Hier, das dauert einige Minuten, das ist es aber wirklich wert: Ein Special zum Klimawandel in Norwegen, gefunden via Vanessa. Und dazu dann noch: “Das Ende der Unbeschwertheit”, von Katrin Seddig. Dazu habe ich einige Anmerkungen, ich halte nur am Rande noch eben fest, dass es da draußen jetzt gerade mehrere Schlagzeilen über die nächsten Stürme gibt, Viktoria oder wie immer sie heißen werden, in den Wetterberichten muss schon wieder mit der verstärkten Bildung von Ausrufezeichen gerechnet werden.

Erst einmal aber zwei Bilder aus einer stürmischen Woche. Während es natürlich ungewöhnlich war, dass es mehrere Tage nacheinander durchstürmte und gleich fünf Sturmfluten per Katastrophen-Warn-App angekündigt wurden, gab es vom Balkon aus kaum etwas Besonderes zu sehen. Ich war eine Woche lang krank zu Hause und habe das getan, was ich sonst kaum noch tue, ich habe stundenlang News gelesen und Twitter verfolgt, mir war gerade so. Das war ein wenig wie in dem gestern zitierten Tweet von Frau Diekmann, online ging die Welt unter, draußen wehten einige Blätter vorbei. Ja, hui.

Zwei Bilderchen. Auf dem Spielplatz vor unserem Haus sind riesige Pfützen, kleine Seen fast schon, die sind da immer, wenn es besonders stark regnet. Normalerweise erscheinen dann bald etliche kleine Kinder und testen die Belastungsgrenzen ihrer bunten Gummistiefel und Regenhosen aus, das fiel an diesen Sturmtagen aber aus. Auf dem Spielplatz stehen auch alte Bäume, darunter spielt man besser nicht bei Windstärken um 10 und stärker. Es sitzen aber zwei Jugendliche auf einer Bank unter einem Dachvorsprung und kiffen, wobei sie sich alle Mühe geben, dem Klischee “Herumhängende Jugendliche” gründlich gerecht zu werden. Sie machen das bilderbuchmäßig, bis hin zu den runtergezogenen Hoodiekapuzen und den überlangen Beinen, die dummerweise dauernd in den Regen ragen. Die beiden starren auf die Pfütze vor ihnen, es ist die größte auf dem Platz, die gerade von den über dem Platz kreisenden Böen so dermaßen heftig bearbeitet wird, dass es darin richtigen Wellengang gibt, mit Schaumkrönchen und allem, es ist fast wie beim Meer, nur eben in klein und ohne Schiffe. Die beiden herumhängenden Jugendlichen machen das, was ihnen rollenmäßig auch zusteht, sie gucken in diese Pfütze, rauchen, nehmen tiefe Züge und lachen sich kaputt. Immer wieder zeigen sie auf die Wellen vor ihnen, auf diesen seltsamen Miniozean da, und dann lachen sie so, dass sie fast von der Bank fallen. Irgendwann schlurfen sie durch den einsetzenden Regen weiter.

Zwei, drei Tage später, es ist immer noch Sturm. Auf die Lange Reihe, das ist die belebteste Straße im Stadtteil hier, kübelt das Wetter einen Graupelschauer der Extraklasse, schaufelweise crushed ice von oben, so etwas hat man noch nicht erlebt, und während man noch denkt, dass es das ja gar nicht geben kann, wird das Eis plötzlich zu Wasser und zwar dergestalt, dass all die jetzt auf einmal laufenden Leute in Sekunden komplett durchnässt sind, an sich heruntersehen und dann völlig entgeistert nach oben, was denn bitte das jetzt war? Das gibt es doch nicht? So ein Wetter also, und man guckt dann erst noch einmal nach oben, bevor man wieder ein paar Schritte weitergeht, da wird es doch tatsächlich schon wieder nass, alles rennt und flüchtet. Mitten durch diese Szene geht jemand von der Post, er schiebt einen kleinen und natürlich gelben Handwagen vor sich her. Er geht langsam und ruhig, er macht das beruflich und lehnt es vermutlich kategorisch ab, sich vom Wetter irritieren zu lassen. Er schiebt seinen Wagen also in aller Seelenruhe durch das allgemeine Fluchtverhalten der Menschen bei Starkregen. Diese beiden Geschwindigkeiten nebeneinander sehen schon einmal seltsam aus, was aber noch seltsamer ist, der Herr trägt eine kurze Hose und wirkt dabei wie der mit Abstand entspannteste Mensch des Stadtteils.

Das waren, obwohl ich wirklich genau hingesehen habe, die einzigen wenigstens etwas bemerkenswerten Bilder der Woche, mehr hat mir der Sturm nicht gebracht. Es war dabei ein ungewöhnlicher Sturm, ein wirklich riesiges System, aber im Grunde ist nichts passiert. Ein paar Zweiglein lagen auf den Gehwegen.

Von der Dramaturgie her war das natürlich völlig daneben, denn nach dem tagelang anschwellenden und immer wieder tosenden Orkan hätte einer der Sturmfluten etwas mehr hinlangen müssen, das haben hier alle gemerkt. Am Anfang des Wetterphänomens war ein unwirkliches Rauschen in der Luft, das waren die enormen Windgeschwindigkeiten in großer Höhe, es war ein Rauschen, das man sonst nie hört und wie leicht hätte man das in einem Soundtrack aufgreifen können, Streicher im Sturm. Es stand dann aber doch wieder nur der Fischmarkt etwas unter Wasser. Das fällt hier unter Folklore, nicht unter Katastrophe, der ganze grandiose Spannungsaufbau war also im Grunde vergeigt und das merkte man den Medien und vor allem auch Twitter deutlich an. Lustangst ist da wohl das richtige Stichwort, es hätte halt schon gepasst, wenn etwas passiert wäre.

Noch einmal zurück zu dem Norwegen-Special oben, das fängt so hervorragend thriller-mäßig mit dem braunen Wasser in der ersten Szene an, das ist gut gemacht. Das kann man sich in einem Film sensationell umgesetzt vorstellen, das braune Wasser in den Seen und später dann aus den Wasserhähnen und in Badewannen … wenn man so drüber nachdenkt, man sieht die Einstellungen schon vor sich, ein Schnitt und dann die entsetzten Gesichter der Schauspielerinnen von Weltrang. In einer Serie könnte das auch ein beeindruckendes Element sein, immer wieder dieses braune Wasser und in jeder Folge mehrere neue Bilder dazu, das Rätsel wird immer größer, bis man auch die dritte Staffel noch sehen will. In einem Roman wäre das eine ganz außerordentlich ausbaufähige Metapher, was könnte man daraus alles machen, es ist wirklich einladend. Wir sind darauf geeicht, dass da etwas kommt, wir sind so dermaßen erfahren in Sachen Spannungsaufbau, wir erkennen die Fährte und die Gefahr. Und vermutlich können wir auch abschätzen, wann da etwas passieren wird oder wenigstens passieren sollte, es gibt einfach erwartbare Zeiteinheiten, je nachdem, an welches Medium man gerade denkt. Es passiert früher oder später, aber dass es passiert, das ist immerhin klar.

Soweit ich es verstanden habe, ist das eines der Probleme beim Klimawandel, dass diese Muster einfach nicht korrekt bedient werden. Denn es passiert nichts, was für uns Ereignis genug wäre, um den Action-Helden auftreten zu lassen. Das Wasser ist braun, okay. Es fehlen einige Insekten im Garten, okay. Der Winter fiel aus, wie stellt man das bloß so dar, dass es richtig scheppert und es auch der Letzte merkt, dass da jetzt etwas abgeht, was eine ganz, ganz große Geschichte ist, womöglich eine der größten überhaupt? Der Winter fiel aus, das klingt schon gar nicht so schlecht, aber in Wahrheit war hier einfach seit Oktober schlechtes Wetter. Das ist alles.

Würden wir es erkennen, wie groß diese Geschichte ist, wir würden alles tun, so stelle ich es mir jedenfalls vor, um eine Wende herbeizuführen, um die Krise und den allfälligen Wendepunkt zu überleben. Tatsächlich ist es wohl keine allzu schlimme Pauschalisierung, wenn man feststellt, dass kein Mensch irgendwas macht, also außer weiter. Die ganze Angelegenheit wird einfach nicht richtig inszeniert. Was zwar wie ein Witz klingt, aber doch erklärt, warum business as usual nach wie vor funktioniert, auch am nächsten Montag klingelt der Wecker und alles geht immer irgendwie weiter – eventuell hat mein Unterbewusstsein hier gerade eine Songzeile von Sven Regener eingebaut, nanu. Was das Storytelling angeht, nehme ich jedenfalls an, dass der Klimawandel uns einfach nicht richtig kriegt, das wollte ich nur eben sagen.

Plot-Twist: Am Ende kriegt er uns doch.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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