Um die im letzten Text erwähnten fünf Stunden ruhige Lesezeit zu erbeuten, sind wir also nach Herford gefahren. Das ist, zugegeben, etwas aufwändig, aber es lohnt sich für uns, wir haben da schon einschlägige Erfahrung aus dem letzten Jahr. In Herford gibt es ein großes Freizeitbad, das in der aktuellen Situation mit den üblichen Einschränkungen geöffnet ist. Wobei die üblichen Einschränkungen bei Schwimmhallen sehr angenehm sind, denn die Hälfte der Gäste reicht für mich völlig aus. Schwimmhallen sind mit reduzierter Gästezahl wesentlich angenehmere Orte und viel leichter zu ertragen, was vermutlich sogar dann gilt, wenn man dort ins Wasser geht. Wobei übrigens noch zu fragen ist, ob es überhaupt etwas gibt, eine Einrichtung eine Veranstaltung oder einen Ort, der dadurch reizvoller wird, dass er massenhaft besucht wird und also verlässlich bumsvoll ist – vermutlich ist das nicht so und ich bin noch gar nicht fertig mit der Frage, was daraus zu lernen ist. Also abgesehen von small is beautiful, das wird ja nur die oberste Ebene sein.

Wir waren die ersten Gäste an diesem Tag, wir standen, das ist vielleicht etwas peinlich, wie schlimme Freizeitstreber als erstes Familiengrüppchen in der Schlange vor der Kasse, und zwar schon zwanzig Minuten vor Beginn der Öffnungszeit. Was allerdings nur daran lag, dass wir entgegen aller Erwartung und Wahrscheinlichkeit das Haus im Heimatdorf der Herzdame exakt pünktlich und plangemäß verlassen haben, es dürfte das erste Mal überhaupt gewesen sein. Dann gab es noch eine freie Autobahn, es hat sich alles so gefügt, und da standen wir also. An der Schwimmhalle waren große Schilder, die warben, ich denke mir das nicht aus, für die Deutschen Aufgussmeisterschaften 2021, die in der Saunalandschaft dort stattfinden sollen, mit, so war zu lesen, „Show-Aufgüssen“, was immer das nun wieder sein mag. Wenn man reist, dann sieht man was.

Es war mir allerdings auch recht, so früh vor dem Bad zu stehen, denn es gibt da zwei Liegen, die stehen abseits von allen anderen, und ich wusste, auf diese Art kriegen wir die, und so war es dann auch.

Wir legten uns auf diese Liegen und die Söhne gingen was auch immer machen, was man eben so macht in einem Spaßbad, in dem man rutschen und springen und planschen und sicher auch schwimmen und tauchen kann, ich habe weder hingesehen noch mich daran beteiligt, denn darum ging es ja nicht, ich habe gelesen. Die Söhne sind in einem Alter, in dem man nicht mehr jederzeit neben ihnen stehen muss, weder zu Wasser noch zu Lande. Das ist ziemlich angenehm so, denn das Danebenstehen hat man irgendwann lange genug gemacht, und wenn sie sich so allmählich entfernen und immer größere Kreise ziehen, dann hat es bei aller angebrachten Wehmut auch eine entschieden schöne Seite.

Wir legten uns also auf die Liegen und lasen. Ich las den Mannschen Hochstapler Felix Krull, hauptsächlich um ihn durchzukriegen, eher nicht aus reinem Genuss, denn das Buch gefiel mir nicht. Aber ich war schon über den Abbruchpunkt hinaus, jetzt wollte ich es auch komplett schaffen, ich wollte ihn erledigt haben, abgehakt und wieder wegsortiert. Ich überlegt zwischendurch einen Moment, ob es nicht irre tiefsinnig wäre, nur so zu tun, als würde ich den Felix Krull lesen, das wäre doch überaus meta … aber dann rief ich mich wieder zur Ordnung und fraß mich durch die Stunden und die Kapitel und dieses reine Fertigwerden, das ist bei Büchern manchmal eben auch eine Lust, Sie kennen das vielleicht. Ich wollte dieses Buch durchgearbeitet haben, ich fand das entspannend. Wellness ist eine individuelle Angelegenheit.

Als ich mit dem Krull fertig war, las ich die Anne Lamott auch durch, es war ganz und gar herrlich und die Söhne kamen nach wie vor einfach nicht wieder. Ab und zu sahen wir sie irgendwo vorbeilaufen, im Wasser, am Wasser, wie auch immer, sie hatten Spaß. Ich auch. Aus den Becken kam das übliche Kindergeschrei, die Leute sprachen auf den Liegen miteinander, Mütter und Väter riefen Kindernamen, aus Lautsprechern wurden unentwegt längere Texte durchgesagt, die für mich klangen wie die Stimme der Lehrerin bei den Peanuts, die immer riesige Sprechblasen mit endlosem Blabla füllte, über die Köpfe der Kinder hinweg. Kein Wort war zu verstehen, es war ein herrlicher Geräuschbrei in dieser Halle, den ich ganz mühelos ignorieren konnte. Diese wirre Dauerbeschallung in Endlosschleife war so dermaßen konzentrationsfördernd, damit kann keine Focus-Playlist auf Spotify jemals konkurrieren.

Das Bad in Herford ist gar nicht so riesig, aber es ist auf irgendeine Art, die zu beurteilen ich nicht kompetent bin, so ideal gebaut, dass der Spaß für Kinder dort stundenlang anhält. Es müssen dort die genau richtigen Anteile von allem enthalten sein, also genau die richtigen Rutschen etc., die Wellen im richtigen Intervall, die Sprungtürme rechtzeitig geöffnet und all das, es gibt kein einziges Bad in Hamburg, das so dermaßen gut funktioniert, nicht einmal annähernd.

Nur einmal sahen wir die Söhne zwischendurch, als dringend die üblichen Schwimmbadpommes zugeführt werden mussten, bei denen ich mich wieder fragte, ob es an einer kollektiven Verklärung liegt, oder ob die in meiner Kindheit wirklich besser geschmeckt haben. Man kann es wohl nicht herausfinden? Vielleicht hätte ich schwimmen müssen, um einen gültigen Vergleich zu haben, stundenlang schwimmen. Und springen und tauchen und rangeln und alles und danke nein.

In einer kleinen Szene, die ich sah, als ich gerade die Bücher wechselte, kam schon wieder ein kleines Mädchen vor. Wie neulich erst, als es hier um das kleine Mädchen mit dem rollenden Ball ging, jetzt sah ich ein Mädchen im etwa gleichen Alter auf einem Sprungbrett, und zwar auf dem Dreier. Der war ein wenig zu hoch für sie, alle anderen, die dort sprangen, waren wesentlich größer als sie und überhaupt bin ich mir nicht sicher, ob ich schon einmal ein so kleines Mädchen auf einem so hohen Sprungbrett gesehen habe. Sie stand noch oben an der Leiter, als sie mir auffiel, bis zum Ende des Brettes war es aus ihrer Sicht noch ziemlich weit. Dann fing sie etwas zögernd an zu gehen, mit winzigen, vorsichtigen Schrittchen. Sie hielt sich links und rechts am Geländer fest, und wie sie sich festhielt. Das Geländer reichte vorne bis etwa zur Hälfte des Brettes, danach war nur noch die Planke da, und natürlich der Abgrund. Aber auch bis zu dieser Mitte brauchte sie schon lange. Sie hielt sich gerade, sie hielt sich die ganze Zeit sehr fest und ihre Schritte waren spielzeugklein. Unten standen etliche, die auch springen wollten und man muss es wohl den besonderen Umständen der Corona-Zeit zuschreiben, dass da niemand drängelte, niemand etwas rief oder sich auf eine andere Art danebenbenahm. Die standen da einfach alle und guckten geduldig, viele lächelten sogar oder nickten aufmunternd, es war so ein Moment, der mir nicht gerade wahrscheinlich vorkam.

Zurück zum Mädchen, das da ganz oben mittlerweile am Ende des Geländers angekommen war. Äußerst vorsichtig löste sie jetzt die Hände, eine nach der anderen. Sie hielt die Arme noch einen Moment waagerecht, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, so ganz ohne sicheren Halt. Dann nahm sie die Arme Zentimeter für Zentimeter herunter, machte sich noch gerader und ging weiter. Die Schritte wurden aber auch jetzt nicht größer und der Weg war immer noch weit. Wer schon einmal auf einem Dreier gestanden hat, der weiß, wie verdammt hoch das wirken kann. Das Mädchen war kalkweiß im Gesicht oder es wirkte vielleicht auch nur in dem Licht so, es vergingen gefühlte Minuten, bis sie endlich vorne ankam, wo die Planke unweigerlich zu Ende war und jede und jeder entweder schmachvoll umkehren oder aber tatsächlich springen muss. Das Mädchen blieb da vorne nicht stehen, keine Sekunde, es machte einfach nur noch einen dieser ganz kleinen Schritte, ohne die allergeringste Bedenkzeit. Sie hatte, so denke ich mir, alle Angst bereits in kleinen Schritten verbraucht und jetzt ging es eben. Sie fiel dann zwar mehr, als dass sie sprang, aber sie tat es in immer noch gerader Haltung, kam wieder hoch und schwamm und grinste. Applaus vom Beckenrand.

Ich kenne in Herford weiterhin nichts außer diesem Freizeitbad, aber die Stadt ist mir irgendwie nicht unsympathisch.

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