Anna. In den Kommentaren kann man reihenweise lesen, wie Menschen vermeintlich unfertige Geschichten nicht aushalten. Weil alles Sinn haben und rund sein muss, weil am Ende alles gut werden muss, sonst ist es für uns doch nicht das Ende, sonst ist es einfach nichts für uns Märchenkinder.

Es war einmal und ist nicht mehr, wo kommt denn da die Story her? Und wenn sie nicht gestorben sind, die letzte Seite fehlt, mein Kind. 

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Ich lebe in einer Intensivstadt. Voll schön.

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Drüben bei der GLS Bank habe ich eine kleine Blogschau zum Thema Verkehr gepostet.

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Mely Kiyak über Greta Thunberg

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Ich ging also aus den gestern berichteten Gründen unsinnig früh von den Goldenen Bloggern weg und zurück zum Hauptbahnhof. Ein angenehmer Weg von bester Spaziergangslänge, an der Spree entlang und neben den Regierungsgebäuden herkurvend. Es war etwa viertel vor zehn, es war dunkel und menschenleer. Neubau an Neubau, dazu ab und zu ein Blick auf den Reichstag, also auf einen halben Neubau, oben neu, unten alt, in der Kombination haben wir in Hamburg ja auch ein recht bekanntes Bauwerk.

Die Hamburger Hafencity, wo ich schon dabei bin, besteht auch nur aus Neubauten, und dort ist es auch so, dass bei jedem Besuch irgendetwas dazugebaut wurde, zack, noch so ein Klotz, das kennen die Berliner. Bei ihnen fallen die Klötze nur ein wenig größer aus. Die Hafencity ist am späten Abend auch leblos, auch menschenleer, und sie wurde auch so seltsam filmkulissenartig in die Gegend gestellt. Es bedrückt dort aber deutlich mehr, durch die leeren Straßen zu gehen, weil alles um einen herum ein richtiger Stadtteil sein soll, das hat man immer parat, und das, was da sein soll, das lässt einen gucken und suchen. Es lebt dort aber noch nichts, die Hafencity bei Nacht ist ausgesprochen tot, kulissenhaft und unwirklich. Noch jedenfalls, vielleicht ändert es sich später. Viel später, für die Söhne der Söhne oder so, wenn das Viertel bis dahin schon einmal ganz runtergerockt war und dann langsam wieder hoch kommt. So könnte es doch gehen, so geht es ja immer.

Im Regierungsviertel ist es dagegen vollkommen in Ordnung, dass da abends oder nachts nichts los ist. Selbst wenn da jemand noch in Spätschicht herumregieren sollte, so etwas sorgt ja nicht für Streetlife, das erwartet auch niemand. Nein, das ist eben eine Gegend zum Arbeiten, da wohnt keiner, da lebt keiner. Es sieht dort zumindest bei Nacht etwas nach Science-Fiction aus, die Verwaltungseinheit auf einem künstlichen Stern könnte das sein. Die Spree sogar wirkt an dieser Stelle ausgesprochen ausgedacht, ein Architektenfluss, ein Dekogewässer, am Bildschirm entworfen. Links wird sie ins Bild gepumpt, rechts wieder abgesaugt und dann immer im Kreislauf, lassen Sie das mal wie einen Fluss aussehen da! Das beruhigt das Bild!

Nicht einmal irgendwelche Sicherheitskräfte sind zu sehen, keine grauen Herren irgendwelcher Art, weder Büro- noch sonstige Soldaten, es fährt auch niemand Patrouille und sieht mal nach, was so los ist. Aber es ist ja auch nichts los.

Genau drei joggende Menschen laufen an mir vorbei, die haben Kopfhörer auf und ausgesprochen starre Blicke, sie fressen Kilometer und laufen irgendwohin, wo man vermutlich auch wohnen kann. An einer Gebäudeecke steht jemand und bringt drei Hunden Kunststücke bei. Zu ungewöhnlicher Zeit an ungewöhnlichem Ort mit auffälligem Zubehör, in jedem Kinofilm wüsste man da gleich Bescheid. Aber das ist kein Kinofilm, das ist Berlin und den Medien entnehme ich am nächsten Morgen, das alles noch steht und lebt und es keine besonderen Vorfälle gab. Ob irgendein Hund jetzt etwas Neues kann, das steht da natürlich nicht, nehmen wir es einfach mal an.

Das Leuchtschild am Bahnhof leuchtet erfreulich weit durch die Nacht, verlaufen kann man sich hier nicht. Es ist mittlerweile etwa zehn nach zehn, das ist für meine Verhältnisse schon recht spät am Abend. Am Hamburger Hauptbahnhof ist das einfach nur Abend, am Berliner Hauptbahnhof ist es Nacht. Tiefe, finstere Nacht. Die Läden haben zu oder werden gerade geschlossen, Auslagen werden verräumt und Türen vorgeschoben, Reinigungsfirmen kommen an und Verkaufspersonal geht. Es sind nur ganz vereinzelt Menschen zu sehen, auf dem Bahnsteig bin ich noch ganze zehn Minuten der einzige Reisende. Es ist kurz nach zehn, und doch ist es Nacht. Das hat mich überrascht. Aber Berlin ist auch anderswo eher früh zu Ende, wie man hier lesen kann.

 

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Ich stieg in meinen ziemlich leeren Zug, natürlich setzte sich dennoch jemand dicht neben mich, das ist ja immer so. Er setzte sich, aß einen stark aromatischen Döner (woher hatte er den bloß?), schob die Reste von sich weg, rülpste herzhaft und popelte dann in der Nase. Ein Ferkel also, was ich ganz gut fand. Denn durch die Begegnung mit echten Ferkeln erkennt man eventuell, dass man selbst keines ist, und das ist ja auch etwas wert in einer Welt voller Demütigungen.

Ich stieg um 00:33 in Hamburg also als vergleichsweise anständiger Mensch mit respektablen Manieren aus dem Zug und freute mich, dass im Bahnhof noch Imbisse geöffnet waren, denn so muss das sein, wozu lebt man sonst in einer Millionenstadt. Fast hätte ich mir nur aus Prinzip etwas gekauft.

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Musik! Noch einmal Daniel Kahn. Passt nicht exakt, aber die Richtung stimmt. Dank an Isa für den Tipp.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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