Ich lese “Der Mann im Strom”, von Siegfried Lenz. Das Buch ist bisher komplett an mir vorbeigegangen, nie gehört, auch alle Verfilmungen verpasst, wie isses nun bloß möglich? Es gibt sogar eine Verfilmung mit Hans Albers, der kam hier im Blog auch gerade vor, wie es sich wieder fügt. Jetzt läuft das jedenfalls am Theater um die Ecke, Sohn I erzählt mir davon, so komme ich endlich dazu. Ein äußerst dramentauglicher Stoff, harte Szenen, schwere Themen, alternde Männer. die manches nicht mehr können. Ich glaube, ich gucke mir das mal an. Und lese überhaupt nochmal beim Lenz herum, das habe ich lange nicht mehr gemacht.

Im weiteren Verlauf des Jahres läuft in diesem Theater übrigens auch “Buten vör de Döör”, also “Draußen vor der Tür” von Wolfgang Borchert. Der Sohn fragt, was da passiert, denn das will er auch sehen, er will jetzt überhaupt alles sehen, was im Theater kommt, auch das ganze Erwachsenenzeug. Ich sage: “Ein Mann kommt nach Deutschland”, das ist fast wie ein Reflex, aber Reflexe reichen nicht immer, deswegen wühle ich im Gedächtnis und erzähle ihm das Stück nach, die Sache mit dem Zurückgeben der Verantwortung, mit der Elbe und dem dauernd rülpsenden Tod, da kracht es aber schon ordentlich im Gebälk meiner Allgemeinbildung. Kindertauglich geht natürlich anders, wir werfen lieber mal einen Blick in die Hamburger Spielpläne und suchen weiter. Wenn die Kinder mit dem Kindertheater durch und für das Erwachsenentheater noch ein wenig zu klein sind, dann wird es etwas schwierig. Aber zwischen elf und etwa vierzehn Jahren gibt es sowieso bei erstaunlich vielen Themen eine Versorgungslücke.

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Ich war auf einem Konzert von Manfred Maurenbrecher, der mich mit einem Satz irritiert hat – manchmal ist es gut, irritiert zu werden – , der sagte nämlich zwischen zwei Liedern: “Reimen ist besser als Denken.” Meinend natürlich, dass er über die Suche nach Reimwörtern Sinnzusammenhänge in seinen Liedern erreicht, auf die er sonst nie gekommen wäre. Kommt es nicht als Gedicht – kommt es leider nicht. Vielleicht sollte man aus seinen ungelösten Problemen öfter mal einen Vierzeiler machen?

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An der Straßenecke steht ein junges Paar, sie sagt: “Wenn du jetzt gehst!”, und sie guckt furchtbar ernst.  Solche Szenen gibt es also nicht nur in Serien und Schulterbeißeromanen, solche Szenen gibt es auch da draußen. Er sagt: “Was dann!” und sie sagt nichts mehr, weil ich da gerade vorbeigehe. Wenn es eine Serie wäre, ich würde da jetzt wie der letzte Idiot durchs Bild latschen und ein völlig entnervter Regisseur würde mir wüste Flüche hinterherbrüllen.

Ich drehe mich nach ein paar Metern um, pardon, ab und zu bin ich womöglich etwas neugierig. Er geht und sie guckt ihm hinterher, etwas zu überrascht, das war so nicht geplant. Wer jetzt keine Beziehung hat, baut sich keine mehr, prompt wehen ein paar Blätter durchs Bild.

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Ich war mit einem Kind in einer großen Buchhandlung, da war eine riesige Fläche nur für Kalender vorgesehen. Fotokalender, Witzekalender, Literaturkalender, Rezeptkalender, Familienkalender, was man sich nur ausdenken kann. Berge davon, in allen Größen und Formen. Das Kind sah diese Sonderausstellungsfläche und ging da mit dem Satz hin: “Mal sehen, für welches Jahr die sind.”

Sie, die Sie das hier lesen, Sie sind natürlich längst hoffnungslos erwachsen, ausreichend gebildet und abgeklärt. Sie wissen also, dass die Kalender selbstverständlich für das Jahr 2019 sind, denn wir sind im Oktober 2018, es kann gar nicht anders sein, über so etwas denkt man nicht mehr nach. Sie wären vermutlich sogar sauer, wenn Sie da einen Kalender für 2018 oder für 2020 finden sollten, so etwas wäre ja geradezu ungeheuerlich! Da würde man sich beschweren wollen. Denn der eine wäre das Geld nicht mehr wert, lauter abgelaufene Monate, der andere müsste viel zu lange auf seinen Einsatz warten, wo soll man den solange hinlegen, also wirklich, was für ein Gedanke. 2019, alles andere ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Das Kind denkt das alles aber nicht, das Kind ist neu im Thema, geht da hin und ist einfach neugierig. Einmal noch so völlig ergebnisoffen auf die Welt zugehen! Morgens aufwachen und denken: “Überrasch mich!” Und dann macht die Welt das wirklich.

Wie langweilig Erfahrung ist. Aber auch ganz praktisch, schon klar.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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