So viele Töne

Wir haben einen neue Nachbarn. Bisher dachten wir, man würde in diesem Haus nie die Nachbarn hören, super Wände und Decken und so, jetzt müssen wir aber umdenken, den Herrn hört man. Vermutlich konnten die vorigen Bewohner der Wohnung einfach nicht so gut singen wie der, denn das zeichnet ihn aus, er singt. Laut und viel und gut, so gut immerhin, wie Sie und ich vermutlich nicht singen können. Also ich ganz sicher nicht, Sie wahrscheinlich nicht, denn wer singt schon gut, wer singt schon publikumstauglich, chorgeeignet, bühnenreif? So singt der aber. Zur Zeit singt er Weihnachtslieder. Dauernd singt er die, rauf und runter, er übt sicher für irgendwelche adventlichen Auftritte. Wenn ich gloria in excelsis deo auch nur summe, dann wird es tendenziell schnell peinlich, bei ihm höre ich mit dem Staubsaugen auf, höre durch die Wand zu und wundere mich. Was Menschen alles können! So viele Töne! Und alle an der richtigen Stelle!

Wie weit weg das von mir ist. Ich kann mir mühelos vorstellen, einen Tausendseitenroman zu schreiben, aber ich kann mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, vor anderen richtig zu singen.

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Acht Stunden Arbeit.

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Der Weihnachtsmann ist gar nicht fair. Oder nur ein wenig.

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Klimaschutz zum Mitmachen.

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Ich finde hier die Stelle mit dem Gullideckel sehr nachvollziehbar.

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Ich habe vorgestern über Ragoutfinpasteten (Königinpasteten) getwittert, an den zahlreichen Reaktionen sah ich, dass die wohl kein Mensch mehr macht. Daher sei es hier noch als Tipp für Eltern betont – die Dinger sind erstaunlich kinderkompatibel, versuchen Sie das ruhig mal. Milder Geschmack, seltsame Konsistenz, eigenartige Form, mehr Krümel als bei jedem Croissant, das ist doch was. Und man kann auch endlich mal wieder die Worcestersauce einsetzen, die aus ansonsten völlig unklaren Gründen ganz hinten im Schrank steht.

(Ich habe sie mit Huhn gemacht, etwa so)

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Die ganze Familie war im Kino, auf besonderen Wunsch von Sohn I gab es “100 Dinge”.

Ein Film mit ein paar zuverlässigen Lachern, um mir einen positiven Satz abzuringen. Doch, es gibt noch etwas Gutes zu vermelden, man kann nach dem Film prima mit Kindern über Konsum reden, das ist auch willkommen, schon recht.

Ansonsten ein Film für die Freunde des verfilmten Kalenderspruchs, um die moralische Tiefe des Werks kurz anzudeuten. Und er ist sicher auch empfehlenswert, wenn man selbstverliebte männliche Hauptdarsteller mit erstaunlichen Muskeln gerne nackt sieht. Und schließlich muss man ihn lieben, wenn man wie die Filmemacher davon ausgeht, dass befreundete Männer sich zwischen ihren rührseligen Kumpelmomenten immer mal wieder kurz prügeln müssen. Warum auch immer. Na egal, nicht meine Welt.

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Dialog beim Wecken im Kinderzimmer:

Sohn II: “Fass meine Decken nicht an! Jetzt hast du mir die ganze Gemütlichkeit hier versaumeiert!”

Ich: “Versaumeiert? Tolles Wort, kannte ich gar nicht.”

Sohn II: “Dann geh das doch verbloggen und lass mich hier in Ruhe liegen, verdammt!”

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In einem Kaufhaus in der Innenstadt steht ein Punk in der Damenstrumpfabteilung, es ist ein Punk alter Schule, mit Iro und allem, die sieht man ja heute kaum noch. Er steht vor einer ganzen Wand höchst damenhafter Strümpfe, die in Packungen mit kryptischen Bezeichnungen und unverständlichen Abkürzungen darauf stecken, sein Gesicht ist ein einziges Fragezeichen. Mit spitzen Fingern nimmt er eine Packung und liest, seine Augenbrauen erreichen Höhen, da kommen sie vermutlich nicht jeden Tag hin. Weihnachten kann herausfordernd sein.

Bei den Parfums steht ein bulliger Mann, der direkt von einer Baustelle kommt, zumindest lässt seine Kleidung samt Warnweste (nicht gelb, wie man jetzt wohl ergänzen muss) diesen Schluss zu, der ist wohl nur kurz zwischendurch mal rein, schnell ein Geschenk besorgen, dann geht es weiter mit dem Straßenbau oder mit etwas in der Art. Er steht vor einer ganzen Batterie von Flakons, Düfte für Frauen. Er besprüht seinen linken Arm, an dem er für diesen Zweck die Jacke bis über den Ellenbogen hochgeschoben hat. Er sprüht, riecht, überlegt einen Moment. Dann nimmt er den nächsten Flakon, sprüht, riecht überlegt. Dann macht er so weiter, von Oberarm bis Handgelenk besprüht er sich nach und nach, und er macht das sehr konzentriert, ernsthaft und zügig. Er wird nach dieser Aktion ganz außerordentlich und meilenweit rosa duften, denn er nimmt nicht gerade wenig von dem Zeug. Er hat schon nach zwei Flakons einen ganz routinierten Bewegungsablauf, würden da hundert Flakon stehen, er würde sie vielleicht alle abarbeiten, so sieht das aus – nur sein Arm wäre natürlich nicht lang genug, er müsste bald den anderen Arm und auch die Beine dazunehmen. Ein Mann der Tat und des planvollen Beschlusses. Weihnachten kann eine lösbare Aufgabe sein.

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Musik!

 

Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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7 Kommentare

  1. Wie lustig: ohne Ihren Beitrag über Ragout-fin-Pasteten zu kennen, sah ich am Freitag beim Bäcker genau die beschriebenen Blätterteigpasteten und musste sie unbedingt mitnehmen. Ich hatte am Tag zuvor Hühnerfrikassee gekocht und habe dann meinen Töchtern (Jahrgang 1968 und 1978) per E-Mail geschrieben, dass meine (übrigens Lübecker) Oma sie oft zubereitet hat, als ich selber (Jahrgang 1949) ein Kind war. Ich habe sie geliebt und natürlich auch die dazu gehörige Worcestersauce. Vielleicht gibt es jetzt ja ein Ragout-fin-Revival? Übrigens lese ich regelmäßig Ihren Blog und freue mich immer, wenn es etwas Neues zu lesen gibt. Vielen Dank für viele amüsante und wissenswerte Beiträge.
    Liebe Grüße

  2. Ich habe den Musikunterricht in der Schule weitestgehend ausgeblendet, spiele kein Instrument, kann nicht singen und höre zwar hin und wieder Musik, aber nicht mit Passion. Und dennoch ist mir ein Lied aus der Schulzeit im Ohr und Gedächtnis geblieben, weil Text und Melodie so fröhlich fließen, wie ich finde. Es geht um einen sehr musikalischen Nachbarn, hier ein Auszug:

    „Nur wer die Musik nicht gern hat, kann dem Nachbarn böse sein. Mich begleiten seine Klänge in den neuen Tag hinein. Wo ich gehe, wo ich stehe, immer sing ich vor mich hin. Dieser Nachbar und sein Liedchen gehn mir nicht mehr aus dem Sinn.“

  3. Fahren sie einmal mit ner Gruppe 15-16jähriger Mädchen auf ner Fähre nach England. Beim Erstenmal als Betreuer hatte ich dort ein kurzes TShirt an, als die Mädels den Duty-Free-Shop entdeckten….ich habe nie wieder eine Fähre ohne Jacke betreten….

  4. In den letzten paar Jahren habe ich eine Menge Ragout-fin-Pasteten gegessen, da war ich nämlich in Dänemark, wo das jedermanns Lieblingsgericht zu sein scheint. Hat eine Weile gedauert, bevor ich das verstanden habe, weil die meisten, die ich probiert hat, tatsächlich eher unspannend waren (die Pastetenhüllen staubtrocken, die Füllung cremig-fad, das Ganze unmöglich, einigermassen elegant zu essen, weil einem beim ersten Gabelstich die Splitter um die Ohren fliegen). Aber inzwischen glaube ich, die leuchtenden Augen bei der bloßen Erwähnung dieses Gerichts haben mit Kindheitserinnerungen zu tun: „tarteletter“ sind für viele die erste Leibspeise und deswegen comfort food, egal, wie enttäuschend die tatsächliche Version ist, die man auf dem Teller hat.

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