Entgegen der Planung, die noch am Morgen gültig war, sind Sohn I und ich nun doch nicht in Nordostwestfalen, dort sind nur Sohn II und die Herzdame, dazu morgen mehr, die Geschichte ist auch interessant. Heute aber etwas anderes. 

Ich fahre am Vormittag mit dem Fahrrad zwischen zwei Regenschauern schnell in den Schrebergarten, ich muss dringend etwas einbuddeln. Beim Einbiegen in den Hauptweg sehe ich in einer Parzelle eine neue Deutschlandfahne über den Gärten wehen, noch nicht vom Sommerwind zerzaust, noch ganz sauber, noch nicht von der Sommerhitze ausgebleicht. Frisch wie aus dem Laden. Vielleicht hängt sie da WM-bedingt, vielleicht hängt sie da, weil viele so etwas wehen lassen, Fahnen sind in Schrebergärten wirklich nicht unüblich. Fahnen für Länder, Bundesländer, Städte, für längst verlorene Landesteile im Osten. Aber auch für ganz andere Länder wehen da manchmal Fahnen, für Länder im Süden und für Länder im Norden, ich erkenne gar nicht alle, ich habe ein, zwei schon gegoogelt. Aber meistens doch: für Deutschland.

Vielleicht weht diese neue Fahne da auch aus dumpfen Patriotismus nahe am rechten Rand, wer kann das auf den ersten Blick schon ahnen. Es ist so eine Sache mit den Klischees, denn nichts kann man auf den ersten Blick ahnen, gar nichts. Und man tut es eben doch.

Für einen Moment ärgert mich auf einmal dieses blöde Klischee, Schrebergarten und Fahnenmast und Nationallatz, meine Güte, mein Leben im Stereotyp, muss das denn unbedingt so sein? Da hat auch noch jemand etwas auf die Fahne geschrieben, ich sehe es, während ich näher komme. Da wird mir erst recht schlecht, sicher so ein deutschnationales Stolzgeschreibsel oder wieder etwas gegen Ausländer, gegen Flüchtlinge, Schwule, was weiß ich, wir leben in schauderhaften Zeiten. Am besten gar nicht mehr hinsehen! Am besten stoisch vorbeiradeln, das Herz und den Blick immer stur links, wo rechts die Fahne weht. Aber das geht ja nicht, die Neugier, die Chronistenpflicht, das Interesse an gesellschaftlichen Fragen und was mich sonst so alles von der Seelenruhe abhält, da kommt mittlerweile etwas zusammen. Und ich bleibe dann sogar noch stehen, weil ich den Satz da oben auf den ersten Blick nicht lesen kann, der verdammte Wind, der für Juni erstaunlich frisch aufbrisende Wind, er spielt mit der Fahne und lässt sie munter turnen und kapriolen. Es dauert etwas, bis er sie endlich einmal gnädig ausrichtet, glatt strafft und die Schrift schön gerade über die Parzellen stellt: “Keine Handbreit den Faschisten” steht da im goldenen Streifen auf der Fahne der Bundesrepublik.

Es ist so eine Sache mit den Klischees.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ich kaufe garantiert keinen Fahnenmast davon, nur Pflanzen. Und die auch nicht in schwarz oder rot, nicht einmal in gold.

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