Auf besonderen Wunsch eines einzelnen Sohnes lese ich Stevensons Schatzinsel abends im Kinderzimmer vor. Allerdings habe ich sie gerade erst selbst als Hörbuch konsumiert, es ist mir beim Lesen also alles merkwürdig vertraut und mir kommt die kleine und etwas heruntergekommene, seit vielen Jahren schon windschiefe Schenke auf der Klippe, der “Admiral Benbow”, wie sie auf dem im Sturm schaukelnden Schild über der Tür genannt wird, geradezu unangenehm vertraut vor, denn ein allzu idyllischer Ort ist sie ja nicht. Ich kenne den dort residierenden seltsamen Vogel, vor dem seiner unbändigen Wut wegen alle Angst haben und der sich – ob zu Recht oder nicht! – Kapitän nennen lässt, schon viel zu gut. Ja, mir ist, als würde ich selbst da schon seit Tagen und Wochen immer wieder aus dem Fenster der Spelunke sehen und voller Angst warten, dass auf dem Weg zum Haus dieser einbeinige Seemann auftaucht, von dem der Kapitän immer faselt, wenn er genug getrunken hat. Denn dass er auftauchen wird, daran besteht ja wohl kein Zweifel. Und dann?

Johohooo, und ne Buddel voll Rum. Vielleicht sollte ich beim Vorlesen einen Grog trinken, dieses Getränk ist mir schon seit Ewigkeiten nicht mehr untergekommen, fällt mir gerade auf, das ist auch so eine Kindheitserinnerung. Der Grog der Erwachsenen im Winter, mit den klingelnden Glasstäbchen zum Umrühren, Wasser kann, Zucker darf, Rum muss. Lange her, wie gesagt.

Da ich kein Lehrer bin und die Söhne schon etwas größer sind, können wir nach dem Vorlesen einfach aus Spaß noch etwas über das Gelesene reden, ganz ziel- und planlos, das ist sehr schön. Es fällt etwa auf, dass der Ich-Erzähler seinen Vater auf den ersten Seiten ziemlich sang- und klanglos sterben lässt, eine unwichtige Randfigur, die sonst der Spannung nur im Weg herumgestanden hätte. Erzähltechnisch ist das verständlich, für junge Zuhörer ist es aber ein beachtliches Unding, ich meine, da stirbt immerhin ein Vater, das ist eine größere Sache, wieso ist es im Buch keine? Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu? Darüber kann man ja mal reden.

Es gibt noch mehr spannende Frage, wie etwa sieht es im Admiral Benbow eigentlich aus? Das wird nämlich kaum beschrieben, wo kommen dann die Bilder im Kopf also her? Weiter: Im Buch steht nach dem Zwischenfall mit dem Mann, den sie den Schwarzen Hund nennen, dass am unteren Rand des Wirtshausschilds eine Kerbe von einem gewaltigen Säbelhieb des Kapitäns zu sehen sein soll, und zwar ist sie da zu sehen bis zum heutigen Tag. Als Erwachsener liest man glatt darüber hinweg, als Kind kann man aber schon einmal fragen: Stimmt das? Und wenn man schon dabei ist – was stimmt denn da überhaupt und macht es etwas aus? Gab es den Admiral Benbow, gab es diese Klippen, gab es den Ich-Erzähler, gab es irgendeine Figur aus dem Buch, was denn nun davon? Gab es wenigstens die Stadt Bristol? Und da hat man dann eine dieser Nahtstellen zur Fantasie erwischt, die gab es nämlich tatsächlich, die gibt es auch noch. Was aber beweist das für den Rest des Buches?

Wir reden auch über die Klippen, auf denen die Kaschemme steht, wie hoch mögen die wohl sein, wie sehen die eigentlich aus? Auch das steht da nicht. Wir waren alle niemals in Bristol, wir kennen also die Gegend dort nicht, aber wir kennen das Brodtener Steilufer hinter Travemünde, das könnte man als Bild nehmen. Oder nein, noch viel besser – wir kennen alle Helgoland, und das sind doch richtige Klippen, lebensgefährlich steil runter und steinern. Da ist auch die unten wütende Nordsee, das nehmen wir. So also entsteht ein Bild und dann sieht man schon wesentlich genauer, wo der Schwarze Hund nach dem wüsten Streit mit dem Kapitän die Klippen entlang flieht, man spürt den auffrischenden Wind von der See her und sieht weit draußen die Segel, denn auch das kennen wir von der Insel und apropos Insel, das Buch heißt die Schatzinsel, es muss also demnächst irgendwie losgehen, zur See, zur See, so viel ist auch klar. Ein ganz linearer Spannungsaufbau ist das, keine Sprünge zwischen Zeitebenen, keine komplizierte Rahmenhandlung, es ist eine altmodische Geschichte, sie geht grandios ab.

Wenn man in der Gegenwart als Erwachsener gerade von den zahlreichen skeptischen Texten zum Spiegelskandal kommt, von all den misstrauischen Vorsichtsmaßnahmen gegen Geschichten, von den gerade tieffliegenden Warnungen vor allzu viel Dichtung, dann kann man sich hier endlich wieder vor einen Erzähler stellen und aus ganzem Herzen sagen: “Ja, ich will.” Und dann holt er tief Luft und gießt sich einen Rum ein und erzählt das alles bis zum Ende durch und es ist wie früher ganz und gar herrlich, weil es nämlich in schönster Weise funktionieren kann, das mit den Geschichten. Das darf man bei all der Kritik am Erzählen im Moment auch nicht vergessen, nicht wahr.

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Die Musik muss heute ohne Bewegtbild auskommen, ich brauche nur mal eben den Text. Die Ballade von den Seeräubern: “Sie lieben nur verfaulte Planken, ihr Schiff das keine Heimat hat.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhanden Hut werfen, den Sie sich heute bitte als etwas speckigen Dreispitz vorstellen müssen, mit einer arg zerzausten Feder daran gesteckt und die Krempe, sie ist an einer Seite abgerissen und hängt seltsam herunter. Wir wollen ja im Bild bleiben. Vielen Dank!

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