Gelesen – Florian Wacker: Albuquerque

Ein schön gestaltetes Buch, endlich mal wieder. So eines, das man richtig gerne in die Hand nimmt, das sich gut anfühlt. Schmal aber wertvoll, was dann auch äußerst geschmackvoll zu den enthaltenen Kurzgeschichten passt.

Kurzgeschichten mit, das muss man gleich lobpreisen, Heldinnen und Helden, die nicht Schriftstellerinnen, Werbetexter, Fotografen, Künstler oder Onlinemarketingirgendwasse sind, sondern Busfahrer und Straßenbauarbeiter und Damen an der Hotelrezeption und Menschen auf der Flucht. Geschichten jenseits der Schreibtischwelt also. Das gibt es immer noch zu selten in der deutschen Gegenwartsliteratur, jedenfalls in dem Teil, den ich mitbekomme. Man denkt ja immer nur in Ausschnitten, die können auch täuschen, schon klar.

Es sind Geschichten in einer hard-boiled Tradition, deren Ursprünge man gleich zu erkennen meint, wobei ich über so etwas aber nicht lange nachdenke, das hält nur vom Lesen ab. Ich bin hier nicht im Studium und muss den Aufbau der Geschichten also nicht mit Herrn Carver abgleichen. Eher härtere Geschichten von eher größeren Schatten über Alltagssituationen mit herben Helden jedenfalls. Ich mag das, große Empfehlung, sehr gerne gelesen.

Das Bild im Hintergund von Sohn II, Ehre, wem Ehre gebührt, ich habe es nicht so mit dem geduldigen Ausmalen.

Auf Amazon stellt ein Leser in einer Rezension etwas überrascht fest, dass die Geschichten nicht pointenorientiert sind – als ob Kurzgeschichten zwingend mit einem heiteren Knaller enden müssten. Nanu. Es kann schon angemessen und fein sein, wenn das nicht so ist.

Zu lesen ist das Buch vorzugsweise an einem Tag mit eher schlechterem Wetter. An einem Tag, an dem man morgens zum Himmel guckt und dann etwas resigniert den Kopf schüttelt, die gibt es hier ja in jeder Jahreszeit, diese Tage, der Spätherbst wäre aber doch ideal. So ein Tag etwa eine Woche vor dem ersten Schnee, an dem man ihn schon zu riechen meint. Aber es ist nur so eine Ahnung und man weiß eigentlich nicht recht. Siehe hier.

Ich habe das Buch unter einem Dachfenster gelesen, auf das der friesische Nordseeregen trommelte, das war auch gut.

Gelesen – Sarah Kirsch: Aenglisch

Ich mag ja, das darf man gar nicht laut sagen, die Prosa von Sarah Kirsch lieber als ihre Gedichte. Schlimm! Ich habe die Prosa-Bände mittlerweile alle verschlungen. Eine schwer zu erklärende Liebe, da passiert nämlich eher nichts in den Texten. Es gibt keine treibende Handlung, keine umwerfenden Erkentnisse, keine bewegenden seelischen Entwicklungen und der Stil ist zwar von einer schrulligen, liebenswerten Eigenart, aber auch nicht von einer stilistischen Brillanz, die einen als Leser umnietet und sprachlos beeindruckt zurücklässt. Sarah Kirsch geht einfach „spazoren“, in diesem Fall in England, an irgendeinem Tag im „Septembrius“, sie freut sich über Wasserkocher in Hotelzimmern, über das Wetter und immer äußerst kenntnisreich über Büsche und Bäume und nebenbei auch über excentric people. Ich könnte es stundenlang lesen, ich finde es ungeheuer entspannend, dabei aber überhaupt nicht belanglos. Die Seiten hätten auch als Blog gut funktioniert, denkt man bei der Lektüre so nebenbei. Ein Blog, das man gerne abonniert hätte.

Sie ist, das merkt man schnell, sehr eigen, aber auch recht oft sehr zufrieden, eine vermutlich gar nicht so häufige Mischung. Sie ist den Mitmenschen in der Erscheinungsform als Gesellschaft eher nicht zugewandt, aber sie wird nicht aggressiv. Das ist eigentlich schon ein beachtliches und feines Kunststück. Man möchte beim Lesen dauernd “Siehste, geht doch!” murmeln, denn man kann eben auch mit allem nicht einverstanden und eher auf der Flucht sein, ohne dabei dauernd Gift und Galle zu spucken, wie es gerade so en vogue ist.

Der Band enthält einige Abbildungen ihrer Handschrift, das ist immer interessant, so etwas zu sehen.

Ferner enthalten ein Nachwort von Frank Trende mit einer wunderbar passenden und ganz dezenten Spukgeschichte über ihre Beerdigung, das hat mich alles gefreut. Ein dünnes und schön gestaltetes Buch, das kann man in einem Bissen weglesen, vorzugsweise selbstverständlich in einem Garten oder in einem Park.

Vor dem Husumer Bad

Während ich heute völlig außerplanmäßig beim Zahnarzt in Husum war, ging die Familie mal eben ins Husumer Schwimmbad. Aus organisatorischen Gründen, die zu erklären jeden vernünftigen Rahmen sprengen würde, hatte die Herzdame sowohl meine Badehose als auch die Autoschlüssel mit hineingenommen, daher saß ich nach dem Zahnarztbesuch stundenlang vor dem Schwimmbad und wartete, dass die Familie irgendwann wieder herauskommen würden. Ich hätte natürlich auch irgendwohin gehen können, auf einen Kaffee oder so, aber einem bestimmten Zahn und mir war gerade nicht so und ich hatte einfach keine Lust. Auf gar nichts. Also saß ich da eben herum.

Das Schwimmbad von Husum ist ein flacher Betonklotz mit ein paar roten Dekomäuerchen daran, damit es nicht ganz so trostlos aussieht. Nicht sehr groß, nicht sehr klein, Schuhkartonarchitektur, die den Zweck erfüllt. Spiel, Spaß, Sport, Sauna, das steht da dran, in bunten Buchstaben auf einem Schild neben dem Eingang.

Vor dem Eingang stehen ein paar Bänke. Sonst ist da ein Parkplatz, auf dem einige Bäume stehen, am Rand gibt es noch Fahrradständer. Das war es. Da ist eigentlich überhaupt nichts, da ist auch nicht viel Verkehr, da ist es ruhig. Man kann von da aus die Stadt nicht sehen, man sieht auch sonst nichts, was irgendwie interessant oder reizvoll wäre. Ab und zu kamen Menschen mit nassen Haaren aus dem Bau. Der Himmel war mild und grau, die Bäume waren normalgrün, die Gehwegplatten sauber gesetzt, es war nicht warm und nicht kalt.

Das war wahnsinnig entspannend, da zwei Stunden zu sitzen. Mit Blick auf nichts, mit überhaupt nichts zu tun und mit nichts im Kopf. Das waren mit Abstand die erholsamsten zwei Stunden der letzten Tage.

Das Schwimmbad von Husum von außen: Gerne wieder.

 (Der Rest der Familie fand es innen auch gut. Wenn man auf Eiderstedt ist und unaufgeregt in ein Schwimmbad möchte, also nicht so schick, hip und irre teuer wie in Sankt Peter-Ording, Husum ist wirklich eine gute Wahl.)

 

Gedanken am Grab von Theodor Storm

Nichts reimt sich auf Theodor Storm. Außer Pellworm. 

Er war aus Husum und nicht von Pellworm,

der Theodor Storm. 

Nicht Pellworm, sondern nur Husum,

lyrisch betrachtet ja eher dumm. 

Gelesen – Bram Stoker: Dracula

Deutsch von Stasi Kull. Auf dem Handy gelesen, daher kein Bild dazu, aber Bilder hat bei der Geschichte ohnehin jeder im Kopf, man kennt das. Ich kannte den Roman tatsächlich bisher nicht, wobei das Nichtkennen in diesem Fall etwas seltsam ausfällt, weil man natürlich etliche Versatzstücke kennen muss, das geht gar nicht anders. Aus Filmen, aus anderen, stark angelehnten Geschichten, aus Comics, Kinderbüchern usw., Dracula ist überall. Man weiß das mit dem Spiegelbild, mit dem Knoblauch, mit den Wölfen, mit den Karpaten und immer so weiter, man weiß ziemlich viel.

Ich habe nicht recherchiert, ob Bram Stoker die Methode als erster Bestseller-Autor bekannt gemacht hat, eine Romanhandlung komplett nur aus Tagebuchaufzeichnungen, Zeitungsausschnitten, Briefen, Telegrammen etc., aufzubauen, um der Leserschaft so den Eindruck zu vermitteln, die Handlung sei wirklicher als eine nur auf die gewöhnliche Art erzählte. Man kann sich jedenfalls mit etwas Phantasie vorstellen, wie gewaltig dieser Trick auf das damalige Publikum gewirkt haben muss. Das Buch hat dabei deutliche Schwächen, es wird vor allem nach hinten immer langweiliger, die besten Szenen werden alle weiter vorne verbraten, etwa die Landung Draculas in England, die macht bei der Lektüre dann doch Spaß. Der Tonfall der Briefe und Tagebücher der Hauptfiguren unterscheidet sich nicht, alle reden gleich, alles trieft vor Edelmut und Empfindsamkeit, das ist aus heutiger Sicht kaum zu ertragen. Wenn man die Stellen streichen würde, in denen sich die Figuren gegenseitig versichern, wie großartig sie sind, das Buch wäre erheblich dünner. Die Frauen sind selbstverständlich schwach und dürfen nur redselig kommunizieren, nicht aber handeln. Das Personal ist dumm, trunksüchtig und wird eigentlich nicht einmal als menschlich wahrgenommen, das ist nur Beiwerk und Ausstattung, menschliche Dreingaben. Da waren andere Autoren zu der Zeit in ihrem Weltbild doch schon ein wenig weiter.

Die sexuellen Anspielungen waren erheblich deutlicher, als ich es erwartet hatte, da weiß man dann vermutlich auch ein Argument mehr, warum das Buch so ein Erfolg war. Ich wusste z.B. auch nicht, dass eine der Opferdamen Draculas Blut trinken musste, wobei er ihren Kopf gewaltsam an seinen Körper und an eine aufgeschlitzte Ader drückte, so dass sie „schlucken oder ersticken“ musste, das hat sich als Bild erstaunlicherweise gar nicht so durchgesetzt, nanu.

Nun ja. Kann man mal gelesen haben. Die erste Hälfte reicht aber auch, danach kommt dann nichts mehr, was wirklich interessiert. Sie kriegen ihn selbstverständlich irgendwann nach einer schier endlosen Reise, das aber vollkommen unspektakulär, er zerfällt zu Staub, so wie das E-Book nach dem Löschen. Oder so.

Nach dem letzten Satz habe ich das Licht ausgeknipst und das Fenster aufgemacht, wo genau in dem Moment eine Fledermaus vor dem Mond vorbeiflog. Und das war dann doch recht gelungen, fand ich.