Gehört (2)

Wenn man erst einmal anfängt, auf Dialogtrümmerstücke im Vorbeigehen zu achten, dann kommt man aus der Nummer natürlich wochenlang nicht mehr raus.

Zwei Damen stehen vor dem Lidl im kleinen Bahnhofsviertel, sie tragen orientalische Gewänder, mir fehlt die Kenntnis, sie souverän einem Land oder einem exakter gefassten Kulturkreis zuordnen zu können. Sie reden arabisch, zumindest klingt es für mich so, aber was weiß ich schon, das ist im Grunde alles ungenau, sträflich ungenau. Sie reden jedenfalls, so viel steht zweifelsfrei fest, sehr schnell und ich verstehe, das steht auch fest, nichts. Außer genau einem Wort, das sie mehrmals sagen, das aus ihrem Dialog herausfällt. Es ist ein deutsches Wort, ein Fremdwort also aus ihrer Sicht: “Eisbergsalat.” Ich höre etwas irritiert hin, aber es ist tatsächlich, wie es ist, es ist Eisbergsalat, das wird sehr präzise ausgesprochen. Warum auch immer. Kennt man Eisbergsalat auf der arabischen Halbinsel? Und wo ich das so schreibe, kommt mir das Wort auf einmal selbst immer seltsamer vor, Eisbergsalat, ich habe es direkt gegoogelt, man will ja auch keinen Blödsinn schreiben, jedenfalls nicht unabsichtlich. Aber doch, der heißt wirklich so, der Salat. Angeblich sagt man auch Eissalat, das habe ich aber noch nie gehört, Eissalat, da denke ich eher an Schokolade, Erdbeer, Vanille, ein kindgemäßer Salat. Und warum heißt der Eisbergsalat so? Weil er früher mal auf Eis in Zügen an die amerikanische Ostküste transportiert wurde. Echt. Wieder was gelernt.

Das häufigste deutsche Wort, das mir sonst in fremdsprachigen Gesprächen etwa in der Bahn auffällt, ist mit Sicherheit “Schlump”, also die Hamburger U-Bahnstation. Schlump, mit ohne F am Ende. Ein so markantes Wort, man erkennt es immer, selbst wenn es sich in einem langen chinesischen Satzstrom verbirgt. Auf dem zweiten Platz vermutlich “Altona”, ein einladendes und wohllautendes Hamburger Wort, das man in vielen Sprachen gut aussprechen kann. Und dann noch “Habanoff”, also die gängige Bezeichnung für den Hauptbahnhof unter sämtlichen Touristen aus dem Ausland, eine Bezeichnung, die übrigens nett und faszinierend von der Bezeichnung abweicht, welche die Mitarbeiterinnen des Hamburger Verkehrsverbunds dort lässig in die Mikros nuscheln: “Habuff.”

Und sonst?

“Wenn da zu ist, dann gehen wir eben irgendwo Kaffee trinken und Kuchen essen.”

“Kuchen essen! Oh ja, Kuchen essen. Kuchen essen ist gut.”

Da geht man vorbei, hört das und nickt, bekommt plötzlich selber Hunger und guck, da hinten ist ja eine Bäckerei. Oder: Wie ich endlich mal wieder zu einer Rumkugel kam, einer stark überteuerten Rumkugel allerdings, vor deren Preis ich missbilligend stand und gerne mit dem Krückstock gefuchtelt hätte: “Ein Euro fuffzich! Früher war das mal Billigkuchen! Aus Resten wurden die gemacht! Aus abends zusammengefegten Resten! Wir haben damals nämlich noch Kuchen aus Resten gegessen, wissense, dauernd haben wir den gegessen, wir hatten ja nichts! Und hat es uns geschadet?” Egal. Geschmeckt hat die Kugel trotzdem.

Man muss aber im Vorbeigehen auch nicht alles verstehen:

“Die Schweiz ist ja neutral. Aber wenn es mal Krieg mit der Schweiz gibt, die fickt jedes Land.”

“Echt.”

Anderes leuchtet viel eher ein, besonders wenn die Sprechenden noch Kinder sind:

„Ich wollte immer ein Tier sein, weil Tiere sich nicht die Zähne putzen müssen.“

“Klar.”

Und manches, was man im Vorbeigehen hört, hat musikalische Erinnerungen zur Folge, die einen tagelang nicht mehr loslassen:

„Papa, wo fliegen wir hin?“

„Nach Kanada. Das weißt du doch.“

Gehört

Ich gehe um die Alster, weil ich es nach wie vor doof finde, um sie herumzulaufen, mit dem Laufen werde ich einfach nicht mehr warm. Laufen fühlt sich doof an und sieht doof aus, Laufen ist abzulehnen. Aber Gehen ist okay, sehr schnell zu gehen ist auch okay und bitte, das ist immer noch besser als gar kein Sport.

Ich gehe an Leuten vorbei, die irgendwas reden, bei manchen versteht man einen Satz, zwei Sätze, einen Dialogfetzen. Ich drehe mich nicht um, ich versuche nur, mir die Sätze zu merken, wenn ich sie gut finde. Ich weiß nicht, wie die Leute aussehen, ich habe nur ihre Rücken gesehen.

“Wie rechnest du das?”

“Ich rechne mathematisch.”

“Das kommt aber wirtschaftlich nicht hin.”

Manches natürlich furchtbar banal, manches auch so, dass man eine Geschichte wissen möchte oder sich gleich eine ausdenkt. Herbstlicht, die Alster glitzert. Gar nicht wenige stehen einfach um Ufer und gucken.

“So ein schöner Ausblick.”

“Ja, klar. Ich meine, das weiß man doch.”

Andere gehen um die Alster herum, wie man es eben macht, wenn man Hamburger ist oder auch nur in Hamburg ist.

“Gehen wir jetzt ganz rum?”

“Alter, spinnst du?”

Es gibt Bücher von Wolfdietrich Schnurre, die nur aus Dialogen bestehen,es gibt keinen einzigen Satz der Beschreibung darin. Da reden Kinder mit Erwachsenen, da reden Paare über ihre Beziehung, das sind teilweise ziemlich bittere Texte, wenn ich es richtig erinnere (“Ich frag ja bloß” und “Ich brauch Dich”, die sind vermutlich gar nicht mehr lieferbar). Ich müsste die noch einmal lesen, ich habe sie als sehr gut in Erinnerung.

“Ich habe es ja irgendwie im Urin, dass …”

“Igitt.”

Was ich sagen wollte. Das ist ein schöner Spaß, so herumzugehen und Dialogsplitter zu sammeln. Als ich vor hundert Jahren anfing zu bloggen, wollte ich daraus mal eine Rubrik machen, dazu kam es nie.

“And do you know any German words?”

“I know Hundescheiße.”

Aber vielleicht kommt das ja doch noch.

“Ich wäre jetzt bereit für den zweiten Bildungsweg.”

“Du bist achtundsiebzig!”

Was schön war

Die junge Frau vor mir an der Kasse des sehr großen Supermarktes hatte russische Süßigkeiten und Wodka auf das Förderband gelegt. Die Kassiererin zog die Packungen erst achtlos über den Scanner, sah dann doch noch einmal genauer hin, murmelte die Markennamen mit einem Anflug von Wehmut in der Stimme und nickte. Den Preis des Einkaufs nannte sie der Kundin in fließendem Russisch. Die Kundin sah sie irritiert an, die Kassiererin wiederholte die russischen Sätze etwas lauter und hängte auch gleich noch ein paar dran. “Nein”, sagte die Kundin und lachte, “ich bin nicht aus Russland. Ich kaufe das einfach nur so.”

Die Kassiererin schüttelte irritiert den Kopf, zog die Augenbrauen hoch, sah die Einkäufe an, sah die Kundin an. Und sagte dann freundlich auf Deutsch: “Na, aber Sie trinken Wodka, das ist doch … immerhin!”

 

Die Kaffeehörerin

Ein paar Kategorien können hier etwas Wiederbelebung vertragen, beispielsweise die mit dem Titel “Hochgucken”.Da ging es um das, was man sieht, wenn man nicht auf sein Handy sieht, was sich besonders in Kassenschlangen, an Ampeln, auf Rolltreppen oder in der S-Bahn anbietet. Weswegen ich also morgens auf der Fahrt zur Arbeit wieder öfter Leute anstarre, nicht die Timelines. Gestern morgen hat die Dame, die mir in der S-Bahn gegenüber saß, ihren Coffee-to-go-Becher hochgehoben, an ihr Ohr gehalten, eine Weile gelauscht und dann lächelnd genickt. Das war eine ganz normale Dame, Business-Outfit, Notebooktasche, Handtasche, alles eher etwas schicker als der Durchschnitt. Ich selbst hatte keinen Kaffeebecher zur Hand, ich kaufe ja seit einer Weile keinen Mitnehmkaffee mehr, weil Umwelt. Stimmt gar nicht, zwischen den Jahren habe ich mir doch einmal einen gekauft, aber das war nur ein kleiner Rückfall, so etwas kommt vor, Raucher und Trinker verstehen das. Im Grunde bin ich clean.

Hätte ich aber einen Kaffeebecher in der Hand gehabt, ich wäre sehr in Versuchung gewesen, auch einmal kurz zu lauschen, man muss doch immer neugierig bleiben. Macht Kaffee im Becher überhaupt irgendein Geräusch? Platzen die feinen Milchschaumbläschen vielleicht leise ploppend, als würden winzigkleine Wesen genüsslich winzigkleine Luftpolsterfolienbläschen zerdrücken? Spricht der Kaffee auf diese Art flüsternd zu uns, wenn wir nur offen genug sind? Letztlich ist unsere Wahrnehmung bei so etwas eh nur ein Zucken des Unterbewusstseins, genau wie bei allen anderen Orakeln. Das funktioniert auf viele Arten, Kristallkugeln folgen auch nur diesem banalen Prinzip, man starrt ins Ungewisse und sieht irgendwann irgendwas, weil das Unterbewusstsein sich langweilt. Das wusste die Dame vielleicht, das gehört ja auch zur Allgemeinbildung. Und verrückt sah sie wirklich nicht aus, sie wirkte im Gegenteil ziemlich sortiert, wach und zurechnungsfähig.

Vielleicht brauchte sie nur gerade dringend eine Antwort auf etwas und hatte keine Münze, um sie zu werfen. Außerdem ist Münzenwerfen in der S-Bahn auch so eine Sache für sich, am Ende ruckelt die Bahn im falschen Moment, die Münze rollt durch den Wagen und man erregt unfreiwillig Aufsehen, dabei wollte man nur ganz simpel ein Ja oder ein Nein. Vielleicht war ihre Frage komplexer und nicht einfach mit zwei Möglichkeiten zu beantworten, so eine Münze ist eine Entscheidungshilfe mit begrenzten Möglichkeiten. Ein Becher, der irgendwas murmelt, wie früher die Bäche oder die raunenden Brunnen, der ist da schon ergiebiger, das kann man sich doch gut vorstellen. Und dass man am ersten Werktag des Jahres auf dem Weg ins Büro die eine oder andere nagende Frage in sich verspürt, das kann man sich auch gut vorstellen, das kann ich mir sogar sehr gut vorstellen. Als halbwegs phantasiebegabter Mensch verstand ich also die Dame nach einer Weile recht gut, man muss sich manchmal nur ein wenig einfühlen. Ich habe es jedenfalls bedauert, nicht auch spontan an einem Becher lauschen zu können.

Andererseits hätte es die Dame vielleicht gekränkt, wenn ich sie so mit dem Becher am Ohr nachgemacht hätte, das hätte auch wieder unangenehm werden können. Obwohl ich sie mit meinem eigenen Becher am Ohr natürlich nur in bester Absicht ausdrücklich ernstgenommen hätte, aber ach, das wäre alles kompliziert gewesen. Auch in dieser Hinsicht hat es sich bewährt, keinen Coffee-to-go mehr zu kaufen, das war ein guter Entschluss, der sei hier noch einmal zur Nachahmung empfohlen.

Neulich habe ich übrigens, jetzt folgt eine Erzählung, die sehr ausgedacht klingt, aber vollkommen wahr ist, irgendwo etwas über die Bibliomantie gelesen (in dem verlinkten Wikipedia-Artikel kommt das schöne Wort Homeromantie vor, ist das nicht toll? So ein großartiger Begriff.). Ich weiß gar nicht mehr, wie ich darauf kam, vermutlich durch die Bücher von Alberto Manguel, es fällt mir jedenfalls bei Orakeln gerade wieder ein. Bibliomantie, also das Wahrsagen oder Orakeln mit Büchern, ist im letzten Jahrhundert aus der Mode gekommen, das macht man heute nicht mehr.

Ich habe es nach der Lektüre natürlich dennoch sofort gemacht, ich funktioniere da verlässlich, ich mache jeden Unsinn mit, wenn ich dafür nicht vor die Tür muss. Da nichts anderes in der Nähe lag, schon gar kein Homer, habe ich einfach einen der hier überall herumfliegenden Comics von Sohn I an beliebiger Stelle aufgeschlagen, meinen Finger ohne hinzusehen auf die Seite gelegt und dann gelesen, was da stand. Und da stand, meine Damen und Herren, es ist wirklich wahr: “Die Bewegung zur Herstellung der Harmonie ist gescheitert.” Das war noch im Jahr 2016, an das wir uns alle so ungern erinnern, und es war ein wirklich passender Orakelspruch für dieses elende Jahr, wenn auch kein wahnsinnig hilfreicher. Aber damit gab es damals in Delphi auch schon immer Probleme.

Das mache ich 2017 jedenfalls nicht noch einmal, wollte ich sagen, so genau will ich es vorher gar nicht wissen. Sonst ist der Comic, den ich dann greife und aufschlage, nachher zufällig ein Lustiges Taschenbuch mit Donald Duck oder so, und in der Sprechblase,, auf die der Finger zeigt, steht nur irgendwas wie “Ächz” oder “Würg”. Und dann steht man schön blöd da mit seinem Orakelspruch für 2017.

Egal. Jetzt Brandsalbe aufs Ohr.

Am Atlantic vorbei

Wenn ich spazierengehe und gleich vor der Tür runter zur Alster abbiege, komme ich unweigerlich am Atlantic vorbei. Das ist ein altes Fünfsternehotel, das seit Jahrzehnten popkulturell belagert wird, weil man bei seinem Anblick sofort an Udo Lindenberg denkt, der dort zeitweise residierte oder es immer noch tut. Ja, der es vermutlich immer noch tut, jedenfalls sehe ich den Lindenberg öfter hier herumlaufen, da wird also irgendwo noch sein Nest sein, in diesem wunderschönen, weißen Hotel. Nach einer alten Regel wird in jeder Pressemeldung zu Udo Lindenberg immer auch das Atlantic erwähnt – und umgekehrt. Das sind feststehende Wendungen, die lernt man schon im Volontariat. Wenn man junge Journalisten mitten in der Nacht weckt und überraschend fragt, wo der Lindenberg wohnt, dann rappeln die das flüssig runter, dabei müssen sie nicht einmal nachdenken. Selbst wenn sie Lindenberg gar nicht weiter kennen.

Sicher sind im Atlantic, wie in jedem anderen Grandhotel auch, viele, viele Geschichten passiert, es sind immerhin nahezu alle prominenten Figuren aus den letzten Jahrzehnten dort abgestiegen, mit einem recht hohen Anteil von Präsidenten und anderen Weltpolitikern, aber zwanghaft assoziiert man mit diesem Haus immer nur und immer wieder: Udo Lindenberg. “Der wohnt doch im Atlantic, was? Bei euch da?” Ja doch. Wenn Obama morgen ins Atlantic käme, man würde sich nicht fragen, was er in Hamburg macht, man würde sich fragen, ob er den Lindenberg besucht.

Ich finde Udo Lindenberg weder gut noch schlecht, er ist mir eher egal, was nicht einmal abwertend ist, aber man kann sich nun einmal nicht für alles interessieren. Da muss man Prioritäten setzen, ganz ohne Aggression, da muss man sich irgendwann entscheiden und etwa sagen: “Kreuzworträtsel, Pferdezucht und Lindenberg sind eher nicht so meins.” Das ist dann nicht böse gemeint, das spart einfach Zeit.

Aber immer, wenn man da am Atlantic vorbeigeht: Udo Lindenberg. Man überholt Touristen, die mit dem Reiseführer in der Hand vor dem Haus stehen und darauf zeigen und was sagen die gerade: “Da wohnte doch mal der Udo Lindenberg? Oder immer noch?” Ja, ich weiß. Wenn man zur Abwechslung am Gebäude hochsieht, sich konzentriert die schmucke Fassade und die Figuren auf dem Dach besieht und sich phantasiereich ausmalt, was hinter diesen Fenstern wohl schon alles passiert sein mag – dann rennt man den Herrn Lindenberg fast um, weil er gerade aus dem Haupteingang kommt und man nicht aufpasst wo man hingeht, vor lauter Lindenbergvermeidung. Und dann steht er vor einem und sieht so aus, wie er unweigerlich immer aussieht, das Bild hat vermutlich jeder im Kopf, weil er nur in genau einer Version vorkommt, er ist so udolindenbergmäßig Udo Lindenberg, wie es überhaupt nur vorstellbar ist. Und er sagt dann auch noch so etwas wie “Null Problemo” oder “Alles klar auf der Andrea Doria” oder dergleichen, wenn man sich bei ihm fürs Anrempeln entschuldigt, weil er wirklich so spricht, wie man sich das vorstellt. Genau wie der Lindenberg eben. Alles lässig dahergenuschelt, total authentisch, total Lindenberg.

Im letzten Buch von Stuckrad-Barre, ich habe es nicht gelesen, kam Udo Lindenberg prominent vor. Und weil das Buch selbst auch überall vorkam, denkt man jetzt noch mehr an Udo Lindenberg als ohnehin schon, nicht nur ich, sondern alle. Ob man nun möchte oder nicht, er ist der rosa Elefant dieses Viertels, man kann nicht nicht an ihn denken. Jedenfalls nicht, wenn man am Atlantic vorbeikommt. Oder umgekehrt, wenn man den Lindenberg im Viertel auf der Straße trifft, dann denkt man gleich: “Ach guck, der Lindenberg. Der gehört doch ins Atlantic.”

Ich habe das Buch von Stuckrad-Barre übrigens nicht aus Abneigung gegen den Autor nicht gelesen, sondern tatsächlich wegen Udo Lindenberg. Zu viel ist einfach zu viel. Ich meine, ich habe auch aus dem Schlafzimmerfenster Blick aufs Atlantic, ich gucke da also schon beim Aufwachen drauf und abends, wenn ich das Licht ausmache. Auf den Lindenberg in seinem Gehäuse, und das reicht dann irgendwann. Wenn ich morgens Facebook aufmache, fragt mich die App, ob ich gerade im Atlantic sei. Wenn ich auf Facebook mit Udo Lindenberg befreundet wäre, ich könnte uns beide jeden Morgen dort einchecken, da würden meine anderen Freunde aber staunen.

Ich mochte Stuckrad-Barres frühere Bücher sogar ganz gerne, fällt mir gerade ein, ich fand seine Sprache ausgezeichnet. Die Bücher mochte damals sonst keiner, es war irgendwie eine Weile cool, ihn eher doof zu finden, wenn ich es recht erinnere. Ich weiß gar nicht mehr, warum das so war. Jetzt finden ihn alle super und irritierend viele in meinem Bekanntenkreis sprechen völlig distanzlos von “Stucki”, wobei der Name vermutlich auch wieder von Udo Lindenberg kommt. Woher sonst, im Zweifelsfalle steckt Lindenberg hinter allem. Stucki! Ich möchte das nicht. Obwohl – warum soll man Autoren nicht verniedlichen? Wir haben doch damals auch liebevoll von Bölli und Grassi gesprochen.

Haha! Nein, haben wir nicht. Aber die beiden waren auch nicht mit Udo Lindenberg befreundet. Und falls doch, möchte ich es nicht wissen.

Egal. So viel für heute. Euer Buddi.

 

Kippwoche

Der Stadtsommer war wie eine schlechte und langweilige Party, die erst in der letzten Stunde, kurz bevor man wirklich, wirklich gehen muss, um den letzten Zug gerade noch zu bekommen, unerwartet Fahrt aufnimmt – und wie. Plötzlich Bombenstimmung, plötzlich alles richtig, plötzlich Spaß und dieses selten schöne Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort mit den richtigen Menschen zu sein, weder zu betrunken noch zu nüchtern. Und man weiß, es hört gleich auf, noch zwei Bier, noch eines, vorbei, jetzt los. Genau so dieser Spätsommer, noch drei Tage, noch zwei Tage, noch einen Tag. Die Regenfront, von der der Wetterbericht seit Tagen raunt, sie kommt am Donnerstag, am Freitag, am Sonnabend, sie kommt, sie wird schon kommen, aus Südwest wird sie kommen. Und danach ist dann Herbst. Aber jetzt ist die Stadt noch heiß und die Abende sind sattwarm wie in den großen Städten des Südens. Die Menschen sitzen vor den Cafés und Bars, und je später am Abend man vor die Tür geht, desto mehr Menschen sitzen da, es werden immer noch mehr. Sie sitzen nicht nur auf den Stühlen, sie sitzen auch in den Hauseingängen und auf den Mauern, Treppen, Stromkästen und auf den Spielplatzschaukeln, sie sitzen einfach irgendwo und überall.

Niemand möchte drinnen sein, es sind nur noch drei Tage, es sind nur noch zwei Tage, es regnet bald, frischt der Wind nicht schon auf, es raschelt so in den Bäumen und einen trinken wir noch. Das drängende Gefühl, noch etwas Sommerliches tun zu müssen, heute noch, jetzt sofort, hier, was könnte man verpassen, man muss doch. Es ist so ein seltsam drängendes und unverständlich wehes Gefühl, es ist so ein Gefühl, als müsse man sehr viel in sehr kurzer Zeit erledigen, und dabei aber auf keinen Fall etwas tun. Es ist so warm, wir bleiben noch. Die Kinder wollen nicht ins Bett, die Kinder müssen nicht ins Bett, wer die Kinder ins Bett bringt, muss in die Wohnung, da kann man noch den ganzen Herbst über sein, wer jetzt ein Haus hat, will dort nicht hinein. Die Kinder spielen immer noch im Park, es ist schon spät, es ist dunkel, ein räudiges Stadtdunkel ist das, es hängt von Autoscheinwerfern zerzaust zwischen den Büschen im Park.

Der Wind frischt nicht auf, nichts ist frisch, gar nichts. Warm weht es durch die Straßen, ganz warm, umarmungswarm. Und ein wenig muffig ist es auch, was da weht. Diese Böe hat schon die halbe Stadt passiert und ist müde, diese Böe hebt nur noch ein paar Papierservietten auf den Tischen vor den Restaurants hoch und ein wenig auch den Rocksaum der Frau an der Bushaltestelle, die da eben einfach stehenblieb, obwohl doch der Bus kam, obwohl die Tür sich vor ihr öffnete und den Blick auf einen Busfahrer freigab, der sie kopfschüttelnd ansah und dann weiterfuhr. Sie steht da noch und lehnt am Fahrplanhalter und guckt ins Nichts und will vermutlich auch nicht nach Hause. Niemand will nach Hause, es ist noch schön, jetzt gerade ist es noch schön, gleich noch, ein wenig noch und so warm. Obwohl das Licht seltsam ist, ein fahler Filter über dem Straßenabend, die Spinnweben sehen in diesem Licht aus wie von Menschen an die Laternen und an die Ränder der hellen Schaufenster gesponnen, abgefahrene Herbstdeko überall und viel zu groß die Netze. Die jugendlichen Basketballspieler im Park stehen und spielen nicht, warum spielen die nicht, der eine hält den Ball im Arm. Die stehen da nur und einer zeigt zum Mond, der hängt groß und fast voll knapp über dem Dach der Schule, und das Flutlicht am Korb und das Mondlicht vermischen sich, dass die T-Shirts leuchten wie an einem falsch eingestellen Bildschirm. Es riecht nach Grill und nach Abgasen und Zigarettenrauch und Dope, aus allen Richtungen hört man Gemurmel und Gläserklingeln und Lachen.

Die Menschen bestellen noch eine Runde, denn es ist immer noch warm und es wird einfach nicht kühl, wann war es denn zuletzt kühl, es ist schon Tage her oder sind es Wochen, man weiß es gar nicht mehr genau. Der ganze Sommer war kühl, das weiß man noch. Das wird jetzt bis zur Neige wettgemacht und weggetrunken und die Menschen lachen und seufzen und lehnen sich zurück und sehen nach oben, wo man keine Sterne am Großstadthimmel sieht, keinen einzigen. Der Himmel ist bedeckt und vielleicht ist das schon der Regen, guck mal, da kommt doch was, da braut sich etwas zusammen. Vielleicht haben wir nur noch morgen, vielleicht noch zwei Tage und dann aber auf jeden Fall. Aus dem Park hört man das Auftippen des Balls, auf den Bänken am Rand sitzen Paare und halten Hände und küssen Schultern und flüstern und hoffen. Es ist so warm, da könnte man doch. Zu ihren Füßen das Herbstlaub, es raschelt, wenn sie die Beine bewegen. Ein Hund schnüffelt vorbei und überhört jemanden zwischen den Bäumen, der ihn immer wieder ruft. Mitten auf dem Rasen schläft einer, der sieht nicht aus, als hätte er keine Bleibe.

Morgen ist ein Werktag, aber dieser Abend ist ein Urlaubsabend, das Gefühl kann kaum täuschen, genau so geht Urlaub doch, so warm und so leicht und so egal, wann man was macht. Erst einmal wird noch etwas bestellt, das kann nicht falsch sein, man sitzt so gut, man braucht keine Jacke, man braucht überhaupt nichts, noch stundenlang könnte man so sitzen und man macht es auch. Es wird immer noch nicht kühler, wann es in dieser Nacht wohl kühler wird. Vielleicht in the wee small hours, vielleicht auch erst am Morgen, und kurz darauf führt die Sonne dann doch noch einmal den Hochsommer auf, wegen des großen Erfolges, dann aber endgültig letzter Vorhang und last order. Die Stadt wird noch einmal glühen, und alles wird viel langsamer sein als sonst. Wenn man sich nur wenig und nur zögerlich bewegt, geht die Woche vielleicht nicht so schnell vorbei. Morgen Abend kommen alle wieder. Wenn es nicht regnet. Sie sehen zum Himmel und riechen die Luft und nicken. Einmal noch.

Ganz sacht ist er, der Wind aus Südwest, ganz sacht.