Sohn I hat sich auf dem E-Piano die Titelmelodie von Akte X selbst beigebracht und spielt das dauernd, ich habe jetzt also einen interessanten Soundtrack, wenn ich durch die Wohnung gehe und in die Räume gucke oder wenn ich einfach nur am Schreibtisch sitze und auf eine weiße Seite starre. Denn wenn man diese Töne hört, dann weiß man ja, gleich kommt was, und seltsam wird es auch, das ist im Grunde wie in jedem Familienalltag. Ich stehe beispielsweise in der Tür des Kinderzimmers und betrachte das deprimierende Chaos auf dem Fußboden, die umgestürzten Kinderstühle, die zerfledderten Comics, dieses wirre Gemisch von undefinierbarem Spielzeugs auf dem Boden, Eltern kennen das, diese Kinderalltagssedimente. Es ist dieses mit Lego, Paninibildchen und Zwiebackresten durchsetzte Gemisch von Zeugs aller Art, in dem wir kategorisch alles vermuten, was in den letzten Wochen hier in der Wohnung verloren ging. Man müsste eben mal aufräumen oder wenigstens umgraben, um etwas zu finden, aber wann. Man wüsste dann auch, was wirklich weg ist, das wäre immerhin interessant, denn dann müsste ich eventuell etwas nachkaufen. Frühstücksboxen etwa, von denen mittlerweile etwa fünf fehlen, aber bevor ich die wirklich kaufe, da brauche ich erst mehr Gewissheit.

Ich stehe in der Tür des Kinderzimmers und betrachte das Chaos und das Zeugs, der Sohn spielt im Wohnzimmer diese Melodie und ich denke mir: “Die Wahrheit ist irgendwo da drinnen.” Scully nickt nur neben mir und sieht auf einmal aus wie die Herzdame.

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Junifall, das habe ich gerade erst gelernt, so nennt man das also fachgerecht, wenn die Obstbäume einem in diesen Wochen unreifes Obst in rauen Mengen vor die Füße werfen. Ein normaler Vorgang, etwas Schwund ist immer, kein Grund zur Sorge. Bei Kirschen nennt man es Röteln, aber damit kann man nichts weiter anfangen, das klingt zu sehr nach Kinderkrankheit. Junifall dagegen ist ein wunderschönes Wort und ginge auch zweifelsfrei als Romantitel durch, den Schutzumschlag dazu hat man doch gleich vor Augen, ja, ich möchte fast sagen, es klingt nach Beststellerliste.

“Haben sie den Junifall vom Dings da?”

“Aber sicher, der große Stapel hier.”

Man müsste das Wort nur als passende Metapher für irgendwas sehen und sich dazu schnell eine Geschichte ausdenken, was weiß ich, über einen Autor, der nie zum Zuge kommt oder so, immer wieder wird alles früh verworfen, nichts reift aus, aber währenddessen bereitet das Leben selbstverständlich – von ihm unbemerkt, weil Spannung! – die Grundlage für die wahre Frucht zu einem späteren Zeitpunkt, da kommt dann die große Liebe ins Spiel, was sonst. Ohne Liebe geht eh kein Buch, das zieht sich dann aber noch über mindestens dreihundert bis vierhundert Seiten, bis da endlich alles klar ist mit den beiden. Am Ende ist sie auch noch schwanger und er sitzt glücklich dabei und schreibt wie noch nie, das Bild aus der Verfilmung sieht man schon vor sich, na, so in der Art.

Aber es ist viel zu heiß für Ideen, die fallen bei der Hitze alle unreif von mir ab, das wird so nichts.

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In Sachen Lyrik verweise ich heute auf den Gottvater der Monatsgedichte, also auf Erich Kästner und seinen Juni. Nicht ohne Warnung vor plötzlich auftretenden Melancholiestrudeln – und man beachte bitte unbedingt die allerletzte Zeile. Es gab also Zeiten, da ging man im Juni davon aus, dass der Sommer noch kommt.

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Sie können hier Trinkgeld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, dann kaufe ich davon Wein  Nicht als Getränk, in der Form mag ich ihn ja nicht. Als Rankpflanze dagegen kann ich mich spontan mit ihm  anfreunden.

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