Ich möchte mich im Vorwege für diesen Text entschuldigen, ich bin desaströs übermüdet und schreibe aus unerfindlichen Gründen dennoch. Schlimm.

Da sich unser Kinderzimmer allmählich, ganz langsam nur, in Richtung Jugendzimmer verwandelt, waren wir bei Ikea. Das war an einem Sonnabendnachmittag, die Idee hatten also noch ein paar andere Menschen, wie man sich leicht vorstellen kann, vielleicht waren es auch sämtliche Einwohner der Metropolregion Hamburg. Es gab Gelegenheit, sehr viele Leute zu beobachten, die sich erstaunlich ähnlich verhielten, weil der Mensch sich nun einmal ziemlich genormt benimmt, wenn er Möbel kauft. Es setzen sich alle mit dem gleichen kritischen Blick auf ein Bett, als würden sie mit dem Hintern sofort erspüren können, was dieses Möbel nun für ihren erholsamen Schlaf taugen kann, es öffnen auch alle auf die gleiche Art Kleiderschranktüren und sehen skeptisch hinein, ob der private Kostümfundus da vollständig hineinpassen mag oder nicht. Es sitzen alle gleich mit ausgestreckten Beinen in Sesseln und legen die Arme auf die Lehnen, wenn es denn welche gibt, und sinnen einen Augenblick konzentriert der potentiellen Gemütlichkeit künftiger Tage entgegen. Und es ziehen am Ende alle stieren Blicks durch die SB-Halle und es ist ihnen nach sieben Abteilungen, als wenn es tausend Vasen gäbe, und hinter tausend Vasen keine Kasse. Sie gucken also nur noch nach vorne oder auf den Boden direkt vor ihrem riesigen Einkaufswagen und strömen mit kleinen Schritten und schwer beladen immer der Masse nach zum Ausgang, zum Parkplatz, von wo aus sie sich wieder vereinzeln und endlich im Dunkel des Winterabends verschwinden.

Die vorbeiziehenden Menschen verschwimmen einem da im Laufe des Besuchs irgendwann, Paare, Familien, Sippen, Freundinnen und WG-Bewohner, alles kommt immer wieder vorbei, immer noch ein Trupp und noch einer, nach ein, zwei Stunden sieht man bei all den Leuten nur noch Ähnlichkeiten, keine Unterschiede mehr. Man nimmt dann irgendwann eher die Herde wahr, nicht mehr die Individuen. Man wechselt also sozusagen in die Perspektive eines Tierfilmers, der ja auch das Gnu primär im Rudel sieht und nicht etwa nur die eine und auf den ersten Blick schon sonderbar attraktive Gnuknuh. Wobei ich den leisen Verdacht habe, dass man Gnukuh gar nicht sagt, aber bitte, Gnuweibchen klingt dann doch zu verniedlichend, wenn man sich die großen Tiere einmal einen Moment vorstellt. Und das Abheben auf ein weibliches Tier ist natürlich nur meiner männlichen Perspektive geschuldet, Sie könne sich das auch gerne mit einem Gnubullen vorstellen, was allerdings wieder so ein Wort ist, das nach dreimaligem Lesen oder Schreiben albern und unbrauchbar wird, Gnubulle, Gnubulle, Gnubulle, es klingt fast wie irgendein Ding von Ikea, ein kleines Sofakissen vielleicht, aber ich schweife ab.

Egal. Der Blick auf die Herde also, denn wie sang schon Konstantin Wecker: “Ein Gnu ist nicht genug, ein Gnu kann nie genügen.”

Wie ein Tierfilmer sieht man nach einer Weile bei den Menschen auch Verhaltensmuster in Serie. Denn so wie die Gnus, ich bleibe der Einfachheit halber noch einen Moment bei denen, alle vergleichbar zur Tränke gehen, so geht der Mensch zum Hotdog-Stand und man erkennt dann beim Zusehen, okay, so ist es also artgemäß, so leben die, so machen die das. Ich habe nun schon lange keinen Tierfilm mehr gesehen, aber aus der Erinnerung weiß ich doch noch, dass da immer Sequenzen gezeigt werden, die zu bestimmten Lebenssituationen passen, so weiden die, so fliehen die, so paaren die sich, so laufen die Jungen neben den Alten und so ziehen sie durchs Land, man kennt das.

Selbstverständlich ist es eher ein Zufall, ein Stichprobenfehler, dass ich da bei Ikea in ganz verschiedenen Bereichen der Ausstellung drei Schwangere mit männlichen Partnern gesehen habe, die sich genau gleich benommen haben, das beweist eigentlich rein gar nichts, aber so als Tierfilmer hätte ich doch daraus ableiten wollen, dass es im Themenfeld Paarung und Nestbau beim Menschen ein Verhalten gibt, das sich so beschreiben lässt: Die Frau steht mit einer Hand auf dem Bauch und guckt betont skeptisch, der Mann steht vor Möbeln und fuchtelt. Ich erinnere dunkel, dass die Webervögel so ein ausgefeiltes Ritual haben, der eine baut etwas vor, der andere guckt zu und wägt sorgsam ab, ist mir das da jetzt gut genug oder nicht? Eine faszinierende Instinkthandlung der komplexeren Art, denn die bauen da ja nicht irgendwas, die bauen Kunstwerke.

Exkurs. Bei Erich Fromm – der schon wieder! – habe ich neulich einen außerordentlich faszinierenden Gedanken gelesen, wirklich umwerfend, den muss ich Ihnen kurz erzählen. Und zwar äußerte er da eine Begründung für die bekanntlich ach so spektakuläre Denkleistung der Gattung Mensch und er tat das ex negativo, denn er leitete unser Denken schlankerhand aus unserem desaströsen Mangel an Instinktsicherheit ab. Ist das nicht groß? Wir denken danach nicht aus Verdienst und purem Können so überaus erfindungsreich herum, nein, wir denken bloß deswegen dauernd, weil wir so jämmerlich instinktschwach sind und dank der lausigsten Automatismen im Tierreich einfach nichts ohne dieses Riesenhirn auf die Reihe kriegen, weil wir, so Fromm, “im Handeln nicht geleitet werden”. Wir denken kompliziert, weil wir das Einfachste nicht können. Einer der amüsantesten Gedanken, die mir in letzter Zeit begegnet sind, ich freue mich da schon seit Wochen drüber. Exkursende.

Wo war ich? Die Webervögel. Die jedenfalls inszenieren ihr ausgefeiltes Nestbauritual vermutlich doch vor der Paarung und der Mensch macht seines hinterher, was eigentlich etwas seltsam und in der Tat auch instinktschwach ist, denn wenn der vor den Möbeln fuchtelnde Mensch das gar nicht gut macht und sich in dieser Hinsicht also gerade als Niete erweist, wenn er gar keine Ahnung von Raumaufteilung und Inneneinrichtung hat, dann ist es eigentlich schon zu spät – und genau so gucken die Schwangeren auch, also zumindest die drei, die ich da gesehen habe, das wollte ich nur eben sagen.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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