Rund ums Zentralgestirn

Montagmorgen in der Stadt. Ich hätte gerne wesentlich mehr Natur um mich herum, es gibt auf meinem Arbeitsweg aber keine Natur. Es gibt nur einen ausgesprochen schmutzig grauen Himmel, und das ist nur die Grundausstattung, mehr kann das nicht sein. Diesem Himmel sieht man nicht einmal an, ob da Wolken irgendwo hinziehen, dieser Himmel ist einfach nur, und zwar nicht schön. Ein paar Tropfen kommen von da oben, das ist kein anständiger Regen, auch das nicht. Ich gehe zu Fuß zur Arbeit. Es gibt da eine Stelle, unter einer Bahnbrücke, da toben über mir Fernbahn und S-Bahn hinweg, da beschleunigen neben mir Autos auf Kopfstein, da reißen Arbeiter mit dem Presslufthammer ein paar Meter weiter irgendwas auf, da ist ringsum alles unglaublich hässlich wie in einer Großstadtkarikatur, da weiß man gar nicht, wo man hinsehen soll, so übel sieht da alles aus und da verstehe ich auch mein Hörbuch nicht mehr, weil alles lärmt und braust und brüllt und zum Bilighotel rollkoffert oder vor der Schule ein paar Meter weiter sinnlos herumschreit.

Ich höre die etwas psychedelisch anmutende Offenbarung aus der Bibel, auch weiterhin aus sprachlichem Interesse, nicht weil es mich doch noch erweckt hätte, also was auch immer. Dem Text kann ich heute nicht gut folgen, ich finde aber gut, dass der Sprecher an manchen Stellen einfach lauter wird, ohne dass ich dafür einen plausiblen Grund erkennen könnte, das wirkt etwas irre und das passt, so reden fanatisierte Menschen auch, plötzlich diese Intensität und man weiß dann manchmal gar nicht, was hat er denn jetzt wieder. Mit dieser bebenden Intensität höre ich mehrfach das Wort Drangsal. Das ist gut, das merke ich mir, das habe ich lange nicht gehört.

Drangsal. Das ist besser deutlich als Problemlage oder To-Do-Liste oder Alltag, Drangsal ist schöner und auf eine angemessene Art dramatischer. Ich stelle mir vor: Ich drucke alle Vorhaben, Pläne, Verpflichtungen und bürokratischen Komplikationen aus und lege diese Zettel sämtlich auf den Wohnzimmertisch, bis der Tisch gar nicht mehr zu erkennen ist. Ich stelle mir vor: Ich fege all das in herrlich theatralischer und weit ausholender Geste weg, Schauspielhaus nichts dagegen, und ich brülle mit tiefergelegter Stimme dazu etwas wie: “Oh, verdammungswürdige Drangsal!” Und so energisch mache ich das, dass all die Papiere noch eine Weile in der Luft bleiben wie aufgescheuchte Vögel und es es dauert etwas, bis auch das letzte Blatt endlich zu Boden gesunken ist, zur gesamten anderen Wirrnis.

Ich meine, das wäre vielleicht befreiend, nicht wahr. Und gut, ich müsste natürlich hinterher alles wieder aufsammeln und noch einmal durchsortieren und so, schon klar, es wäre hinterher also geradezu etwas demütigend. Aber doch … verlockend bleibt es.

Der Tag besteht ansonsten aus einer Aneinanderreihung mäßiger, wenn nicht sogar ausgesprochen unschöner Momente, ich arbeite und wirke mir also selbst etwas Gutes in den Tag hinein und das Gute heißt Gulaschsuppe. Diese Suppe ist mein Zentralgestirn der Momente am Montag, sie ist rot und heiß und alles dreht sich um sie, die Momente umkreisen sie und je weiter sie weg sind, desto kälter, grauer und lebloser sind sie. Mein Zentralgestirn macht Leben möglich und brennt scharf, und siehe, es ist sehr gut. Die Söhne sagen: “Na ja.”

Egal. In dem Alter hatte ich auch noch keinen Geschmack, glaube ich.

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4 Kommentare

  1. Die Dransal-Szene unbedingt mal bei der Intendanz von Schauspielhaus vortragen, wobei, passt vielleicht besser ins Thalia. So oder so entfiele nach dem Happening dann jedenfalls das Aufräumen. 🙂

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