Die schlechte Laune des Januarfebruarmärz

Ich möchte etwas zu dieser Netflixaufräumserie sagen, über die gerade alle reden. Wobei ich erwähnen muss, dass ich die überhaupt nicht gesehen habe, aber es wurde über sie so dermaßen viel gesagt und geschrieben, es haben so dermaßen viele Menschen Statements zu ihrem eigenen Aufräumverhalten abgegeben, es kommt mir gerade so vor, als hätte ich sie gesehen.

Wir haben hier die aufgeräumteste Wohnung, die man sich nur denken kann, everything sparks joy und so, denn ein Sohn hat gerade eine Abstellkammer als Rückzugsraum bezogen, die wir für diesen Zweck erst einmal leer räumen mussten. Die Abstellkammer ist sehr groß, sie ist eigentlich eher eine Art Abstellsaal, und sie war auch sehr voll. Sie war der stets vollgemüllte Abgrund dieser Wohnung, der Hort des Verdrängten, von diesem Abgrund aus griff dann das große Aufräumen auch auf alle anderen Räume über. Wir haben hier also enorm viele Dinge und Dingelchen bewegt, sortiert, weggeworfen, verkauft, das hat den ganzen Dezember bestimmt, die langen Winterabende, Sie wissen schon. Die Herzdame hat, um nur ein Beispiel zu nennen, etwa fünf Abende damit verbracht, Playmobilkleinteile zu sortieren, Sets nach Jahren der intensiven Nutzung wieder fertig zusammenzubauen und schließlich verkaufsfertig zu machen, eine völlig irre Arbeit. Aber es ist tatsächlich alles vollbracht. Das war so einer dieser Großpläne, die man lange, lange vor sich herschiebt, der ist jetzt nach Jahren der eleganten Verdrängung endlich durch und komplett erledigt. Wir könnten uns jetzt etwas anderes in der Art vornehmen, ein Haus bauen oder so.

Und das ist auch alles recht schön so, es ist befreiend und ein wenig belebend, wenn man das Ziel der perfekten und stets nur vage angepeilten Ordnung tatsächlich einmal zu hundert Prozent erreicht. Man muss aber einige Menschen sicher auch warnen, so etwas zu veranstalten. Denn eine bewältigte Aufgabe dieser Größenordnung, die auch noch ein für jeden sofort sichtbares Ergebnis hat, die hat fast unweigerlich einen gewissen Druck zur Folge. Man setzt sich nach getaner Arbeit in die aufgeräumteste Wohnung aller Zeiten, man setzt sich aufs eigene Sofa und damit mitten hinein in einen Idealzustand – und dann muss man auf jeden Fall das handlungseinleitende “So” vermeiden. Denn der ungewohnte Zustand der Wohnung legt nachdrücklich nahe, dass jetzt noch mehr anders wird, die unordentliche Gefühlslage etwa oder der Alltag, es fühlt sich alles ganz so an, als könne jetzt sofort etwas losgehen oder eintreten.

Das aber ist natürlich nicht der Fall, und damit muss man umgehen können. Man hat eben einfach nur aufgeräumt, esoterischer wird es nicht und weitere Offenbarungen bleiben mit großer Sicherheit aus. Man wird kein anderer Mensch, ein besserer schon gleich gar nicht. Man sitzt und guckt und staunt, Ende der Geschichte. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann haben sie wieder Unordnung gemacht. Oder einfach nur Abendbrot, was ja ganz ähnlich ist.

Für mich war dieser Erwartungsdruck aber sowieso kein Problem, denn ich bin im Januarfebruarmärz wegen des nach Weihnachten schlagartig sinnlos gewordenen Winters traditionell schlecht gelaunt, mich erschüttert gerade gar nichts, auch keine Hoffnung auf ein anderes Leben durch eine neue Lagerungsart der Socken. Meine Stimmung ist stabil grau, dem ersten Quartal angemessen und auf eine saisonal korrekte Art dunkel, das ist gut für das seelische Immunsystem und schützt vor jeglichem Erwartungsklimbim. January expects that every man will do his duty.

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Bei diesem Hacker- oder Doxing-Skandal da gerade, ist Ihnen auch aufgefallen, wie viele Kommentatorinnen und Kommentatoren den Täter beleidigt haben? Und zwar durch die Bank beleidigt im Sinne einer Herabsetzung aufgrund seines Alters und seiner Wohnsituation, irgendwo wurde er sogar mehrfach als “Bübchen” bezeichnet. Der Mann ist zwanzig Jahre alt, die Bezeichnung scheint mir ziemlich abwegig. Ich habe den leisen Verdacht, dass da die alternde Gesellschaft reflexhaft einen jungen Menschen beleidigt. Wie alt muss man denn neuerdings wohl werden, um kein Bübchen mehr zu sein? Dreißig? Das ist dann verdammt eine lange Pubertät.

Oder ist das nur die Enttäuschung in den Redaktionen, dass es keine noch größere Story ist, eine mit deutlich mehr Kawumm, also mit dem russischen Geheimdienst und der Mafia und natürlich China und allem und scharf? Es war aber nur ein womöglich rechtsdrehendes Bübchen. Mich stört diese Wortwahl sehr, sie ist irreführend.

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Ich habe neulich auf Twitter nach neue Blogs gefragt, die Resonanz war nahezu inexistent. Die Frage bleibt für mich aber interessant, deswegen wiederhole ich die Bitte hier. Wenn Sie neue Blogs kennen, Gründungsjahr 2018 oder so, die Sie auf die eine oder andere Art bemerkenswert finden, dann schreiben Sie doch bitte einen Kommentar mit Link. Ich möchte gerne ein paar Neuzugänge lesen.

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Der Spieler

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Der Überkanzler hat ausgedient

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Texte über die Probleme beim Spiegel kann vermutlich schon keiner mehr sehen, aber einer geht noch, nämlich der hier über das Wahrscheinliche in der Erzählung. Oder in der Reportage.

Recht weit oben im Text steht eine Definition der Literatur, danach erkennt man Literatur an ihrer Selbstreferentialität und an ihrer Mehrdeutigkeit. Ich möchte dazu bekennen: Das sagt mir auch nach längerem Nachdenken nichts. Die Schlussfolgerung des Textes im letzten Absatz allerdings, die finde ich wichtig und auch naheliegend.

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Ich war mit der Herzdame auf dem Neujahrsempfang der Grünen im Hamburger Rathaus, in dem es sehr schöne Säle mit sehr schlechter Akustik gibt, noch schlechter sogar als im Dom der Hamburger Katholiken, und das will wirklich etwas heißen. Es wurden Reden geredet, von denen ich so gut wie nichts verstanden habe, aber um die Reden geht es den meisten bei so etwas ja eh nicht, es geht eher um das Soziale.

Mein Höhepunkt des Sozialen war dann, als ich kurz neben dem Hamburger Ersten Bürgermeister stand und wir beide zusahen, wie die Herzdame mit einem anderen Mann  tanzte, wozu er, also der Bürgermeister, nach ein paar Sekunden “Oha” bemerkte. Ich nickte, und das war erst einmal mein Smalltalk-Highlight des Jahres, bitte sehr, stets bemüht. Für seine treffende Bemerkung gab es übrigens auch allen Grund, denn die Herzdame tanzte Shag.

Tänze kamen hier lange nicht vor, deswegen kurz zur Erinnerung, Shag ist so etwas hier:

Man erkennt es vielleicht, Shag hat eine solch unfassbare Geschwindigkeit, ein durchschnittlicher Büromensch muss bereits nach etwa zwanzig Schritten wiederbelebt werden. Es ist aber auch einer der lustigsten Tänze überhaupt. Wenn Sie mal die Chance auf einen Shag-Einsteiger-Workshop haben, gehen Sie da unbedingt hin, das ist ein Erlebnis. Der Muskelkater hinterher ist allerdings eventuell der erste im Leben, bei dem Sie sich krankschreiben lassen möchten. 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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9 Kommentare

  1. Der junge Mann entspricht so wunderbar dem Klischee des Hackers, der mit Hoodie im Keller seiner Eltern vorm PC sitzt und kalte Pizza direkt aus der Schachtel isst. Da darf man von Redaktionen, die soeben erst durch eine eiskalte Relotiusdusche aus ihrem Traum vom Geschichtenerzählen geweckt wurden, nicht übelnehmen, dass sie nicht einfach nur auf die Fakten zurückgreifen möchten. Aber wenn es dabei helfen sollte, dass der sehr jungen Mensch noch nach dem Jugend- bzw. Heranwachsendenstrafrecht eine Chance bekommt, und nicht aufs Leben im Kerker schmoren muss, dann kann er wohl mit dem Begriff ‚Bübchen‘ leben, denke ich.

    Das „Oha!“ des Herrn Bürgermeisters ist sehr verdient, denke ich.

  2. Äh, heißt das nicht „Erster Bürgermeister“ oder gibt es in HH auch noch einen Oberbürgermeister? Egal wer auch immer, ich kann mir die Herren und Damen der Bürgerschaft nun wirklich nicht vorstellen, wie die Shag tanzen.

  3. Zum Thema Blogtipp möchte ich als eigentlich stille Mitleserin doch gerne meinen eigenen Blog empfehlen.
    Wenn er gefällt, gefällt er. Wenn nicht, dann lese ich hier trotzdem weiter 🙂

    Beste Grüße
    Sabine K.
    kaiserlich-leben.de

  4. Nur weil Sie gefragt haben, lieber Herr Buddenbohm, möchte ich Ihnen meinen neuen Blog ans Herz legen. Er ist allerdings weniger zum Lesen als zum Schauen gedacht. Wenn er Ihnen nicht gefällt macht es auch nichts, ich bleibe trotzdem Ihr treuer Leser!
    Grüße nach Hamburg!
    Kai Waslowski
    http://www.kaiwe.de

  5. Ich habe die Aufräumserie auf Netflix auch nicht gesehen, ich habe gar kein Netflix. Gehört und gelesen habe ich auch nichts davon. Aber ich kann berichten, dass wir so eine Aufräum- und Umräumaktion samt Aussortieren, Entmisten usw. bereits im Herbst hinter uns gebracht haben. Auch ausgelöst durch den „Umzug“ des Kindes innerhalb des Hauses.
    Und was soll ich sagen, es geschieht DOCH etwas!!!!! Ich kenne meinen Gatten jetzt 24 Jahre und noch nie hielt er Ordnung in seinem Büro, überall waren Zettelhaufen usw. Immer schon. Doch seitdem das neue Büro eingerichtet ist, wird alles abgeheftet, einsortiert,aufgeräumt. Auch nach 4 Monaten sieht das Büro aus wie am ersten Tag. Ich kann es selbst kaum glauben.Er wurde sicher kein besserer Mensch, geht ja eh kaum, aber ein ordentlicherer auf jeden Fall!!!!

  6. Huiii, ein „Oha!“ war da sowas von angebracht! Ich bin vom Zugucken schon außer Atem. Aber: Toll!!

    Da ich kein Netflix habe, komme ich nicht in die Verlegenheit, diese Sendung zu schauen. Habe aber ebenfalls das Gefühl, ich hätte es schon. Also, geschaut, nicht aufgeräumt. Dieses ganze Drumherum nervt mich etwas. Aber: Ich träume davon, meine Wohnung in einem Zustand zu haben (und zu halten), in dem spontanes Klingeln von irgendwem nicht meinen Puls beschleunigen würde. Nunja. Träume muss man ja haben, nicht wahr?

    Zum Lesen kann ich folgenden/s (?) Tagebuchblog empfehlen (über Frau Nessy entdeckt), frisch im Dezember gestartet:
    http://www.start-from-scratch.de/

  7. „Ich bin im Januarfebruarmärz wegen des nach Weihnachten schlagartig sinnlos gewordenen Winters traditionell schlecht gelaunt.“
    Das kann ich sehr gut nachvollziehen und habe für alle derart Geschädigten einen heißen Tipp: Kommen Sie nach Köln, hier bekommt der Februarmärz durch die Fünfte Jahreszeit ein ganz andere Wertung, und der sinnlos gewordene Winter kann im Karneval wunderbar vergessen/verleugnet/weggefeiert, -geschunkelt und -gesungen werden!

  8. Tach!

    Bi usen Tachblog gifft dat wat äver Plattdütsch und Museek. Wi sin in Fewerwoar lesstet Joar angefangen. Dat janz fröhlich düaenanner up Hoch und up Platt. Aff und tau gifft dat ok wat tau hürn. De Hamburger Jung is ok doabie. 🙂

    Man tau: https://tachblog.com/

    Scheunen Gruß van Ines (TachProjekt)

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