Understand Hegel and embrace boredom

Von Walther Ziegler habe ich mir Hegel erklären lassen. Es fühlte sich mit ihm wieder wie eine sinnvoll verbrachte Stunde an, ich fand die Filme von ihm bisher alle interessant und lehrreich.

Von Hegel aus kann man, auch wenn es vielleicht zunächst etwas gewagt klingt, eine Linie zur Trendforschung und also zu den Themen der Zeit ziehen. Denn wofür ist der Hegelsche Weltgeist zuständig, genau, für die Durchdringung von allem mit den gerade anstehenden Themen, mit der „Wahrheit der Epoche“. Die wir am Ende auch als Großtrend begreifen müssen, versteht sich.

In diesem Sinne eine weitere heitere Anmerkung zum grassierenden Analog-Trend. Ich sehe auf Instagram eine der zahllosen Erläuterungen dazu. Wie man das denn nun am besten macht, diese Sache mit dem ganzen analogen Zeug, wie fängt man das denn eigentlich an. Es gibt immerhin viel von diesen analogen Sachen, hört und sieht man. Wie wählt man da etwas aus und was macht man damit genau.

Auf dem Account „Cozy Games” lese ich: „Eight small steps to live a more analogue life & heal our digital brain rot“. Und ich zitiere Ihnen diese steps eben, um danach etwas anzumerken. Vielleicht haben Sie aber auch beim Lesen schon den gleichen Gedanken wie ich. Es ist nicht so unwahrscheinlich.

  1. Create more than you consume: Man soll weniger das Leben der anderen beobachten und mehr das eigene führen.
  2. Embrace Boredom: Man soll das Unangenehme an unterstimulierenden Situationen aushalten.
  3. Collect & consume physical media: Man soll Bücher, DVDs, Schallplatten etc. konsumieren.
  4. Do more brain games: Man soll sich mit Kreuzworträtseln, Puzzles etc. beschäftigen.
  5. Nurture local community: Man soll sich in irgendeiner Weise mit den Menschen vor Ort beschäftigen.
  6. Refrain from scrolling in bed: Man soll die Stunden im Bett ohne Smartphone oder Tablet verbringen.
  7. Reframe inconvenience: Man soll den Zeitverschleiß bei manuellen Tätigkeiten als Chance zum Runterkommen verstehen.
  8. One activity at a time: Man soll seine Hobbys in Ruhe betreiben, also etwa nur einen Film zurzeit sehen, nur ein Buch lesen, das Fokussieren wieder lernen und die unbefriedigende Leere, die man dabei vielleicht empfindet, nicht zwingend ausfüllen.

Darunter sehe ich 49 begeisterte, zustimmende Kommentare und über 5000 Likes.

Es liegt mir nun fern, über diesen Account („Your cozy home & hobby bestie“) oder über dieses Posting zu spotten. Das ist keineswegs meine Absicht. Die Punkte sind auch alle valide und in vielleicht mittlerweile schon allen Fällen durch psychologische Forschung gut fundiert und belegt: Es ist tatsächlich alles mehr oder weniger deutlich empfehlenswert.

Sicher nicht alles für alle und in allen Situationen, aber im Prinzip – doch, das ist so, ja. Daran könnte man sich halten und es hätte dann wohl auch positive Effekte. Das entspricht so meinem Kenntnisstand, und ich würde es auch dem Nachwuchs hier empfehlen. Also sollte ich jemals den Eindruck gewinnen, sie würden mir interessiert zuhören und meine pädagogisch ungemein wertvollen Einlassungen nicht etwa als zu reframende inconvenience betrachten.

Aber! Und jetzt kommt, was Sie vielleicht auch gedacht haben. Jedenfalls dann, wenn Sie auch schon etwas älter sind. Diese Punkte beschreiben nämlich etwas, das ich mit einer Erinnerung oder einer Geschichte, mit einem Memoiren-Ausschnitt fast schon seltsam präzise beantworten könnte.

Einen Sonntag etwa könnte ich da fast wahllos beschreiben, nehmen wir einen in Travemünde, etwa aus dem Januar des Jahres 1980. Nehmen wir einen dieser Tage, an denen man im damaligen Sinne eher nichts gemacht hat. Den man eher gelangweilt und uninspiriert verdaddelt hat, wie man hier sagt.

Mit dem Lesen von Büchern haben wir da die Zeit totgeschlagen. Mit ein oder zwei Stunden Fernsehen auch. Es gab da tagsüber Wintersportberichte für uns, und sie waren alternativlos, denn wir hatten ja nichts. Beim Slalom haben wir auf Unfälle gewartet, denn mit der moralischen Reife war es noch nicht so weit her und Wintersport hat uns nicht interessiert. Schallplatten haben wir gehört, einige von denen, die eben da waren. Und so viele waren es nicht.

Von der Mutter irgendwann das übliche „Mal doch was!“ kassiert. Aus Verzweiflung später noch das Kreuzworträtsel in der Sonntagszeitung gelöst. Die Spielesammlung, für die man langsam zu alt wurde, kritisch betrachtet und überlegt, doch noch zum Freund rüberzugehen. Zwischendurch mit dem Hund draußen gewesen, mehrfach.

Raufaserwände betrachtet, und wie lange. Im Bett später außerdem die Decke angestarrt, bis die Augen zufielen. Von irgendwelchen Weiten geträumt, von irgendwelchen Abenteuern. Sinnend diese Kinderzimmerdecke angestarrt, wie wir heute bedeutungsschwer sagen würden. Langsam verblödend, wie wir es damals deutlich genug empfunden haben. Aber wie gesagt, es liegt mir fern, über die Sehnsucht nach dem Analogen zu spotten, und ich erkenne die diversen Notwendigkeiten an.

Ein Globus auf einer Fensterbank, von außen fotografiert

Doch solange dieser Trend durchläuft, denke ich, dürfen wir Älteren vielleicht auch durchgehend so ein gewisses, leicht süffisantes Grinsen im Gesicht haben. Was übrigens am Rande ein schöner Gedanke ist: Endlich gibt es wieder ein Jahr, in dem auch meine Generation hin und wieder amüsiert wirken darf.

Jedenfalls können wir amüsiert sein, wenn wir es gerade schaffen, keine Nachrichten zu lesen. Wenn wir uns einen Moment lang vielleicht nur um Trends und andere soziologische Luxusthemen kümmern, wie etwa unsere Freizeitgestaltung und die der Jüngeren.

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Schneemorgen

Am zweiten Januar stürzte das Jahr schon unerwartet in Dunkelheit ab, dachte ich zuerst. Es lag dann aber nur daran, dass am Morgen dermaßen reichlich Schnee auf die Dachfenster gefallen war, dass es in der Wohnung an diesem Tag kaum hell werden konnte. Nur kurz habe ich direkt nach dem Aufstehen aus dem Fenster gesehen – sind wir hier in Helsinki oder was. Ein weißverwirbelter Flockenvorhang verhüllte mir die Sicht nahezu blickdicht, die Geräusche von der großen Straße unten waren kaum zu hören, waren wie wolldeckengedämpft.

Ein Kirchenportal im Schnee, davor aus großen, buten Buchstaben gebildet das Wort LIEBE

Oder aber es fuhr an diesem Morgen gar nichts, das mag auch sein. Niemand nahm das Auto, niemand begann etwas an diesem schneezugedeckten Morgen. Alles ruhte weiterhin in dieser Stadt, um uns herum nur die eisige, tief verschneite Winterstille. Die „stade Zeit“, wie man wohl in Bayern sagt, um derlei saisonale Effekte zu beschreiben.

Als Norddeutscher denkt man bei dem hier ansonsten unbekannten Begriff „stade“ eher an die großgeschriebene Variante, an die Stadt Stade. Welche vor den Toren von Hamburg liegt und eine attraktive Altstadt zu bieten hat, wie man googeln kann und wie auch Menschen berichten, die schon einmal dort waren. In Bezug auf diese Stadt bin ich mittlerweile in einem ungefähren Jubiläumszeitraum. Seit etwa 25 Jahren nämlich möchte ich da „demnächst“ einmal hin. Ich kam aber bisher einfach nicht dazu. Nicht als Single, nicht als Ehemann, nicht als Vater von einem oder zwei Söhnen, auch nicht als Mensch mit deutlich beginnender Empty-Nest-Thematik.

Weil immer etwas war und auch nach wie vor ist. Sie kennen das.

Ich werde es aber nun, so viel Voraussicht traue ich mir gerade zu, in diesem Jahr lösen. Ich werde also diese Stadt besuchen und hier selbstverständlich hinterher Beweisbilder vorlegen. Wie ich immer sage, der Mensch braucht Pläne. Und sie wachsen einem so zu.

Ansonsten ist mir der Schnee da draußen egal. Den werde ich nicht einmal ignorieren und arbeite eh meist mit dem Rücken zum Fenster. Wie immer kommt mir der Restwinter nach Weihnachten einigermaßen sinnlos vor, der kann jetzt weg. Ich gebe gerne zu, dass diese Einstellung nicht exakt zur kalendarischen Wirklichkeit in diesem Land passt, aber diese Erkenntnis beeindruckt meine Gefühlslage leider nicht ausreichend. Emotional scheint der Autor dieser Zeilen manchmal etwas deppert zu sein, um es noch einmal eher süddeutsch auszudrücken.

Die Kinder im Stadtteil gaben sich allerdings, wie ich später am Tag noch sah, große Mühe, aus den vermutlich wenigen Schneestunden ihres Lebens etwas zu machen. Immerhin achtzehn Schneemänner sah ich auf meiner Einkaufsrunde, eine starke Truppe. Einer wurde gerade fertig, als ich vorbeiging. Die Nase wurde abschließend angesteckt und ich fragte, ob ich die Figur fotografieren dürfe. Das freute die Kinder, die ihn gebaut hatten. Sie fanden es sehr gut und auch angemessen, dass ihr Schneemann auf solches Interesse stieß.

Auch offline hin und wieder Likes verteilen, das scheint mir wichtig zu sein. Womit wir prompt beim nächsten Thema landen.

Ein Schneemann mit Armen aus Ästen und Sandförmchen als Augen

Zwei Schneemänner in einem Park

Ein etwas dytopisch aussehender, halb in sich zusammengesunkener Schneemann

Im Ergebnis irgendeiner Umfrage, so las ich gestern, wurden nämlich Neujahresvorsätze aufgelistet. Mit ganz oben stand dabei die gewünschte Reduzierung der Bildschirmzeit. Die Menschen wollen also zumindest zeitweise und zumindest in der Theorie weg von all den Geräten mit Bildschirmen, wollen weg vom Digitalen. Es passt wieder zum bereits besprochenen Großtrend der analogen Seite und bestätigt diese Entwicklung.

Währenddessen erscheinen in schneller Folge überall mehr und mehr Posts und Artikel zum Rückzug ins Analoge, das Thema des Offline-Erlebens geht viral. Texte über die Aversion des breiten Publikums gegen KI-Erzeugnisse erscheinen, über Themen wie: „Everyone is obsessed with vintage and offline moments“.

Jemand, der beruflich auf Instagram Menschen berät, die von ihrer Online-Aktivität zu leben versuchen, hat dazu gerade einen vermutlich probaten Rat gepostet. Nämlich den, in diesem Jahr möglichst offline zu Publikum und Gemeinschaft zu kommen. Etwas im Analogen zu projektieren und sich dort auch zu verausgaben – um dann hinterher immer wieder intensiv und über alles, was man dabei erlebt und gefühlt hat, en Detail und vor allem reichlich zu posten. Also online, versteht sich.

Es ist kompliziert, glaube ich.

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Brecher beginnen sich zu bilden

Ansonsten begann das Jahr, begann also die neue Staffel der Serie über unsere Erlebnisse und all die Entwicklungen um uns herum („Es wird viel passieren“, singt man auch dabei gerne leise im Hintergrund) damit, dass ich am frühen Morgen des ersten Januars, noch im Bett liegend, den stark auffrischenden Wind hörte. Und aus den Geräuschen vom Dach her, wo die Böen bereits rumpelnd herumrandalierten, bereits ableiten konnte, dass es in Kürze amtlichen Sturm geben würde. Während fast zeitgleich die diversen Wetter-Apps mir die obligatorischen Sturmflutwarnungen mit täuschend freundlich klingenden Pings zustellten, während die Landkarten auf dem Bildschirm sich landkreisweise warn-orange verfärbten.

Südwest, und bis Beaufort 9 immerhin. Ich zitiere aus der Definition für die Wirkung dieser Sturmstärke auf dem Meer, weil sie so schön klingt, nahezu lyrisch: „Hohe Wellen mit verwehter Gischt, Brecher beginnen sich zu bilden.

Da wäre man doch gerne dabei. Um es sich zumindest vom sicheren Strand, vielleicht auch von einer stark umtosten Seebrücke aus anzusehen, wie da draußen die Brecher sich bilden. Aber man sitzt stattdessen leider in der Stadt herum. Im Binnenland, wo die Definition für die Windstärke trocken verweist auf die eher lapidare Ausprägung: „Gartenmöbel werden umgeworfen.

Slow clap“ möchte man da doch beim Nachlesen leise vor sich hinmurmeln.

***

Etwas später regnet es, und wie es regnet. Der Regen kommt quertreibend, hat graupelige Tendenzen und gefühlte Nordpoltemperaturen. Er wirkt insgesamt dermaßen unerfreulich, dass selbst gestandene viel- und oft herumgehende Menschen wie ich einen Moment überlegen, ob sie wirklich gerade hinausgehen müssen und wohin und warum eigentlich. Denn einfach um den Block, das fühlt sich entschieden verkehrt an, während der Regen an die Fenster peitscht, als würde ein Effektmacher von einem Filmset dem dabei entstehenden Geräusch engagiert nachhelfen.

Unten an der Alster aber, ich sehe es aus dem Fenster, das ich kurz öffne, joggen sie dennoch. Klatschnass müssen sie alle sein, und wie verfroren werden sie auch sein. Ob es sich ernsthaft gesund anfühlen kann, durch diesen Regen keuchend zu traben, ich habe da Zweifel. Aber Verständnis habe ich dennoch, denn es ist eben der 1. Januar und sie haben es sich doch vorgenommen. All diese Menschen, die da verbissen und trotz allem den Rundweg ablaufen.

Fluchen werden sie beim Laufen, das Wetter, sich selbst und alles werden sie verwünschen, ihre schwachsinnigen Vorsätze werden sie sich zur Revision vorlegen und mit einiger Wahrscheinlichkeit heute noch knicken. Aber dennoch werden sie es einen Tag lang geschafft haben. Against all odds!

Joggende Menschen im Regen an der Außenalster

Das ist nicht nichts, und ich nicke ihnen anerkennend vom Fenster aus zu. Bevor ich es wieder schließe, es regnet zu stark herein, und bevor ich mir noch einen Kaffee mache und die Küche nach Kuchenresten absuche. Denn es wird einem doch kalt, wenn man eine Weile so aus dem offenen Fenster auf die Anstrengungen der anderen sieht.

Aber was tut man nicht alles, um sich den Mitmenschen gegenüber empathisch und zugewandt zu geben.

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Konstruktiv und vorwärtsgewandt

Vorweg herzlichen Dank für die Zusendung eines Buches. „Heute bedeckt und kühl: Große Tagebücher von Samuel Pepys bis Virginia Woolf“ von Michael Maar, hier die Verlagsseite dazu.

Das Buch über Tagebücher von Michael Maar

Das passte hervorragend. Nachdem ich gerade „Das violette Hündchen“ von besagtem Michael Maar beendet hatte, sein Buch über Details in der Literatur, und dachte, dass dieses Buch mit den Tagebüchern von ihm im Anschluss genau richtig wäre – etwa eine Stunde nach diesem Gedanken lag es dann tatsächlich im Briefkasten, ich war kurz sprachlos. Also manchmal …

***

Ansonsten können wir, obwohl das Jahr noch keinen Tag alt ist, bereits einen Großtrend endgültig und nun zweifelsfrei ausrufen. Und zwar den Trend, der sich in den letzten Monaten und besonders in den letzten Wochen so deutlich abgezeichnet hat. Die Hinwendung zum Analogen nämlich, die zum ausdrücklich hippen Thema werdende Abkehr von der digitalen Zersetzung des Alltags und der Kultur.

Als Beweis für meine Behauptung führe ich Werbung an, die ich gestern zum ersten Mal gesehen habe. Es war Werbung für ein Magazin aus dem englischsprachigen Raum, in dem es um analoge Erlebnisse und Erfahrungen geht. Eine einigermaßen naheliegende Marktlücke, wenn man es sich überlegt. Man hätte wahrhaftig auch selbst darauf kommen können.

Enorm erheiternd fand ich dabei allerdings, wo ich diese Werbung gesehen habe. Nicht etwa als gedrucktes Plakat am Wegesrand oder als Anzeige in einem Print-Produkt, nein. Als Werbeformat auf Instagram, ausgerechnet. Ich habe dann leider nicht genauer nachgesehen, aber vermutlich gibt es dieses Magazin zum analogen Erleben auch oder sogar nur in einer Online-Version, womit es alles noch besser und witziger wird.

Denn reihenweise wird man Stand-up-Comedy-Formate mit den Details und den unvermeidlichen Widersprüchen dieses Trends befüllen können, und das einigermaßen mühelos. Aus Sicht der Boomer und der ihnen direkt nachfolgenden Jahrgänge auch noch mit einer besonderen Fülle von Material, eingedenk ihrer/unserer Jugenderfahrungen.

Wir, ich muss mich dazurechnen, wir werden all die jüngeren Menschen, die sich jetzt irgendeiner ihnen mehr oder weniger neuen analogen Tätigkeit zuwenden, ob sie dabei nun Schallplatten auflegen, großformatige Zeitungen auseinanderfalten, Freunde im Park treffen, gemeinsam Halma spielen, Holz hacken oder dicke Bücher auf dem Sofa lesen werden, wir werden sie alle und dauernd mit einem im Chor gemurmelten „Been there, done that, got the t-shirt“ begleiten können.

Eine Axt, die in einem Hauklotz steckt

Und wie wir damals dabei waren! Selig werden wir in unseren reichen Erinnerungen schwelgen können. Alles werden wir besser wissen und uns bei den allfälligen Rückblicken und Reenactments hin und wieder zwanzig, dreißig oder sogar vierzig Jahre jünger fühlen.

Es wird uns ein Fest sein, ein großes. Nehme ich an.

Passend dazu habe ich, es war wieder einer dieser sogenannten Zufälle, einen Podcast zum Thema gehört. Obwohl der für mich eher unglücklich gewählte und abstoßende Begriff „Digital Detox“ im Titel vorkommt, war es doch interessant: „Bildschirmzeit gezielt reduzieren.“

Eine Sendung aus der WDR-Reihe „Innenwelt“ war das, 47 Minuten.

Zwei Einwände habe ich allerdings. Der befragte Psychologe ist zum einen selbst kein Anwender dessen, was er erforscht. Er benutzt Smartphones kaum und ist vermutlich signifikant weniger online als Sie oder ich, dies wird keine zu steile These sein. Ob es aber sinnvoll sein kann, sich seinem Forschungsgebiet solcherart zu entziehen, da bin ich mir nicht sicher. Schon klar, würde er über Kokain und Heroin forschen, würde man nicht von ihm verlangen, dass er das dauernd selbst nehmen muss, um alles zu verstehen. Aber im Falle des Digitalen geht es doch um einen eher riesigen Begriffsraum, den man kaum ansatzweise begreifen kann, wenn man nicht wenigstens geringfügig teilnimmt. Oder?

Was mich gleich zum zweiten Einwand bringt, der sich auf den in der Sendung fortwährend verwendeten Begriff „soziale Medien“ bezieht. Ich halte den für zu unscharf, um ihn in einem wissenschaftlichen Sinne zu verwenden. Wir haben alle längst kein einheitliches Bild und keine übereinstimmende Vorstellung mehr davon, was und wie diese sozialen Medien sind, worüber wir dabei eigentlich reden. Je nach Lebensalter und nach der damaligen Phase, in der wir mit diesen sozialen Medien in Kontakt kamen, wird das krass unterschiedlich ausfallen.

Wenn man weiterhin irgendetwas von diesen sozialen Medien nutzt, in welcher Intensität auch immer, wird man auch wissen, dass sich diese Medien erstaunlich schnell und auch gründlich ändern. Dass sie schwer zu greifen sind, schwer auszudeuten. Denn während man noch herumdeutet, wandelt sich das Gedeutete vielleicht gerade bis zur Unkenntlichkeit.

Es sind aber trotz dieser Einwände auf jeden Fall genug Inhalte in der Sendung, um sie als bereichernd zu empfinden. So kam es mir abschließend vor. Und ich kann mir selbstverständlich manches auch selbst anlasten, was da als Kritik am Onlineverhalten dargestellt wird. Weswegen ich es definitiv für sinnvoll halte, sich mit diesen Aspekten immer wieder zu beschäftigen.

Um dann aber hinterher, versteht sich, ein dickes, gedrucktes Buch auf dem Sofa zu lesen. Und dabei endlich, endlich auch während des lässigen Herumliegens an der Spitze der Bewegung zu sein. Wir könnten – auch ich komme auf Marktlücken! – im Zuge dieses Trends den berühmten „Armen Poeten“ von Spitzweg im Postkartenformat neu drucken und anders betiteln. Wir schreiben einfach „Der gechillte Hipster“ darunter und bauen darauf, dass dieses Bildchen bald in sämtlichen WG-Küchen des Landes an die Wände gepinnt werden wird. Da geht doch was!

Sehen Sie, so beginne ich das Jahr konstruktiv und vorwärtsgewandt. Und, es versteht sich von selbst, stets bemüht.

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The same procedure

Zunächst möchte ich wieder Mascha Kaléko auf die Bühne bitten, was man ohnehin nicht oft genug machen kann. Sollten Sie Ihr schmales lyrisches Gesamtwerk nicht bei sich herumliegen haben – ich empfehle es für jeden Haushalt, es ist eine Labsal.

Ihr Abgesang auf ein Jahr, aus welchem man nicht eben freudejauchzend und hoffnungstrunken hinausrutscht, er sei auch diesmal wieder zitiert, weil er nach wie vor passt.

„Nekrolog auf ein Jahr“ heißt das Gedicht, ich zitiere es nicht ganz vollständig:

Nun starb das Jahr. Auch dieses ging daneben

Längst trat es seinen Lebensabend an.

– Es lohnt sich kaum, der Trauer hinzugeben,

Weil man sich ja ein neues leisten kann.

 

Man sah so manches Jahr vorüberfliegen,

Und der Kalender wurde langsam alt,

– Das Glück gleicht eleganten Luxuszügen

Und wir der Kleinbahn ohne Aufenthalt …

 

Im Wintersportgebiet hat’s Schnee gegeben.

Wer Hunger hat, schwärmt selten für Natur.

Silvester kam. Und manches Innenleben

Bedarf jetzt fristgemäß der Inventur.

[…]

Nun starb ein Jahr. Man lästre nicht am Grabe!

Doch: Wenn das Leben einer Schule gleicht,

Dann war dies Jahr ein schwachbegabter Knabe

Und hat das Ziel der Klasse nicht erreicht …

***

Dies also einerseits, und es ist auch richtig und wird erneut von mir tief empfunden, geteilt und unterschrieben. Von den Jahren, die Ihr kennt, war es für mich aus Gründen, die hier allerdings nicht standen und auch nicht stehen werden, mit Abstand das schlechteste Exemplar. So schlecht sogar, dass es mich auf den letzten Metern noch zu für mich eher ungewohnten Handlungen, neu versuchten Gesprächen und dann schließlich auch zu gewandelten Einstellungen trieb.

So dass das Jahr am Ende sogar Erfolg hatte. Also wenn diese Änderungen bei mir denn der Zweck dieses zwölfmonatigen Projektes waren, was ein etwas egozentrisches Weltbild voraussetzt. Okay, okay. Ich stelle jedenfalls mit allerdings vorläufig noch bleibender Skepsis fest, dass ich erstaunlich gut gelaunt aus diesem Jahr gehe, was mit großer Sicherheit mein unerwartetes Immerhin des Jahres ist.

***

Sowieso aber sind alle persönlichen Probleme stets und jederzeit streng zu relativieren, wie wir alle gut wissen. Und da ist nun dringend eine zweite Dichterin zu zitieren. Eine mit einem anders gearteten Werk, es geht auch nur um eine einzige Zeile von ihr. Dies ist eine Zeile, die ich gerade oft sehe. Sie wurde mir groß entgegenplakatiert und prangt am benachbarten Ohnsorg-Theater, an dem ich täglich und meist auch mehrfach vorbeigehe: „Huul man nich, Du leevst ja noch.“

Hier der Link zum so beworbenen Stück.

Ja, danke, es geht schon wieder, murmele ich dann im Vorbeigehen nach kurzem Bedenken. Vielen Dank, es geht schon wieder. Eine Weile oder ein paar Meter lang.

Was noch? Amüsiert stelle ich fest, dass unser Traditionssong von „Burning Hell“ an diesem Tag, „Fuck the government, I love you“, seit diesem Jahr bei YouTube eine Altersbeschränkung hat und damit nicht mehr in Blogs oder anderswo eingebunden werden kann.

Verlinken auf YouTube kann man aber nach wie vor, und wenn Sie alt genug sind, dann dürfen Sie das Video auch sehen, bitte hier entlang. Besonders dann, wenn Sie das Lied noch nicht kennen. Für mich gehört der Song verbindlich zu diesem Tag, ein kleines Meisterwerk in Text, Musik und Bild.

Ansonsten, und ab hier ist es nun Brauchtumspflege:

Wir folgen wiederum der in diesem Blog hinlänglich etablierten Tradition: Kein Silvester ohne diese Bilder. Es handelt sich beim Folgenden daher noch einmal um die verdämmernde Erinnerung an eine norddeutsch-ausgelassene Silvesterparty in einem kleinen Ort bei Hamburg. Der Abend ist mittlerweile bereits über zwei Jahrzehnte her und also längst nicht mehr wahr.

Deutlich erkennt man jedenfalls die sogenannte Hanseaten-Ekstase in meinem Blick.

Denn man muss gelegentlich daran erinnern: Wir hier oben im Norden, wir sind gar nicht so. Wir können auch anders.

Maximilian Buddenbohm an Silvester, mit Partyhut

Der gleiche Abend, nur einen Meter weiter: Die Herzdame. Liebreizend wie stets und dabei auf nordostwestfälische Weise in strahlender Herzlichkeit bestens gestimmt und dem Leben mit all seinen Abenteuern jederzeit offen und positiv zugewandt:

Die Herzdame an Silvester, mit Partyhut

***

Mir bleibt noch, mich noch einmal für die Trinkgelder der letzten Wochen, die sicher wieder teils weihnachtlich oder jahresbilanzierend gemeint waren, herzlich zu bedanken. Es waren zwei Summen für die Söhne dabei, diese wurden ausgezahlt, die beiden Empfänger winken dankend und gechillt wie immer.

Es war mir ein Fest, jeder einzelne Euro, allerbestes Publikum.

Passen Sie auf sich auf, kommen Sie gut rüber und bewahren Sie bitte unbedingt Haltung.

Wir sehen uns drüben, wenn Sie mögen.

Kreideschrift auf dem Pflaster: NeuJA

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Freiheit für die Fußgängerzonen

In der Innenstadt wurden die Holzhütten der Weihnachtsmärkte schon wieder und fast in rasender Eile abgebaut, verladen und hurtig abgefahren. Die ganze intensiv glühweinduftdurchzogene und wurstfetttriefende Heimeligkeit wurde bereits irgendwo eingelagert und verstaut, hat nun eine lange Pause vor sich.

Die verladenen Hütten erinnern ein wenig an Planwagen und Trecks, nur eben in der Variante der Überflussgesellschaft.

Eine auf einen LKW-Anhänger verladene Weihnachtsmarktholzhütte

Die Fußgängerzonen sind endlich wieder angenehm freier begehbar, ohne Passantenmassenslalom, Außengastrostaus und andere saisonale Barrieren. Die Menschen zogen sich mehrheitlich zurück in ihre Gehäuse und auch die zahllosen Terrorabwehrbetonblöcke mitten auf den Fußwegen werden bald von den Wegen verschwunden sein, die sie jetzt noch versperren.

Irgendwo, denke ich mir, wird ein gigantisches Terrorabwehrbetonblocklager sein. Vielleicht sieht dieses Lager aus wie die chinesische Mauer. Es wird also im Falle von Großstädten auch vom All aus zu sehen sein etc.

Die alten Motive tauchen nach der Befreiung vom Weihnachtsgeraffel wieder im Stadtbild auf. Sie sind erneut bestens fotografierbar und wirken auf einmal wie neu. Da hat man immerhin einen angenehmen Effekt des überbordenden Dezembertrubels. Wenn auch nur ex negativo.

Boote der weißen Flotte am Anleger Jungfernstieg

Boote der weißen Flotte am Anlager Jungfernstieg

Blick über die Binnenalster vom Jungfernstieg aus, etliche fliegende Möwen im Vordergrund

Blick vom Jungfernstieg über die Kleine Alster

Währenddessen kracht und zischt es beim Schreiben vor den Fenstern und von der Alster her, wo sich vermutlich jugendliche Delinquenten zwischen panischen Hunden johlend um das kümmern, was die Herren von Erdmöbel einst besungen haben: Die Raketen zwischen den Jahren.

Mit der Herzdame sah ich am Abend „Perfect Days“ von Wim Wenders, der Film läuft gerade in der ARD. Es ist ein Film, über den ich im Vorwege schon so viel gelesen und gehört habe, dass er mir seltsam bekannt vorkam und zudem auch recht genau meinen Vorstellungen entsprach. Für den Freundeskreis „Die analoge Seite“ sind angenehm viele Szenen dabei, in denen das nichtdigitale Erleben und Wahrnehmen inszeniert und betont wird. Es sind Szenen, die vielleicht sogar einem Großtrend folgen. Man wird es sehen und in einigen Jahren beurteilen können.

Anschließend diskutierten wir ungewohnt lange, was warum in dieser Story aus Tokio vorkam, wie genau sie erzählt war und wodurch. Ob etwas gefehlt hat, ob man das so machen kann, also jeweils aus unserer Sicht.

Nachdem mich vor zwei, drei Tagen das Buch von Graham Greene gerade auf die Frage brachte, wo eine Story eigentlich beginnt, jetzt also ergänzend die Frage, was in einer Geschichte drin zu sein hat. Was sagt mir das in der Verbindung, worüber soll ich jetzt wieder nachdenken.

Aber wie auch immer und abgesehen von den Grundsatzfragen, es ist jedenfalls eine gute Gelegenheit, anlässlich des Filmtitels noch einmal an die Jolly Boys und ihre Version von „Perfect Day“ zu erinnern.

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Für eine Handvoll Links

Mit Dank an den Kommentator Ede ein Nachtrag zum letzten Text. Er wies zurecht darauf hin, dass in Sachen Jazz und Text auch die Kombination Peter Rühmkorf und Michael Naura zu erwähnen sei. Was vollkommen richtig und auch wichtig ist. Auf YouTube findet man auch dazu einen Ausschnitt:

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Vanessa hat sich schubsen lassen und hat die Anders-Zorn-Ausstellung besucht. Sie betont da noch einmal einen Aspekt, den ich auch wichtig finde, nämlich dass es eher unerklärlich ist, dass uns Anders Zorn nicht als einer der Großen überliefert wurde.

Es ist durchaus nicht so, dass der Bildungskanon, in welchem Fach auch immer, stets der Logik der Werke entspricht und die Menschen lediglich getreu ihren Leistungen abbildet. Sämtliche Kanonvarianten, die wir kennen, auch und gerade in der Literatur, sind unfair und vermutlich auch kaum anders vorstellbar.

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Blick über die Aussenalster, im Vordergrund klein ein Kormoran auf einem Pfahl im Wasser an einem Steg

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Eine weitere Sendung zu einem der Standard-Themen bei mir habe ich gehört, über unsere wackeligen, unzuverlässigen Erinnerungen und die schwierige Sache mit der Wahrheit: „False-Memory – So fälscht unser Gehirn Erinnerungen“. 23 Minuten. Besonders interessant ist dabei die Sache mit den induzierten Erinnerungen.

Und apropos Hirn. Beim Schweizer Fernsehen sah ich in der Sternstunde Philosophie die Sendung mit Christof Koch über den Tod und das Bewusstsein. Es geht auch ein wenig um das Bewusste oder Nicht-Bewusste bei der KI.

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Nicht gerade mein Standard-Thema, aber geschichtlich doch interessant und ein weihnachtlicher Nachklapp: Die Radiosendung (45 Minuten) „Jungfrau Maria – die berühmteste Mutter aller Zeiten.“ Auch ohne dem christlichen Glauben zuzuneigen, finde ich den Forschungsstand zu biblischen Themen immer wieder faszinierend. Fast hätte ich spannend geschrieben und wäre damit der Seuche zum Opfer gefallen. Man muss ständig aufpassen, dass man sich nicht versehentlich assimiliert, es ist wirklich lästig.

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Außerdem gibt es noch einige Instagram-Empfehlungen. Zunächst die Künstlerin Angelica Hicks, die mit einfachsten Mitteln Designer-Mode und bombastische Outfits der extravaganten Art nachmacht.

Dann The Vintagearian. Der allen Spaß machen wird, die den Zug zur analogen Seite auch gerade stärker spüren und außerdem nostalgische Schlagseite haben oder zumindest vergangenem Design gründlich nachtrauern.  Es gibt viele Creator seiner Art, vor allem im Bereich Mode. Was der Vintagearian aber darstellt, das ist doch oft bemerkenswert konsequent durchgespielt. Bei mir wächst beim Betrachten manchmal die Lust, hier und da einige Gegenstände in meinem Alltag vielleicht doch durch etwas ästhetischere, also meist ältere Varianten zu ersetzen.

Natela Grigalashvili wurde hier schon öfter empfohlen und liefert immer weiter fantastische Bilder aus Georgien. Bilder, die oft so aussehen, als seien sie nicht nur aus einer anderen Gegend, sondern wie beim Vintagearian auch aus einer anderen Zeit.

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Ein Konzerthinweis noch. Man könnte als Mensch aus oder nahe bei Hamburg den Erwerb von Tickets erwägen, ich habe schon zugeschlagen: Der Auftritt der James Hunter Six im Knust am 10. Februar 2026. Hier der Link zum Veranstaltungsort.

Zu James Hunter zwei Videos, einmal das zu „Ain’t that a trip“ mit Van Morrison, mit einer großartigen Choreografie, bei der sich das Dranbleiben nach dem etwas unspektakulären Anfang lohnt:

Und einmal der neueste Song, ruhiger und nett animiert: „Here and now“.

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Text und Jazz

Es gab guten Jazz für mich. Ich war im Birdland, wo Catrin Striebeck von der neulich hier erwähnten Pannonica de Koenigswarter erzählte („Ich habe meinen Mann verlassen, weil er Marschmusik hörte“). Von der fantastisch reichen Jazz-Baroness, ihrem Nachtleben in New York und vor allem von ihrer intensiven Beziehung zu Thelonious Monk. Bis zum psychischen und physischen Untergang des Musikers.

Das Neonschild des Birdland-Clubs

Begleitet, sinnig unterbrochen und nach der Pause noch fortgesetzt durch die Musiker und ihre Interpretation einiger Stücke von Monk. Jonas Landerschier am Klavier, Lieven Brunckhorst am Saxophon, Olaf Casimir am Bass und Björn Lücker am Schlagzeug.

Ein Zettel mit der Aufschrift "Sold out", mit Filzstift beschrieben

Im Publikum, der Laden war voll, war man hier und da überrascht von dem Format, Text und Jazz so mischen? Mehrfach hörte ich, dass man das so nicht kannte. Für mich war das nicht neu. Ich fand es vollkommen erwartbar interessant und gut, für mich passen Jazz und Text hervorragend zusammen. Ich weiß in diesem Fall sogar, warum ich das so empfinde, das liegt nämlich allein an der frühen Heranführung an eine legendäre Aufnahme von 1960: „Gottfried Benn: Lyrik und Jazz“ (hier eine Rezension dazu), bei der Gert Westphal und Dave Brubeck et al. zu einem Kunstwerk zusammengefügt werden, das ich vom ersten Hören an geliebt habe und das für meinen Lyrikkonsum Folgen hatte.

Man kann hier einen Ausschnitt davon hören, den Besitz des Albums in welcher physischen Form auch immer kann ich außerdem mit Dringlichkeit empfehlen.

Text und Jazz, gar kein Problem also, ein durchaus sinniges Match. Fanden dann auch viele im Publikum: „Das passt ja gut!“ Genau.

Schön und bereichernd war es für mich, Kompositionen von Monk einmal live vorgespielt zu bekommen. Das kam mir hilfreich vor, ich kann seine Kompositionen jetzt mit neuem Verständnis hören. Manchmal ist es doch gut, das Handwerk vorgeführt zu bekommen, nicht alles „nur“ immer auf Kopfhörern zu genießen.

Die Musik von Monk ist kein lasziver Bar-Jazz, den man zu später Stunde zum Zwecke der Verführung eines Dates auflegen würde. Sie ist auch nichts, was man beim Kochen mitpfeifen möchte und wohl auch nicht morgens unter der Dusche nachträllert, sie ist etwas anders. Der Mann war selbst auch anders, wie man nachlesen kann, er war ziemlich anders als andere. Und man drückt es vermutlich wohlwollend genug aus, wenn man es bei dieser knappen Formulierung belässt. Es verlangt etwas Konzentration und Einfühlungsvermögen, sich mit seiner Musik zu beschäftigen, es wird bei seiner Person auch so gewesen sein.

Ein Bemerknis dazu noch. Zu seiner Musik und ihrer Wirkung bei Live-Genuss, ein Bemerknis bei der Betrachtung des Publikums an diesem Abend.

Es gab da Menschen im Publikum, und die Mehrheit war es nicht, aber doch ein ansehnlicher Anteil, die gingen beim Hören ab, wie man so sagt. Die gingen also rhythmisch mit, schon erstaunlich wild kopfnickend oder nahezu tanzend hüftschwingend, im Sitzen fußwippend oder fingertrommelnd etc. Ganz so, als würden sie da etwas hören, was in etwa der Schnittmenge von Jazz, Funk und Hip-Hop entsprungen war, mit einem deutlichen Einschlag in Richtung der gut erkennbaren und eingängigen Rhythmen. Das war die eine Gruppe.

Eine andere Gruppe gab es noch, die wurde hervorragend beispielhaft dargestellt etwa von einem älteren Mann in meiner Nähe. Der, und es passte sensationell gut, Commander Picard nicht ganz unähnlich war. Und seine Hände so hielt, dass die Fingerspitzen sich berührten, und der über diese Hände hinweg vollkommen unbewegt auf die winzige Bühne sah, mit einem Gesichtsausdruck zwischen Skepsis und geneigtem Wohlwollen. Als würde er bei einem besonders vertrackten Schachspiel zusehen und nebenbei auch eigene Züge erwägen, weil das Mitdenken nun einmal dazugehört.

Wobei Monk auch ein versierter Schachspieler war, by the way.

Seine Musik wird jedenfalls gut beschrieben, finde ich, wenn man anerkennt, dass diese beiden Varianten des Genusses vollkommen legitim waren, und das ausdrücklich auch gleichzeitig.

Es war Schach, aber es war eben funky.

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Lesen und Wohnen

Gehört: Ein Zeitzeichen über F. Scott Fitzgerald, 15 Minuten.

Gelesen: Den Michael Maar habe ich gestern beendet. Sein Buch über die Details in der Literatur, „Das violette Hündchen“, hier der Verlagslink dazu. Und weil er sich darin in anziehende Lobeshymnen auf Graham Greene versteigt, habe ich in mein Regal gegriffen und mir den Band, um den es da bei ihm geht, noch einmal auf den Nachttisch gelegt. Denn es ist mir stets wichtig, bei der Auswahl des nächsten Buches möglichst irrational und spontan vorzugehen, jederzeit der Kaninchenspur zu folgen und nicht etwa einem schnöden Plan. Den man zwar haben, aber nur in hoffentlich seltenen, eher uninspirierten Notfällen befolgen sollte.

„Das Ende einer Affäre“ also, ins Deutsche übersetzt von Edith Walter. Vor vielen Jahren habe ich es zum ersten Mal gelesen, in meinen Zwanzigern vermutlich. Zusammen mit einer ganzen Reihe von Greenes Werken. Die im Regal noch heute eine Reihe bilden, nur im Geiste etikettiert mit „Noch einmal lesen und dann in den öffentlichen Bücherschrank.“ Was keine Abwertung darstellt, aber ich behalte nur noch die Bücher, in die ich tatsächlich sehr wahrscheinlich noch mehrfach hineinsehen werde. Also etwa Lyrikbände, die wenigen Lieblingsromane mit Immerwieder-Charme, dicke Tagebuch-Ausgaben und dergleichen.

Eine beeindruckende und selbstverständlich tragische Liebesgeschichte ist dieser schmale Roman von Greene, ein Roman, in dem Gott eine wichtige Rolle spielt. Und noch dazu eine interessante, denn der Hauptdreh des Buches, den ich hier nicht spoilern möchte, könnte auch heute erzählt werden. Mit anderem Ausgang vermutlich, mit anderen Denkmodellen auch, aber mit der gleichen grundsätzlichen Moralfrage im Hintergrund und als Basis des Ganzen.

Die Story, an die sich die meisten Leserinnen und Leser, so nehme ich jedenfalls an, nach der Lektüre ebenfalls länger erinnern werden, weil sie besonders interessant gebaut ist, beginnt mit einem ersten Absatz, der mir damals auch länger im Gedächtnis geblieben ist. Es ist eine Art von Anfang, über die jemand wie Michael Maar ohne Weiteres erneut ein dickes Buch in Weihnachtsurlaubsdimensionen schreiben könnte. Nämlich über die in der Tat unterhaltsame Frage, warum eigentlich Geschichten dort beginnen, wo sie beginnen.

„Eine Geschichte hat weder einen Anfang noch ein Ende. Willkürlich wählt man den Moment, von dem aus man ein Erlebnis rückschauend betrachtet oder sich vorstellt, wie es weitergeht. „Man wählt“ sage ich mit dem falschen Stolz des professionellen Autors, den man – falls er anerkannt ist und ernst genommen wird – wegen seiner Technik lobt, aber ich wähle tatsächlich, allein weil ich es will, jenen nassen, schwarzen Januarabend 1946 auf dem Gemeindeanger und den Anblick von Henry Miles, der vorgebeugt durch einen heftigen Regenguss stolperte – oder haben diese Bilder mich ausgesucht?“

Ein ausgezeichneter Anfang, denke ich.

Das Buch "Das Ende einer Affäre" in der TB-Ausgabe von dtv

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Ansonsten war gestern der Tag ohne familiäre Termine, ohne Besuche und ohne To-Dos. Herumgelegen und gelesen haben wir, stundenlang, nahezu ganztägig, vollkommen ereignislos, sehr gut war das. Und lange war es her, dass wir das in dieser Intensität und zeitlichen Erstreckung so hinbekommen haben. Es sind Steigerungen denkbar, möchte man sich selbst gegenüber beim Nachdenken über diese Gelegenheiten vielleicht anmerken, mit immerhin weihnachtlich mildem Tadel.

Beim abendlichen Blick aus dem Fenster sah ich außerdem etwas Ungewöhnliches, nämlich dass ringsum nahezu alle Fenster in den Häusern rund um den Platz erleuchtet waren. Ein durchaus ungewohnter Anblick; sonst sehe ich einen lückenhaften Lichterflickenteppich im Abendszenario. In jedem Haus leuchtet gewöhnlich nur hier und da ein Licht hinter den Scheiben, die Menschen haben verschiedene Rhtyhmen. Gestern dagegen war nahezu alles erhellt, was nur Mieterinnen oder Mieter hatte. Sogar die Kirche, in der nur nach der Meinung mancher jemand dauerhaft wohnt.

Nie bist du ohne Nebendir“, wie es bei Ringelnatz damals hieß. Auch in unserer Nachbarschaft war man offensichtlich allgemein zuhause, wohnte man nun ein wenig herum, waren die Weihnachtsreisen und Familienausflüge schon beendet worden, waren die Besuche absolviert und all die Geschenke überbracht und mitgenommen worden.

Man könnte glatt darauf wetten,

Überall belegte Sofas und Betten.

Überall das Marzipan im Magen,

Überall das Wohlbehagen.

Überall wird weihnachtlich umnachtet

Sehr besinnlich Raufaser betrachtet.

 

Wo man geistig eben landet, wenn man einen weiteren Tag lang eher positiv denkt. Sie kennen das, nehme ich an.

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Und dann noch ein Bild, welches man weihnachtlich deuten könnte, denn der Pflastermaler hat hier nachgelegt.  Man muss es aber keinesfalls weihnachtlich deuten, es bleiben andere Möglichkeiten.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Froh sein

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Nach gängigen Klischees der eher positiven Art

Wieder nach Hamburg gefahren und auch die andere Mutter zu Weihnachten besucht. Einmal kurz durch den Hauptbahnhof gegangen, um dort Blumen für diesen Zweck zu erwerben. Die Grand Hall gab sich dabei als unübersichtliche, wimmelvolle Familienangehörigenaustauschstation. Großeltern, Tanten, Onkel, Cousinen und überhaupt Verwandte und sicher auch Freundinnen und auch Freunde aller Art wurden dort unter etlichen Umarmungen und mit lebhaftem Drücken und Herzen verabschiedet oder begrüßt. Stiegen mit großen Paketen in Geschenkpapier und oft mehreren Koffern in Züge oder aus solchen aus, wurden von Familienverbänden in teils beachtlicher Größe umhalst, wangengeküsst und oft noch mit weiteren Geschenken sowie Blumen ausgestattet. Es wurde insgesamt viel gewunken, geweint und gelacht, herumwuselnde Kinder und Hunde waren entsprechend außerordentlich aufgeregt.

In Richtung des geöffneten Supermarktes sah ich auch gestresste Gesichter. Das waren die obligatorischen Menschen, die in festlicher Zerstreutheit etwas Entscheidendes vergessen hatten. Und die ahnten schon, wie lang die Schlange an den Kassen an so einem Tag sein würde, mit nur wenigen geöffneten Geschäften in der ganzen Stadt, die man an den Fingern einer Hand abzählen konnte.

Weihnachten sah jedenfalls am 1. Feiertag zumindest in diesem Bahnhof, zumindest in dieser Stunde, ganz so aus, wie man es nach den gängigen Klischees der eher positiven Art erwarten kann. Also wie man es auch im Rahmen einer mild unterhaltenden Erzählung abbilden könnte, etwa im Rahmen einer weihnachtlichen Geschichte mit Happy End, Versöhnungsszenen, Familienglück und allem.

Es ist nicht so, dass es so etwas gar nicht geben würde. Man darf es also sicher ab und zu auch feststellen.

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Dann habe ich noch eine YouTube-Empfehlung für Sie. Nämlich den Account, der die Auftritte der Ed-Sullivan-Show (Wikipedia-Link, falls Ihnen das nichts sagt) zeigt und bei dem man fantastische Entdeckungen machen kann.

Angefangen etwa mit Nat King Cole am Klavier, der hier seine Frau Maria begleitet, von der ich bis eben nicht wusste, dass sie auch Sängerin war, dass also fast die ganze Familie sang.

Oder hier, Melina Mercouri, die über Piräus singt, mit Tränen an der richtigen Stelle:

Übergehend auch zu anderen Formen der Unterhaltung, etwa hier mit Richard Burton und dem Rezitieren von Dichtung, besonders faszinierend:

Oder Orson Welles mit der Predigt aus dem ersten Teil von Moby Dick, was ein Auftritt!

Und das ist nur aus den neuesten Postings dort. Auch die älteren Clips sind sehenswert, es lohnt sich, da etwas rückwärts zu scrollen. Etwa hier die fantastische Aufnahme einer jungen Nina Simone:

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Außerdem ein letztes weihnachtliches Bild, dann beenden wir diese Saison auch schon wieder. Nur noch eben der nächtliche Himmel in Nordostwestfalen, so fiel das dort aus:

Weihnachtsdeko an einem Fenster, leuchtende Halbmonde

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