Der nun für immer geschlossene Kaufhof hat ringsum verhangene und verklebte Fenster, aber vorne ist doch eines frei, da kann man hineinsehen in den ausgeweideten Kaufhauskadaver. Man sieht die paar gründlich gefledderten Regale, die überhaupt noch verbliebenen sind, die ausgenommenen Verkaufsstände und die schwarze Bodenfläche, dreckig, weitläufig und sehr leer. „Wir werden unsere Kunden vermissen“ steht auf etlichen Zetteln, die an den Fenstern kleben. Daneben, auch auf Zetteln, ein paar Kreuze wie auf Beileidskarten und einige Botschaften der Trauer und des Mitgefühls von den Kolleginnen und Kollegen aus anderen Kaufhäusern.

Die vorbeikommenden Menschen bleiben kurz stehen, lesen sich die Zettel durch und treten dann ein, zwei Schritte zurück. Sie sehen prüfend an der Fassade hoch und die Front entlang, aber da ist nichts mehr, keine dekorierten Fenster, keine Angebote, keine Werbung, da ist wirklich alles weg. Kopfschütteln. Man sagt sich kurze Sätze, die kann ich nur raten, aber alle machen das, dieses Gucken, Kopfschütteln und dann ein Satz. Vermutlich ist es nur etwas wie „Das gibt es doch nicht“ oder „Also sowas“ oder „Mensch, Mensch, Mensch.“ Was man eben so sagt, wenn etwas schlimm ist. Die Menschen, die hier auf den Bus warten, die Station ist gleich vor ihnen, die stehen da am Straßenrand und einige drehen sich, bevor sie in den Bus steigen, noch einmal kurz nach dem großen und seltsam stillen Haus hinter ihnen um, als könnte da doch noch etwas passieren. Da passiert aber nichts mehr.

Am toten Kaufhof sind draußen immerhin noch Lichter an. Schräg gegenüber, beim gleichfalls verstorbenen Karstadt Sport, ist nicht einmal mehr die Außenbeleuchtung an. Da scheint nichts mehr und da sieht man auf einmal, wie dunkel so ein Stück Stadt wird, wenn diese Häuser nicht mehr betrieben werden. Wie dort rund ums Gebäude sofort eine Problemzone entsteht, ein Bild der Düsternis und des drohenden Verfalls, den man noch gar nicht sieht, aber doch ahnt. Da geht man als Tourist vermutlich besser nicht entlang, da kommt ja nichts mehr, da in der Dunkelheit. Touristen zieht es zum Licht und zum Leben.

Vor dem Haupteingang des ehemaligen Sporthauses steht ein vom Hamburger Dom wegen Corona ausgewilderter Churro-Stand. Der leuchtet hier gegen die große Dunkelheit an, die sich plötzlich neben ihm aufgetan hat. Es sieht etwas traurig und tapfer aus.

Ein paar Meter weiter die Straße runter der C&A, der macht weiter, als sei nichts geschehen. Ich gucke in die Schaufenster, man trägt jetzt also Braun. Die Herbstmode 2020, so originell.

Ich gehe durch die abendlichen Einkaufsstraßen. Es gibt noch mehr Jahrmarktstände mit Jahrmarktsüßigkeiten in der Stadt. Es ist kein Weihnachtsmarkt, vielleicht wird es in diesem Jahr auch gar keinen geben, aber den Geruch von Schmalzgebäck gibt es dennoch in den Fußgängerzonen. Bald wird wohl noch der von Glühwein dazu kommen – oder auch nicht, ich komme bei der Nachrichtenlage schon nicht mehr hinterher. Wenn man mit Maske an den Ständen vorbeigeht, hat man länger etwas von diesem Schmalzgebäckduft, er verfängt sich darin und wird ein paar Meter mitgetragen. Man kann darauf mehrere Schritte lang herumschmecken und überlegen, ob man nicht doch Hunger hat.

Eine Verkäuferin an einem der Jahrmarktstände liest den breit auseinandergefalteten Beipackzettel eines bekannten Mittels gegen Halsschmerzen. Ein Obdachloser in einem Hauseingang hinter ihr vergräbt sich hustend und fluchend in seinen Schlafsack.

Die Stadt kränkelt, die Menschen auch.

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