Forster, Camus, Borchert und der Sinn

Jetzt ans Schenken denken: Viele Geschenktipps werden von mir in diesem Jahr kaum kommen können, diesen hier kann ich aber noch mit gutem Gefühl unterbringen. Ein unglaubliches Buch, ganz schmal: Eine kurze Erzählung von E. M. Forster, also von dem mit der „Reise nach Indien“, mit dem „Zimmer mit Aussicht“ und „Howards End“: „Die Maschine steht still“, Deutsch von Gregor Runge. Man erwartet dieses Buch nicht von ihm, wenn man sich an seine bekannten und so prominent verfilmten Romane erinnert.

Ein Text aus dem Jahr 1928 ist es. Wenn man Spoiler verträgt, hier ist die Wikipedia-Seite dazu, hier auch die Perlentaucherseite. Auf der man Formulierungen zu den Rezensenten wie „kann es kaum fassen“ oder „kann nur staunen“ findet. So ging es mir auch, und zwar in einem Ausmaß, wie es mir lange nicht mehr begegnet ist. Eine dystopische Erzählung, fast hundert Jahre alt, deren erste Seiten dermaßen dicht an unserer Internet- und AI-Gegenwart sind … Ich habe sogar zwischendurch mit dem Lesen aufgehört und noch einmal nachgeschlagen, ob das wirklich ein Text von dem und auch wirklich aus jener fernen Zeit ist, so gespenstisch kam mir das vor.

Für Menschen mit intensivem Internetbezug, für Content-Creator aller Art, auch für Medienkritikerinnen, Social-Media-Skeptikerinnen und Flüchtlinge ins Analoge.

Hier noch eben die Verlagsseite. 78 Seiten nur, gebunden für 16 Euro. Es ist, ich bin ungewöhnlich überzeugt, eine sichere Sache.

***

Beim Deutschlandfunk Kultur hörte ich eine Sendung über ein neues Buch zum schönen Thema Sinn, sogar Lebenssinn (29 Minuten). Sinn finde ich gut, Sinn interessiert mich. Auch wenn es ein tendenziell nicht ungefährliches Thema ist, bei dem ein gedanklicher Schritt vom Wege auch einmal unerwartet schnell nach unten führen kann.

Ein Zettel an einer Ladentür mit der Aufschrift "Vorsicht Abgrund"!

Michael Zichy schrieb: „Anderen wichtig sein – Eine Philosophie des Lebenssinns“, hier die Seite dazu bei Suhrkamp.

Im Gespräch dazu klang der Autor angenehm nahbar und seine Aussagen waren für mich nachvollziehbar. Ich freute mich aber auch ausdrücklich und besonders über seinen Widerspruch, den er bei der ach so berühmten These von Albert Camus zu Sisyphos (die Schreibweise Sisyphus ist auch okay) anmeldete.  Also diese unsägliche These, dass man sich den ewig leidenden und dauerhaft verdammten Sisyphos doch bitte als glücklichen Menschen vorzustellen habe. Die mir immer schon eher wie ein intellektueller Partyscherz vorkam, nicht wie eine stabil abgeleitete Überzeugung, die man mit rationalen Argumenten lange und erfolgreich verteidigen könnte.

Zum Thema Sisyphos doch lieber Wolfgang Borchert lesen, nicht den Camus. Das wäre mein Rat an dieser Stelle. Und den Borchert überhaupt wieder lesen, das sowieso.

Aber apropos Sisyphos, es ist Montag. Weitermachen.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

 

Buntblinkende Leuchtmobile, Rudolfnasen etc.

Eine Beobachtung am Rande, bei der ich recht sicher bin, dass ich sie auch durch Zahlen hätte unterfüttern können, hätte ich nur vor einigen Jahren bereits mit dem Zählen begonnen. So ist es oft, aber man weiß es stets zu spät.

Die leuchtende Tor-Skulptur am Roncalli-Weihnachtsmarkt auf dem Rathausmarkt

Jedenfalls: Die Anzahl der Personen, die den vorweihnachtlichen Besuch der Hamburger Innenstadt damit verbinden, sich immer deutlicher und durch immer mehr Accessoires saisonal aufzustylen, fast schon zu verkleiden, sie steigt von Jahr zu Jahr. All diese lustig sein sollenden Rentiergeweihe, Flügelchen und Rudolfnasen aus Plastik oder Plüsch. Die norwegisch oder sonstwie nordisch und dabei schreiend bunt anmutenden Mützen mit Bommeln und Weihnachtsmotiven, dazu die ugly Christmas-Sweater, die langen, weißen Weihnachtsmannbärte, die roten Umhänge oder Mäntel aus Plastik und anderem Billigzeug, über die Schulter geworfene Säcke, die an die Kleidung gepappte Klebesternchen etc.

Der Neue Wall mit abendlicher Weihnachtsbeleuchtung

Diese Symbolanreicherung der Mode zu Weihnachten, siehe zu dieser Praxis auch Oktoberfest, Schlagermove und Halloween, ist also im Trend. Ist in gewissen Kreisen gerade hip. Wobei mir Blossom Dearie einfällt (Wikipedia-Link), eine Jazzsängerin und Pianistin besonderer Klasse. Es gibt ein Lied von ihr über die besondere Auszeichnung, vor der Welle zu sein: „I’m hip.“

“I’m hip, but not weird
Like you notice I don’t wear a beard
Beards were in but now they’re out
They had their day, now they’re passe
Just ask me if you’re in doubt
‚Cause I’m hip.”


Aber das nur am Rande, der Refrain ging mir gerade durch den Kopf.

Gestern begegnete mir einer, der war normal angezogen, aber mit reichlich Lametta behangen. Dazu all die Kinderwagen in der Menge, die von den engagierten Eltern mit Lichterketten umwunden wurden. Teils auch noch buntblinkend und dadurch vermutlich spätere Erinnerungen auslösend, die sich meine Generation nicht einmal vorstellen kann. Wie man da in einem kleinen Leuchtmobil durch eine seltsam albern ausstaffierte, dichtgedrängte und stündlich zunehmend zugedröhnte Menge geschoben wurde …

Die stilisierte Leuchttanne auf dem Roncalli-Weihnachtsmarkt am Rathaus

Aber egal. Andere Zeiten, andere Bilder. So geht es nun einmal zu, und wenn es ihnen allen doch Spaß macht, es ist schon recht oder es gibt zumindest Schlimmeres.

***

Unerwartet interessant war ein Podcast in der Reihe „Zeitzeichen“ über Nicolas-Jacques Conté. Bei dem Namen hätte ich in einer Quizshow allerdings komplett ratlos passen müssen, während Kunst-Nerds und Menschen aus Frankreich deutlich bessere Chancen gehabt hätten. Ohne Monsieur Conté hätten wir nämlich den modernen Bleistift nicht, was etwas mit Napoleon zu tun hat und unterhaltsame Aspekte der Produktionsgeschichte beinhaltet.

Falls Sie etwas von der Firma Faber-Castell im Haus haben, was so unwahrscheinlich nicht ist – die kommt auch vor.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Einige Anmerkungen zur Datenlage

Am 4. Dezember beendet die erste Kollegin den Call über verschiedene Standorte hinweg mit „Ja, dann: Frohes Fest!“ Womit wir plangemäß die nächste Eskalationsstufe erreichen und rechts und links die Menschen aus den Büros und Home-Offices wahlweise in saisonale Krankheiten oder Resturlaube wegbrechen, alternativ aber auch unter der Restarbeit zusammen. History repeating.

Die damit zusammenhängende und allfällige Jahresenderschöpfung führt erwartungsgemäß wieder zu den im Dezember typischen, stark abweichenden Zeitwahrnehmungen. So war es etwa am Dienstagabend in dieser Woche um 19 Uhr 30, wie ich an diesem Tag notierte, gefühlt äußerst überzeugend bereits Donnerstag, und zwar etwa 23:45.

Es ist dann jeweils etwas mühsam, sich geistig wieder auf die Tatsache zurückzukalibrieren, dass in Wahrheit noch mehr Arbeit, noch mehr Termine und noch mehr Komplikationen vor einem liegen, als man gerade wahrhaben möchte oder meint, noch ertragen zu können. Aber wie immer gilt, dies ist selbstverständlich Jammern auf hohem Niveau. Ich muss nur aus dem Fenster sehen, um die ersten obdachlosen Menschen im Stadtteil zu sehen, die sämtlich etwas ernstere Probleme haben als ich.

Und ich sehe oft aus dem Fenster.

Wie auch immer, the end is near, wie man es auch dreht und wendet. Also zumindest das Ende dieses Jahres. Wohlwissend, dass dieses Jahresende nur eine vollkommen beliebige, ausgedachte, eher unwirkliche Einteilung des ebenfalls nur ausgedachten, rein fiktiven Spielfeldes des Lebens und des Kalenders ist. Es wird vermutlich dennoch sinnvoll sein, sich auf diese gamifizierten Einteilungen einzulassen. Und zumindest so zu tun, als könnte man über die kommenden Festtage hinweg irgendwie anders Luft holen als sonst. Als würde man „zwischen den Jahren“ wesentlich gründlicher als an gewöhnlichen Wochenenden oder Feiertagen resettet. Als würde man geblitzdingst oder auf sonst irgendeine Art geheimnisvoll generalüberholt. Und danach dann hoffentlich erneut für den Verkehr aller Art zugelassen.

So dass uns dann im Ergebnis, *hexhex*, ab dem 1. Januar auf einmal neue, ungeahnte Reserven zur Verfügung stehen werden. Und man sich im besten Fall sowohl selbst als auch anderen die Sache mit dem neuen Schwung zumindest kurz auch abnehmen könnte. Etwa eine Woche lang, was dann auch ein Fall von einem tröstlichen Immerhin ist.

In den letzten Tagen fragte ich mich, während ich diese und ähnliche Gedankengänge hatte, ob es eigentlich eine Frage des Alters sein könnte, dass niemand in meinem Umfeld mit Begeisterung, Vorfreude, Hoffnung oder sonst einem positiv zu wertenden, ausdrücklich bejahenden Gedanken auf das kommende Jahr blickt. Was ich seit dem Jahr 2020 bereits so feststelle, regelmäßig wiederkehrend, in diesem Fall weiß ich das Startdatum. Es ist auch einigermaßen naheliegend.

Aber kaum hatte ich mir im Geiste diese Frage gestellt, sah ich eine Art Meme auf Instagram, in dem genau diese Frage, nämlich wieso denn niemand freudig voraussehen würde, von jungen und sogar sehr jungen Menschen gestellt wurde. Von Menschen, die aus mehreren Ländern kamen, allerdings mit dem bei uns allen üblichen WEIRD-Bias in der Wahrnehmung.

Kennen Sie diesen Bias? Mit dem haben wir es dauernd zu tun, wenn wir über unsere Kultur, unsere Erfahrungen und Werte, auch über unseren Medien- und Internetkonsum reden. Die Abkürzung meint: „Western, educated, industrialized, rich, democratic.“ Dieser Teil der Welt nämlich, sozusagen unser Teil der Welt. In anderen Teilen der Welt verhält sich selbstverständlich vieles recht anders. Wenn nicht sogar fast alles.

Der Begriff WEIRD-Bias kommt aus der Psychologie, hier die Wikipedia dazu. Er ist aber prima in alle möglichen Richtungen übertragbar und unbedingt smalltalk-tauglich bei vielen Gelegenheiten.

Was ich eigentlich nur sagen wollte: Es ist der 6. Dezember. Aber gefühlt, mit Time-Chill-Faktor sozusagen, ist es etwa der 12. Dezember, wenn nicht der 18.

Ein Adventskalender, bunt bedruckte Papiertüten

Ein Adventskalender, alt, selbstgenäht, bunt bedruckte Stoffherzen

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Kultur & Cumbia

Der Tag beginnt damit, dass ich mir Karten für etwas mit Kultur kaufe, was ich wiederum in einem Blog gefunden habe. Nämlich erneut bei der so besonders zuverlässig liefernden Kaltmamsell, die hier auf die Tour von Katja Berlin hinwies, die ich sonst verpasst hätte. Am 16.12. in Hamburg, am 17.12. in Rostock, es bestehen noch Chancen.

Seltsam und erwähnenswert ist es aber doch, dass ich es fast verpasst hätte. Immer dann, wenn ich denke, jetzt habe ich mir alles so eingerichtet, dass ich keine Event-Ankündigung irgendeiner Art in dieser Stadt mehr verpassen kann, werde ich auf etwas hingewiesen, das dennoch durchgerutscht ist. Was meine alte These stützt, dass es seit den zersplitterten Internet-Zeiten so gut wie unmöglich ist, in dieser Hinsicht komplett informiert zu sein. Und wir also alle nur noch auf Zufälle und Ausschnitte reagieren.

Wie alle Beteiligten des Freundeskreises „Sogenannter Zufall“ nehme ich Zeichen aller Art tendenziell gerne einmal ernst und richte mich dann halb spielerisch auch danach. Wenn ich etwa herbeigeshuffelte Musik in einer Playlist höre, Musik, die ich noch gar nicht kenne, und dann nur Minuten später online einen Hinweis darauf sehe, dass die Gruppe, deren Songs da gerade in meinen Kopfhörern abgespielt wurden, und die ich gar nicht so schlecht fand, demnächst in Hamburg auftritt – also dann kann man den Kauf einer Karte zumindest kurz in Erwägung ziehen.

Auch wenn Latin in den meisten Ausprägungen nicht unbedingt mein Fall ist, jedenfalls nicht für länger anhaltenden Konsum. Aber den drei Herren von LO LAM, von der „Los Angeles League of Musicians“ in der Langform (Wikipedia-Link), bei ihren Instrumentalnummern zuzusehen, das könnte doch Spaß machen. Denke ich mir so. Cumbia oder Chicha sind dann die Genre-Schubladen, und warum soll man da nicht auch einmal hineinsehen.

Am 28. Januar um 21 Uhr spielen sie im Knust.

Hier kann man sehen, was die machen, und es hat doch etwas:

 

Ansonsten bin ich bei südlich anmutender Musik recht blank. An eine Entdeckung aus den Vorjahren kann ich aber noch einmal erinnern, die auch ein Zufallsfund war: Paté de Fuá (Wikipedia-Link).

Die sind nämlich mit diversen Stücken auf meinen Playlists geblieben, die mag ich. Hier etwa mit der Einladung zum Walzer:

Oder hier, noch etwas schwungvoller, mit Vamos a Morir:

Gut. Dann wollen wir heute unter Vortäuschung einer rhythmisch belebten Grundhaltung ins Wochenende gehen, wenn nicht tänzeln, und warum auch nicht.

Plötzlich lebhafte Erinnerungen an eine Tanzstunde mit der Herzdame vor vielen Jahren. In der sich ein Paar neben uns anlässlich einer Rumba dergestalt in die Haare geriet, dass sie erstens nie wieder in den Kurs kamen und zweitens bezweifelt werden darf, ob sie nach diesem Abend überhaupt noch zusammen waren.

Alles hat seine Risiken, auch die Musik und die Tänze aus den Ländern mit mehr Sonne.

Ein Grafitti an einer Hauswand, der bunte und sehr großer Schriftzug "Colors"

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Paradoxe Intervention

Die Kaltmamsell wies darauf hin, dass auch bei Frau Mutti wieder frische Texte zu finden sind. Ist ja wie bestellt! So muss das.

In dem Blogartikel der Kaltmamsell, in dem ich das sah, ist außerdem ein Film von Jason Pargin verlinkt (es ist der Absatz mit dem Verweis auf TikTok). Das ist ein amerikanischer Autor (Wikipedia-Link), den Sie auch auf YouTube oder Instagram etc. finden können, und das sollten Sie tatsächlich auch, denn es ist oft fortgeschritten interessant, dem Mann beim Denken zuzuhören.

Hier auf YouTube

Und auf Instagram

Dann auf TikTok

Auf Bluesky

(Das Verlinken wird auch nicht gerade einfacher, wie man sieht. Zersplitterung und Entropie im Internet, Unordnung und frühes Leid.)

***

Wenn man zu viel zu tun hat und also gar keine Zeit mehr für irgendwas, wenn man auch nicht mehr oder kaum noch zu zweit sein kann, wenn man also auf keinen Fall einen ganzen Nachmittag vermeintlich sinnlos mit Leisure Time verschwenden dürfte – dann wird es eventuell höchste Zeit für eine paradoxe Intervention.

Dachte ich mir so, und buchte also der Herzdame und mir den Afternoon Tea im Hotel mit dem englischen Ambiente um die Ecke: The George (keine bezahlte Werbung, nein). Ein Hotel, in dem ich, es versteht sich fast von selbst, noch nie war, denn die Hotels sind ja für Gäste da.

Für die touristische Perspektive auf unser kleines Bahnhofsviertel muss ich erst gründlich umdenken und als nutznießender Nachbar (so ein spaßiges Verb, lange nicht benutzt) habe ich mich bisher eher nicht verstanden. Aber Komfortzone, out of the box, creative minds, Sie kennen das.

Mein fortwährender Overthinking-Modus ergab jedenfalls im kreisenden Grübeln aus gleich mehreren Perspektiven in letzter Zeit, dass es vielleicht ebenso interessant wie attraktiv und auch anderweitig nützlich sein könnte, nicht nur Gäste Gast spielen zu lassen, sondern da ab und zu auch einmal mitzumischen. Hier und da.

Dieser Afternoon Tea war nun der Startschuss, und es war eine gute Wahl. In der Bar (DaCaio) wird er serviert, man sitzt dort sehr gechillt, wie die Söhne sagen würden. Das Essen war attraktiv und reichlich, die Tee-Auswahl war üppig, kurzum, wir werden das bei Gelegenheit wiederholen. Was für einen Nörgelrentner in der Vorbereitungsphase wie mich ein eher jubelndes Lob ist, also bitte.

Afternoon-Tea, Etagère mit Speisen

Ein Gurkensandwich und eine Tasse Tee

25 Euro pro Person. Ich habe bei einigen anderen Anbietern nachgesehen, um das besser einordnen zu können, das ist ein sehr guter Preis.

Täglich 15:30 bis 18:00, telefonisch reservieren, es war allerdings keineswegs überlaufen.

Kleine Schaken mit sehr guten Oliven

Teekann und -tasse

Eine Teetasse in den Händen der Herzdame

 

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Wenn ich aus dem Fenster sehe, die Tierfilmausgabe

Was ich Ihnen schon länger erzählen wollte, das müssen Sie sich gleich bitte bei den Zeilen, in denen die Vögel vorkommen, mit Tierfilmerzählstimme vorgelesen vorstellen. Dann wirkt es etwas besser und auch passender, nehme ich an. Je nach Alter wird das also verschieden ausfallen, denn wir werden wohl mit einer reichen Auswahl von Sendungen großgeworden sein, Sielmann, Grzimek etc., sie fallen mir gar nicht mehr alle ein.

Also vorausgesetzt, Sie sind noch aus der Zeit des linearen Fernsehens.

Aus den Fenstern der Teenagerzimmer, ich muss leider etwas ausholen, die ich tagsüber als Arbeitszimmer nutze, da in dieser Wohnung kein Raum für mich vorgesehen ist, wie ich nicht ohne einen gewissen Unwillen vermerken kann, blicke ich auf das Dach eines großen Hotels. Auf diesem Dach wehen verlässlich jederzeit Fahnen. Sind Staatsgäste da, wehen dort die Landesfahnen des Besuchs. Die ich dann, öfter als man gerne zugeben möchte, eventuell nachschlagen muss, um der Allgemeinbildung etwas nachzuhelfen. Wo kommt jetzt die oder der schon wieder her, und warum kennt man das nicht. Was sind das für seltsame Farbkombinationen und was sind das für Symbole. Dann sitze ich staunend vor dem Bildschirm und denke: Aha, Usbekistan! Das merke ich mir jetzt aber.

Sie werden es ahnen, ich merke es mir dann aber keineswegs.

Sind keine Staatsgäste da, weht drüben das bekannte Stadtwappen auf dem Dach. Die weiße Burg (mit übrigens jederzeit gut geschlossenem Tor, von wegen weltoffen) auf rotem Grund. Je nach Wind oder Sturm haben diese Fahnen mal einen guten Zustand, mal aber auch arg zerfetzte Ränder. Sie sehen dann etwas nach Drama aus, manchmal auch, wenn ein Orkan von der Nordsee her über die Stadt fegt und wenn die Beleuchtung stimmt, nach Apokalypse.

Ich nehme an, dass sie jeweils nicht sehr lange halten, diese Fahnen, denn an Wind haben wir hier keinen Mangel. Jemand wird also dauernd Fahnen nachkaufen, vielleicht gibt es sogar eine Art Abo.

Worum ging es hier eigentlich. Um das Wehen, genau. Diese Fahnen, sprachfanatische Menschen dürfen übrigens gerne wieder etwas zur Verwendung der Begriffe Fahne oder Flagge kommentieren, diese Fahnen stehen da also das ganze Jahr über recht oft im starken Wind, mit zunehmendem Klimawandel tendenziell immer öfter. Sie werden das Bild kennen, die Fahne steht in einer Brise straff zur Seite, so dass man sie prima sehen und vielleicht doch nicht erkennen kann. Sie schlägt im Wind aber auch aus und um, sie zappelt manchmal, fährt auf einmal zackig zusammen, dass es laut knallt, dengelt zwischendurch immer wieder gegen den Mast, so dass man weithin hafentypische Geräusche hört und sich auch im Bett in Hamburg Mitte sehr maritim fühlen darf, überhaupt kapriolen die Fahnen betont kumpelhaft mit dem Sturm herum.

Das alles besehen sich meine gern gesehenen Balkongäste, die Rabenkrähen. Sie setzen sich auch oben auf die Spitze des Fahnenmastes und lehnen sich kühn in den Wind. Sie schubsen sich manchmal gegenseitig von dieser begehrten Spitze, was dann nach den typischen Rangeleien von Jugendlichen aussieht: Man mackert etwas herum, ey Digga, mach Platz da. Was willstu, komm doch her, wenn du was willst.

Sie flattern aufgeregt um die wehenden Fahnen herum, ihre Flügel schlagen wild, die Fahne schlägt unter ihnen ebenso.

Und, was ich bis vor kurzer Zeit noch nie beobachtet hatte, jetzt aber dauernd, sie setzen sich darauf. Auf diese arg windgebeutelte Fahne. Nämlich auf ihren oberen Saum, der da manchmal so zackig und stramm im Wind steht, als sei er aus Draht und fest verbaut. Der dann aber unberechenbar plötzlich wieder wegknickt und den Vögeln dabei unvermittelt die Füße wegreißt, dass sie fast oder auch tatsächlich einen unfreiwilligen Salto machen, wonach sie sich umgehend wieder niederlassen. Wenn sich nicht zwischendurch schon ein anderer Vogel den besonderen Spaßplatz ergattert hat. Der Andrang ist manchmal etwas größer, denn es ist eine ganze Gang, die da oben Spaß und Tagesfreizeit hat.

Dabei krähen sie alle fortwährend laut, dass es weithin wie heiseres, sich johlend überschlagendes Lachen klingt. Sie kriegen sich gar nicht mehr ein. Es sieht vollkommen überzeugend so aus, als würden sie sich dort oben prächtig im starken Wind amüsieren, mit diesem zappelnden Stadtwappen, das so lustig unter ihnen zuckt.

Es ist selbstverständlich bekannt, was für außerordentlich interessante und intelligente Vögel diese Krähen sind und was sie alles veranstalten. Man findet auch viele Beispiele im Netz, bis hin zu Krähen, die auf vereisten Dächern förmlich rodeln.

Aber diese spielerische Akrobatikvariante auf den Fahnensportgeräten, die kannte ich noch nicht, die wollte ich eben verbreiten.

***

Blick über die Außenalster, vom Ufer bei der Kennedybrücke aus

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

Dank, Links und ein Lied

Das Bild des Tages wäre der Autor dieses Blogs mit offenem Mund vor dem Bildschirm am sehr frühen Morgen. Was nur begrenzt attraktiv klingt, wie ich sofort zugebe. Es gibt aber den Moment treffend wieder, in dem ich sah, dass gleich zwei, wie soll ich sagen, deutlich sichtbare und ganz und gar ungewöhnliche Summen als Trinkgeld eingeworfen wurden. Was mir Anlass ist, sowohl diesen beiden Leserinnen als auch sämtlichen anderen, ausdrücklich auch denen mit dem Kleingeld natürlich, erneut herzlich zu danken. Denn das begeistert mich schon sehr, es motiviert sogar ausgewiesene Demotivationsexperten wie mich und, ja, es trägt auch.

Über all die Jahre ist mir erfreulicherweise diese Straßenmusikfreude geblieben, die gar nicht an der Höhe der Beträge hängt, sondern an der Geste. Man macht oder spielt etwas an einer Straßenecke, man schreibt etwas an irgendeiner Biegung des Internets, jemand kommt vorbei, hört kurz zu oder liest eine Weile mit – und dann klimpert etwas. Man spielt oder schreibt mit einem Lächeln und einem dankenden Nicken weiter – ich mag diesen Ablauf wirklich sehr. Das ist, wie man so sagt, mein Ding.

Und dazu all die Leute, die einfach nur stehenbleiben und zuhören oder mitlesen, die tragen, es versteht sich hoffentlich, ebenfalls signifikant zum Wohlbefinden der Auftretenden bei.

Die nächtliche Beleuchtung an der Reeperbahn im Advent, rote Herzen

***

Man bekommt manchmal nicht mit, wenn Bloggerinnen wieder auftauchen, ich kenne das. Deswegen weise ich zwischendurch eben auf Lu hin, bei der wieder ein frischer Text steht. Ich freue mich über alle, die als Wiedergängerinnen in meinem Feedreader erscheinen. Und falls Sie, ja, tatsächlich genau Sie, zu denen gehören, die sich ab und zu und vielleicht auch schon seit etlichen Jahren fragen, ob Sie nicht auch endlich einmal bloggen sollten oder auch nach Jahren der Abstinenz wieder bloggen sollten: Ja, das sollten Sie in der Tat.

Gut, hätten wir das auch geklärt. Weiter im Text.

Kiki passiert etwas Gutes. Und Gutes, das finden wir gut und sollten es teilen.

***

Obwohl ich hier meist eher um den Status als Fachblog für traurige Musik bemüht bin, habe auch ich ab und zu Musik in der Heavy Rotation im Kopf und auf den Abspielgeräten, die eher als munter durchgehen kann. So wie bei dem Song „Deep Love“ von Flora Hibberd, welche ich neulich erst entdeckt habe. Eine Engländerin, die in Paris lebt und auch als Übersetzerin arbeitet. Kann man mal hören!

Das Bild hier auf dem Video sieht nicht gerade frohgemut aus, der Song ist es aber doch. Oder er ist es jedenfalls für meine Verhältnisse.


***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

 

Am Zauber seitlich vorbeigehen

Am Sonnabend tritt das Erwartbare ein. Zwischen dem Hauptbahnhof und dem Rathaus, auch um das Rathaus herum und bis weit in das Passagenviertel hinein steht eine kompakte Menschenmenge im Glühwein- und Grilldunst. Hunderttausende, gefühlt in Millionenstärke. Wenn die Medien von einem neuen Besucherinnenrekord berichten, mich wird es nicht wundern. Ich sehe die Massen und umkurve sie.

Denn in diesen nicht mehr zu überschauenden Mengen feststecken, das möchte ich doch lieber nicht. Es ist vielmehr eine außerordentlich gruselige Vorstellung für mich. Gnadenlos eingekeilt zwischen all den anderen, kein Vorwärtskommen mehr und kein Gedanke an Flucht. Verdammt zum stundenlangen Dazwischensein, was für ein Albtraum. Ein Zitat dazu fällt mir gerade ein: „Bewegungsunfähig wie ein sowjetischer Marschall.“ Peter Rühmkorf hat das einmal irgendwo so verwendet. Es ist allerdings auch wieder ein Zitat, dessen Bildsprache bei sehr jungen Menschen gar nicht mehr ankommt. Da überträgt sich nichts mehr, nehme ich an, da endet der Assoziationsfluss, wie vermutlich auch schon beim Titel dieses Eintrags.

Ich werde außerdem beim unwilligen Umkurven dieses Konsumentenauflaufs die ganze Zeit eine lästige Zwangsvorstellung nicht los, nämlich dass die dort alle gleichzeitig Glühwein trinken und Wurst essen. Unfassbare Unmengen von Wein und Wurst also, in söderschen Wunschtraum-Dimensionen geradezu, und es kommt mir als Massengeschehen unglaublich ekelhaft vor. Ohne den Einzelnen ihre Wurst oder ihren Wein vorwerfen zu wollen, versteht sich. Denn wer hätte nicht schon einmal Wurst oder Wein konsumiert, so auch ich, so auch Sie. In der Gesamtheit aber sind die dort, sind wir also alle doch eher schauderhaft.

Das Rathaus anm Abend, man sieht Teile der beleuchteten Weihnachtsmarkt-Deko davor

Heuschreckenplage nichts dagegen. Und dann die raublustigen Möwen, in ihrer wenig glanzvollen Rolle als Geier des Nordens: Sie kreisen träge segelnd über der Unzahl von Menschenköpfen und stoßen routiniert nach unten, wenn wieder irgendwo einem Achtlosen ein Wurstzipfel vom Pappteller rutscht. Sie stoßen mit Mut und viel beruflich erworbener Erfahrung noch in das dichteste Gedränge und tauchen kurz darauf flatternd wieder auf, mit Fleisch im Schnabel und manchmal auch mit Ketchupflecken auf weißen Federn.

Unten, zu Füßen der mampfenden Menschen, bewegen sich hier und da Schattentiere in der Dunkelheit des Beinwaldes. Sie fallen einem erst auf, wenn man genauer hinsieht. Aber dann kann man kaum noch anders, als immer wieder hinzusehen. Kaum sind sie zu erkennen, diese erdgebundenen Gestalten, sind es Tauben, sind es Ratten, sind es Mäuse. Aber was sie auch sein mögen, sie nehmen zweifellos ebenfalls mit saisonal angemessener Freude und Dankbarkeit am Festbankett teil, auf ihre eher dezente und doch erfolgreiche Art.

Die weiteren Konsumenten, es wird sicher noch kleinere geben, die aber ohne Frage mit dem gleichen Eifer vorgehen und also auf die gleichen Würste losgehen, erkennt man als Beobachter ohne Hilfsmittel nicht mehr. Man kann das Gewimmel höchstens ahnen. Und schöner wird das Bild dadurch auch nicht.

In der Vorweihnachtszeit, so heißt es beim NDR, wo man es doch mit einiger Sicherheit wissen muss, hat die Stadt einen ganz besonderen Zauber.

Nun.

Vermutlich stimmt mit meiner Einstellung etwas nicht, das mag sein. Das muss man, sagt die Lebenserfahrung, eigentlich immer und ausdrücklich für möglich halten.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

 

We may never find out what it means

Ich habe der Playlist auf YouTube „Extra blankets für the cold“, die Wintersongs ohne Weihnachten beinhaltet, nach Veröffentlichung nur eine Ergänzung hinzugefügt. Das ist wenig, so vieles begegnet mir zu diesem Thema also nicht. Oder zumindest nicht in der passenden Saison. Dafür beginnt diese Ergänzung, „Hard Year“ von Jeffrey Martin, tadellos passend mit „It feels like snow again“. Und hat einige vielleicht anschlussfähige Zeilen. A hard year, in der Tat. Die Melodie passt außerdem noch zum letzten Tag des Novembers, wie man sofort hört. Und wenn man es braucht, kann man die Zeile mit „climbing out“ immerhin als Hoffnungszeichen nehmen.

“It’s been a hard year
But I don’t wanna talk about it here
It’s been a long fall
But I’m climbing out.”

***

Zum anderen jährt sich heute ein Todestag, der für den Freundeskreis „Songwriting und bewegte Lebensführung“ von einiger Bedeutung ist. An diesem Tag verstarb nämlich vor zwei Jahren Shane MacGowan.

Von dessen Beerdigung wir zwei beeindruckende Aufnahmen der musikalischen Beiträge haben, die hier ruhig noch einmal vorkommen können. Zum einen Nick Cave, der ein enger Freund des Verstorbenen war. Und der es gerade eben schafft, an den Tränen vorbei „Rainy night in Soho“ zu singen. Einen Song, den es, wenn ich mich da richtig erinnere, nur gibt, weil Nick Cave irgendwann einen weggeworfenen Zettel mit den hingekritzelten Lyrics vom Fußboden in Shane MacGowans Wohnung aufgesammelt hat. Und dann darauf bestand, dass aus diesen Zeilen unbedingt ein Lied werden müsse.

“Now this song is nearly over
We may never find out what it means.”

Dann das heute passend auf den Dezember verweisende „Fairytale of New York“. Womit man dann schon bei den Weihnachtsplaylists ankommt, zu denen ich allerdings in diesem Jahr weniger Neigung als ohnehin schon verspüre. Glen Hansard und Lisa O’Neill diesmal in den Hauptrollen.

In beiden Videos entdeckt man vielleicht weitere bekannte Gesichter unter den Darbietenden und auch im Publikum. Es war eine Beerdigung, und wann sagt man das schon, bei der man gerne dabei gewesen wäre.

Bei 3:56, wenn das Publikum anfängt zu tanzen – es ist schon etwas schwierig, dabei nicht emotional mitgerissen zu werden. Aber warum sollte man sich auch dagegen wehren? Lass fahren dahin, was so spät im Jahr an zu wahrender Form und seelischem Zusammenriss überhaupt noch übrig sein mag.

Beim Schreiben und Nachlesen fand ich außerdem eine Coverversion von Lisa O’Neill (stellt sich raus, dank eines Kommentars, das ist gar nicht Lisa, das ist Susann – aber was soll’s, Hauptsache o’Neill), in der sie „The Book of Love“ von den Magnetic Fields nachsingt. Im Video steht fälschlicherweise, dass es ein Peter-Gabriel-Cover sei, das stimmt nicht. Der Herr Gabriel hat es vielmehr auch „nur“ gecovert, auch hörenswert übrigens.

„The Book of Love“ hat einen fantastischen Text, wenn Sie den nicht kennen sollten, lesen Sie ihn bitte unbedingt nach. Es lohnt sich.

“The book of love is long and boring
And written very long ago
It’s full of flowers and heart-shaped boxes
And things we’re all too young to know.”


***

Der Turm der Dreieinigkeitskirche bei Nachtm mit leuchtendem Weihnachtsstern am Fenster

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.

 

Abnovembern

“Einen schönen ersten Advent”, wünscht mir die Kollegin am Freitagnachmittag, zum Abschluss einer wiederum wahnwitzigen Arbeitswoche. Sie klingt dabei so, als sei das ganz selbstverständlich, das jetzt zu wünschen, was mich kurz irritiert. Ist es doch schon wieder so weit. Okay.

Wir müssen also an diesem Wochenende endgültig abnovembern. Was ich ein wenig bedauere, da ich dem Monat und seiner Atmosphäre gegenüber eine freundliche Haltung pflege, aber was nützt es. Weihnachten steht schon in den Kartons im Flur unserer Wohnung bereit, in einigen Läden hier sind die Adventskalender ausverkauft und in der Grand Hall im Hauptbahnhof haben sie in diesem Jahr so viel Leuchtzeug montiert, dass für andere kaum noch etwas übrig sein kann.

Die üppige Weihnachtsdeko in der Wandelhalle

Der nächste Werktag ist dann also schon im Dezember. So richtig glaubwürdig klingt es für mich nach wie vor nicht, der gefühlte Monat weicht ab.

Auf meinem Nachmittagsspaziergang in der frühen Dämmerung kommt mir Spider-Man entgegen. Im bekannten rotblauen Kostüm, sonst könnte ich ihn ja nicht erkennen. Die Szene gibt uns allerdings keinen Aufschluss darüber, warum da ein Mann im Spider-Man-Kostüm durch die Stadt geht. Es ist wie so oft: Es ist einfach so.

Er wird trotz seines auffälligen Aussehens kaum beachtet. Denn auch als Superheld fällt man hier noch lange nicht auf, da muss man schon anderes veranstalten, um die Aufmerksamkeit der Passanten zu gewinnen, als nur in exzentrischen Klamotten durch die Fußgängerzone zu gehen. Denn ein anspruchsvolles Publikum sind sie stets, die entertainmentverwöhnten Menschen in den großen Städten.

Spider-Man geht, wenn man genauer hinsieht, nicht eben dynamisch. Spider-Man schlurft eher etwas unmotiviert dahin, und er scheint auch deutlich hängende Schultern zu haben. In den Comics, die ich als Kind gelesen habe, sah das anders aus, in den Kinofilmen, die ich allerdings nicht kenne, sicher auch.

Es ist ein Novembersuperheld, den wir hier sehen, mit etwas trauriger, energieloser und melancholischer Anmutung. Ich sehe ihm einen Moment nach, aber er macht weiterhin nichts. Er geht da einfach nur und verschwindet schließlich zwischen den heimelig sein sollenden Holzhütten auf einem der vielen Weihnachtsmärkte aus unserem Blickfeld.

Er verschwindet dort in etwa so, wie der November mit seinem stabilen Grau und seiner immerhin verlässlichen, berechenbar gedrückten Stimmung im rotgoldenen, rauschenden Dezemberweihnachtswahn vergehen wird.

Womit er dann also doch etwas gemacht hat, dieser Spider-Man, nämlich immerhin einen Eindruck. Und das kann ich nicht an jedem Tag von mir behaupten.

***

Sie können hier Geld in die virtuelle Version des Hutes werfen, herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch. Die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel.