In Hamburg sind wir alle Bettler. Also zumindest, wenn wir zu Fuß gehen und an gewissen Ampeln stehen, denn die nennt man hier allgemein Bettelampeln, weil man erst einen Knopf drücken muss, bzw. eigentlich eher eine sich dem Benutzer freundlich entgegenwölbende Fläche betatschen muss, bevor die Ampel jemals auf Grün umspringt. Aber Flächen oder Knöpfe, die im Tagesverlauf sehr viele Menschen anfassen, das klingt ja eher nicht so gut zur Zeit. Naheliegenderweise wurde daher vielfach gefordert, diese Ampeln umzustellen, so dass niemand mehr an diese Dinger fassen muss. Die S- und U-Bahnen öffnen neuerdings immerhin auch ihre Türen automatisch, da drückt seit Wochen niemand mehr und es wurde allgemein als Erlösung aufgefasst. Bei den Ampeln gab es, soweit ich es mitbekommen habe, nicht einmal eine Reaktion der Stadt. Es kann aber auch gut sein, dass ich da tatsächlich etwas verpasst habe, die Nachrichtenlage war in den letzten Wochen zwischendurch doch etwas komplex, wie Ihnen vielleicht auffiel. Wie auch immer, an Hamburger Ampeln wird weiter gebettelt. Zwei Szenen dazu.

Ein Rennradfahrer im für diesen Sport typischen und auf andere leicht albern wirkenden Dress hält an einer dieser Ampeln, steigt ab und versucht dann, in dem er verschiedene Teile seines Rades an die Bettelstelle drückt, ob er um das Anfassen derselben irgendwie herumkommen kann. Dazu muss man noch wissen, dass es vielen Menschen unklar ist, ob diese Dinger mit der bloßen Haut berührt werden müssen oder nicht. Sie müssen nicht, man kann auch mit dem Ärmel oder dergleichen dagegen drücken, aber man erkennt, wenn man es länger beobachtet, dass viele vom Gegenteil ausgehen. Der Radfahrer presst erst einmal versuchsweise die Handgriffe am Lenker dagegen, dann hebt er das Rad und versucht es mit einem Pedal, es sieht wirklich enorm albern aus und es klappt dummerweise auch nicht, da spielt die Technik doch nicht mit – aber verständlich ist sein Verhalten irgendwie. Und verständlich ist außerdem, wie genervt er aussieht, als er schließlich mit dem nackten Ellenbogen doch noch das Grün erzwingt. 

Wer sich noch an “Der große Blonde mit dem schwarzen Schuh” erinnert, ein Film übrigens, der beim Wiedersehen erstaunlich unkomisch ist, erinnert sich vielleicht an den Radfahrer und Jogger (Jean Carmet) darin. Der war diesem Radfahrer nicht ganz unähnlich, auch die genervten, leidenden Blicke und die Ernsthaftigkeit beim Radfahren passten, wenn auch damals die Albernheit des Outfits eine ganz andere war.

Weiter. Vor einem Discounter ist eine Baustelle, die Ampel daneben wurde abgestellt und durch eine mobile Version ersetzt. Die hat klarerweise eine mechanische Vorrichtung zum Drücken, kein Gedanke daran, dass irgendein nur leichter Kontakt, ein sachtes Streifen mit Hand oder Handschuh hier helfen würde. Nein, es muss auf die gute alte Art ordentlich gedrückt werden, wie im letzten Jahrhundert. Es stehen etwa zehn Personen auf dieser Straßenseite, ungefähr fünf stehen auf der anderen. Nach einer Weile ist jedem klar, dass mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit niemand gedrückt hat. Die Wartenden sehen sich an, die Wartenden sehen die Ampel und den Verkehr an. Einige holen ihre Handys raus und fangen interessiert an zu lesen, so kann man sich auch aus der Affäre ziehen. Ich bin natürlich ebenfalls raus, denn ich mache mir Notizen. Alle Menschen warten irgendwo drauf, nur der Chronist nicht, der schreibt das auf. Alte Regel.

Ein Mann neben mir atmet tief ein und sagt dann entschlossen: “Also ich nicht.” Es wird nicht klar, ob er das zu jemandem oder nur zu sich sagt, es ist im Grunde auch nicht ganz klar, ob es bei dem Satz überhaupt einen Ampelbezug gibt, aber die Umstehenden verstehen es mit großer Sicherheit so und zwei, drei schütteln daraufhin die Köpfe: Die also auch nicht, so muss man das wohl deuten.

Arme werden verschränkt, Tüten werden abgestellt, hier und da wird durchgeatmet, eine sieht auf die Uhr, eine sortiert konzentriert ihren Tüteninhalt neu. Einige spähen immer interessierter nach links und rechts, man könnte doch auch einfach so, es stehen ja auch gar keine Kinder in den Gruppen – dummerweise kommen jetzt aber gleich fünf Polizistinnen dazu und das ist natürlich richtig schlecht. Die Damen von der Polizei sehe sich die Lage eine Weile an und wiegen die Köpfe. Einige der Wartenden gucken fragend von den Polizistinnen zur Straße und zurück, da kommt dann schnell ein Kopfschütteln, nein, bei Rot wird hier ganz sicher nicht gegangen, Freundchen, wo kommen wir denn da hin. Broken-windows-theory nie gehört oder was. Ein ziemlich junger Mann kommt dazu und sagt mit der ganzen Unverfrorenheit seines Alters: “Ey, hat hier keiner gedrückt oder was.” Eisernes Schweigen vor und neben ihm. Der junge Mann rollt die Augen und fügt sich dann aber grinsend, bleibt auch stehen und wartet ab, in seinem Gesicht lese ich ein amüsiertes : “Gut, dann spiele ich eben mit.” 

In diesem gemeinsamen Abwarten, wer sich zuerst bewegt, ist faszinierend viel Kindergartenatmosphäre, vielleicht auch noch Grundschule. Genau wie dort finden einige die Situation total lustig und andere nehmen sie auf fast schon schlimme Weise ernst. Bis einer heult, denke ich, aber soweit kommt es nicht.

Denn genau wie im Kindergarten werden alle durch eine ältere Person erlöst. Ein Rentner ist es, der mittels einer Salatgurke, die in einer Plastiktüte steckt, den entscheidenden Knopf drückt. Und weil alle so lange gewartet haben, drängen sie nun aber mit ordentlich Schwung hinüber, als es endlich Grün wird, dass es ein wahres Gerempel gibt. Social Distancing, was ist das denn, man hat es jetzt eilig wie damals, als es alle immer eilig gehabt haben. Und jeder guckt jeden böse an, was kommen die mir denn jetzt so dicht? Lesen die keine Nachrichten?

Und dann sehen sie zu, dass sie endlich weiterkommen. Also wenigstens bis zur nächsten Ampel. 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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