Ein tieferes Grau

Man kommt gar nicht mehr raus, wenn man den Wahnsinn von Home-Office und Home-School mitspielt, man kommt gar nicht mehr vor die Tür. Und wenn doch, dann ist es da eklig. Schneeregen, was soll das, was will man da? Nur auf dem Kirchturm, da bleibt ganz oben – hauchdünn! – ein wenig Schnee liegen. Ich sage im Vorbeigehen zu Sohn II: „Guck mal, Schnee“, und ich zeige dahin. Er guckt mäßig interessiert hoch, er weiß natürlich, dass Schnee in Hamburg nur irgendwelche grauweißen Fitzelchen in Schleierstärke oder aber eine halbdurchsichtige matschige Masse mit Spuren von Hundekacke darin meint, nichts Spannendes.

Die Kinder in seinem Alter und aus der Stadtmitte, die kennen das gar nicht, was Sie und ich uns unter Winter vorstellen. Die kennen weder den Zauber noch die Stille eines allumfassend weißen Schneetages, die kennen auch das Frieren nicht, die kalten Hände vom Schneeballrollen, die kalten Füße in durchnässten Schuhen an langen Rodelnachmittagen, die roten, brennenden Wangen nach einem eisigen Tag da draußen. Die haben keinen einzigen Schneeengel in ihrer erinnerten Zeit gemacht und keinen Schneemann je gebaut. Die haben nie am Morgen eine allererste Spur in eine weite Schneefläche gestapft und dann zurückgesehen. Als es zuletzt Gelegenheit dazu gab, da war er noch zu klein, um sich jetzt daran erinnern zu können. So lange ist das her. Diese Kinder haben also auch einen anderen und aus unserer Sicht etwas seltsamen Bezug zu dem ganzen Dekokrempel, den wir gerade wieder in die Keller geräumt haben. Das ganze Weihnachtszeug mit den Winteraccessoires, mit dem gemalten oder modellierten Schnee daran und darauf, mit dem also, was für uns einmal Winter war. Alles Märchenland. Als das Wünschen noch geholfen hat! Das war einmal und ist nicht mehr.

Es kann sein, dass es dennoch den einen oder anderen Schneetag in Hamburg gegeben hat, ich weiß es gar nicht genau. Vermutlich aber waren es bestenfalls halbe und da hat der Sohn gerade in der Schule festgesessen oder anderweitig Pech gehabt. Es gab jedenfalls nicht genug Schnee, dass er sich daran freudig erinnern könnte. Es gab keinen Schnee, für den er ausreichend kindliche Verwendung hatte.

Ich sage dem Sohn, dass im Wetterbericht Schnee steht. Er reagiert nicht auf diese Nachricht, er glaubt einfach nicht daran. Schnee ist etwas, das nicht stattfindet. Der Winter ist ein tieferes Grau, und mehr ist er nicht. Der Winter ist vor allem furchtbar langweilig. Wie gut, dass es da Home-Office und Home-School gibt, da hat man immer etwas zu tun. Toll!

Na, wie auch immer. Nun zurück zur Bruchrechnung, zu englischen Uhrzeiten und zur Umwandlung von Märchen in Theaterdialoge. Was man so macht, an den langen Winterabenden, die wir Älteren früher sinnlos am Kamin verbracht haben, dümmlich ins Feuer starrend.

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5 Kommentare

  1. Winter 2012/2013 war von Ende November bis Anfang April zumindest Rostock fast durchgängig von Schnee bedeckt. Ich hab fast jeden Morgen Schnee geschoben. Und mir daraufhin am Zweitrad Spikes montiert. Spoiler: Wurden danach so gut wie nie gebraucht.

  2. Stimmt, früher war mehr Lametta.

    Ich bin Anfang der 50-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts mittags noch auf meinem Lederranzen neben dem Museum für Hamburgische Geschichte auf den schneebedeckten Wallanlagen Schlitten gefahren (gegenüber waren die Volksschulen für Mädchen und Knaben und eine Realschule nur für Knaben).
    Dann waren irgendwann die Schuhe (Stiefel hatten wir noch nicht) durchnässt und der Spaß vorbei.

    Meine Söhne haben später die sogenannten „Skiferien“ der Hamburger Schulen im März mitgemacht. Ab nach Bayern ins Schneeparadies und extra dafür Skiausrüstung angeschafft (passte schon im nächsten Jahr nicht mehr). Schon zu dieser Zeit gab es in Hamburg mehr Matsch als Schnee (Klima?).

    Nichtsdestotrotz gestern große Freude über erste „Regenflocken“, die sich sogar als zarter Belag halten.

  3. Als meine Kinder klein waren, hatten ihr Vater und ich so ziemlich dieselben Gedanken; wir wollten ihnen das Erlebnis verschaffen. Als nicht Ski-Interessierte Menschen mit Schneekanonen- und Kunstschnee-Abneigung wurden wir im Harz fündig, am Fuß des Brocken. Das waren mehrere Jahre hintereinander – 2005-2008? – Urlaube dort mit Schnee bis zum Abwinken. Ich bin froh, dass wir das gemacht haben. Die Kinder kennen Schlittenfahrten, Schneeengel, Schneeanzüge, Schneeballschlachten, Tauwasserpfützen neben Kachelöfen und das Prickeln im Gesicht, wenn es wieder ins Warme kommt. Sie sind jetzt ziemlich erwachsen und würden das echt gerne nochmal erleben. Vielleicht nach Corona …

  4. In meiner Kindheit 50er Jahre in Westfalen sind wir auch im Winter in der Stadt Schlitten gefahren, gern die Bahndammhügel herunter. Abends kamen wir so kalt und durchnässt nach Hause, dass die Füße schmerzten. Von meinem Vater kam die Frage: Wer traut sich barfuß bis zur Straßenecke zu laufen (knapp 50 m). ALLE! und danach waren die Füße herrlich warm.

    Als meine Tochter klein war, reichte in Niederbayern der Schnee bis zur Fensterbank in der Küche, und in einem Jahr mussten wir Schneeketten aufziehen, wenn wir zur Klavierlehrerin in den Bayerischen Wald fuhren.

    Als wir in den USA lebten (New York State), habe ich in einem Winter für den Hund von der Haustür in den Garten einen Tunnel gegraben, damit er irgendwo sein Geschäft machen konnte.

    Jetzt lebe ich in einer Gegend, wo es im Winter regnet und grau ist. Was ich am meisten vermisse, ist die absolute Stille, wenn das Land mit Schnee bedeckt ist. Letzte Woche lag 1 cm Schnee am Schlossplatz, und der Hund war so glücklich und durchgedreht, dass ich ihn fast nicht ins Haus zurückbringen konnte.

  5. Schlimme Zeiten. Da werden Kampagnen gefahren, weil Kinder heutzutage nicht mehr Schwimmen lernen – doch was ist mit Stapfen? Ziehen Sie vielleicht die erste Generation heran, die nie gestapft hat? Ich muss Sie sehr bitten, für die Zeit nach Corona einen Winterfamilienurlaub in Gebieten mit sicherem Schneeaufkommen einzuplanen.

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