44 und 10000

Ich hatte im Artikel zur Rede von Liao Yiwu zum Exil seine Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache erwähnt. Gerade finde ich eine passende Stelle in den Tagebüchern des Ungarn Sándor Márai, geschrieben in den USA:

“Für jede Emigration ist es ein Schicksalsproblem, inwieweit der Emigrant bereit ist, sich auf Kosten der Muttersprache die Sprache der neuen Gemeinschaft anzueignen. Für Exilschriftsteller ist das keine Frage, denn wenn sie sich von der Muttersprache lösen und in einer fremden Sprache zu schreiben versuchen, zerschneiden sie die Nabelschnur, die sie mit der lebensspendenden Muttersprache verbindet und die ihr Selbstbewusstsein, ihre schriftstellerischen Fähigkeiten speist. Man kann sehr wohl Gedanken in einer fremden Sprache schriftlich ausdrücken, aber “schreiben”, also schöpfen, kann man nur in der Muttersprache. Das war für mich kein Geheimnis, als ich vor sechsunddreißig Jahren Ungarn verließ: Wohin es mich verschlägt, dort werde ich ein ungarischer Schriftsteller sein.” (Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki)

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Sehr passend: Völlig fasziniert starre ich auf einen Text von mir in russischer Sprache. Nichts davon kann ich lesen. Toll.

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Ich war auf einer Veranstaltung zu Mobilität und Verkehrsplanung, es ging u.a. um den “Charme des Flanierens”. Da ging ich etwas unzufrieden wieder weg, was aber zum großen Teil an mir selbst lag, denn das Thema habe ich für den Wirtschaftsteil jahrelang recht intensiv verfolgt, da kann ich also schlecht zu einem Vortrag gehen und sagen: “Überraschen Sie mich!” Natürlich gab es dort all die Beispiele, die es immer gibt, natürlich wurden die Städte mit den autofreien Zonen und den tollen Radwegen und den lebendigen Quartieren erwähnt, die in jedem Artikel zum Thema erwähnt werden. Immerhin wies jemand aus dem Publikum darauf hin, dass man da nicht ganz korrekt jeweils die Städte erwähnt, geht es doch meistens nur um die Innenstädte oder um bestimmte Viertel. Vermutlich gibt es weltweit keine einzige Stadt, die in ihrer Gesamtheit als tolles Beispiel für irgendwas dienen kann.

“Wer Stadt und Architektur erfahren will, sollte nicht fahren”, das war ein Satz, der da zitiert wurde, ich habe leider nicht notiert, wer das gesagt hat. Der Satz passt jedenfalls in einem gewissen Sinne zu einer Erfahrung, die sowohl die Herzdame als ich gerade machen, ganz unabhängig voneinander: Radfahren ist hier und in den Nachbarstadtteilen so dermaßen gefährlich und stressig geworden, es macht einfach überhaupt keinen Spaß mehr und über den Claim “Fahrradstadt” kann ich nur lachen. Mit dem Auto zu fahren finde ich aber bekanntlich ähnlich absurd, was also heißt, wohl fühle ich mich nur im Nahverkehr und zu Fuß. Zu Fuß kommt man nicht so weit, das macht nichts. “Die Frage ist”, so hieß es an diesem Abend, “welche Chancen hat man, sich in seiner Langsamkeit wohlzufühlen?” Und das immerhin ist ja eine Frage, die man sich auf den Wegen durchs Viertel tatsächlich mal stellen kann. Na, aber das nur am Rande.

Mitgenommen habe ich noch zwei Zahlen: Zum einen 44%: Das ist der der Anteil aller Hamburger Autofahrten, die kürzer als fünf Kilometer sind. Also beste theoretische Fahrradentfernung, vielleicht künftig auch E-Roller-Entfernung, weiß der Geier, da raten alle gerade herum, auch die Verkehrsexperten. Zum anderen: 10000 Menschen braucht es auf einem Quadratkilometer, damit ein Vollsortimentsupermarkt dauerhaft laufen kann. Aus der Zahl kann ich nichts direkt ableiten, aber das ist doch wieder cool für den Smalltalk, so etwas zu wissen. Als ob ich jemals Smalltalk machen würde! Wer hat denn Zeit für so etwas, ich muss ja immer früher los. Ich gehe zu Fuß, ich brauche länger.

 

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Ein Beitrag geteilt von maximilian buddenbohm (@buddenbohm) am

Überrascht hat mich, dass der vortragende Herr mit Stadtgrün wenig anfangen konnte. Das fand er eher lapidar und höchstens am Rande bedeutsam, nicht wesentlich und deutlich unterhalb seines fachlichen Interesses. Und da bin ich mir nicht ganz sicher, ob das 2019 wirklich noch eine Frage des Interesses oder schon eine Weiterbildungslücke ist.

Na, egal. 44% und 10000, das immerhin habe ich mir gemerkt.

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Musik! Ein Herr mit interessanter Mimik und dem ersten Reggae-Song, der weltweit ein Erfolg wurde. Wenn ich das richtig erinnere. Laut der Wikipedia steht das Wort “Israelites” in der jamaikanischen Umgangssprache für Leiden, Armut, Hunger – habe ich das nach all den Jahren also auch einmal verstanden.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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7 Kommentare

  1. Es lohnt, wir ich finde, ein Blick auf Rafik Shami. Der schreibt als Exilsyrer in deutscher Sprache. Äußerst gelungen, wie ich finde. Faszinierend.

  2. Wahrscheinlich gibt es gravierende Unterschiede zwischen einem Hamburger und einem Thüringer Vollsortiment. Wir haben 260 Einwohner pro km², 24000 Einwohner und nicht nur einen Tante Emma Laden.

  3. Zu dem Satz “Wer Stadt und Architektur erfahren will, sollte nicht fahren” habe ich in meinen schwarzen heften ähnliche Zitate gefunden:

    Die menschliche Bewegung ist von Natur aus vorwiegend auf die Horizontale sowie eine Geschwindigkeit von 5km/h beschränkt – und die Sinnesorgane sind and diese Bedingungen angepasst. (Jan Gehl: Leben zwischen Häusern)

    Es ist von Bedeutung, dass alle wichtigen sozialen Aktivitäten, intensive Erfahrungen, Unterhaltungen und Liebkosungen stattfinden, wenn die Menschen stehen, sitzen, liegen oder spazieren. Jemand kann vom Auto oder von einem Zugfenster aus einen kurzen Blick auf andere werfen, doch das Leben passiert zu Fuß. Nur wer zu Fuß unterwegs ist, kann sich Zeit nehmen, um Situationen wahrzunehmen oder daran teilzunehmen. Nur einem Fußgänger bieten sich Gelegenheiten zur Kontakt- und Informationsaufnahme. (Jan Gehl: Leben zwischen Häusern)

    Gehen ist in erster Linie eine Art der Fortbewegung, eine Möglichkeit herumzukommen, aber auch eine ungezwungene und unkomplizierte Möglichkeit, im öffentlichen Raum anwesend zu sein. Man geht, um Bewegungen zu machen, um die Umgebung zu sehen oder einfach ohne Grund. (Jan Gehl: Leben zwischen Häusern)

    Wir haben kein Verständnis für Raum, übrigens auch keines für Zeit, seitdem wir unsere Füße, unser Raumorgan, nicht mehr den Raum durchschreiten lassen, höchstens noch den Wohnraum, denn im Wohnzimmer gehen wir noch zu Fuß, und in der Küche auch noch. (Andreas Maier und Christine Büchner: Bullau. Versuch über Natur)

    Der schnell verfrachtete und stets verschleppte Mensch kann kaum mehr wandern, wandeln oder spazieren, bummeln, laufen oder auch nur marschieren und schon gar nicht schlendern, pilgern oder vagabundieren; und doch muß er ebenso lange auf den Füßen sein wie sein Großvater. Der moderne Amerikaner muß im Durchschnitt genauso viele Kilometer zu Fuß laufen wie seine Vorfahren – zumeist durch Tunnel, Korridore, über Parkplätze und durch Kaufhäuser. (Ivan Illich: ‚Energie und Gerechtigkeit‘ in: Fortschrittsmythen)

    Straßen oder Wege werden als Erlebnispotenzial, als Zeitstruktur diskutiert. (Elke Krasny: Architektur beginnt im Kopf)

    Ein Bild der neuen großen Stadt kann keinesfalls mehr von einem Besucher oder einem Mitbürger genossen werden, der an irgendeiner Stelle still steht, sondern es entwickelt sich vor allem aus weitgespannter, ungehinderter Bewegung […]. (Richard Neutra: Gestaltete Umwelt)

    Die Art und Weise, wie wir einen Ort kennen lernen, erschafft ein Bild in unserem Kopf und formt unsere Vorstellung von ihm. Ich glaube, dass unser erstes Verständnis eines Ortes währund unserer Bewegung hindurch entsteht – zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit den öffentlichen Verkehrsmitteln oder Autos, vielleicht sogar per Schiff oder in der Luft. (Lisa Dietrich: ‚Hometown‘ in: Stadtaspekte n°01)

    Kann man richtig sehen, ohne zu gehen? Kann man gut gärtnern, ohne zu sehen und zu gehen? Das Auge schafft zwar die Perspektive, doch das Gehen erst verleiht ihr Leben. (Erik Orsenna: Portrait eines glücklichen Menschen. Der Gärtner von Versailles)

    Der gute alte Schulweg, auf dem man oft mehr erlebte als im Klassenzimmer, kann wieder zum Leben erweckt und noch schöner gemacht werden als Promenadenweg durch einen Park. (Richard Neutra: Gestaltete Umwelt)

    Der Schulweg, Paradies meiner Kindheit. Urlaub zwischen zwei Teilzeithöllen. Ein guter Schulweg, mit Haselnußbäumen, Zeitungsständen, Verkehrsunfällen, winzigen Süßwarenläden. Kinoplakaten. (Helmut Krausser: Schweine und Elefanten)

    (Entschuldigen Sie die Masse an Zitaten – aufgrund der vielen inneren Verweise in den Heften finden sich hier und da und dort immer wieder passende Sätze und Gedanken. Und plötzlich ist ein Kommentar ellenlang…)

    Herzliche Grüße nach Hamburg!
    Mirjam

  4. Ich glaube eher, dass bezieht sich wie so oft nicht auf die Provinz, die bei solchen Veranstaltungen gern ausgeblendet wird. Zu Fuß erreiche ich 5 Märkte, drei davon zugegebenermaßen nur innerhalb von 20 Minuten.

  5. @Petra: Wobei ausgeblendet in diesem speziellen Fall nicht ganz zutrifft, es ging ausdrücklich um Hamburg. Aber am Rande ist es doch richtig, denn bei jeder Erwähnung der wachsenden Stadt, die kaum je hinterfravgt wird, geht es ja auch um die Landflucht, die vergleichsweise wenig Interesse findet.

  6. Nur für Hamburg klingt plausibel. In der Großstadt wäre ich aus verschiedenen Gründen auch nie weit gelaufen.

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