Anagata

Kiki macht halblang. Kann man gut nachmachen. Mir gehen ohnehin, ganz unabhängig von den sattsam bekannten Amazonbegleiterscheinungen, die Probleme, die an dem ganzen Lieferwahnsinn hängen, auf die Nerven. Also etwa die vielen, vielen Lieferautos, die in unserem kleinen Bahnhofsviertel überall im Weg stehen, im Halteverbot, auf den Radwegen, auf den Fußwegen, im fließenden Verkehr, überall. Und die nichtankommenden oder irrlichternden Pakete nerven auch, das zeitraubende Hinterherrätseln, was jetzt gerade wo sein mag, der unendliche Spaß mit der Sendungsverfolgung, die Umstände mit den Retouren und all das, ich finde es immer bescheuerter. Mir graut außerdem vor der Arbeitswelt, die hinter dem Versandhandel steht, ich möchte dazu möglichst wenig beitragen.

Zumal ich als Blogger natürlich auch ganz banal festellen muss – gehste in einen Laden, haste eventuell eine Story. Klickste auf “Bestellen”, haste garantiert keine.

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Die Bücherei als kultureller Treffpunkt in Dänemark. Bei uns gibt es Pläne, so las ich neulich, die Hamburger Zentralbücherei, die bei uns um die Ecke zu finden ist, künftig im Winterhalbjahr auch am Sonntag zu öffnen. Immerhin. Ich stelle mir das sehr romantisch vor, da im nächsten November an einem dunkelgrauen Sonntag hinzugehen, das Notebook unterm Arm, dort dann ein wenig durch die Gänge zu strolchen, hier und da in ein Buch zu blättern und schließlich in Ruhe zu schreiben, um mich herum dabei lauter lesende und lernende Menschen, im Hintergrund sanfte Umblättergeräusche, wie motivierend wird das denn sein? Vermutlich gar nicht, weil es so nicht stattfinden wird, denn der Laden wird voll wie sonst was sein und vor schwatzhaftem Leben nur so wimmeln. Schlimm.

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Ich habe sehr gelacht, als ein Journalist auf Twitter eine der dort häufigen privaten Anekdötchen von irgendwem mit Verweis auf den aktuellen Spiegelskandal angezweifelt hat. Eine amüsante Entwicklung, wenn jetzt alles hinterfragt wird, wenn gar nichts mehr für bare Münze genommen wird und auf jeden Scherz mit erhobenem Zeigefinger reagiert wird. Unter jedem zitierten Witz-Dialog steht neuerdings: “Gut ausgedacht”, unter jedem Humorbruchstück postet irgendwer: “Wenn das mal wirklich so war”, wir wollen jetzt also nichts als die reine Wahrheit, die ganze Wahrheit, wir wissen nur dummerweise nicht, was das ist und beißen daher erst einmal alles weg, was auch nur ansatzweise verdächtig sein könnte, wie übereifrige Wachhunde, die schon bei raschelndem Laub durchdrehen.

Aber egal. Mir geht es wie vielen schreibenden Menschen zur Zeit, ich finde es irgendwie charmant, wenn plötzlich alle über das Schreiben, die Darstellungsmöglichkeiten, die Wahrheit und die Intention nachdenken. I feel you.

Siehe übrigens nebenbei auch hier noch einmal, einige Gründe gegen Geschichten (wir hatten das schon einmal), das Thema bleibt abgründig und faszinierend.

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Passend zum letzten Link beim Spaziergang Geschichten der altmodischen Art gehört, “Die Totenwache” und “Ein psychologischer Schiffbruch” von Ambrose Bierce, gelesen von Andreas Fröhlich. Die dazu passenden Bücher von Ambrose Bierce, die ich noch aus meiner Antiquariatszeit besitze, habe ich seit langer Zeit nicht mehr in der Hand gehabt, aber sie werden sicher im Regal bleiben dürfen, schon wegen der Tonfallschönheit.

Außerdem habe ich den Anfang von Erling Kagges “Gehen. Weitergehen – Eine Anleitung” gehört (gelesen von Wolfram Koch). Da kommt das schöne Wort Anagata vor, ein Sanskritwort. Wenn ich es richtig gehört habe, ist es die Verneinung von Gata, was wohl Gehen oder gegangen heißt, und meint Zukünftiges im Sinne von “wohin wir noch nicht gegangen sind”. Anagata, kennen Sie das, wenn man sich spontan und heftig in ein Wort verliebt? Ich habe jetzt das dringende Bedürfnis, irgendwas Anagata zu nennen, ein Schiff oder so etwas, “er ging an Bord der Anagata”. Wobei ich mit einem Schiff gar nichts anfangen kann. Ein Schiff ist leider auch wahnsinnig teuer und ohnehin geht es gar nicht, es fährt, das passt also überhaupt nicht, das kann weg. Ich könnte natürlich auch eine Band gründen und sie Anagata nennen. Das klingt dann allerdings irgendwie dumpfrockig, das will ich auch wieder nicht. Außerdem müsste ich dafür erst ein Instrument lernen, das macht alles nichts als Umstände.

Ich muss nachdenken! Bis dahin benenne ich erst einmal diesen Blogeintrag mit dem Wort. Keep it simple und so.

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Musik!

Billy Joel. Und gewissermaßen auch Bob Dylan.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Es gab ein technisches Problem mit dem wie immer folgenden Paypal-Link, das sollte aber jetzt behoben sein und wieder einwandfrei funktionieren. Sie können also hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, herzlichen Dank!

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7 Kommentare

  1. Vielleicht eine Pendeluhr, die sie nicht aufziehen und die dann im Kreise der Familie als Anagata bekannt ist.

  2. Das Thema mit dem „Lieferwahnsinn“ treibt mich auch um, aber ich bin unsicher (und natürlich auch faul, aber zu großen Teilen auch unsicher). Ich weiß nicht, ob es so viel sinnvoller ist, wenn ich selbst irgendwo hinfahre, um etwas zu kaufen (das dort natürlich auch vorher mit einem Lieferauto hingebracht wurde) oder ob es nicht effizienter ist, wenn ein Lieferwagen mich und meine Nachbarschaft beliefert. Das kann ich null einschätzen, was ich sehr ärgerlich finde. Vielleicht ist es auch einfach eine lästige Übergangszeit, bis die ganzen Privatautos endlich verschwinden, die man ja noch weniger braucht als die Lieferwagen und dann sich auch das Problem der verstopften Straßen erledigt?

    Für mich habe ich entschieden, im Zweifelsfall einfach erstmal gar nichts mehr zu kaufen – von den Verbrauchsgütern mal abgesehen. Habe aber dann eben beim Kochen doch festgestellt, dass ich einen zweiten Schneebesen benötige, den einen vorhanden muss ich unverhältnismäßig oft beim Kochen zwischenspülen, und wie gesagt bin ich faul, aber das Zwischenspülen ist auch nicht ökologisch, ich habe nämlich eine Spülmaschine, die das energiesparender kann. Spontan hätte ich diesen Schneebesen jetzt einfach online bestellt und morgen in meinem Büro entgegengenommen, habe aber ja – auch wegen Plastikgebrauch – in letzter Zeit immer etwas Sorge, des Internets verwiesen zu werden (dazu ganz nebenbei: ich bestelle noch viel mehr, seit es in den Läden keine Plastiktüten mehr gibt, nicht aus Trotz, sondern weil ich meine Einkäufe in der Regel ohne Auto auf sowieso fälligen Wegen spontan erledige. Ich habe immer 1-3 von diesen Stoffbeuteldingern dabei, mehr passen nicht in die Handtasche, manchmal – häufig – stehe ich im Laden und will eigentlich mehr einkaufen, als in meine vorhandenen Stoffbeutelinger passt, will aber um Himmels willen auch keine weiteren Stoffbeuteldinger in meinen Haushalt einschleppen, ich habe ja schon ungefähr 1000, Plastiktüten habe ich immer als Mülltüten weiterverwendet, also kaufe ich halt einen Teil nicht und bestelle das dann irgendwann – man sieht auch daran: es ist nicht alles ganz so geradeaus, wie man sich das mit Veränderungen vorstellt).

    Zurück zum Schneebesen. Ich werde morgen grob in die Nähe eines Kaufhauses kommen und, wenn alles planmäßig verläuft, dort einen solchen kaufen. Ich weiß jetzt schon, dass sich die Küchenabteilung vermutlich ganz oben befindet und mir auf dem Weg dorthin mit Mantel und Taschen irrsinnig warm sein wird und die Schneebesenabteilung wird vermutlich unaufgeräumt sein, die Unterschiede zwischen den einzelnen Schneebesen für Laien nicht erkennbar, Fachpersonal aber nicht vorhanden und das Gerät, für das ich mich uninformiert entscheide, wird einen Barcode tragen, der an der Kasse – wenn ich dann mal an der Reihe bin – nicht erkannt wird und nach diesem Kaufvorgang, für den ich insgesamt etwa 25 Minuten veranschlage, werde ich außerordentlich schlecht gelaunt sein. Ich werde berichten – zum Punkt mit der Story immerhin habe ich nichts zu erwidern.

  3. Hier im prekären Mönchengladbach wurde schon vor einigen Jahren die Stadtbibliothek an den Sonntagen geöffnet. Das hat eine tolle Wirkung und es sind Nachmittags viel Familien zugegen – aus allen Bevölkerungsschichten und verschiedenster Herkunft. Schülergruppen sitzen zusammen und machen Hausaufgaben, Kinder schmökern in Bilderbüchern…. ein toller Treffpunkt mitten in der Stadt.
    Betreut am Nachmittag übrigen von einem externen Sicherheitsdienst, der sich inzwischen gut auskennt, aber keine Verwaltunsgarbeit erledigen darf.
    Ein tolles Projekt, das zum Glück weiterhin gefördert wird!

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