Die ganze Woche nicht im Garten gewesen, das ist etwas unbefriedigend, to say the least. Ich versuche dennoch, mehr auf die Natur zu achten als im Vorjahr, so viel Hippie muss als langhaariger Schrebergärtner schon sein. Viel zu beachten gibt es da in der Stadtmitte allerdings nicht. Wenn ich morgens losgehe, ist jetzt eine Vogelstimme mehr im Chor da draußen, ich habe selbstverständlich keinen Schimmer, um welchen Vogel es sich dabei handelt. Aber: Da ist wohl wer zurück. Herzlich willkommen, nimm Dir einen Sonnenblumenkern.

Nachdem wir übrigens den ganzen Winter über auf dem Balkon gefüttert haben, können wir die zu beobachtende Artenvielfalt hier exakt wie folgt definieren:

Blaumeise

Kohlmeise

Amsel

Ringeltaube

Stadttaube

Eichelhäher

Zu hören ist außerdem die Nachtigall oder der Sprosser. Und das war’s. Ein wenig dünn, hm? Kein Rotkehlchen, kein Dompfaff, kein Grünfink, kein Spatz, auch die Elster ist weg, die war sonst immer da. Weiter hinten am Himmel immerhin noch die Möwen und die Krähen, eh klar. Mehr aber nicht.

Und in Hammerbrook vor dem Bürofenster taut das Fleet tagsüber etwas an und es suppt von unten schwarz durch, das ist so der Vorfrühling für Hamburger Büromenschen.

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Mein Bruder ist bei der Ahnenforschung auf den Namen unserer Ururgroßmutter gestoßen, und es ist ein Name, den man sofort in einem Roman unterbringen möchte: Justine Tatar.

Da er aber auch auf Notizen aus dem Zweiten Weltkrieg wie etwa “Vormarsch über die gefrorene Wolga” stößt und mir in den letzten Wochen außerdem das Ende meines Großvaters etwas klarer geworden ist, lese ich passend dazu das Echolot von Kempowski. Darin habe ich zwar schon manchmal quergelesen und einen Band auch mal ganz, aber man kann es auch einfach komplett durchlesen. Die Bände passen sowieso gut in die Zeit, kriegsgeile Rechtsradikale sind immerhin wieder salonfähig.

 

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Sven über WLAN und Kabel. Da mal drüber nachdenken!

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In den “Europäischen Tagebüchern” von Gustav René Hocke las ich eine Stelle von Italo Svevo, da möchte man dem Herrn Dichter einfach mal so gar nicht folgen. Obwohl der Gedanke schon nett ist: “Ich glaube, und zwar glaube ich es aufrichtig, dass es keinen besseren Weg gibt, um ein ernsthafter Schriftsteller zu werden, als täglich etwas zu kritzeln. Man sollte jeden Tag versuchen, etwas aus der eigenen Wesenstiefe heraufzuholen; einen Klang, einen Akzent, einen fossilen oder pflanzlichen Überrest von irgendwas, das sich noch nicht zum reinen Gedanken geklärt hat; es kann ein Gefühl sein oder auch nicht, jedenfalls etwas Wunderliches, ein Bedauern, ein Schmerz, etwas Aufrichtiges, wohlzerlegt, mehr braucht es nicht.”

Und schon deswegen werde ich nämlich kein ernsthafter Schriftsteller, weil ich bei pflanzlichen Überresten, die man aus der Wesenstiefe heraufholt, eher an erbrochenen Rahmspinat als an poetisch brauchbare Erkenntnisse denke. Schlimm!