“Bei den Eskimos gibt es einen Brauch, bei dem man seinen Ärger ablässt, indem man in gerader Linie durchs Land läuft, bis einen die Empfindungen verlassen haben, die Stelle, an der der Ärger überwunden ist, wird mit einem Stock markiert, der das Ausmaß oder die Dauer der Wut bezeugt.” (Zitiert nach Rebecca Solnit, die wiederum Lucy R. Lippard zitiert in “Wanderlust – Eine Geschichte des Gehens”, Deutsch von Daniel Fastner.) Das stelle ich mir schon seit Tagen vor, wie ich hier irgendwann im Dezember aus der Wohnung stürme und immer geradeaus gehe, bis mich die Empfindungen der Wut und der Unzufriedenheit mit diesem seltsamen Jahr irgendwann verlassen haben, wie ich dann schließlich dort nach beträchtlicher Wanderung einen Stock in die Erde ramme –  und die Leute, die da an der Stelle vorbeikommen und den Stock sehen, die sprechen sämtlich schon Dänisch.

Andererseits kann ich so etwas aber auch wie gewohnt vor einer Tastatur verarbeiten, nehme ich an.

***

Am Abend begegnet mir in der Wohnung ein Sohn, der nur einen Strumpf anhat, was ihn überhaupt nicht zu stören scheint und was er auch nicht zu ändern gedenkt. Nun geht mich das gar nichts weiter an, ob das Kind einen oder zwei Strümpfe anhat, es kann hier selbstverständlich jeder nach seiner Fasson Strümpfe tragen, aber faszinierend ist doch, wie sehr die Empfindung einer schier unerträglichen Ungleichheit und Asymmetrie einfach durch bloße Ansicht in mir zu gären beginnt und mir schon die Vorstellung, ich könnte selbst auch nur einen Strumpf anhaben, stundenlang sogar, seelisch ernsthaft zu schaffen macht, also im Ernst, es kann doch der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn die Kinder sich nicht richtig anziehen können. Man macht was mit.

***

Ich habe im letzten Text etwas über plötzlich auftretende Erinnerungen geschrieben, passend dazu fiel mir gerade Sarah Kirsch in die Hände, “Krähengeschwätz”, ich zitiere: “Eines Nachts, als der Vollmond erglühte, später sein Licht weit in die Ebene goss, unaufhaltsam, auch mir ins Gesicht schien, und ich im unruhigen Halbschlaf überlegte, wie ich dem Esel sein Schrot darreichen könnte, ohne dass die zahlreicher werdenden Schafe sich daran vergriffen, da sah ich plötzlich die Pferde der Kindheit aus der Vergessenheit treten mit ihren Namen, den umgehängten Futterbeuteln, das Maul darinnen nach vierzig Jahren.” Solche Zeilen versteht man mit jedem Jahr besser.

Es ist überhaupt schön, einmal wieder die Prosa von Sarah Kirsch zu lesen, sich noch einmal etwas mehr Natur in den Wortschatz zu schaffen und es weiter anzupeilen, auf ihre Art, so in etwa zumindest, schrullig zu werden. Der Mensch braucht Ziele, ich sage es immer wieder. Beim Lesen der Kirsch sitzt ungeheuer passend eine Ringeltaube auf dem Balkongeländer und guckt so dermaßen beleidigt und enttäuscht, passiv-aggressiv gurrend ins Wohnzimmer, gleich springe ich auf und streue ihr reichlich Futter hin, das ist dann so die Versöhnung mit dem Draußen im Advent.

***

Ladies and gentlemen, Martha Wainwright.

***

Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

***

Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!