Wie beansprucht von allem man mittlerweile in Wahrheit ist, das merkt man an den Kleinigkeiten. An den Träumen merken es die einen, am Hunger die anderen, vielleicht aber auch schon am Alkoholkonsum, am exzessiven Sport oder am exzessiven Schlafen, am Gewicht, an der Figur, an der Unruhe und an Aufmerksamkeitsdefiziten. Ich kann das natürlich nur für Menschen mit Homeschool plus Home-Office beurteilen, aber anderen wird es auch so gehen, nehme ich stark an. Oder schlimmer, das wird auch vorkommen. 

Heute waren wir im Garten, wir sind nach wie vor jeden Tag im Garten. Wir haben eine Dürre, man muss also viel gießen und ich mache das stoisch mit einer Gießkanne, obwohl es in einem eher großen Garten wie dem unseren mit einem Schlauch selbstverständlich viel schneller ginge. Wir haben auch so einen Schlauch, natürlich haben wir den. Ich finde es aber gut, mit der Gießkanne ganz oft hin- und herzugehen, das beruhigt nämlich. Es ist anspruchslos, und anspruchslos ist auch einmal nett, ganz besonders “in der aktuellen Lage”, wie es überall heißt. Oder “wegen der Situation.” Ich gehe zum Wasserhahn, ich mache die Kanne voll. Ich gehe zu einer Pflanze, ich kippe Wasser auf sie. Ich gehe zum Wasserhahn. Ich liebe es.

Die Herzdame telefonierte dabei mit ihrer Mutter, und weil sie nebenbei einen neuen Zaun strich, hatte sie das Handy auf Lautsprecher gestellt, so dass ich beide hören konnte. Ich hörte aber eher nicht zu, es ging um aussortierte Bettlaken, das fand ich nicht so interessant. Aber dann fiel doch ein Satz, bei dem ich kurz aufmerkte, ein Satzteil war es eigentlich nur, bei dem mein Hirn vielleicht den Bruchteil einer Sekunde brauchte, um ihn korrekt einzusortieren, mehr nicht. Aber auch der Bruchteil einer Sekunde kann ziemlich unangenehm sein, wenn dabei an kalendarischen Wahrheiten gerüttelt wird und man sich, egal wie kurz und blitzartig, dann doch fragt, wieviel man denn bitte jetzt wieder verpasst hat. Der Satzteil meiner Schwiegermutter lautete: “… aber das war ja noch in 21.”

Aber gut. Wir haben nicht das Jahr 22, natürlich nicht. Meine Schwiegermutter hat nur einmal in der Straße, in der sie heute noch wohnt, in einer anderen Hausnummer gelebt, nämlich in der 21, sie sprach von dem Haus. Ich kam dann auch schnell darauf, gar kein Problem, ich bin soweit noch zurechnungsfähig. Ich habe auch nur ganz dezent und fast wie zufällig nachgesehen, welches Jahr mein Handy eigentlich gerade so anzeigt. 

Und ich habe dann gleich noch ein paar mal die Gießkanne herumgetragen. Irgendwas muss man tun für die Nerven. 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte

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