Rolltreppe abwärts

Mussten Sie das Buch mit dem Titel auch einmal im Deutschunterricht lesen und haben es furchtbar gefunden? Hier kommt ein Text, um davon abzulenken. Nach all den Jahrzehnten! Für manche Ausgleichsmaßnahmen braucht man eben länger.

Ich fahre die Rolltreppe zur U-Bahn am Hauptbahnhof hinunter, auf der Zwischenetage mit dem Bäcker und dem Kiosk und den Fahrkartenautomaten steht eine Frau. In der Mitte dieser Fläche steht sie, vor den beiden Buden, mitten im Gewimmel steht sie da, und sie guckt in meine Richtung und wartet und freut sich. Und zwar freut sie sich über mich. Über mich, auf den sie gewartet hat, und jetzt bin ich gleich da. Das ist ziemlich toll, das sieht man ihr an. Ihr Gesicht strahlt, die Mundwinkel wandern immer höher und ihr Blick ist, man kann es fast nicht beschreiben ohne anzugeben, geradezu verzückt, weil ich da endlich angerollt komme. Ihre ganze Körperhaltung sagt, das wird gleich eine Umarmung, die hast du auch nicht jeden Tag, einen schnellen Schritt geht sie schon auf mich zu. So eine Erwartung strahlt diese Frau also aus und das Dumme ist nur, ich habe nicht die leiseste Ahnung, wer das ist. Nie gesehen, nicht einmal ansatzweise bekannt. Selbstverständlich lächele ich aber dennoch zurück, schon aus Höflichkeit und weil stets bemüht.

Die Rolltreppe schiebt mich immer weiter auf sie zu und allmählich merke ich, ihre Begeisterung über mich ist ein Scheinriese von Gefühl, denn ich beobachte ein allmähliches Erlöschen der Freude und der ganzen Munterkeit, ein langsames Sinken der Mundwinkel, eine Änderung in der Körperhaltung, je näher ich komme, desto weniger ist von dem ganzen schönen Zauber übrig, desto mehr Zeichen der Freude verblassen, bis nur noch ein ganz normales und eher ödes Warten übrig bleibt. Die kennt mich nämlich auch nicht, die hielt mich einfach für einen anderen und während ihre Freude immer kleiner und kleiner wird, wird die Enttäuschung durch mich immer größer, denn hey, ich bin es nur, also schlicht irgendwer, das ist fast schon ärgerlich. Als ich schließlich an ihr vorbeigehe, sieht sie längst angestrengt woanders hin und hat sich sicherheitshalber auch etwas weggedreht. Vielleicht kommt er ja aus einer anderen Richtung, also der andere, und sie sieht so entschlossen weg, als hätte es die gerade eben noch so vorschnell an mich verschwendete Freude nie gegeben.

Um die Umarmung war es ja etwas schade, fand ich.

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Musik! Kevin Johansen.


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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank.

11 Kommentare

  1. Toller Vergleich mit dem Scheinriesen. Der passt so gut zur Situation. Verrückte Begebenheit, danke fürs teilen!

  2. Verhängnisvoll finde ich vor allem im Rückblick auf dieses Trauma den vom Lehrplan vorgegebenen Zeitpunkt der Lektüre – ich war daher dreizehn Jahre alt, als mir dieses Werk aufgezwungen wurde.

    In meinerErinnerung lag Hermann Hesses „Unterm Rad“ als Schullektüre zeitlich nicht weit davon, ich kann mich täuschen.

    Die herunterziehende Wirkung beider Bücher auf mein fragiles pubertäres Gemüt macht mir heute noch Grusel!

    Und ja, Taschenbuch in Jeansoptik sagt mir auch noch was …

  3. Uuuh, ja, furchtbares Buch, vielen Dank für die Ablenkung! Möchten Sie jetzt vielleicht auch noch was über rosa Kaninchen schreiben?

  4. Ein Buch im Unterricht ist immer so gut, wie es durch den Lehrer präsentiert wird und die Behandlung gestaltet. Und natürlich spielen, wie auch später, persönliche Vorlieben und Abneigungen eine Rolle.
    Hesse mit 13 ist etwas verwegen, außer für den echten Freak. Und dann „Unterm Rad“. Man kann wahrlich Schulabneigung auch anders erzeugen, so man denn will. 🙂

  5. Schöner Text, klasse!
    Rolltreppe abwärts, dafür wurde in meiner Klasse abgestimmt. „ Der Schimmelreiter“ mit genau einer Stimme ( ich) verlor haushoch. Ich habe das Rolltreppenbuch wirklich sehr nicht gemocht!

  6. Den „Schimmelreiter“ hatte ich auch, den habe ich geliebt! Dieses „Lonesome-Rider-Ding“ auf norddeutsch hatte hohes Identifikationspotential für mich. Mit dem Lesealter von „Unterm Rad“ kann ich mich täuschen, finde das Werk aber für jeden noch pubertären Lebensabschnitt eher bedenklich. In seiner äußerst deprimierenden Wirkung auf mich schien es mir quasi die Vertiefung der Rolltreppe.

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