Ich höre immer noch Element of Crime, Sie verstehen, die Jahreszeit, das neue Album … was soll man machen. Sven Regener bleibt sich in seinen Texten selbstverständlich treu, so treu sogar, dass mir Wiederholungen auffallen. Das Wort “grausam” kommt mehrfach auf dem Album vor, ebenso das Wort “Vollidioten”, ein zweifellos schönes, gut gealtertes Schimpfwort, man sollte es wieder öfter verwenden, immerhin ist die Welt tatsächlich voller Vollidioten. Etwas überraschend ist die doppelte Erwähnung weinender Steine, das würde man in einer Sammlung von Kurzgeschichten so nicht durchgehen lassen, also “man” im Sinne von: “irgendein Lektorat”, Wortwiederholung, Einsatz für den Rotstift. Ich bin aber nicht irgendein Lektorat und ich gehöre zu den Leuten, die thematische Verengungen gut finden. Wenn jemand seinen Sound und seine Themen gefunden hat, dann soll er oder soll sie ruhig dabei bleiben, das geht in Ordnung, dann soll er oder soll sie immer besser genau darin werden, wie schmal die Spur auch sein mag. Hans-Ulrich Treichel etwa hat sich auch gefühlt über zehn Bücher mit seiner Familiengeschichte wiederholt, ich fand das gut, das wurde nicht schlechter, im Gegenteil. Ich würde vermutlich den zwanzigsten Brenner-Roman von Herrn Haas immer noch mit Begeisterung lesen. Und es wird auch bei Sven Regener nicht schlechter, natürlich nicht, bei ihm am wenigsten. Vielleicht hat er seine ultimativen, svenregenerhaftesten und allerbittersten, allerverlassensten ersten drei Liedzeilen immer noch nicht geschrieben, vielleicht geht da noch was, wer weiß. Ich freue mich auf alles, was da noch kommt. Und dann weinen die Steine aber sowas von, wenn er diese Zeilen erst geschrieben hat, da können die Vollidioten, die das selbstverständlich nicht verstehen werden, das noch so grausam finden.

Aufkleber Straßenblues

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Sohn I geht neben mir her, hört Element of Crime über Kopfhörer und lacht und tanzt dazu, offensichtlich hört er da etwas ganz anderes heraus als ich. Auch interessant.

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Der Tag beginnt aber damit, dass mein Bademantel nicht da ist. Mein Bademantel hängt normalerweise entweder an seinem Haken im Bad oder ich habe ihn an. Es verstößt massiv gegen die Ordnung der Dinge, wenn beide Optionen nicht zu einem positiven Ergebnis führen, es ist ungeheuerlich. Ich kann morgens nicht in Ruhe Nachrichten lesen und Kaffee trinken, wenn der nicht da ist, ich kann eigentlich gar nichts, dieses Zuhause ist gar kein Zuhause, wenn der Bademantel fehlt, der ist hygge zum Anziehen, der ist mein Adresszusatz. Das geht so alles nicht, in einem Comic wären tiefschwarze Wolken über meinem Kopf zu sehen, während ich fluchend durch die Zimmer gehe. Nachdem ich bei stark auffrischender Wut die ganze Wohnung inklusive höchst unwahrscheinlicher Stellen nach dem Ding abgesucht habe, teilt mir ein gerade erwachender Sohn I lapidar mit, mein Bademantel sei jetzt im Ohnsorg-Theater, den habe er gestern mitgenommen, als Requisite: “Wir brauchten noch was Lustiges. Für das neue Stück.”

Der komödientaugliche Charakter meines Bademantels war mir bisher nicht einmal ansatzweise klar, am Ende habe ich endlich und doch noch die Erklärung gefunden, warum mich in dieser Familie niemand ernst nimmt? Da mal drüber nachdenken! Aber egal. Mein Bademantel ist jetzt also jeden Tag im Theater, mein Bademantel ist kulturell ambitionierter als ich. Ich sage es ja, kein Tag ohne Demütigung.

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An einer roten Ampel stehen neben mir zwei Frauen, die eine klärt die andere detailliert, ach, viel zu detailliert über ihre bevorstehende Schönheits-OP am Bauch auf, was man da mit dem Bauchnabel macht, so herum und dann so und wieder zusammen, ein kleiner Eingriff ist das ja nicht, sagt sie, sie schneiden dann ja noch hier und so, sie zeigt das auch und kneift sich ins T-Shirt. Die Freundin verfärbt sich zusehends und passt schließlich ganz gut zur Ampel, als diese endlich auf grünes Licht umspringt.

Hausfassade mit aufgemaltem Reißverschluss

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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