Alles falsch

Ich habe wieder mit dem Joggen angefangen, denn Menschen in meinem Alter brauchen Bewegung. Man muss was tun! Und kaum tut man was – macht man es total falsch. Sofort kommt jemand und erklärt, dass man zu viel macht. Oder zu wenig. Dass man es zu schnell macht, zu häufig, zum falschen Zeitpunkt. Mit der falschen Technik. Und mit den falschen Schuhen, ganz wichtig! Oder ohne Schuhe, das ist dann aber auch falsch. Vor oder nach den Mahlzeiten: falsch. Die Kategorie „richtig“ gibt es gar nicht. Egal, was man macht, immer gibt es Besserwisser und Auskenner, die einen korrigieren, belehren, ermahnen.

Man kann nichts tun, ohne es falsch zu machen. Man könnte auch alles sein lassen und sich gleich wieder hinlegen, hat doch alles keinen Sinn. Das denkt man aber nur, bis einem jemand sagt, dass man in der falschen Haltung liegt, auf falschen Matratzen, in falsch gelüfteten Räumen. Man kann kein Gespräch führen und nichts lesen, ohne über Fehler belehrt zu werden. Wir sind das Volk der Spezialexperten. Auch schön, so viele kennen sich aus. Mit allem. Ich laufe also falsch und natürlich sitze ich auch falsch, das war ja klar. Die Spezialexperten bedrohen mich mit den fürchterlichen Folgen meiner Fehler. Alles, was ich falsch mache, macht krank, sagen sie. Mein Laufstil macht krank, meine Sitzhaltung macht krank, es ist heillos. Ich kann es nicht mehr hören.

Ich laufe daher jetzt wohl am besten wie ein Ninja in schwarzer Kleidung bei Dämmerung im Schatten. Dann sieht mich keiner, dann kann mich keiner belehren, dann kann ich einfach nur durch die Gegend laufen. Ohne dauernd über Fehler zu grübeln. Ein sinnvoller Ausweg, ohne Kritik macht Laufen sogar Spaß. Denn ich laufe vielleicht tatsächlich falsch – aber richtig denken kann ich noch. Glaube ich.

(Dieser Text erschien als Kolumne in den Lübecker Nachrichten und in der Ostsee-Zeitung)

Eine Frage der Erziehung

Jeder legt in der Erziehung andere Schwerpunkte, jeder betont andere Themen. Die einen legen mehr Wert auf Sauberkeit und veranstalten Dramen, wenn die Hände vor dem Essen nicht akribisch gewaschen werden, die einen haben einen Ordnungsfimmel und exerzieren allabendliche Drillübungen im Kinderzimmer, andere treiben die Kinder auch ohne erkennbare Neigung zum Sport und so weiter. Das fällt Eltern oft nicht einmal auf, das merken sie erst, wenn sie mit anderen Eltern zusammen sind und sich fragen, ob die eigentlich noch bei Trost sind. Dann erst überlegt man vielleicht, ob man selbst auch drollige Schwerpunktthemen hat. Und dann wird man auch fündig.

Ich zum Beispiel erkläre den Söhnen dauernd, wie man sich in der Stadt orientiert. Welche U-Bahn wohin fährt, welcher Bus welche Nummer hat, wo entlang der Elbe es nach Hause geht, wie weit man unseren Kirchturm sieht und so weiter. Ich komme nicht darauf, warum mir das so besonders wichtig ist, ich habe keine Vergangenheit als Pfadfinder. Mir erscheint es aber sinnvoll, dass die Jungs früh lernen, in der Stadt zurecht zu kommen. Im Dschungel würde ich ihnen ja auch erklären, wie sie den Sumpf mit den Krokodilen meiden, in Hamburg erkläre ich ihnen eben, wie sie an Harvestehude vorbei kommen. Das erscheint mir ganz natürlich – anderen Eltern aber nicht, das Thema finden die meisten vollkommen unwichtig. Kinder trotten sowieso hinter den Eltern her, was soll man da groß erklären. Eventuell habe ich da also einen kleinen Hau, okay, das gebe ich gerne zu. Ich lasse die Kinder auch gerne vorgehen und mir von ihnen den Weg erklären, nicht umgekehrt. Wir kommen dann nicht immer sofort an, aber sie lernen was dabei.

Deswegen kann Sohn I schon die Fahrkartenautomaten im Bahnhof bedienen, auch wenn er noch gar nicht richtig lesen kann. Er orientiert sich an den Anfangsbuchstaben im Menü, K wie Kinderkarte, der Preis muss mit einer 2 anfangen, so kommt er da durch, das passt schon. Das Kleingeld kann er auch selbst abzählen, das sind so großstädtische Kernkompetenzen, finde ich jedenfalls.

Donnerstagnachmittag, wir fuhren zu seinem Schwimmverein. Er hatte gerade zwei Euro in den Schlitz des Fahrkartenautomaten gesteckt, als eine schrille Stimme hinter uns losbrüllte: “DAS KIND HAT DEN AUTOMATEN ANGEFASST!”

Eine offensichtlich äußerst aufgebrachte Mittfünfzigerin mit knallrotem Kopf, man sah nicht recht, kam die Farbe von der Hitze in der Stadt oder von der Wut, die man wiederum nicht überhören konnte. “Ja”, sagte ich, “das Kind kauft sich eine Fahrkarte. Dafür ist der Automat nämlich da.” Die Frau schnappte nach Luft und stemmte die Arme in die Hüften, ganz so als würde sie “wütende Frau” in einem Sketch spielen. Manchmal ist die Wirklichkeit so. “Und wenn er den Automaten jetzt kaputtmacht? Ist das ein Spielzeug? Ist das für Kinder? Können sie das verantworten? Da, er tatscht auf dem Bildschirm herum!”

“Ja”, sagte ich, “wenn man nicht drückt, bekommt man auch keine Karte.”

“Jetzt wird der auch noch frech!” Die Frau wirkte deutlich überfordert ob des ungeheuerlichen Benehmens von Sohn I und von mir. “Ich bin berufstätig! Es ist nämlich so, dass andere Menschen arbeiten müssen! Ich stehe hier doch nicht aus Spaß! Was glauben sie, habe ich Zeit, hier auf spielende Kinder zu warten? Ich muss los! Jetzt! Ich muss da ran!”

Die Frau gab in Sprache und Gesten noch sehr viele Ausrufezeichen von sich, es waren mehr, als man zitieren kann. Ich sah mich um, links und rechts von uns waren mehrere Automaten, vor denen niemand stand. Ich wies sie darauf hin. Sie sah mich empört an: “Ich werde doch nicht einen anderen Automaten nehmen, nur weil ihr Gör im Weg ist! Ich stehe doch hier, vor diesem Gerät!”

“Ja”, sagte ich, “dann werden sie wohl etwas warten müssen.” Dann erklärte ich dem Sohn, der sich währenddessen im Menü verlaufen hatte, den Weg zurück zur Kindertageskarte.

“Kinder dürfen hier keine Automaten anfassen! Das ist ja ungeheuerlich! Da gibt es Regeln, das geht doch nicht! Nehmen sie das Kind da weg!”

Und dann habe ich der Dame etwas geantwortet, was ich nur schwer aus der Erinnerung wiedergeben kann, aber die Begriffe strunzblöd und Schnepfe kamen mit einiger Sicherheit darin vor. Womöglich fielen auch noch andere uncharmante Begriffe, jedenfalls aber drehte sich die Dame nach Beendigung meines Satzes um und ging zeternd davon, übrigens ohne eine Karte erworben zu haben. Man verstand nicht mehr, was sie keifte, nur das Wort Kind kam gelegentlich noch klar bei uns an. Wahrscheinlich war ich im weit fortgeschrittenen Sinne grob unfreundlich, das sollte so nicht sein. Aber es war ein heißer Tag, ein sehr heißer Tag. Und die Dame hatte anscheinend etwas Qualm in der Kanzel.

Sohn I sah mich an, ich sah Sohn I an. Er grinste ein wenig. Ich machte gerade den Mund auf, um die Sache lieber doch noch pädagogisch auszutarieren, als er meine Hand nahm und sagte: “Ist okay. Ich nehme mir kein Beispiel und ich habe nichts gehört.” Dann fuhren wir zur Schwimmhalle.

Er ist ein so verständiges Kind. Er wird in der Großstadt bestimmt einmal sehr gut zurechtkommen.

 

Hafencity

Hafencity

 

Gestern war ich mal wieder in der Hafencity. Immer schön, diese jungen, irgendwie noch wilden Stadtteile zu besuchen, in denen sich das Besondere des urbanen Lifestyles überall vor die Linse drängelt. Man denke sich Möwengeräusche und eine Ahnung von Schiffsdiesel in der Luft dazu – und man möchte sofort hinziehen.

So jedenfalls die Theorie der Stadtplaner. Aber egal, ich war da nur für ein weiteres und heiteres Projekt, originellerweise diesmal mit Isa, wer hätte es gedacht. Zu den Ergebissen des Nachmittages dann demnächst.

Woanders – Der Wirtschaftsteil

Wir reichen, wie so oft, noch etwas zur letzten Woche nach. Da ging es um die Reichen, die immer reicher werden – und dazu gibt es neuen Lesestoff, der hier im Tagesspiegel rezensiert wird.

Aber nun geht es wieder los, ein neuer Wirtschaftsteil. Wir falten uns einen Aluhelm und lesen nach, was es eigentlich mit der Barcode-Entstörung auf sich hat. Ja, so etwas gibt es wirklich.  Oder doch erst Nachrichten zum Brötchenknast? Auch das ist kein Scherz.

Aber wir, wir sind natürlich nicht so verrückt, das sind bekanntlich immer nur die anderen. Wir sind allerdings evtl. Cyborgs, aber das macht ja nichts.

Wir freuen uns, dass wir vielleicht doch noch alle Tassen im Schrank haben und lesen unbesorgt weiter. Andere Völker leisten sich zwar so seltsame Regierungsformen wie einen Drachenkönig, haben aber ansonsten bemerkenswerte Ideen – etwa die, Kunstdünger und Pestizide komplett loszuwerden. Bhutan, immer für eine Überraschung gut.

Verzicht wäre auch anderer Stelle eine schlaue Idee, etwa bei Antibiotika. Und gibt es schon radikale Maßnahmen, die zur Rettung der Menschheit beschlossen worden sind? Nö. Risiko ist auch spannender, klar.

Das hat aber immer etwas Faszinierendes, wenn Beschlüsse oder auch nur Möglichkeiten radikal ausfallen. Alles streichen, komplett umsteigen, ab morgen alles anders. Das geht nicht nur in Bhutan, das geht auch in Basel: einfach mal eine Stadt ohne Mülltonnen oder herumstehende Säcke entwerfen.

Und weil es anscheinend die Woche der Regionen mit B ist, hier noch eine Nachricht aus Bamberg: Die Stadt führt Pfandringe an Mülleimern ein. Auch das ist wohl mutig gedacht. Zumindest behaupten andere Städte immer noch, dass man so etwas auf gar keinen Fall einführen kann.

Radikaler denken, mutiger voran. Über Gehälter einfach mal öffentlich reden. Geht auch.

Wir gehen aber nicht mehr in Kaufhäuser, wir gehen zum Discounter und bestellen den Rest online. Im Discounter kaufen wir immerhin die Bioprodukte, denn wir wollen ja immer alles richtig machen. Ob das wirklich so richtig ist – auch wieder eine spannende Frage.

Apropos Richtigmachen, wenn man die aktuellen Nachrichten verfolgt, könnte man auf die Idee kommen, Portugal hätte nach der Finanzkrise alles richtig gemacht. Es geht wieder aufwärts, alles supi. Das ist allerdings auch einen zweiten Gedanken wert.

Und damit zum Kulturteil, wir machen weiter in unserer kleinen Reihe mit deutschsprachigen Liedermachern, die teilweise schon fast vergessen sind. Erinnern Sie sich noch an den schon verstorbenen Georg Danzer? Der mit dem Kokain, der mit der Freiheit, der mit den weißen Pferden? Der hat auch einmal von großen Dingen geträumt, wie wir alle. Von den großen Dingen, die alles anders machen. Und er hat genau auf den Punkt gebracht, was daraus normalerweise wird. Tja.

GLS Bank mit Sinn

 

“Was machen die da” – das Dienstagsupdate

Drüben bei “Was machen die da” geht es heute um Markus Trapp, den sicher viele von seinem Blog kennen. Er kümmert sich beruflich um das Social-Media-Gedöns bei der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek, offiziell heißt das dann “Stabstelle Social Media”. Und dieses Gedöns, unter dem man sich vielleicht zunächst gar nicht so viel vorstellen kann, wird in dem Text mit jedem Absatz bunter, sympathischer und interessanter. Finde ich jedenfalls. Es ist auf jeden Fall deutlich mehr dahinter, als man nach der Nennung des Berufes annehmen möchte.  Den Text findet man hier.

Markus Trapp

Die Bilder entstanden in der Kaffeeküche und in anderen Räumen der Staatsbibliothek Hamburg.