Die Sache mit dem Brett

Allmählich drängt es, endlich vom Urlaub zu erzählen, bevor der Anblick da draußen ganz ins Herbstliche kippt und mit meinen Sommermomenten niemand mehr etwas anfangen kann. Also mitten rein und einfach mal die Sache mit dem Brett erklärt, es ist eine Geschichte speziell für den Freundeskreis Zufall. 

Exkurs: Mein Verhältnis zum Zufall ist ein seltsames. Ich habe schon mehrfach erzählt, dass die Arbeit damals im Antiquariat für so dermaßen viele hochgradig sinnvolle Zufälle gesorgt hat, es hätte vom Grad der geschickten Verwicklung her gleich für mehrere Fantasy-Romane gereicht, und ich bin mir recht sicher, dass andere Menschen in der Branche dies sofort unterschreiben würden. Gleichwohl ist das Leben gemeinhin kein Fantasy-Roman und alle Schul- und Allgemeinbildung verweist selbstverständlich in ebenso großer wie zweifelsfrei überzeugender Klarheit auf die Tatsache, dass es sinnvolle Zufälle nicht geben kann – oder doch nur im Rahmen der Wahrscheinlichkeitsrechnung, und so groß ist dieser Rahmen nun nicht. 

Dazwischen hängt man dann mit der Summe seiner Jahre und merkt, wie sich in einem Erfahrung und Verstand kopfschüttelnd gegenüber stehen, sie stehen da so herum and agree to disagree. Und da wir manchmal eben doch nur für die Schule und nicht fürs Leben lernen, verbleibe ich für den Moment mit nur einer mir möglichen Erkenntnis zum Thema Zufall – es gibt solche und solche. Oder sagen wir, um es doch lieber etwas zurechnungsfähiger aussehen zu lassen: Es gibt solche, die für Geschichten taugen, und es gibt die anderen, die niemanden interessieren. Exkursende.

Wir haben zu Beginn der Sommerferien den Söhnen einen Wunsch erfüllt und einen Dreierkajak gekauft, zwar nur einen aufblasbaren, den aber doch in guter Qualität. Das ist natürlich auch schon wieder erklärungsbedürftig, merke ich gerade, wieso denn nun ein Dreier für vier Buddenbohms? Es hat sich bei den vorhergehenden Testfahrten ergeben, dass vier Buddenbohms in einem Boot keine gute Idee sind, denn vier Dickköpfe, die steuern und herumkommandieren wollen, das ergibt keine sinnvolle Mannschaft, kein Kapitänspatent und leider auch keine zurückgelegte Strecke. Das gilt bei uns sowieso, wir sind in jeder Kombination zu zweit und zu dritt wirklich gut einsetzbar, wer auch immer mit wem, zu viert aber eher nicht. Es hat uns auch nur ein paar Jahre gekostet, das erstens einzusehen und zweitens auch einigermaßen alltagstauglich umzusetzen, allmählich läuft es immerhin. Daher also die vielleicht seltsam anmutende Idee, ein Dreier würde für uns schon reichen. Einen Dreier kann man auch gut zu zweit fahren, dann hat man mehr Platz für Gepäck und Zuladung, ein Dreier ist natürlich auch billiger als ein Vierer, es gab nichts als Vorteile.

Ich habe diesen Kajak gekauft und nach Hause geschleppt, er ist zusammengefaltet als klobiges Paket so schwer, dass man nach dem Transport wochenlang keine Lust mehr auf Wassersport oder irgendeine andere Bewegungsart hat, aber egal. Wir haben ihn in den Garten verfrachtet und uns darauf gefreut, mit den Kindern spaßige Touren die Bille entlang zu machen. Ja, mach nur einen Plan!

Währenddessen hatten andere Kinder in der Gartenkolonie Stand-Up-Paddle-Boards geschenkt bekommen. Die Söhne waren mit denen auf der Bille und hatten Spaß, nein, sie hatten enorm viel Spaß. So viel Spaß hatten sie mit den Brettern, dass es für sie schon nach wenigen Stunden gar nicht mehr vorstellbar war, auch in einem Kajak Spaß haben zu können. Wie konnten sie denn überhaupt nur jemals so etwas haben wollen? Einen konservativen, total spießigen und oberlangweiligen Kajak, auch noch mit stets rechthabenden Eltern darin, also wirklich, alleine der Gedanke! Was hatte sie bei diesem Wunsch bloß geritten? So ist das, wenn Wünsche durch neue und natürlich viel bessere Wünsche überlagert werden und Vorsicht, wer da jetzt voreilig die Stirn runzelt, denn entweder erinnert man sich an so etwas auch aus der eigenen Kindheit oder man war womöglich nie Kind. Was interessieren mich meine Wünsche von gestern, es soll auch Erwachsene geben, denen das nicht ganz fremd ist, habe ich gehört.

Aber hier galt es natürlich, dem Drängen des Nachwuchses freundlich und bestimmt Einhalt zu gebieten. Das Leben ist kein Wunschkonzert und was es da noch so an großmütterlich anmutenden Sätzen gibt. Diese Sätze hat auf irgendeine Weise jeder in seiner Kindheit erlebt und erlitten. Auch Verzicht und Geduld müssen eben gelernt werden, Erziehung ist mitunter ein äußerst mühsames Geschäft. Die Herzdame und ich verkündeten also ohne lange Bedenkzeit den elterlichen Richterspruch, pädagogisch wertvoll wie ein Schulbuch und in felsenfester Überzeugung ausgedrückt, ganz wie es sein soll ohne jede Verhandlungsbereitschaft: “Nein, wir kaufen kein SUP-Board, ganz sicher nicht, es sei denn, das Geld fällt vom Himmel.”  Denn so ein Board kostete im Sommer immerhin so ziemlich überall dreihundert Euro. Da hört der Spaß finanziell auf, so etwas kauft man nicht einfach so und nebenbei und die Spardosen der Söhne gaben das auch nicht her. “Ich bin ja nicht Krösus”, da ist man schon wieder bei solchen Sätzen, manchmal entkommt man denen über Tage nicht mehr. Die Botschaft fanden die Söhne ganz und gar nicht gut, das kann man sich leicht vorstellen. Ich sah daher allmählich schwarz für unsere lustige Kajakfahrten. Wie vertrackt kann so etwas sein? Immerhin, so dachte ich, wenn die Söhne erst ausgezogen sind, dann können die Herzdame und ich zu zweit und ganz in Ruhe … Na, man hat so Illusionen.

Am nächsten Tag kam ein Brief mit einem unerwarteten Honorar, es waren genau dreihundert Euro. Ich bin froh, dass der Rest der Familie das so bezeugen kann, es waren alle dabei. Man könnte natürlich fragen, wie es so etwas wie ein unerwartetes Honorar überhaupt geben kann, aber das ist eine andere Geschichte. Da kamen also tatsächlich, darauf kommt es nur an, dreihundert überraschende Euros, die wir selbstredend, man soll sich an seine eigenen Verkündungen unbedingt halten, umgehend in ein SUP-Board umgewandelt haben, auf dem die Söhne dann tagelang Spaß hatten. Wobei ihr Spaß übrigens gar nicht darin besteht, auf dem Brett elegant Strecken zurück zu legen. Der Spaß besteht eher darin, mit dem Ding absichtlich zu kentern, wieder aufs Brett zu gleiten und dann wieder runter und noch einmal rauf und dann zu zweit noch einmal, zu dritt, zu viert, wie viele Kinder auch immer gerade da sind. Es macht schon Spaß, ihnen dabei nur zuzusehen.

Später habe ich es dann auch probiert, runter vom Brett und wieder rauf, es sah bei den Kindern so gut aus und einladend aus, das war aber im Ergebnis etwas überraschend. Denn das geht gar nicht leicht, das sieht nur bei kleinen Menschen leicht aus. Wenn man aber ausgewachsen ist und so im Wasser herumschwimmt und dann versucht, auf ein treibendes Brett zu kommen – erinnern Sie sich noch an Antje, das Fernsehwalross? So in etwa. 

Wie ich immer sage, kein Tag ohne Demütigung. 

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

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5 Kommentare

  1. Normalerweise bin nur stille Übern-Zaun-Guckerin bei Ihnen.

    Aber heute möchte ich ein dickes Dankeschön schreiben für die korrekte Verwendung eines Artikels. Selten kann man vom männlichen Kajak lesen, zu oft wird über DAS Kajak geschrieben. Ganz schlimm besonders in Kanuforen, in denen ich mich als Kajakerin herumtreibe.

    Und wenn ich schon mal da bist: Hier zuzuschauen macht immer wieder Freude. Danke!

  2. Danke für die Dokumentation elterliche Inkonsequenz. Schön das das nicht nur bei uns so ist.
    Ist das nicht schön, wenn die Kurzen ihren Spaß haben?

  3. Das ruft in mir die Erinnerung an jenes Surfbrett im Sommer 1990 wach, das in einer griechischen Bucht ca. 10 oder 15m vom Ufer entfernt an Ort und Stelle verharrte, weil es mittels eines Seils am Grund befestigt war. im Nachhinein bezweifele ich, dass die Wellen dort auch nur irgendwie surftauglich waren, aber als Zehnjährigen kümmert einen das selbstredend überhaupt nicht, man stellt sich auf das Brett, wartet auf die sanft heranwogenden Wellen und fühlt sich wie eine popkulturelle Referenz, die man zu der Zeit noch gar nicht kennen konnte
    Für ungefähr 5 Sekunden natürlich nur, also so lange, bis einer der beiden Brüder wieder herangepaddelt kam und seinerseits das Brett okkupieren wollte. Das ging über Stunden so, drei Badetage lang, bis zu unserem großen Entsetzen das Board am 4. Tag verschwunden war.

    Was ich sagen wollte: 300 Euro sind 300 Euro. Aber manchmal merkt man Jahre oder Jahrzehnte später, dass eine solche Erinnerung an ein paar glückerfüllte Momente im Sommerurlaub eben (Entschuldigung) unbezahlbar ist.

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