Ich habe, es ist schon eine ganze Weile her, eine Doku über John Irving gesehen, in der er sich ganz prächtig inszenieren wollte und konnte, so dass er sehr schön mit seinen Romanen harmonierte. Mit Training auf Matten und mit konzentriertem Sprungseilhüpfen und allem, er gab sich sehr sportlich, passt schon, und wie es passt, es fehlte nur noch der Bär im Garten.

Da hat er jedenfalls zwei Sachen gesagt, in dieser Doku, die mich beeindruckt und nachhaltig beschäftigt haben. Zum einen erwähnte er, dass er seine Romane mit der Hand geschrieben habe, die meisten davon sogar mit Bleistift, bis er schließlich aus Altersgründen doch noch auf schnellere Schreibgeräte mit leichterem Fluss umgestiegen sei. Das hat doch etwas, wenn man es sich bildlich vorstellt, das Hotel New Hampshire sei so entstanden, langsam und auf die gute, sehr alte Art, ich hätte das so nicht im Sinn gehabt, nicht bei John Irving. Ich schreibe selbst auch viel mit der Hand, aber ausgefeilte Prosa? Da habe ich viel drüber nachgedacht und ja, es ist mir klar, dass das jahrhundertelang gut funktioniert hat. Man kann aber auch schon seit etlichen Jahrzehnten auf diversen Geräten tippen.

Ich schreibe diese Zeilen hier übrigens auf der Halbinsel Eiderstedt und wissen Sie, was es in Tönning, gar nicht weit von hier, gibt? Ein Hotel New Hampshire. Nur im Vorbeifahren gesehen, nur am Rande erwähnt.

Der andere Aspekt, der mir sehr zu denken gab, bezog sich auf das Thema Notizen, das mir bekanntlich am Herzen liegt. Der Herr Irving ist nämlich ein Notizenverweigerer, er schreibt sich nichts auf, nie, so sagte er. „Denn wenn etwas wichtig ist“, so erklärte er dann, „dann fällt es mir wieder ein.“

Ich halte diesen Satz für fundamental falsch, also für mich natürlich. Der Verstand von John Irving mag grundsätzlich anders beschaffen sein als der der meisten Menschen, als meiner, was weiß ich, das ist möglich. Ich denke aber, dass es für die viele zweckdienlich ist, sich Sachen zu notieren, denn es fällt einem wenig wieder ein, erschreckend wenig, man kann das ja leicht testen. Man kann mit und ohne Notizen leben, man kann vergleichen, ich habe das mehrfach und gründlich getan. Wenn ich mir etwas nicht aufschreibe, dann ist es mit einer hohen Wahrscheinlichkeit weg, für lange Zeit oder für immer. Gewissen Ratgebern kann ich leicht entnehmen, dass das auf viele Menschen so zutreffen muss. Ich leide ja gelegentlich unter schwallartigem Sachbuchlesen, dabei registriere ich immer klammheimlich befriedigt, und mit einiger Erleichterung, welche Defizite auf andere Menschen auch zutreffen, das kommt Ihnen vielleicht bekannt vor. Egal, ich verbessere mich jedenfalls organisatorisch und kreativ, also bei den beiden Bereichen, auf die es für mich entscheidend ankommt, ziemlich deutlich, wenn ich mir ausreichend Notizen mache – und es können eigentlich gar nicht genug sein. Um einen Satz von Susan Sontag aufzugreifen und etwas umzuwandeln, ich glaube jedenfalls, er kam von ihr: Ich weiß nicht, was ich denke, wenn ich mir keine Notizen mache. Und manchmal glaube ich sogar, ich denke nennenswert mehr und strukturierter, womöglich sogar logischer, wenn ich mir Notizen mache, weswegen ich immer noch versuche, mir mehr zu notieren, häufiger und besser. Ich habe da noch lange nicht ausgelernt und auch noch lange nicht alles ausprobiert, ich glaube auch, dass man erstaunlich lange braucht, bis man sich Notizen gründlich genug angewöhnt hat.

Den letzten Text hier etwa hätte es nicht gegeben, also nicht so, hätte ich mir im Schwimmbad nicht „Mädchen/Sprungbrett“ notiert, ich merke mir so etwas sonst nicht. Es ist ja nur ein Augenblick, ein flüchtiges Hochsehen, eine Sekunde, eine Assoziation, wie schnell ist die verschollen und vergessen. Ich muss mir in so einem Augenblick denken, dass ich mir gerade etwas gedacht habe, und dann muss ich es mir aufschreiben.

Vielleicht merke ich mir so etwas normalerweise nicht, weil ich ein besonders zerstreuter oder flüchtiger Denker bin, was weiß man schon, das kann natürlich sein. Vielleicht merke ich mir jetzt nennenswert mehr als andere, weil ich mir mittlerweile genug Notizen machen, vielleicht merke ich mir auch nur endlich halbwegs normal viel, wie will man das herausfinden.

Vielleicht hätte John Irving mit reichlich Notizen noch zehn Romane mehr schreiben können und da lacht er dann vermutlich, legt das Sprungseil kurz weg, lächelt gutmütig wie ein sympathischer Sporttrainer aus einem seiner Bücher und fragt amüsiert: „Wann das denn?“

„Bleistift und Notizen Irving“. So stand das im kleinen Buch. Das kann ich jetzt abhaken und dieses Abhaken, das würde jetzt wieder mit der Hand mehr Spaß machen.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!