Rauhnächte

Drüben bei der GLS Bank habe ich etwas zum Thema Fortschritt geschrieben und gesammelt.

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Ich bitte um freundliche Beachtung, dass Frau Novemberregen unter meinem letzten Artikel in Gastbeitragslänge bezüglich Onlinehandel kommentiert hat. Nachvollziehbare Gedanken sind das, ich muss natürlich ergänzen, dass ich tatsächlich fast alles ohne Auto besser und sogar schneller hinbekomme als mit, das ist so ein special effect, wenn man in der Stadtmitte wohnt. Dass der Offlinehandel einen nicht spontan in gute Laune versetzt, das sehe ich auch so, das von ihr verwendete Beispiel mit dem Schneebesen würde ich mir sogar recht ähnlich vorstellen. Aber wenn ich überhaupt noch in der Lage sein möchte, einen Schneebesen in der Stadt zu kaufen, dann muss ich es wohl auch tun, ich glaube, das gehört so banal zusammen. Städte ohne Läden erscheinen mir zwar vorstellbar, aber nicht unbedingt erstrebenswert, was natürlich nur daran liegt, dass ich da altmodisch bin, schon klar. Aber hey, ich bin aus dem letzten Jahrhundert, ich darf das.

Es gibt in meiner Nähe z.B. schon lange keinen akzeptablen Schreibwarenladen mehr, die haben sich alle in Luft aufgelöst. An diesem Beispiel kann ich also sehen, wie es ohne Laden ist – und es ist nicht gut, es ist überhaupt nicht gut. Ich nehme zwar nicht an, dass wir das irgendwie zurückdrehen können, aber die anderen Läden, die es noch gibt, die können da gerne erst einmal bleiben.

Das Thema Versandhandel ist zweifellos sehr kompliziert, siehe auch die Probleme mit den Rücksendungen. Ach, und siehe auch hier.

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Im Vorbeigehen gehört: “Was die auf Rügen verdienen, da kommen wir niemals ran.”

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Ich habe das mit den Rauhnächten nachgelesen, weil ich das Wort schön finde und bis vor zwei, drei Jahren nicht einmal kannte, es gab oder gibt hier nämlich kein mir bekanntes Brauchtum zum Thema. Also wenn man vom obligatorischen Bleigießen zu Silvester absieht, das wohl auch diesen Bräuchen entstammt – aber da das niemand weiß, nützt die Erkenntnis ja eher gar nichts. Rauhnächte also, die Nächte zwischen Weihnachten und dem 6. Januar, wobei die Zählung regional abweicht, aber das können Sie ja alles selbst nachlesen, das ist schon interessant. Kurz gesagt, es ist eine Zeit für Fantasy-Romane, die Tore zwischen den Welten sind offen, zwischen den Zeiten vielleicht auch, es ist jedenfalls im kleinen Grenzverkehr zwischen den Dimensionen mehr möglich als sonst und gut ist das nicht unbedingt, das kennt man aus Filmen. Nach altem Brauch hängen zu dieser Zeit, ein nettes Detail, keine Wäscheleinen draußen, damit sich die wilde Jagd der Dämonen nicht darin verfängt. Wobei man sich fragt, welcher Dämon von Stand und Ehre denn bloß an einer banalen Wäscheleine scheitern kann, aber egal. Was die wilde Jagd wohl heute zu den zahllosen Windrädern in der Landschaft sagt? Kommen die Dämonen nicht sowieso nur noch scheibchenweise geschreddert bei uns an?

Ich habe gestern aus anderen Gründen noch lange wachgelegen, es war für meine Verhältnisse spät, es war sogar, wie ich nach einem Blick aufs Handy feststellte, gerade Geisterstunde, also die klassische Variante davon, wobei man auch nicht darüber nachdenken darf, wie es sich bei der guten alten Geisterstunde eigentlich mit der Zeitverschiebung verhält. Spukt es nun zur Sommerzeitgeisterstunde oder zur anderen, werden Geister überhaupt rechtzeitig umgestellt und von wem? Ich hörte gespannt in die Rauhnacht, immerhin habe ich gerade gruselige Geschichten von Ambrose Bierce gehört, ich war sozusagen bestens vorbereitet. Ich vernahm aber zuerst nur den üblichen Verkehr an der Alster entlang, ferne Motoren, dazu ein ganz schwaches Windgeräusch am Fenster, nichts also, was einen schaudernd erzittern lassen würde, nur eine ganz normale Luftbewegung, wie es sie in Hamburg fast immer gibt, denn das gehört hier nun einmal so, mit freundlichen Grüßen von der Nordsee.

Aber dann! Nachdem ich eine Weile immer angestrengter in die Dunkelheit gelauscht hatte – rollkofferte die wilde Jagd tatsächlich lärmend an unserem Haus vorbei, auf dem Weg vom Hotel zu einem sehr späten Zug vermutlich. Die Dämonen von heute reisen also modern, Sie kennen das viellecht von Geschäftsreisen.

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Ich habe es wieder aufgegeben, beim Gehen Musik oder Texte zu hören, auf Dauer bewährt sich das für mich nicht. Wenn ich auf die Umgebung achte, dann verstehe ich den Text nicht, wenn ich auf den Text achte, höre ich nicht, was die Leute um mich herum sagen, das fühlt sich insgesamt nicht gut an. Der Entschluss passt zwar glänzend zum aktuellen Hörbuch von Kagge (Gehen – Weitergehen), hat aber gar nichts mit ihm zu tun, das ist Zufall, ab und zu kann man ja auch mal selbst einen schlauen Gedanken haben, ganz ohne Vorsagen, sogar ich kann das.

Dummerweise habe ich mich aber gerade an Hörbücher gewöhnt, ich muss jetzt also eine andere Gelegenheit finden, mich ihnen zu widmen. Deswegen haben wir jetzt eine sehr saubere Wohnung, denn die intensivierte Hausarbeit scheint mir die einzige Chance zu sein, die keine Nachteile hat. Beim Putzen des Badezimmers gibt es nichts, auf das ich sonst noch achten müsste, dabei kann ich ruhig gute Texte hören, das klappt. Das wird hier jetzt also eine außerordentlich vorzeigbare Wohnung und die Herzdame ist mit dieser Entwicklung auch ganz zufrieden, wie ist es wieder schön.

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Musik! Ich habe ja eine Schwäche für letzte Auftritte, letzte Stücke, letzte Gelegenheiten und dergleichen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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8 Kommentare

  1. Guten Morgen, da bin ich wieder, ich hoffe nicht wie ein Kistenteufel, aber das Thema treibt mich doch sehr um. Mein Schneebesenkauf gestern war ereignislos in jeder Hinsicht. 1 € günstiger als das Online-Produkt, das ich gekauft hätte, dafür ungefähr eine Viertelstunde mehr Zeitaufwand. Wenn ich nur auf mich selbst schaue, dampft es sich also darauf hinunter, ob ich lieber 1 Euro spare oder lieber eine Viertelstunde Zeit.

    Natürlich ist mir sehr klar, dass ich in einer Gesellschaft nicht nur darauf schauen darf, was für mich das beste ist, dass durchaus Entscheidungen die richtigen sind, die für mich als Individuum ungünstiger sind als die Alternativen, die Gesellschaft an sich aber stärken. Auf die Solidargemeinschaft lege ich viel Wert (auch beim Schneebesenkauf).

    Unsere Wohnsituation ist glaube ich sogar vergleichbar (Stadtmitte, Bahnhofsnähe, alles ohne Auto besser erreichbar, Lieferwagen parken die Radwege zu). Nur ist mir – im Gegensatz zu Ihnen – der Wert eines Ladens an sich nicht klar. Warum ist es gut, einen Galeria-Kaufhof-Klotz in der Fußgängerzone zu haben und dort einen Schneebesen kaufen zu können?

  2. Der Wert eines Ladens an sich liegt für mich z.B. darin, dass in ihm Gesellschaft stattfindet. Beim Kauf des Schneebesens haben Sie 150 Leute gesehen, bei der Lieferung des Amazonschneebsens sehen Sie einen, und ich glaube, das ist nicht folgenlos, wenn man es immer weiter hochrechnet. Aber ich muss noch darauf herumdenken.

  3. Einen Galeria Kaufhof Klotz braucht man vielleicht nicht, aber eventuell den stationären Einzelhandel, den wir aber eh alle nicht retten können. Bzw. vielleicht rettet er sich auch von selbst, in manchen Segmenten sollen die Käufer vom Online Handel wieder zurück gekehrt sein, z. B. las ich das über Elektronik Märkte. Also, dass da die Leute momentan wieder lieber im Geschäft vor Ort kaufen.

    Was ich mich aber frage ist, was macht man mit der Zeit, die man durch Online Einkäufe gewinnt? Also im Falle des Schneebesens hätte man 15 bis 20 Minuten eingespart. Ist das dann eine Verbesserung der Lebensqualität? Was macht man mit den 20 Minuten? Sitzt man am Laptop oder kocht Kartoffeln? Ist das besser, als bei Galeria Kaufhof wegen eines Schneebesens in die vierte Etage zu rennen?

    Die Frage würde ich mir stellen wollen. Ob ich wirklich etwas gewinne oder nicht. Ist eine Frage der Betrachtung. Und da kann es auch so sein, dass man es als Teil des normalen Alltags und nicht als „Zeitraub“ empfindet, einen Schneebesen zu besorgen.

    Ich plädiere weder für das eine noch das andere, das muss jede/r für sich entscheiden. Aber man kann darüber nachdenken, was ist für mich Lebenszeit, was ist Verschwendung an Zeit und was nicht.

    Ich geh jetzt auch nicht so gerne Schneebesen einkaufen. Aber gefühlte Zeitverschwendung ist das für mich weniger. Stundenlang am Rechner oder vor dem Fernseher zu sitzen fühlt sich für mich deutlicher wie Zeitverschwendung an. Für andere ist das wieder ganz anders.

  4. Das ist ein interessanter Punkt mit der Gesellschaft als Wert eines Ladens. Darüber habe ich noch nicht nachgedacht aber er erscheint mir schlüssig. Ich halte es für sehr wichtig, sich nicht nur mit Leuten zu umgeben, die man sich ausgesucht hat. Hier entsteht natürlich ein Zusammenhang zu dem, was man in der gesparten Zeit tut und was anstelle des Galeria-Kaufhof-Klotzes in der Fußgängerzone wäre. Es ist alles sehr komplex und auch hypothetisch.

    Antje, ich versuche es auch immer so zu sehen, dass die Tätigkeiten, die der Organisation meines normalen Lebens dienen, keine Zeitverschwendung sind sondern einfach als das, was sie sind: mein Leben. Das gelingt mal besser, mal schlechter, das Hauptproblem (das ich sicher mit vielen teile) ist dabei, dass die Organisation meines Lebens zusammen mit unabdingbaren Abläufen und dann noch meinen Interessen eine ziemliche Ballung ergibt, die ich oft nicht zu meiner Zufriedenheit in Balance halten kann. Vielleicht muss ich mich damit abfinden. Aber vielleicht ist es auch legitim, nach Erleichterungen zu greifen, wenn sie sich bieten und unschädlich sind.

    In Frankfurt schließt gerade die Pappnase (ich hoffe, ich kann hier verlinken?), ein Fachgeschäft für Artistik und Spiel. Ich kenne diesen Laden vom Vorbeigehen, habe ihn aber nie betreten und wüsste auch jetzt nicht, was ich dort kaufen sollte, ich persönlich brauche diesen Laden wirklich überhaupt gar nicht. Trotzdem macht es mich traurig, dass er schließt und ich könnte nicht erklären, wieso. Ich hätte es gern, dass dieser Laden da bleibt – aber es ist natürlich ein absurd luxuriöser Wunsch, einen Laden haben zu wollen, einfach nur, weil der Gedanke an seine Existenz angenehm ist, aber ohne die Absicht, dort jemals etwas einzukaufen.

  5. 1. Gespenster richten sich selbstverständlich nach unseren Uhren und Zeitzonen, das dürfte seit Otfried Preusslers Kleinem Gespenst doch geklärt sein.

    2. Ich muß jetzt einen niedersächsischen Heimatroman schreiben, nur damit ich diesen Satz unterbringen kann: „Am Horizont blinkte rot und bedrohlich eine Reihe Dämonenshredder.“

  6. Zum Thema ist schon viel gesagt, trotzdem kurz noch zum Wert eines Kaufhauses: der liegt für mich nicht darin, dort einen einzelnen Schneebesen kaufen zu können, sondern mit einer Liste von 20 Dingen durch 4 Stockwerke wandern zu können, alles, was ich brauche, kurz in die Hand nehmen zu können und es am Schluss einfach alles mit nach Hause zu nehmen, ohne irgendwelche persönlichen Daten zu hinterlassen oder die Päckchen hinterher bei den Nachbarn suchen zu müssen. Vielleicht noch ein kurzer Stop im Restaurant mit Dachterasse, wo sich ganz viele Rentner zum Mittagessen treffen, die sich nicht in die hippen Cafes in der Nähe trauen. Danach habe ich das Gefühl, so richtig was weggeschafft zu haben.

  7. Für mich liegt der Mehrwert eines Ladens darin, dass ich auch andere Dinge sehe, die mir beim Onlinehandel verborgen bleiben. Das fängt natürlich beim klassischen Buchhandel an: Wo mir der Onlinehändler von nun an alle Bücher des Autors/der Autorin empfiehlt, gerne auch das bereits gekaufte in anderer Ausgabe, kann ich im Laden auch in komplett anderen Genres stöbern. Ähnliches in anderen Läden – beim Rumstromern gibt es dann Entdeckungen, bei denen ich mich dann erinnere „Stimmt, brauchst du auch noch“, oder es ist ein mögliches Geschenk für Person X oder man kann es Person Y empfehlen, die danach gesucht hat. So ist es natürlich nicht immer, aber da ich mir keine Pakete ins Büro schicken lassen kann und nicht immer fürs entsprechende Abholen Zeit einplanen möchte, gehe ich wieder vermehrt in Läden einkaufen.

  8. Für mich liegt der Mehrwert eines Ladens darin, dass ich auch andere Dinge sehe, die mir beim Onlinehandel verborgen bleiben. – welche Dinge meinst du?

    LG,
    Alex

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