Am ersten Tag nach dem Sommerurlaub ist es immer so, dass ich morgens so früh wie in normalen Wochen nun einmal üblich aufstehe und dann merke, aha, ich brauche um diese Uhrzeit also schon Licht. Dann finde ich das kurz ganz gemütlich, wie ich da sinnend mit dem ersten Kaffee im Licht der Küchenlampe stehe und den ersten Schluck nehme, merke aber auch, dass mich das gedanklich irgendwie schon seltsam nah an den Herbst befördert. Ich überblicke im Geiste flüchtig die Terminlage und denke an die kommenden Kindergeburtstage, die wieder vorzubereiten sind, auch wenn sie in diesem Jahr wohl etwas anders als sonst ausfallen werden. Die Geburtstage sind Anfang September, danach haben dann die ganzen Freunde der Söhne Geburtstag, das geht den ganzen September durch, wir haben da eine Serie. Dann ist schon Oktober, längst gibt es Lebkuchen und es wird auch schon merklich kühler und das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.

Nun, nicht ganz. Erst kommt noch eine Hitzewelle, ich weiß. Ein wenig Hundstagegefühl, einige Wochen lastender Sommer, brütender Sommer, all das. Aber jedes Jahr wieder fühlt sich die Zeit nach dem Sommerurlaub an wie das Wildwasser des Kalenders, kaum ist man drin, kommt man schon Weihnachten raus, blickt irritiert zurück und fragt sich: „Was bitte war das denn jetzt?“

Aber es kann auch anders kommen, in diesem Jahr jedenfalls, das bisher in jeder Beziehung speziell ausfällt. Und ich habe gar nichts dagegen, wenn es anders kommt, jedenfalls was mein Zeitgefühl betrifft. Ich mochte diese immer rasender werdende Fahrt nach dem Sommerurlaub in den letzten Jahren nicht recht.

Natürlich sind die Werktage gleich wieder voll, so dass ich mühelos auch über heute einen Text schreiben könnte, dabei ist der Urlaub bisher nicht einmal zu einem Drittel erzählt, wie löse ich das nun wieder auf. Und wie kann es eigentlich sein, dass man nicht einmal von sich selbst in Ruhe berichten kann, geschweige denn vom Rest der Welt, ohne weit in der Zeit zurückzufallen, wie kann das Berichten bloß in die Stunden der Tage passen? Ich denke, es kann nicht passen, aber in diesem Jahr macht es mir nichts. Ich werde schon noch vom Urlaub weiter berichten, in diesem Jahr ist ja alles anders, warum nicht auch das, warum nicht auch ich.

Aus reiner Bockigkeit erzähle ich daher jetzt von einem Moment aus dem Urlaub 2019, das ist viele Jahre her. Da waren wir in Südtirol, man fuhr damals noch ins Ausland, die Szene spielt am Großen Montiggler See. Der ist, wenn Sie den nicht kennen, wunderschön, er ist der mit Abstand herrlichste See, den ich je gesehen habe. Malerisch wie sonstwas, ein Anblick, bei dem man, wenn man kein Herz aus Stein hat, plötzlich stehenbleibt und ein etwas schmerzhaftes Entzücken fühlt, denn man kann ja nicht öfter hin und das müsste man doch eigentlich, so sensationell sieht dieser See aus, die Mutter aller Postkartenseemotive. Alles, was in Reiseführern an Jubelarien über diesen See steht, stimmt. Die Söhne haben von einem großen Felsen am Ufer aus Fische beobachtet, sie sind dann auch selber hineingesprungen und die Fische haben an ihren Zehen geknabbert. Sie sind etwas hinausgeschwommen und sie haben gesehen, wie eine Schlange vom Ufer ins Wasser glitt und sich durch die Wellen ringelte, woraufhin sie den See in Rekordzeit verlassen haben. Kieferduft am Ufer, Sonne und Libellen. Ein Baum, der über das Wasser ragt, auf den kann man klettern wie in der Südsee auf eine Palme und dann von oben doch noch einmal ins Wasser springen – Kinderglückkonzentrat.

Da also standen wir gerade am Ufer, als ein Rudel Mountainbiker angefahren kam. Sie hielten in einer Staubwolke, einer ein wenig weiter vorne als die anderen, das kennt man auch aus Western und weiß also, das ist der Chef. Stattliche Burschen waren das, Sportler durch und durch. Standen da auf oder an ihren Rädern, nassgeschwitzt, atmeten heftig und guckten über den See, der von dieser Stelle aus auch am schönsten war. Der Chef mit den Händen in den Hüften, breitbeinig, auch das wie im Western. Besah sich den See, eine Minute vielleicht. Dann stieg er wieder auf, drehte sich zu seinen Männern um und rief ein entschlossenes „Hamma dös!“, was ich hier nur bemüht lautmalerisch wiedergeben kann, also ein „Haben wir das“. Und dann trat er gewaltig in die Pedale, die anderen machten es ihm natürlich nach und fort ging die wilde Jagd.

Was ich aber nur erzähle um, den folgenden Texten etwas vorgreifend, den Sommerurlaub 2020 mit einem natürlich nicht ganz so kernigen „Hamma dös!“ zu beenden. Ich erzähle in Kürze dennoch weiter davon.

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!