Twin Peaks etc.

Mit der Herzdame sah ich den Anfang von Twin Peaks, und auch das habe ich stets bemüht als Form von Date inszeniert. Wir sehen normalerweise abends keine Filme oder Serien, wir müssen uns dazu erst verabreden. Als die Serie zum ersten Mal ausgestrahlt wurde, sah ich sie an einem anderen Ort und mit einer anderen Ehefrau, dachte ich kurz beim Vorspann, als die Musik anfing. Selbst wenn man im Leben nicht groß herumkommt und ausdrücklich kein Abenteurer ist, ein wenig verschiebt sich doch über die Jahrzehnte. Wenn auch etwas langsamer als bei anderen.

Über das Twin-Peaks-Sehen schrieben ausführlich und recht verschieden z. B. schon Wibke und auch die Kaltmamsell (drüben verlinkt). Ich nehme an, die meisten Menschen, die grob in unserer Alterskohorte sind, könnten aus dem Stand ganze Essaybände über ihre Twin-Peaks-Erfahrungen, die damit verbundenen Assoziationen und die vielen Erinnerungen rund um die Serie schreiben. Und in nicht eben wenigen Fällen würden dabei wichtige, große Themen behandelt werden. Romantaugliche Strukturen würden mit einiger Sicherheit zutage treten.

Gäbe es eine Doku über unsere Rückblicke, womöglich auf arte, man würde in unsere gesprochenen Erinnerungen ab und zu kluge Zitate von Lynch hineinschneiden. Es würde sich alles fast wie von selbst ergeben, nehme ich an.

Diese Rückblenden wären dann immer untermalt mit den Melodien aus der Serie. Die bekanntlich so munter, heiter und lebensfroh nicht klingen. Der Soundtrack ist etwas abgründiger und verheißt uns kein Happy End, er verheißt uns im besten Fall ein Open End. Man weiß aber nicht so recht, ob man darauf lange hoffen darf oder ob ein Unhappy End nicht viel wahrscheinlicher wirkt und anklingt.

Nein, die Musik von Angelo Badalamenti verspricht am ehesten, dass die Wahrheit irgendwo da draußen sein könnte … Aber da kommen wir dann etwas vom Thema ab. Was soll aber auch für eine Kunst entstehen, wenn „lamenti“ Bestandteil des Komponistennachnamens ist. Er schrieb z. B. auch für Nina Simone, der Herr Badalamenti, das Lied „I hold no grudge“ etwa. Ich sah es gerade von ihrer Tochter gesungen, Lisa Simone:

Mir fiel nach ein, zwei Stunden des Wiedersehens dann auf, dass mir heute wie damals die Verwicklungen der Handlung mehrheitlich zu kompliziert und daher eher egal sind. Ich habe es nicht so mit dem Rätselraten und finde es nicht interessant, wenn mir eine Story zu viel Kryptik bietet. Ich bin aber auch ein schlichtes Gemüt und war immerhin für lange Zeit blond. Es wirkt womöglich noch nach.

Außerdem meine ich im Falle von Lynch zu wissen, dass man eh nicht wie bei Arthur Conan Doyle und Konsorten am Ende auf eine vollkommen logische, ableitbare Erklärung für alles hätte kommen müssen: „Kombiniere: Es war der Gärtner.“

Nein, so war diese Serie nie gemeint.

Die Rathausscheuse an einem nebligen Spätnachmittag im Winter

Zusätzlich fiel mir auf, wie gut ich mich an die Bilder erinnere. An die Looks, an die Farben. An das seltsam überbetonte, gefährlich wirkende Rot, besonders wenn es auf den Lippen der Darstellerinnen vorkommt. Sogar an die Möbel erinnere ich mich erstaunlich gut. An die Interieurs, an die Holzverkleidungen in diesen ebenfalls übermäßig satten Bernstein-Orange-Tönen. Viele der männlichen Darsteller, das war ebenfalls bemerkenswert, könnten auch heute noch so herumlaufen, wie sie damals angezogen waren. Es würde nicht oder doch erstaunlich wenig auffallen. Bei den Frauen sieht das anders aus und fängt schon bei den Frisuren an. Die so nicht mehr gehen, die aus der Zeit gefallen wirken.

Etwas unangenehm aber, weil es schon wieder auf mein Alter hinweist, fiel mir noch auf, dass ich alte Büroarbeitsplätze, wie sie in solchen Serien manchmal gezeigt werden, also noch komplett analoge Arbeitsplätze, auf eine besondere Art wahrnehme. I can feel dead devices. Ich habe dieses Gefühl von damals in der Hand, wenn jemand auf dem Bildschirm einen Locher benutzt. Wenn jemand fummelnd eine Büroklammer anbringt, etwas zusammenheftet oder auch nur ruhig Papiere wegsortiert.

Ich habe das Büro und die damit verbundenen Tätigkeiten in jener Zeit aber auch phasenweise sehr gemocht. Wenn nicht sogar geliebt, das ist heute auch etwas schwer zu erklären. Und es hat sich leider mit der Zeit etwas verloren, to say the least. Ich habe als Berufsanfänger vermutlich in einem fast schon snoopy-mäßigen Sinne lange Zeit Büro gespielt, und es war für einige Jahre ein verdammt gutes Büro, wie Agent Cooper sagen würde.

Anekdotenhalber noch kurz die Erwähnung, dass Sohn II, als er noch kindergartenklein war, gerne mit einem Stück Holz unter dem Arm herumgelaufen ist. Schon an der Anzahl der Menschen, die bei diesem Anblick die Log Lady erwähnten, konnte man ablesen, welche Breitenwirkung diese Serie damals gehabt hatte.

Und wo ich gerade eben den Wikipedia-Artikel zur Log Lady verlinkt habe – mit dem Nachlesen sämtlicher Artikel, die es dort zur Serie und sämtlichen damit verbundenen Themen und Verästelungen in der Kulturgeschichte gibt, kann man vermutlich mehrere lange Winterabende problemlos füllen.

Ich bin ein wenig in Versuchung, es auch zu tun.

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Digitale Belästigungen, analoge Erfahrungen

Zwei Terminhinweise zum Thema Literatur in Hamburg. Zum einen liest Nefeli Kavouras am 10.2. um 19:30 im Literaturhaus aus ihrem Debütroman „Gelb, auch ein schöner Gedanke“. Das Buch kenne ich nicht, aber Nefeli kenne ich, und Nefeli ist super. Das könnte in oft bewährter Ableitung bei dem Buch dann auch so sein.

Zum anderen gibt es in der Freien Akademie der Künste einen Abend mit Susanne Fischer und Jan Philipp Reemtsma zu Arno Schmidts Tagebüchern 1957 bis 1962, gerade erst erschienen. Am 29. Januar um 19 Uhr.

Schmidt hat bekanntlich keine riesige Fan-Base in der Literature-Bubble, ich grüße an dieser Stelle aber herzlich nach Berlin und weiß, es wird ankommen.

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Jetzt habe ich den Analogtrend schon ein paar Tage nicht erwähnt. Er wächst und gedeiht währenddessen weiterhin, umrundet den Globus und wird dabei reich bebildert und geschildert. Dermaßen deutlich, dass ich annehme, durch das ganze Jahr hindurch Anmerkungen und Beobachtungen dazu notieren zu können.

Aktuell sah ich etwa auf Instagram jemanden, der sich mit dem Rawdogging beschäftigte. Das zwar schon seit längerer Zeit ein Trendthema ist, aber nun mit dem Analogtrend frisch in Verbindung gebracht und also belebt werden kann. Nicht das sexuelle Rawdogging, versteht sich, das andere ist gemeint. Die jugendfreie Version, so wie sie etwa hier beim WDR kurz erklärt wird.

Wobei das Paradox der Digital-Analog-Verbindung auch in diesem Fall erheiternd ausgelebt wurde. Denn der Creator filmte sich beim Rawdogging auf seinem Sofa und stellte diese Clips dann hinterher selbstverständlich auch online. Was eine merkwürdige Art von Rawdogging zulasten derjenigen ist, die sich das auf Instagram ansehen und dabei und dadurch eher das Gegenteil ausleben.

Aus der so mühsam erarbeiteten analogen Ruhe wird hier im Grunde eine digitale Belästigung gedrechselt. Oder ein möglichst viral gehendes Unterhaltungsangebot, wenn man es positiver sehen möchte.

Es bleibt doch etwas vertrackt, diese beiden Enden logisch und schlüssig zu verbinden, denke ich. Und es bleibt für mich auch erheiternd, dass diese oft sehr jungen Menschen sich da nach einer Zeit sehnen, die sie vollkommen falsch einschätzen. Was ich deswegen weiß, weil ich dabei war. Und wie ich dabei war, 24/7, und jedes Wochenende ein Rawdogging-Festival im oben beschriebenen Sinne.

„Ich war schon nostalgisch, da wart ihr noch gar nicht geboren“, möchte ich dieser Jugend zurufen. Aber sie hören ja nicht zu, weil sie so damit beschäftigt sind, das zu inszenieren, was sie für ein goldenes Zeitalter halten, und was für mich damals eine nicht eben beseligende Gegenwart war.

Na, wie auch immer. Kopfschüttelnd aus dem Schaukelstuhl gesendet.

Ein Paar auf einer Bank von hinten fotografiert, vor der abendlichen Binnenalster

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KW 4, konstruktiv

Ein kleiner Trost zum Wochenanfang. Wenn Sie gerade problembeladen wie immer an den Start gehen, händeringend und hadernd mit Ihrer seltsamen Rolle in diesem fordernden Alltag und Ihrer manchmal ungünstig wirkenden Verortung in der Welt und in der Geschichte, wenn Sie zwischen sorgendem Overthinking, zagender Anxiety und existential Angst im routinierten Schlingerkurs durch die Stunden navigieren, dann hören Sie kurz dem Herrn Fromm zu. Um wenigstens etwas Lob dafür abzubekommen: „Glücklich der, der ein Symptom hat!

(Man kann sich hier auch das ganze Gespräch anhören oder ansehen, ich habe das mit Interesse getan. Und ging dann noch zu weiteren Clips mit Erich Fromm über. Ein Mensch, der gerne dachte, man nimmt es sofort und mit großer Sympathie wahr.)

Ein Büro-Neubau am Herrengrabenfleet

Wo ich vor zwei, drei Tagen gerade bei der bemerkenswert positiv ausfallenden Zwischenbilanz des Jahres 2026 war, die prompt und vermutlich gesetzmäßig mit Migräne nicht unter drei Stunden bestraft wurde, kann ich noch eine andere Kleinigkeit erwähnen, die darauf hinausläuft, dass es sich alles auch bestens fügen kann. Zumindest manchmal.

Da saß ich nämlich an einem Vormittag in der letzten Woche am Schreibtisch und hing außerdem in Calls. In denen es zumindest am Rande um den Mangel an konstruktiven Elementen im täglichen Erleben und Erleiden der Werktage ging. Siehe oben.

Gemeinsam mit anderen führte ich da lebhaft und leider routiniert Beschwerde über das Ausbleiben von konstruktiven Aussichten, so war die genaue Formulierung. Und in dem Moment, also quasi auf die Silben genau, wie bei einem Theaterstichwort für den ganz großen Auftritt des Abends, schwebte etwas ungeheuer Großes an meinem Dachfenster vorbei. In dessen Bildausschnitt sonst lediglich Möwen, Tauben, Krähen, Wolken und viel Grau zu erwarten sind.

Und dieses Große war gelb und enorm lang. Es schwebte bedächtig, kreiste langsam, taumelte dezent, war schließlich der Ausleger eines gigantischen Baukrans. Der auf der Baustelle gegenüber gerade zusammengesetzt und von einem anderen Spezialkran in die Höhe befördert wurde, noch weit über mein Dachfenster hinaus.

Ein Kran! Auf der Baustelle des neu zu errichtenden Hotels, neben dem alten Hotel und übrigens um die Ecke eines weiteren Hotels, es ist hier so eine Gegend. Konstruktiver geht es jedenfalls kaum. Wörtlicher kann man an dem Begriff kaum herumsymbolisieren. Zeitlich passender kann man es auch nicht hindrehen (das lateinische construere heißt erbauen, errichten). Es ist viemehr so, wie ich es seit langer Zeit schon sage und schreibe: Die Zufälle sind hinter mir her.

Irgendetwas da draußen, das steht für mich jedenfalls fest, hat einen wirklich bemerkenswerten Humor. Und manchmal ist mir fast, als sollte ich das tröstlich finden.

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I got a little story I think you should know

Dann war ich in der Arztpraxis, in der ich seit langer Zeit schon mit so bemerkenswerter Konsequenz immer wieder als „Herr Buddenblum“ angeredet und überall vermerkt werde, dass ich fast geneigt bin, mich selbst dort auch so zu nennen. Es ist am Ende nur eine weitere Seite von mir. Wie die anderen beiden neulich erst erwähnten inneren Herren, der mit der Vespa und der mit dem Bulli. So eben auch der Mann mit dem Namen Buddenblum. Der zwar eindeutig so aussieht wie ich, der aber eine doch irgendwie gemütlichere Ausstrahlung hat, stelle ich mir beim Klang dieses Namens unwillkürlich vor. Der auf andere freundlicher und zugänglicher, vielleicht sogar anziehender wirkt als ich hier, als der Typ in der spröden Hauptpersönlichkeit.

Wir sind dann schon zu fünft, fällt mir dabei ein, ich wachse an. Die beiden Typen mit ihren so wichtigen Fahrzeugen, der Herr Buddenblum aus der Arztpraxis, und dann gibt es noch den neulich selbstgeschaffenen Percy Puddletree, der für uns aus der Grand Hall berichtet. Und es gibt natürlich mich, den Berichtenden, der hier gerade sitzt und tippt. Der Autor als Auflauf betrachtet.

Nebenbei auch die Erinnerung an die freundliche Frau in dem asiatischen Restaurant vor längerer Zeit, die meinen Namen bei Reservierungen stets so wiederholte, dass er wie „Buddhabumm“ klang. Auch diese Variante gefiel mir gut.

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Noch passend zu Kikis Text, den ich gestern bereits verlinkt hatte, fiel mir in letzter Zeit anlässlich meines neu und mit Verve belebten Ausgehverhaltens wieder auf, dass ich noch aus der Zeit komme – und es auch mit einer gewissen Nostalgie vermerke – in der man nur in den alleredelsten und allerbeliebtesten Restaurants sicherheitshalber vor dem Besuch Plätze reserviert hat. Jedenfalls dann, wenn man ausgerechnet am Samstagabend hinwollte. Man hat aber keineswegs überall und jederzeit reserviert. Schon gar nicht in Cafés oder Bars, was für ein abgefahrener Gedanke.

Heute aber geht nichts mehr ohne. Man kann sogar mit dem bescheidenen Wunsch nach einem Kaffee und einem Sitzplatz in der Hamburger Innenstadt über erstaunlich weite Strecken scheitern. Wenn man nicht reserviert hat, wenn man nicht in einer längeren Schlange eine Viertelstunde warten oder vor der Tür des Ladens mit all den anderen cornern will.

Aus dem Corner-Alter, so denke ich mir, bin ich allerdings mittlerweile raus. Zumindest bei schlechtem Winterwetter. Ich nehme den Kaffee dann gerne bestuhlt.

In der Bar jedenfalls, in der ich mir gerade Plätze für das nächste Date gesichert habe, stimmt man mit der Reservierung nun auch zwingend einem Mindestumsatz zu, wie ich zur Kenntnis nehmen und brav anklicken musste. Das war mir ebenfalls neu und ist mir so noch gar nicht begegnet. Bisher kannte ich nur verbindliche Zeitfenster aus einigen Restaurants. Die ich aber auch schon seltsam fand: Nach anderthalb Stunden bitte wieder raus mit Ihnen.

30 Euro pro Person muss man in dieser Bar garantiert vertrinken, so läuft es jetzt also. Das wird etwa zwei Cocktails ausmachen, nehme ich an. Dadurch wird dann das berühmte eine Bein, auf dem man bekanntlich nicht stehen kann, nun endlich zur verbrieften Regel.

Zwei Cocktails auf einem Tisch in einer Bar

Auf der Gastro-Seite wird das alles durchgerechnet und sicher auch vollkommen nachvollziehbar sein, daran zweifle ich nicht einmal. Ich bemerke nur das Neue.

Und denke auch kurz daran, wie ich schon einmal geschrieben habe, dass ich irgendwann nachgesehen habe und es nämlich so ist: Seitdem ich in diese Stadt gezogen bin, ist meine gesamte Heimatstadt mir nachgekommen. Also als Zahlsymbol, meine ich. Hamburg ist seitdem um über 250 000 Menschen angewachsen, Tendenz stark steigend.

Und diese Leute wollen eben auch alle in die Bar, in die ich will. Man muss es wohl einsehen, dass es ein Problem ergibt, zumal die Stadtmitte, in der wir alle herumlaufen, sich keineswegs vergrößert hat.

Unweigerlich denke ich aber auch an die Unzahl alter Filme, die ich früher gesehen habe. In denen die meist männliche Hauptfigur damals einfach so und noch in kleidsamem Schwarzweiß mitten in der Handlung in eine schummrige Bar abbog. Weil da gerade eine einladend am Weg lag. Und dann dort spontan etwas trank. An einem Platz am Tresen, der wie selbstverständlich leer war, bis er hereinkam. Wie ging das zu? Das waren doch noch größere Städte, in denen das immer spielte, müsste man sich aus dem Jetzt heraus betrachtet fragen.

Aber wie auch immer. Heute erkundigt sich das bemühte Servicepersonal beim hereinkommenden Philip Marlowe, der den Regen vom Trenchcoat schüttelt, ob er denn reserviert habe, wann seine Gruppe komme, wie lange er zu bleiben gedenke und überhaupt: Wait to be seated.

Um den besagten Herrn Marlowe abschließend zu zitieren: „Ich goss mir so viel ein, bis mein Drink ein Drink war.


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Zwei, drei Links zum Wochenende

Bei Kiki kann ich so ziemlich alles unterschreiben. Und ich möchte den Artikel außerdem ausdrucken, mit dem Füller „Sehr gut!“ an den Rand schreiben, ihn lochen und dann feierlich im Ordner mit dem großen, handgeschriebenen K auf dem Rücken abheften. Mit dem K wie „Krückstockgefuchtel, berechtigtes“.

Und erlaube mir nur noch den kurzen Hinweis, dass der Verlust der Zukunft hier neulich erst vorkam, und zwar als es um das Buch von Andreas Reckwitz ging: „Verlust“. Es fügt sich wieder.

Ein zerstörter Kaugummiautomat

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Nachvollziehbares auch bei der Kaltmamsell:

„Wie sehr Menschen bereit sind, alle möglichen Prozesse, Strukturen und Arbeitsweisen umzubauen, nur damit die Anwendung von LLMs (Large Language Models – das ist meistens gemeint, wenn es “KI” heißt, aber keineswegs immer) reinpasst, ob in der eigenen Arbeit oder auf übergeordneter Ebene. Und wie schnell die meisten bereit sind, bei Skepsis zu Sicherheit und Datenschutz eiligen Versicherungen des Anbieters zu vertrauen.“

***

Außerdem habe ich einen Podcast aus der Reihe „Einfach Antike“ gehört: “Spätrömische Dekadenz – Warum Rom nicht an Moral zugrunde ging“, 28 Minuten.

Gab es nicht im letzten Jahr so ein Meme, dass Männer dauernd an das römische Reich denken? Nein, es ist noch etwas länger her, sehe ich gerade, der Spiegel hat hier die genaue Ableitung des Memes, sogar bis hin zur Quelle in Schweden.

28 Minuten über das Ende des römischen Reichs hörte ich da jedenfalls, gipfelnd in Aussagen über die Ungültigkeit der Annahme dieser im Titel erwähnten und so vielzitierten Dekadenz. Mit einem markanten Schlusssatz zum Merken:

„Es gibt kein einziges historisches Beispiel für ein Reich oder eine Zivilisation, die an einem wie auch immer gearteten sittlichen Verfall zugrunde gegangen ist.“

Das vielleicht mal so abspeichern, es klingt doch ungemein wiederverwendbar.

Halbwegs passend dazu hörte ich dann noch eine weitere Sendung: „Mächtige Mythen – Warum Verschwörungstheorien unsterblich sind“. 46 Minuten beim Deutschlandfunk.

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Der Freundeskreis Bildungsbürgertum kann hier einen kurzen Blick auf die sehr ordentlich wirkende Handschrift von Theodor Storm werfen, dessen Manuskript zu „Bulemanns Haus“ wieder aufgetaucht ist. Wer sich das genauer ansehen möchte, hier auch der Link zum Digital-Archiv mit dem vollständigen Manuskript. Scrollen Sie einmal durch, es ist ziemlich faszinierend. Und es sind erstaunlich wenig Korrekturen darin, das fand ich bemerkenswert. Es gibt ganze Seiten ohne sichtbaren Eingriff – wie isses nun bloß möglich.

Ein abgründiges Märchen ist diese Geschichte von Bulemanns Haus übrigens (hier der Wikipedia-Link dazu). Es ist für alle etwas, die sich für Katzen, Fantasy und Horror interessieren. Es geht allerdings nicht um niedliche Katzen, wie ich vielleicht betonen sollte. Eher im Gegenteil.

***

In der ARD-Audiothek sah ich schließlich nach, was gerade an Hörbüchern angeboten wird. Ich hatte schon eine Weile keines mehr auf den Ohren, ich kam durch meinen allzu großen Podcast-Rückstand ganz davon ab.

Hervorragend und erfreulich, dass dort der „Geschenkte Gaul“ von Hildegard Knef angeboten wird, gelesen von ihr selbst. Es ist eine helle Freude, allerdings eine in gekürzter Version. Mein zweites Hörbuch von ihr ist das, nach dem „Urteil“, und mehr kann es dann leider auch nicht geben, mehr Bücher von ihr gibt es nicht.

Es ist äußerst bedauerlich, denn sie schrieb hervorragend.

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Aged and mellow

Im Rahmen meines bereits erwähnten Ausgeh-Revivals gehe ich mit der Herzdame wieder vermehrt aus, also jeweils im Sinne eines Dates. Auch einmal wieder an der eigenen Frau herumbaggern, so lautete mein Beschluss vor ein paar Wochen, und mit eindeutigsten Absichten wild drauflosflirten. Vermutlich würden es auch Paartherapeutinnen so empfehlen, nehme ich jedenfalls an. Man sollte als alternder Mensch vielleicht auch die beim Flirt notwendigen Fähigkeiten als erhaltenswert deklarieren, finde ich. Nicht nur die routinemäßig erwähnte Gelenkigkeit, das Merkvermögen bei Namen etc.

Wobei diese beiden Punkte in Verbindung mit Flirts auch ihre Berechtigung haben, fällt mir gerade auf. Aber ich schweife ab.

In dieser Reihe waren wir unter anderem in einem indischen Restaurant um die Ecke, von dem ich vorher im Vorbeigehen noch gar keine Notiz genommen hatte. Authentikka in der Lilienstraße, Innenstadt. Wo am Essen und am Service nichts auszusetzen war, das war alles bestens, sehr bemüht und außerordentlich freundlich. Wo wir nur etwas seltsam saßen. Nämlich auf Stühlen oder eher Sesselchen, die in Bezug auf den Tisch dazwischen etwas zu klein geraten waren. Also nur ein wenig zu klein, nur einige Zentimeter, nicht im drastisch auffälligen Bereich. Nur gerade so, dass es sich etwas seltsam anfühlte, etwas unpassend, irgendwie falsch und befremdlich. Vielleicht hatten auch die Herzdame und ich einfach die falsche Größe für dieses Arrangement, das mag sein.

Tisch im Restaurant Authentikka, ein Drink darauf

Jedenfalls saß ich dort mit diesen merkwürdigen, auf einmal nur allzu gut abrufbaren Erinnerungen an Kindertische auf Familienfeiern in den 70ern. An denen man auch oft seltsam verbogen saß und die plötzlich in Foto- und Filmqualität vor meinem geistigen Auge verfügbar waren. Inklusive längst vergessen geglaubter Gesichter aus der Verwandtschaft um mich herum.

In einem Comicstrip über den Abend hätte ich an dieser Stelle vermutlich entgeistert die Erinnerungswolke angesehen, die da spontan aus meinem Hirn emporwölkte.

Was man nicht alles im Körpergedächtnis verwahrt! Auf einmal spürt man die Vergangenheit, als wäre sie jetzt, als sei sie also im Faulknerschen Sinne not even past. Und zwar spürte ich sie in diesem Fall genau in der Höhe, in der die Tischkante meinen Bauch berührte.

Weswegen ich einen nicht eben kurzen Moment lang gedanklich wieder vor Fanta und Frankfurter Kranz saß und auf die spätere Ausgabe von Erdnussflips in großen Mengen hoffte. Es war tatsächlich eine unerwartet plastische Erinnerung. Eine Art Hologramm-Effekt, ein Zeitloch, etwas in der Art, und es war in der Intensität durchaus etwas unheimlich.

Essen im Restaurant Authentikka

Gleichzeitig – man ist eben doch zum Multitasking fähig! – war mir die ganze Zeit bewusst, dass diese Kombination von ausgeprägtem Flirtwillen und merkwürdig unpassender Körperhaltung eindeutig dem Loriot-Humor zuzurechnen war. Der aus kleinen Szenen dieser Art bekanntlich Klassiker gemacht hat, die wir heute noch verehren und teils aufsagen können. Also zumindest die Menschen aus meiner Generation, die sie damals oft genug im Fernsehen gesehen haben.

Wenn man jedenfalls, und das wollte ich nur eben sagen, bei einem Date einerseits plötzlich intensiv über sein Kindheits-Ich nachdenken und diesem hinterherspüren muss, man andererseits aber im Kopf dauernd Drehbuchskizzen für die Neuauflage der berühmten Sketche toter Humoristen entwirft – dann ist man eventuell beim eigentlich geplanten und auch dringend anstehenden Flirt nicht so intensiv bei der Sache, wie es vor Beginn des Abends angedacht war. Denn das Multitasking im Hirn ist zwar möglich, aber doch begrenzt.

Es erwies sich daher als gut und auch entspannend, mit der diesmal angebeteten Frau der Wahl ohnehin längst verheiratet zu sein. So dass ich auf dem Rückweg dennoch ihre per Geschenk lederbehandschuhte Hand wie frisch erobert nehmen und auch küssen konnte, so dass es möglich war, sie auf der seltsam menschenleeren Brücke vor dem Bahnhof im hellen Mondschein der Großstadtnacht einfach zu umarmen. So dass ich schließlich dennoch mit ihr im Bett landete. Wenn auch nur mangels anderer Auswahl in der Wohnung.

Wo sie dann zwar sofort einschlief, denn es war schon spät und am nächsten Tag stand wieder Alltag an, aber gut – es lief immerhin alles einigermaßen konzeptgemäß, cum grano salis. Dachte ich mir. In einer Paartherapie würde man sich da vielleicht Bestätigung für diesen Abend erbitten, nicht wahr. Oder Fleißpunkte und Lob für gemachte Hausaufgaben und umgesetzte Ideen vielleicht.

Oder was man da eben bekommen kann. Ich kenne mich gar nicht aus.

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Zwischenbilanz

Wir haben 4 % dieses Jahres bereits absolviert und ich möchte, im Bemühen, diesmal gerade noch rechtzeitig zu sein, eine kurze Zwischenbilanz ziehen. Nicht wegen der 4 %, das ist eine eher beliebige Zahl, aber doch wegen der bemerkenswerten Tatsache, dass wir also immerhin ein Stück des Jahres schon geschafft haben und es bis jetzt und abgesehen von der Welt- und allgemeinen Nachrichtenlage, versteht sich, so schlecht gar nicht war.

Privat war es bis hier recht okay, dieses 2026. So könnte ich es gerade zusammenfassen, solange ich nicht allzu genau hinsehe. Also zumindest im Vergleich mit den Vorjahren war es okay, auf insgesamt zwar eher niedrigem Niveau, aber eben doch. Das stets angebrachte Relativieren ist schließlich in zwei Richtungen möglich, man kann alles rauf- oder runterdenken, wenn man sich nur genug anstrengt. Wann jedenfalls habe ich das zu einem Jahr sagen können, dass es ganz okay war, wie lange ist das her? Es wird irgendwann präpandemisch gewesen sein, war also in grauer Vorzeit. Vielleicht war es auch noch vor 2015. Ich müsste länger darüber nachdenken, aber das scheint mir wieder gewisse Risiken zu bergen.

Mein Misstrauen bezogen auf das aktuelle Jahr ist nach den letzten paar Jahren selbstverständlich berechtigt groß und 2026 hat auch noch ganze 96 % übrig, um auf mich oder wieder auf uns alle einzuschlagen. Aber ich wollte es doch einmal wieder deutlich genug gesagt haben: Es war ganz okay. Bis hierhin.

Denn es scheint mir weiterhin einen ausgeprägten, allgemeinen und auch längst verstetigten Mangel an positiven Aussagen zu geben. Also bitte, habe ich das auch abgeleistet und meinen Beitrag dazu geleistet. Es scheitert hier schließlich nichts am mangelnden guten Willen, an der Entschließung oder am Mut, wie Kant in etwa gesagt hätte.

Wir verbleiben nun mit der etwas unheimlichen Frage, ob man es sogar bis zu einem zweistelligen Prozentwert heil durch ein Jahr schaffen kann. Vielleicht zumindest in einigen ausgewählten Themenbereichen, die man jetzt etwas glücksspielmäßig durchdefinieren könnte.

Also bis zum, Moment, 5. Februar. Ist das realistisch?

Na, ich werde berichten.

Der Neonschriftzug "Die eigene Geschichte" am Hamburger Hauptbahnhof

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The masquerade is over

Die Temperatur stieg währenddessen um flotte sechzehn Grad an, vom drastischen Minus zum milden Plus. Hier und da kippelt ein Kreislauf, droht eine Migräne, außerdem taut es überall. Es matscht, es verrinnt, es tröpfelt, bröckelt und sackt grau in sich zusammen, was gestern noch die Stadt neu und dermaßen elegant weiß eingekleidet und verhüllt hat. Und wie schön haben wir das gefunden, wie deutlich hat es die Laune gehoben.

Aber jetzt … das altbekannte Wintermonatsgrau dominiert schon wieder. Und dunkler, klammer, abstoßender als je zuvor kommt es uns vor. Es schädigt das Stadtbild bis zur Unkenntlichkeit, ungemein hässlich wirkt alles auf einmal, unansehnlich, grässlich und gemein. Unter dem alles bedeckenden, nur zögerlich vergehenden Modder die tückischen Glatteisreste. Überfrierende Nässe, wie es in den Nachrichten heißt, in denen es auch um liegengebliebene S-Bahnen, gesperrte Autobahnen, aufplatzenden Asphalt, Rückstaus, überlastete Ausweichstrecken und andere Probleme geht.

Stellen auf den Fußwegen, die unvermutet schlittschuhglatt sind, die den Passanten bei unbedachten Schritten ans Leben wollen. Dabei fallen von oben letzte Eisbrocken, manche groß wie Bowlingkugeln, von den Dächern zwischen die zur Seite springenden Menschen. Halbgeschmolzenes sabbert einem unentwegt in den Nacken, wenn man einen Moment zu dicht an den Häusern stehenbleibt.

Der Hansaplatz unter Schneeresten

„Schmelzwasser dringt auch in Wohnungen ein“, heißt es außerdem drohend im Radio. Immer beklommener betrachtet man am Abend die Decke über dem Sofa.

Die Stadt legt die ungewohnte, nur geliehene Edelverkleidung hastig ab und präsentiert sich wieder im betont gewöhnlichen, vollkommen freudlosen Januarkostüm, wie wir es seit vielen Jahren kennen. Auf sämtlichen Gesichtern sieht man den hier allgemein üblichen Gesichtsausdruck, standard-unfroh.

I’m afraid the masquerade is over – aber immerhin gibt es für alles einen passenden Song.

***

Da gestern gerade Bruce Chatwin bei mir vorkam und er passend dazu am Nachmittag im öffentlichen Bücherschrank stand, ich ihn aber nicht gut kenne, lese ich zwischendurch etwas bei ihm nach. Eine mir sozusagen zugeworfene Weiterbildung ist dies. Ich lese da auch gerne rein, zumal mir der Titel des Buches ebenfalls gut passt. Den kann man sich an nahezu jeder Stelle des Alltags zur Wiedervorlage hinpinnen: „Was mache ich hier“. Zweifellos eine immer wieder abgründige Frage.

Über die man auch nicht an jedem Tag nachdenken darf, Vorsicht bei der Wahl der Gemütslage.

Es war dies sein letztes Buch, er hat es kurz vor seinem Tod zusammengestellt. Und man versteht beim Lesen immerhin schnell, was seinen Ruhm damals ausgemacht hat. Als ihn noch alle gelesen haben und er in jedem WG-Bücherregal zuverlässig zu finden war, mit seinen Werken über Australien und über das Reisen. In der Wikipedia sehe ich, dass es auch Kritisches zu ihm und seinen Reisebüchern anzumerken gibt oder gab, das war mir entgangen.

Andererseits: Zu wem wäre nicht Kritisches anzumerken. Ich könnte auch jederzeit zu mir selbst Kritisches anmerken, und wie ergiebig wäre dieses Thema.

***

In der SWR-Essay-Reihe hörte ich eine Folge, 46 Minuten lang, über ein Gedicht, nämlich über Robert Frosts so berühmtes „Stopping by Woods on a Snowy Evening“. Eine Sendung von Jürgen Kaube, angenehm ausführlich geschrieben, saisonal gerade noch passend und knapp rechtzeitig vor vergehender Schneekulisse gehört.

Auf YouTube gibt es den Originalvortrag von Frost. Es ist ein Gedicht, das man öfter hören kann, zumal er es genau so liest, wie ich es richtig finde, was nun keineswegs selbstverständlich ist. Wir hatten das schon einmal, Gottfried Benn etwa las seine eigenen Gedichte damals ganz falsch. Also aus meiner Sicht.

Der Herr Frost aber – perfekt.

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Alle an Bord holen

Vorweg herzlichen Dank an zwei Leserinnen, die Bücher geschickt haben. Zum einen Daniel Schreiber mit seinem aktuellen Bestseller-Werk „Liebe! Ein Aufruf“, hier der Link zur Verlagsseite mit der Beschreibung. Und zum anderen Thomas Bernhard mit  „Wittgensteins Neffe“, auch hier der Verlagslink dazu. Auf dem Buchrücken ein Zitat von Reich-Ranicki: „Nie hat Bernhard menschenfreundlicher, nie zärtlicher geschrieben.“ Wodurch der Bernhard auf subtile Weise zum Schreiber zu passen scheint.

Vielen Dank!

Ansonsten war ich auf der Party eines lieben Menschen im Stadtteil. Wie ohnehin meine Ausgeh-Offensive … aber nein, wir sollten von solchen Formulierungen vielleicht allmählich Abstand nehmen, sollten wir nicht? Wie also mein großes Ausgeh-Revival, welches ich in fast fuchsmäßiger Schlauheit schon im Dezember begonnen habe, damit es sich nicht etwa schal und abgeschmackt nach räudigem, nur routinemäßigem Neujahrsvorsatz anfühlt (was ich nun übrigens für einen empfehlenswerten Trick halte), schon nach wenigen Wochen recht ertragreich ist. Und also erst einmal emsig und wie immer stets bemüht fortgesetzt wird.

Ich war in diesem Zusammenhang in den letzten Wochen in mehreren mir neuen Restaurants, auch in Bars, in einem Jazzclub sogar, in einem Klassikkonzert, im Theater und dazu noch in Cafés verschiedener Ausprägung, in denen ich jeweils vorher noch nie war. Ich habe außerdem für zwei Events, die demnächst erst stattfinden werden, bereits Konzertkarten erworben. Es läuft also.

Und ich werde berichten, versteht sich. Wobei zwei, drei Termine hier noch nachzuholen und etwas aufzubereiten sind, fällt mir gerade auf. Man muss sich selbst auch noch hinterherkommen können.

Auf einer Party war ich jedenfalls, das wollte ich sagen, auf der viele Menschen waren, die ich nur halb oder auch nur viertel kannte. Die auch mich nur etwa halb kannten, vielleicht nur vom zwei-, dreimaligen Sehen. Menschen etwa, die man nur ein paarmal morgens an der einen Ampel gesehen hat, weil man eine Weile einen ähnlichen Rhythmus in seinen Tagen hatte. Weswegen man zumindest weiß, dass die auch hier irgendwo wohnen werden. Oder die beim Bäcker schon fünfmal neben einem nachmittags vor der Theke standen, wobei man sogar auch schon einmal einen Satz gewechselt hat: „Wie kann denn die Brotschneidemaschine schon wieder kaputt sein!“

Man weiß dann, dass es diese Menschen gibt. Dass es zumindest einen lokalen Bezug gibt. Aber viel mehr weiß man nicht über sie.

Oder jene Menschen, von denen man halbwegs sicher weiß, dass sie X oder Y kennen oder mit denen verwandt sind. Und X oder Y, die wenigstens kennt man! Oder meint zumindest, sie zu kennen. Auch dies sind Menschen, die man außerhalb des gewohnten Kontextes oft nur schwer spontan zuordnen könnte.

Vor allem wenn man einige Schwierigkeiten mit Gesichtern hat, wie ich. Und tendenziell niemanden mehr erkennt, der auf einmal eine bunte Mütze trägt, sonst aber nicht. Oder der sich die Haare gerade anders als sonst gefärbt oder abgeschnitten hat. Es ist manchmal etwas anstrengend.

Es geht aber nicht nur mir so, habe ich an diesem Abend wieder gemerkt, und das ist immerhin tröstlich. Auch andere raten in solchen Runden nur so herum. Sie geben waghalsige Tipps ab, schätzen schlicht auf gut Glück. Ich fand es erleichternd, dies erneut festzustellen.

Und wurde also etwa angesprochen mit „Du bist doch der mit der Vespa?“ Und als das kein Treffer war, dann auch mit „Oder bist du der mit dem Bulli?“

Dabei bin ich doch der mit … ja, womit eigentlich. Am ehesten bin ich der mit dem Blog, würde ich mich selbst charakterisierend wohl sagen, es beschreibt doch einiges an mir, denke ich. Mein Auto würde mir eher nicht einfallen. Obwohl „Ich bin der mit dem stark verbeulten Uralt-Auto, das unter dem Dreck einmal rot war“ natürlich auch etwas aussagt, es stimmt schon. Aber ich bin im letzten Jahr nur etwa viermal Auto gefahren. Als typbestimmend möchte ich es ernsthaft nicht durchgehen lassen.

Ich denke nun ein wenig über meine Alternativpersönlichkeiten nach, denn ich hätte ja auch die beiden anderen sein können. Ich hätte der mit der Vespa oder der mit dem Bulli sein können. Man sieht es mir an, man spricht mich darauf an und traut es mir also zu: Ich wirke wie die. Sie müssen in einem gewissen Sinne zu mir passen, diese beiden anderen Möglichkeiten.

Ich führe daher im Geiste Gespräche mit meinen beiden Alternativ-Ausprägungen, es ist erstaunlich spaßig und man braucht nur ein wenig Fantasie und Vorstellungsvermögen. Und in psychologischer Hinsicht ist es hoffentlich noch unbedenklich. Der mit der Vespa, stellt sich in diesen übrigens betont freundlich geführten Gesprächen heraus, er ist jedenfalls etwas cooler als ich. Er hat z. B. nicht nur eine Vespa, er hat auch eine Band gegründet, guck an, und sie ist nicht einmal ganz erfolglos. Er schreibt die Texte der Songs, das allerdings überraschte mich dann nicht.

Der mit dem Bulli wiederum, der hat nennenswert mehr erlebt als ich, man könnte auch sagen: dramatisch mehr. Er muss auch bald schon wieder los, und diesmal rauf ins Baltikum. Für irgendein Projekt, denn er macht beruflich etwas mit Reiseberichten und Erlebnisbüchern. Eine Art norddeutscher Bruce Chatwin im kleineren Format.

Ganz ohne Drogen kann ich sie führen, diese Dialoge mit den diversen Multiversumsvarianten meiner selbst. Ich sollte das vielleicht betonen, bevor ich in den Kommentaren nach den richtigen Pillen oder Pilzen für solche Trips gefragt werde. Ich kenne mich auch mit Trips gar nicht aus. Da müsste ich erst den mit dem Bulli fragen, der könnte es wohl wissen. So vom Typ her.

Keines von beiden habe ich jedenfalls je gefahren. Keinen Bulli, keine Vespa.

Ich könnte aber, denn in der Hinsicht bin ich selbst mit fast 60 noch jung genug und kann mir außerdem schon wieder ein passendes Drehbuch dazu vorstellen, beides durchaus noch verwirklichen, sogar demnächst. Ich müsste es nur dringend wollen.

Es wäre auch leicht erreichbar, was ist schon dabei. Das sind beides nur Fahrzeuge, und es sind solche, die man legal erwerben und fahren kann. Doch, ich könnte beides ernsthaft noch verwirklichen, Bulli und Vespa. Und könnte so zwei weitere meiner Parallelweltpersönlichkeitsmöglichkeiten mit mir vereinen. Ich könnte auf diese Art vielleicht seelisch etwas kompletter werden. Alle an Bord holen, endlich halbwegs heil werden. Ein besonders faszinierender Gedanke.

Aber wie auch immer, es wird gerade Tag, und da gehen wir erst einmal unterschiedlichen Berufen nach, wir drei.

Das beleuchtete Schild einer Kneipe: Max & Consorten

Man denkt jedenfalls eine Weile so im Kreis herum, nachdem man abends auf einmal wieder unter etlichen Menschen war.

Sie kennen das bestimmt.

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Wintermärchen, updated version

Gehört habe ich die Lange Nacht über Heinrich Heine in der ARD-Audiothek. 159 interessante Minuten: „Aus meinen großen Schmerzen mach‘ ich die kleinen Lieder.“

Man könnte auch mal wieder Heine lesen, fällt einem dabei ein. Also mir jedenfalls, und ich lege ihn mir erneut auf dem Nachttisch zurecht, das ist überhaupt eine gute Idee. Und er passt auch in diese Jahreszeit, wurde er doch unter anderem durch „Deutschland, ein Wintermärchen“ unsterblich.

Heine-Vertonungen werden auch in der Sendung erwähnt. Der verdienstvolle Reinhard Repke mit seinem Club der toten Dichter kommt dabei aber nicht vor. Dabei haben sie mit Dirk Zöllner ein Heine-Album gemacht, wovon ich immerhin ein Lied hier zeigen kann. Und es ist sogar eines der besten daraus, „Ich hab im Traum geweinet“:

Ich habe es schon oft geschrieben, aber ich wiederhole es doch, wenn Sie Reinhard Repke mit Truppe irgendwo angekündigt sehen, gehen Sie bloß hin. Die Abende, aktuell sind es Morgenstern-Vertonungen, sind wunderbar.

Ich wiederhole mich einfach weiter, pardon, das ist bei Heine und mit öfter der Fall, wie langjährige Leserinnen wissen. Vielleicht aber gibt es zwei, drei neue Leserinnen (besonders herzliche Grüße nach Bonn, by the way), die noch nicht alles kennen, was ich hier regelmäßig oder gar reflexmäßig von mir gebe.

Deswegen noch einmal die mir allerliebste Heine-Gesangsversion, welche Esther Ofarim vor Jahren eingesungen hat, eine Variante seines Gedichtes „Kinderspiele“. Mit den unvergesslichen Zeilen:

„Vorbei sind die Kinderspiele

Und alles rollt vorbei

Das Geld und die Welt und die Zeiten

Und Glauben und Lieb und Treu.“

Man möchte aus dem Schaukelstuhl heraus weise nicken.

Es ist dazu ein Gedicht, das wir gerade in diesem Jahr des großen, globalen Analogtrends und der bereits zur Hippness eskalierten Nostalgie vermehrt hören, lesen oder gerne auch wieder aufsagen können.


***

Am Hamburger Rathaus aber steht dauerhaft der große Heine aus Bronze und sieht in diesen Tagen mit den um den Leib geschlungenen Armen ein wenig so aus, als würde er in seinem vermutlich zu dünnen Mäntelchen frieren. Dabei blickt er grüblerischen Blickes auf Hunderte kleiner Schneemänner auf dem Rathausmarkt. Denn diese Stadt hat es gerade mit den saisonalen Figuren.

Nachdem jemand an der Krugkoppelbrücke etliche besonders liebevoll inszenierte Miniaturschneefiguren zerstört hat, wurden sie dort mit großer Beteiligung neu geformt, und auch an anderen Standorten wurde dieses Wintervergnügen daraufhin auf einmal zum Trendsport.

Was in erstaunlicher Fortsetzung der bereits gestern angerissenen Stimmungsausnahmesituation dazu führt, dass da also etliche Menschen aller Altersgruppen begeistert im Schnee knien und versonnen Figürchen formen. Während etliche andere vorsichtig durch die Reihen der fertig geformten Schneeskulpturen spazieren, Fotos und Filme machen, sichtlich gerührt sind und sich gegenseitig die schönsten Exemplare zeigen.

Dieser Wintereinbruch ist das mit Abstand kälteste Wetter-Event seit vielen Jahren, aber er scheint die Stadt seltsam aufzuwärmen, so viel steht fest.

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