Wo dich keiner hört

Vor dem Hauptbahnhof liegt ein Betrunkener und schnarcht. Er fällt da natürlich nicht weiter auf, da guckt keiner hin, das ist hier normal. Er liegt in der sengenden Sonne, er trägt schwarze Klamotten und gesund kann das nicht sein, aber von gesund ist er vermutlich ohnehin recht weit entfernt. Er lehnt sich halb liegend und halb sitzend an einen der roten Mülleimer. Sein Kopf ist seitlich über die Schulter weggekippt, in einer Haltung, die schon vom Zusehen schmerzt. Seine Kiefer klaffen erheblich auseinander. Das wäre alles nicht bemerkenswert, also im Hauptbahnhofkontext jedenfalls nicht, wenn nicht genau neben seinem Mund so einer dieser Aufkleber mit lustigem Text wäre, die hier seit Jahren auf jedem Mülleimer kleben. Texte wie “Ich bin die Dreck-Queen” oder “Bin für jeden Müll zu haben” kleben da, “Einer muss den Job ja machen” und “Ich bin jung und brauche den Müll”, so etwa in der Art. Es gibt mittlerweile ziemlich viele Textvarianten, die vermutlich schon seit langer Zeit nur noch einige Touristen amüsant finden, aber egal, das gehört jetzt so. 

Direkt neben dem sperrangelweit aufgeklappten Mund des Schlafenden also klebt auch so ein Text, ein selten brutaler und zynischer Zufall klebt da, denn dort steht: “24 Stunden geöffnet”.

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Eine Studentin aus dem Büro der Herzdame beschwert sich über ihren Home-Office-Arbeitsplatz, das sei alles so furchtbar klein und eng und unbequem bei ihr. Die Herzdame schickt ihr kommentarlos ein Foto unseres Wohnzimmertischs, vier Notebooks darauf und ein Tablet, Papierstapel, Handys, Lineale, Geodreiecke, Federtaschen, Füller, Hefte, Schulbücher, Ladekabelgewirr, ausgetrocknete Rohkost und Wasserflaschen. Die Studentin schreibt zurück: “Okay, es geht schon wieder.”

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Ich fahre morgens ins Büro, ich steige in eine S-Bahn. Der Wagen ist, welch ein seltsamer Zufall, nur mit Frauen besetzt. Aber noch seltsamer, es sehen alle, soweit man es trotz der Masken erkennen kann, sehr gut aus, also in so einem Werbeprospektsinne gut, gepflegt und jeder Schönheitsnorm genügend, es ist auch jedes Kleidungsstück gebügelt und vermutlich gerade gemäß der Sommerkollektion neu erworben, zumindest sieht es alles so aus. Mehrheitlich tragen sie auch alle diese blauen OP-Masken – im Grunde kann diese Szene gar nicht echt sein. Ich sitze aber dazwischen und fühle mich wie immer, also einigermaßen real. Es wirkt alles wie in einem Videoclip und ich warte darauf, dass die Musik einsetzt und die Damen anfangen zu singen und/oder zu tanzen, das Bild sieht geradezu zwingend danach aus. Es passiert aber nichts, sie fahren alle einfach nur S-Bahn. Sie fahren S-Bahn wie Sie und ich, und ich stelle wieder fest, dass ich durch MTV damals auf völlig falsche Muster geprägt worden bin.

Egal. Ich steige aus und singe selber. Die Straßen von Hammerbrook sind nach wie vor ziemlich leer, die Mehrheit der Sachbearbeitungsarmee ist noch im Home-Office, mich hört hier keiner. 

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10 Kommentare

  1. Die Männer sind noch daheim im Homeoffice, die Frauen müssen wieder an die Front? Hm. Das war jetzt ein bisschen zynisch, sorry.

    Die 24h-offen-Geschichte ist ja sowas von genial … (und ja, auch ein bisschen zynisch).

    Ansonsten stelle ich mir die Frage, ob der Esszimmertisch tatsächlich der einzige Tisch aka potentielle Arbeitsplatz in der Buddenbohmschen Wohnung ist, oder ob einfach alle so gerne zusammen am gleichen Tisch sitzen.

  2. Also ich fand letzhin“Sorgen hier einwerfen“ sowas von passend, dass es mir tatsächlich als fürsorglich und tröstlich taugte – weil es einfach gerade genau so ein verblüffender Zufall war. Im Grasbrookhafen war’s … *einelanzebrech*

  3. Ich lese seit einiger Zeit hier still mit. Mir gefallen immer wieder die prägnanten Beschreibungen und Stimmungsbilder. Aber einen armen Menschen auf das Attribut „Säufer“ zu reduzieren, das finde ich – als materiell armer Mensch – brutal und zynisch.

  4. @ A. Rmgemacht: ich verstehe und achte zwar Ihre Intention, aber… das Erscheinungsbild der beschriebenen Person in der Öffentlichkeit ist im Kontext zur Örtlichkeit doch unbestreitbar ein negatives, oder? Ein drastisches Bild, das dem Passanten geboten wird und auf Erfahrungen beruhende Schlussfolgerungen zulässt, die sich ebenso drastisch ausdrücken.
    Ich habe gegen den Begriff Säufer deshalb in dem Zusammenhang nichts einzuwenden. Betrunkener klingt zu harmlos, Besoffener wäre ein Kompromiss.

  5. In die Richtung dachte ich auch, es gibt eben Ausdrücke, in denen die Härte des Alkoholismus besser zum Ausdruck kommt. Es ist wohl in der Tat etwas abwertend, aber das spiegelt eben auch das, was die Vorbeigehenden mehrheitlich empfinden, deswegen passt es, wie man es menschlich auch immer findet. Ganz entschieden bin ich nicht. Interessant am Rande, dass man sich den Menschen als arm vorstellt, davon war gar keine Rede und es traf in diesem speziellen Fall auch nicht zu. Immer spannend, was man als gegeben annimmt.

  6. Aber ich halte die Benennung von Menschen und ihren Eigenschaften für ein wichtiges Thema. Man würde z.B. auch einige meiner Texte anders lesen, wenn ich öfter Hautfarben oder andere Merkmale beschreiben würde. Ein Adjektiv und man ist in einer Richtung – aber ohne Adjektive und passende Ausdrücke nähert man sich keinem Bild mehr an.

  7. Einen Menschen als „arm“ zu bezeichnen, beschreibt auch nicht zwingend seine materielle Ausstattung.

    Ein „Betrunkener“ ist das zunächst einmal nur für den Moment, ein „Säufer“ dagegen schafft das Bild einer Gattung. Ich könnte mich also durchaus betrinken, ohne mich aus all‘ meinen Lebenszusammenhängen heraus zu schießen, Säuferin zu werden bedingte dagegen eine ziemliche Metamorphose.

    Ich seh‘ die Gratwanderung mit den Adjektiven und sonstigen Zuschreibungen.

    Und finde nebenher meine Vermutung belegt, dass auf diesem Planeten keine zwei Menschen exakt dieselbe Sprache sprechen.

    Kommunikation – ein schwieriges Geschäft.

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