Vorfrühling

Auf dem Weg zur Arbeit liegen wieder Bücher am Straßenrand, Dürrenmatt, Kafka und irgendwas über Microsoft Projects, dazu ein rückenschiefes Englisch-Deutsch-Lexikon. Die Taschenbuchausgabe von “Der Richter und sein Henker” ist genau die, die ich auch damals in der Schule lesen musste, da hat vielleicht jemand aus meiner Generation dann doch noch seine Schulbücher entsorgt.

Mir kommen morgens die ersten Menschen im T-Shirt entgegen, Frühlingserwachen. Ich habe gestern bereits das Ende der S-Bahn-Saison beschlossen und gehe jetzt wieder zu Fuß zur Arbeit und zurück, quer durch St. Georg und Hammerbrook, ein Weg bar jeder Schönheit und durch städtische Stiefgegenden, ungeliebt, vernachlässigt und verbaut, Einfallstraßen, Ausfallstraßen, aber hey, es geht um meine Bewegung. Neben, vor und hinter mir gehen zahllose Menschen zur Arbeit, wirklich erstaunlich viele, und sie gehen aufrechter als sonst, weil sie sich nicht mehr unter der Kälte wegkrümmen müssen, weil es gerade einmal ein paar Stunden nicht regnet und weil es auch fast schon hell ist, nehme ich an. Manche sehen geradezu gutgelaunt aus, als gäbe es in Hammerbrook Lustbarkeiten und Kurzweil, nicht nur die grauen Verwaltungszentralen großer Konzerne und acht oder mehr Stunden Bürozeit.

An der großen Kreuzung zwischen den beiden Stadtteilen nageln die Autos vielspurig an den Ampeln vorbei, über die Köpfe der dort gerade wartenden Passantenschar rauscht die aufgeständerte S-Bahn weg, es ist laut und dreckig und betonöde, aber es ist doch irgendetwas in der Luft, es ist nicht zu überfühlen, irgendwas, das die Stimmung hebt.

Und drüben auf dem brachliegenden und martialisch eingezäunten Gelände des ehemaligen Autohändlers, wo neulich noch die Obdachlosen aus Osteuropa im jetzt abgeräumten Sperrmüll übernachtet haben, da wächst ein arm Kräutchen hellgrün aus dem steinigen Boden. Ganz klein noch.

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Beifang vom 02.12.2016

Die Kaltmamsell erwähnte hier das Wort Crooning, zu dem man vermutlich eine gewisse Vorstellung hat, in der Frank Sinatra oder Bing Crosby vorkommen dürften – es ist aber auch interessant, das einmal en detail in der Wikipedia nachzulesen. Da kann man noch etwas lernen. Ich zumindest habe das nicht ganz so genau gewusst.

Noch schnell ein ganz kurzer und eher eher tröstlicher Rückgriff auf den November, also auf damals, vor zwei Tagen. Der November wirkt bei mir noch etwas nach, ich war gestern mit einer langjährigen Freundin aus, um auf all das Scheitern in diesem Jahr anzustoßen, wir hatten beide Gründe, wer hätte sie nicht. Das könnte doch eine wunderbare Tradition werden, so an der Nahtstelle zwischen November und Dezember: Ein kleines “Fail-Better-Drinking”, mit ein paar gepflegten Drinks auf all das, was man in diesem Jahr versemmelt, an die Wand gefahren, ruiniert, verloren und vergeigt hat, auf das, was man warum auch immer doch wieder nicht angefangen, nicht gemacht oder nicht gewagt hat. Ein Drink, ein Toast, “To absent chances” oder so, und dann kann man mit all dem auch friedlich abschließen und sich voller Schwung in die nächste Runde werfen. Je länger ich darüber nachdenke, desto besser gefällt mir der Gedanke. Ich mag Rituale, an irgendwas scheitert man eh immer und gemeinsam trinkt es sich schöner. Den Termin für 2017 könnte man eigentlich schon festlegen, da ist man dann auch gleich wieder konstruktiv. Vielleicht sogar in größerer Runde?

Dahinter passt natürlich nur noch ein Lied mit einer ausdrücklich positiven Botschaft, nicht wahr. Überzeugend vorgetragen von einer sozusagen bunten Truppe voller Anmut und Fröhlichkeit. Anmoderiert von Ray Cokes, die Älteren erinnern sich. Und wer hat’s geschrieben? Der Nobelpreisträger himself, genau. Schon wieder was gelernt.


Und morgen finde ich dann auch wieder Links ohne jeden morbiden Beiklang, ich bin da voller Zuversicht.