CamPatri. Ich kann mir keine solche Methode wie dort im Text ausdenken, denn ich müsste sie dann Budmaxi nennen, und wie klingt das denn.

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Wie eine alte römische Münze hängt der Mond am Himmel über der Häuserzeile, eine dünne Scheibe angefressenen Kupfers, erodiert und irgendwie uralt, schrundig, löchrig, dünn, als hielte den Himmelskörper nicht mehr viel zusammen, als könnte man bald durch das abgegriffene Material die Sterne dahinter leuchten sehen.

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Arno Schmidt über die löcherige Gegenwart, Bezüge zum täglichen Bloggen lassen sich leicht schnitzen, wenn man das möchte.

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Zwei hochbetagte Damen gehen vor mir her durch den bemerkenswert kalten Großstadtsonntagmorgen, eine stützt sich auf die andere. Sie gehen langsam und vorsichtig. Beide sind so hochbetagt, dass ihre feinen Pelzmäntel eventuell noch aus einer Zeit stammen, in der ihnen niemand einen Vorwurf für den Erwerb und das Tragen von Pelzmänteln gemacht haben wird, und diese Zeit ist, wie wir alle wissen, schon eine ganze Weile her. Pelzmäntel sind mittlerweile zu Recht ein ungewohnter Anblick geworden, wann sieht man die schon. Wintersonne lässt dichtes Fell fein glänzen, silbrige Effekte auf dunklem Grund. Das Bild der beiden Damen erinnert mich an die Mäntel meiner Mutter, als ich noch Kind war. Da trug man noch Pelz, damals in den 70ern, Nerz, Nutria, Biber, Fuchs und weiß ich was, sogar die Männer trugen Pelzmäntel in dieser Zeit, es fiel nicht einmal auf. Die Pelzmäntel der Mutter fanden wir Kinder sehr kuschelig. So kuschelig fanden wir die, dass ihr späterer Verbleib des Öfteren beruhigend verkündet wurde: “Du erbst mal den, du den …”. Diese Pelze gibt es längst nicht mehr, Menschen halten im besten Fall länger als Mäntel.

Die eine Dame jedenfalls da vor mir, sie trägt zum Mantel eine passende Mütze aus dem gleichen Pelz, zeigt im Vorbeigehen auf ein Haus, behandschuhte Finger weisen vage ein Stockwerk: “Da wohnt einer meiner schönen jungen Männer.”

“Ach”, sagt die andere ohne auch nur hinzusehen, und in diesem “Ach” liegt keine Überraschung, kein Interesse, keine Regung, es muss irgendwie ganz normal sein, dass da einer der schönen jungen Männer der anderen Dame wohnt.

Und mehr werden wir dazu nicht erfahren.

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Ich war am Nachmittag kurz im gefrorenen Garten, da war alles knackig eingezuckert wie die Ränder der Gläser bei manchen Cocktails, Sohn I hat das in der Hecke fotografiert:

 

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Das weiße Gras bricht gläsern, wenn man drüber läuft, die toten einjährigen Stauden in den Beeten stehen schwarz und starr. Sogar die Magnolie lässt die wie immer voreiligen Knospen vorerst lieber nicht weiter wachsen, alles zieht sich zusammen und schrumpft tief in sich hinein. Einzig der Grünkohl steht in aller Pracht und hält eisern und grün durch. In der Hecke sitzt ein winziger Vogel ganz still und äugt, was wollen die jetzt wohl hier, die Menschen? Alles ruht und wartet und verharrt, alles sagt: “Mach nichts.”

Und das habe ich dann auch gemacht.

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Später am Tag, das Licht wird schon knapp. Über der Elbe liegt eisiger Nebel, er wabert in die Hafencity und weiter in die Neustadt. Er enthauptet die Kirchen in den Hafenvierteln, er verwischt die Takelage der Rickmer Rickmers an den Landungsbrücken. Der Elbphilharmonie mümmelt er den prächtigen Aufbau weg, Architektur in heller Auflösung. Den wimmelnden Touristen kriecht der Nebel durch Ärmellöcher und Reißverschlüsse in die Kleidung, da kann die Outdoormode mal zeigen, was sie wirklich drauf hat. Und viel ist das manchmal wohl nicht, so wie überall gefroren wird.

Auf einer Brücke über einem Fleet steht ein Mann, der hält in der einen Hand einen ganz kleinen Hund, in der anderen sein Handy. Er versucht, ein Selfie mit Hund zu machen, er sagt immer wieder “Guck mal! Guck doch mal!” zu dem Hund, wobei er mit dem Kinn energisch zum Handy zeigt und den Hund neben sein Gesicht hebt. Der Hund versteht natürlich überhaupt nichts, er leckt das so interessant wippende Kinn ab und guckt Herrchen an, das ist bei Hunden ja meistens auch richtig so, das weiß er. Heute aber nicht! “Guck doch mal! Na, hier!” Herrchen wackelt fuchtelnd mit dem Handy und sagt dabei immer unfreundlicher “Hier!” Der Hund denkt sich vermutlich, dass er ja hier ist, das wird doch schon passen oder was jetzt, er kann immerhin nicht wissen, das hier heute woanders ist. Es passt jedenfalls nicht. Herrchen stöhnt und rollt die Augen. Der Hund guckt den windschnellen Möwen nach, die über ihm durch den späten Nachmittag ziehen, die Elbe entlang nach Westen. Herrchen schüttelt jetzt den Kopf und murmelt halblaute Unfreundlichkeiten, vermutlich beschimpft er den Hund ob seiner unfassbaren Dummheit, dabei ist er es doch, der dumm ist. Dann steckt er das Handy grummelnd wieder weg. Der Hund guckt nach unten und sieht sich nach anderen Hunden um, denn auf dem Arm beim Menschen, das ist heute irgendwie nichts, so viel steht fest.

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Musik! Let’s dance.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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