett ratlos passen müssen, während Kunst-Nerds und Menschen aus Frankreich deutlich bessere Chancen gehabt hätten. Ohne Monsieur Conté hätten wir nämlich den modernen Bleistift nicht, was etwas mit Napoleon zu tun hat und unterhaltsame Aspekte der Produktionsgeschichte beinhaltet.

Falls Sie etwas von der Firma Faber-Castell im Haus haben, was so unwahrscheinlich nicht ist – die kommt auch vor.

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Einige Anmerkungen zur Datenlage

Am 4. Dezember beendet die erste Kollegin den Call über verschiedene Standorte hinweg mit „Ja, dann: Frohes Fest!“ Womit wir plangemäß die nächste Eskalationsstufe erreichen und rechts und links die Menschen aus den Büros und Home-Offices wahlweise in saisonale Krankheiten oder Resturlaube wegbrechen, alternativ aber auch unter der Restarbeit zusammen. History repeating.

Die damit zusammenhängende und allfällige Jahresenderschöpfung führt erwartungsgemäß wieder zu den im Dezember typischen, stark abweichenden Zeitwahrnehmungen. So war es etwa am Dienstagabend in dieser Woche um 19 Uhr 30, wie ich an diesem Tag notierte, gefühlt äußerst überzeugend bereits Donnerstag, und zwar etwa 23:45.

Es ist dann jeweils etwas mühsam, sich geistig wieder auf die Tatsache zurückzukalibrieren, dass in Wahrheit noch mehr Arbeit, noch mehr Termine und noch mehr Komplikationen vor einem liegen, als man gerade wahrhaben möchte oder meint, noch ertragen zu können. Aber wie immer gilt, dies ist selbstverständlich Jammern auf hohem Niveau. Ich muss nur aus dem Fenster sehen, um die ersten obdachlosen Menschen im Stadtteil zu sehen, die sämtlich etwas ernstere Probleme haben als ich.

Und ich sehe oft aus dem Fenster.

Wie auch immer, the end is near, wie man es auch dreht und wendet. Also zumindest das Ende dieses Jahres. Wohlwissend, dass dieses Jahresende nur eine vollkommen beliebige, ausgedachte, eher unwirkliche Einteilung des ebenfalls nur ausgedachten, rein fiktiven Spielfeldes des Lebens und des Kalenders ist. Es wird vermutlich dennoch sinnvoll sein, sich auf diese gamifizierten Einteilungen einzulassen. Und zumindest so zu tun, als könnte man über die kommenden Festtage hinweg irgendwie anders Luft holen als sonst. Als würde man „zwischen den Jahren“ wesentlich gründlicher als an gewöhnlichen Wochenenden oder Feiertagen resettet. Als würde man geblitzdingst oder auf sonst irgendeine Art geheimnisvoll generalüberholt. Und danach dann hoffentlich erneut für den Verkehr aller Art zugelassen.

So dass uns dann im Ergebnis, *hexhex*, ab dem 1. Januar auf einmal neue, ungeahnte Reserven zur Verfügung stehen werden. Und man sich im besten Fall sowohl selbst als auch anderen die Sache mit dem neuen Schwung zumindest kurz auch abnehmen könnte. Etwa eine Woche lang, was dann auch ein Fall von einem tröstlichen Immerhin ist.

In den letzten Tagen fragte ich mich, während ich diese und ähnliche Gedankengänge hatte, ob es eigentlich eine Frage des Alters sein könnte, dass niemand in meinem Umfeld mit Begeisterung, Vorfreude, Hoffnung oder sonst einem positiv zu wertenden, ausdrücklich bejahenden Gedanken auf das kommende Jahr blickt. Was ich seit dem Jahr 2020 bereits so feststelle, regelmäßig wiederkehrend, in diesem Fall weiß ich das Startdatum. Es ist auch einigermaßen naheliegend.

Aber kaum hatte ich mir im Geiste diese Frage gestellt, sah ich eine Art Meme auf Instagram, in dem genau diese Frage, nämlich wieso denn niemand freudig voraussehen würde, von jungen und sogar sehr jungen Menschen gestellt wurde. Von Menschen, die aus mehreren Ländern kamen, allerdings mit dem bei uns allen üblichen WEIRD-Bias in der Wahrnehmung.

Kennen Sie diesen Bias? Mit dem haben wir es dauernd zu tun, wenn wir über unsere Kultur, unsere Erfahrungen und Werte, auch über unseren Medien- und Internetkonsum reden. Die Abkürzung meint: „Western, educated, industrialized, rich, democratic.“ Dieser Teil der Welt nämlich, sozusagen unser Teil der Welt. In anderen Teilen der Welt verhält sich selbstverständlich vieles recht anders. Wenn nicht sogar fast alles.

Der Begriff WEIRD-Bias kommt aus der Psychologie, hier die Wikipedia dazu. Er ist aber prima in alle möglichen Richtungen übertragbar und unbedingt smalltalk-tauglich bei vielen Gelegenheiten.

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Es ist der 6. Dezember. Aber gefühlt, mit Time-Chill-Faktor sozusagen, ist es etwa der 12. Dezember, wenn nicht der 18.

Ein Adventskalender, bunt bedruckte Papiertüten

Ein Adventskalender, alt, selbstgenäht, bunt bedruckte Stoffherzen

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